Rotlicht: Jugendbewegung
Jede Epoche hat ihre Romantik. Die Romantik des deutschen Imperialismus war die Lebensphilosophie Nietzsches und Diltheys, die Lebensreformbewegung und die kunstreligiösen Bünde und Kommunen wie die »Neue Gemeinschaft« um die Gebrüder Hart. Die romantische Jugendabteilung hieß Wandervogel, korrekt: »Wandervogel – Ausschuss für Schülerfahrten e. V.«, gegründet vor 125 Jahren am 4. November 1901 in Steglitz, damals eine der rasch wachsenden Gemeinden am Rande Berlins.
Mit dem Wandervogel gab sich die Jugendbewegung einen organisatorischen Rahmen. Seit 1896 war das Wandern durch einige Magdeburger Gymnasiasten in Mode gekommen. Man unternahm Tages- und Wochenendmärsche in die Umgebung. Bald folgten längere Fahrten in den Harz oder den Böhmerwald. Die Jugendlichen wollten der Industrie und den Städten entfliehen, jenen Verkörperungen des »stahlharten Gehäuses« (Max Weber) der modernen, kapitalistischen Gesellschaft. Sie wollten der Natur nahe sein, sich bewegen, gemeinsam singen, Abenteuer, Gemeinschaft und Kameradschaft erleben. Das Wandern wurde zum Freiheitserlebnis, Ausdruck der Flucht vor der strengen Ordnung der wilhelminischen Elternhäuser und der schulischen Drillanstalten.
Rasch gründeten sich Ortsgruppen in anderen Städten. Die Wandervogelbewegung wuchs bis zum Ersten Weltkrieg zu einer Massenbewegung, die sich eigene Kommunikationsmedien schuf. Auch die bis heute existierenden Jugendherbergen entstanden zu dieser Zeit.
Früh kam es zu Spaltungen und Parallelgründungen. Zudem gab es beträchtliche regionale Unterschiede. Im katholischen Südwesten war der deutlich protestantisch geprägte Wandervogel weniger präsent. Die Jugendbewegung formierte sich zudem vor allem in Universitätsstädten. Das verweist auf ihren durchweg bürgerlichen Charakter. Mit den parallel entstehenden frühen Gruppen der Arbeiterjugend, die sich 1907 zur Sozialistischen Jugendinternationale zusammenschlossen, gab es keine Berührung.
Die Spaltungen gingen zum einen auf personelle Konflikte innerhalb des hierarchisch organisierten Wandervogels zurück, zum anderen auf unterschiedliche politische Auffassungen. Früh wurde über das Ausmaß der Beteiligung von Mädchen gestritten. Auch die Mitgliedschaft von Juden wurde diskutiert, was den Einfluss des sich immer deutlicher antisemitisch gerierenden Nationalismus des späten Kaiserreichs verdeutlicht. Einzelne Gruppen schlossen die Mitgliedschaft jüdischer Wandervögel unter Verweis auf den »germanischen« Charakter der Jugendbewegung sogar explizit aus. Besonders kontrovers war das Thema Homosexualität. Während einige wenige Vertreter der Jugendbewegung den homoerotischen Charakter jugendlicher Männerbünde verteidigten, distanzierte sich die übergroße Mehrheit scharf von solchen Äußerungen.
Wie heterogen die Jugendbewegung war, zeigt sich am Beispiel des – in der zahlreich erschienenen Erinnerungsliteratur meist verklärten – Treffens der »Freideutschen Jugend« auf dem Hohen Meißner bei Kassel im Oktober 1913. Hier kamen die verschiedensten, oft studentisch geprägten, Gruppen zusammen: von völkisch ausgerichteten Zusammenschlüssen über zuvörderst am gemeinsamen Singen und Tanzen interessierte Scharen bis hin zu Abstinenzlern und Lebensreformern.
Das Treffen, an dem mehr als 2.000 Jugendliche und junge Erwachsene teilnahmen, verstand sich als Alternative zum offiziösen hurrapatriotischen Jubiläumsfest der Völkerschlacht bei Leipzig. Eine Kritik am Militarismus des Kaiserreichs aber sucht man dort vergebens. Im August 1914 zog die Jugendbewegung mit klingendem Spiel in den Krieg. Während einige wenige Teilnehmer des Treffens auf dem Hohen Meißner wie Walter Benjamin oder Alfred Kurella zu Kriegsgegnern wurden und zur Linken fanden, radikalisierte sich das Gros der Jugendbewegung nach 1918. In der Weimarer Republik entstanden zahlreiche bündische Gruppen, die in ihrer großen Mehrheit nationalistisch ausgerichtet waren und sich ab 1930 mehr und mehr den Nazis zuwandten, die schließlich alle Gruppen in der Hitlerjugend gleichschalteten.
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