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Jazz in der jW-Maigalerie

Kuddelmuddelig schön

Die Band Ernte spielte in der Berliner Maigalerie bei »jW geht Jazz«

Foto: Christian-Ditsch.de
Ernte spielt mit Geschichte und Gedanken

Leise scheppert das Schlagzeug. Eines der beiden Saxophone spielt die aufsteigende Melodie. »Le Chant des partisans« (»Das Lied der Partisanen«) wird von der Band Ernte beim Konzert in der Berliner Maigalerie intoniert. Wer sich geschichtlich auskennt, sieht Paris zur Zeit des Widerstands gegen die deutschen Besatzer vor dem geistigen Auge. Denn der Song war ein Erkennungszeichen innerhalb der Résistance. Ernte versteht sich als Jazzformation mit politischem Gehirn, weshalb sie in der von Hannes Zerbe kuratierten Konzertreihe »jW geht Jazz« genau richtig ist.

Die Rhythmen werden schneller und härter. Die Percussion mit Christian Marien gibt die Richtung an: Der nervöse Sound geht ins Blut. Marien schließt die Augen, gibt sich dem Trommeln hin – bis die Klangkaskaden langsamer werden. Zum Schluss ertönt sachte ein feines Scheppern, an den Anfang des Stücks erinnernd.

Seit 2016 gibt es Ernte. Ihre ­Bosse sind Uli Kempendorff und Benjamin Weidekamp, die beide Saxophon, Klarinette und einiges mehr spielen. Manchmal tritt die Gruppe als Quintett mit einer Vibraphonistin auf. Oder sie spielt – wie jetzt in der Maigalerie – als Quartett. Dann ist die Frau am Kontrabass, Anne Mette Iversen, der einzige weibliche Teil der Band. Aber mit den tiefen Brummtönen ihres Instruments weiß sie ihre Gefährten zu zähmen.

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Ein weiteres Stück hat ein ganz anderes Temperament als der Partisanensong. Gemächlich, aber spannungsgeladen, quasi lauernd ist seine Stimmung. Und doch ist auch hier der Gehalt geschichtsträchtig. Die »Moorsoldaten«, einst im KZ Börgermoor als Widerstandslied entstanden, steigern sich mit Marschrhythmen, die alsbald eine zarte Melodie grundieren. Zwei Klarinetten wirbeln klanglich umeinander, als wollten sie diskutieren. Der Rückhalt kommt vom Bass. Das Solo einer Klarinette wirkt hier mal süß verlockend, dann wieder wie ein Aufruf. Bis die zweite Klarinette den Ton übernimmt und in dunkle, mystische Gefilde entführt.

Ein Nostalgiesong im Repertoire reizt dann zum Mitsingen oder wenigstens Mitsummen: »Unsere Heimat«. Wie ein Getriller schält sich das Leitmotiv aus einem Klangberg von Möglichkeiten. Wenn dann als Zugabe noch ein Kanon kommt, wie hier, ist die Stimmung einfach nur kuddelmuddelig schön.

Jazz kann viel. Bei Ernte spielt er mit Geschichte und Gedanken. ­Darum lohnt sich übrigens auch die bislang einzige DVD, die Ernte aufgenommen hat.

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Erschienen in der Ausgabe vom 06.11.2026, Seite 11, Feuilleton

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