Musik ohne Mähdrescher
Kampflieder inklusive: Die Band Ernte spielt am Dienstag abend in der Berliner Maigalerie bei »jW geht Jazz«
Wir ernten, was wir säen – und was wir sehen!« Die Leitmaxime der Jazzformation Ernte scheint unmusikalisch. Aber Benjamin Weidekamp und Uli Kempendorff, das Herz der Band, haben ein Konzept. Demnach wird nicht einfach irgendwie drauflosmusiziert. Sondern Musik soll eine Haltung übermitteln: eine gesellschaftskritische Position, die sich nicht zuletzt in melodischen Zitaten aus Kampf- und Arbeiterliedern spiegelt. Von »Dem Morgenrot entgegen« bis zum französischen Partisanenlied, das in der Résistance gesungen wurde. Das Ergebnis klingt bei Ernte allerdings wie Free Jazz – und hat im Gefüge der Tonhöhen so viele Haken und Ösen, dass Widerstand und Rebellion hörbar neue Nuancen erhalten. Am Dienstag abend spielt Ernte in vierköpfiger Besetzung im Rahmen der vom Hannes Zerbe kuratierten Reihe »jW geht Jazz« in der Maigalerie der jungen Welt in Berlin.
Dabei gibt es zwei Grundstimmungen. Die eine ist typisch für den Free Jazz: nervös, exzessiv, aktiv, treibend. Stücke dieser Spielart machen wach, bringen einen dazu, den Rhythmus aufzugreifen, mitzugehen. Da wippen die Fußspitzen, es bewegen sich die Schultern und Oberkörper der Zuhörenden. Die zweite Linie von Ernte ist beruhigend, langsam, lässig, smart – sie holt einen runter auf den mit Wohlfühlnoten gepolsterten Boden.
Welche Richtung man mehr genießt, ist eine Frage des Naturells. Die musikalischen Kräfte von Ernte, die ohne Mähdrescher, dafür liebevoll von Hand die Akkorde als Früchte einholen, sind auf allen Feldern des Jazz professionell. Und es gilt, was Leo Trotzki einst notierte: »Kunst ist kein Spiegel, der der Gesellschaft standhält, sondern ein Hammer, mit dem sie geformt werden kann.«
Hämmernde, auch lauernde Rhythmen spielt Christian Marien am Schlagzeug. Er kennt die Maigalerie schon, hat jene Raumerfahrung, die den Musikern helfen kann, optimal in der jeweiligen Akustik zu agieren. Dazu hat sich Marien schon mit dem Rest der Ernte verständigt. Zu einem der Gründer der Band hat er eine besondere Beziehung: Christian Marien und Benjamin Weidekamp kennen sich seit ihren Schultagen im westfälischen Münster. Marien studierte dann zunächst in Amsterdam Schlagzeug, später in Berlin.
In Berlin traf er Weidekamp wieder, der an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« Saxophon, Klarinette und Komposition studierte. Hier kam auch Uli Kempendorff dazu, der in Berlin, Hauptstadt der DDR, geboren wurde. Kempendorff studierte Saxophon, Klarinette und Querflöte und ging 2006 für ein Jahr als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdiensts nach New York. Zurückgekehrt gründete er die IG Jazz Berlin, eine Interessenvertretung für Musiker. Er spielte in verschiedenen Formationen und unterrichtete, etwa an der Musikschule des Landkreises Barnim.
Auch Benjamin Weidekamp lehrt: Er leitet das Jugendjazzorchester in Basel in der Schweiz. Dort probt er ein speziell für dieses Orchester entstandenes, auch mit Improvisation arbeitendes Stück. Weidekamp klärt seine Schützlinge auch politisch auf. Und schickt sie »mit Kritik an Konzernoligarchie« im Kopf zum Yoga. Ihm ist wichtig, dass das Musizieren zwar einerseits Spaß macht, andererseits aber auch eine gesellschaftliche Rückbindung erhält.
Das hat mit prägenden Erlebnissen in seiner Jugend zu tun. Als Kind wurde Weidekamp nämlich von einem unfähigen Lehrer als musikalisch unbegabt eingestuft: Weil er, statt mit der Blockflöte ein Kinderlied zu spielen, sich von den Vögeln im Garten zu einem eigenen Stück inspirieren ließ. Der erste Saxophonunterricht machte das wieder wett. Sein Lehrer war selbst noch Schüler – und nahm dem Anfänger jede Angst. Schon in der ersten Stunde wurde nach dem Erlernen einer bestimmten Tonleiter gemeinsam improvisiert. Weidekamp fühlte sich akzeptiert. Diese positive Energie will er weitergeben, beim Unterrichten wie in Konzerten.
Die weibliche Energie kommt am Dienstag abend von Anne Mette Iversen. Die Dänin begann in Arhus mit klassischem Klavier, wechselte aber bald zum Kontrabass. Vier Jahre lang arbeitete die Musikerin über die Jahrtausendwende in New York, wo sie eigene Ensembles leitete. Seit 2012 lebt sie in Berlin, führt aber als Professorin seit 2021 die Jazzabteilung am Institut für Musik der Hochschule Osnabrück. Die hochkarätige Internationalität von Ernte wird auch im Konzert zu hören sein.
Die Band Ernte spielt am Dienstag, 3. November 2026, um 19.30 Uhr (Einlass ab 19 Uhr) in der Maigalerie der jungen Welt, Torstraße 6, 10119 Berlin. Eintritt: 10 Euro (erm. 5 Euro), Anmeldung erbeten: telefonisch unter 030 – 53 63 55 54 oder via E-Mail an maigalerie@jungewelt.de
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