Vor allem »Rüssling«
Vom Liebfrauenstift bis zum Roten Hang. Eine Reise durch Rheinhessen
Die Landschaft ist spröd. Linker Hand fließt der Rhein, rechts liegen Felder und Siedlungen. Dann Industrie. Rheinromantik? Von wegen. Vor den Toren der alten Kaiserstadt Worms ballt sich die Chemieindustrie. US-Konzerne wie Procter & Gamble stellen hier Parfüme und Aromen her, die Röhm GmbH, Anfang der 1930er Erfinderin des Plexiglases und heute in der Hand eines der größten US-amerikanischen Private-Equity-Fonds, produziert Acrylglas.
Dann beginnt, etwas unvermittelt, die Stadt, in der Luther einst die Unterwerfung unter die katholische Kirche verweigerte. Das im Werden begriffene Kaiserreich dankte es ihm 1868 mit einem riesigen, den Reformator als militanten Held des deutschen Geistes stilisierenden Denkmal, das in der schönen innerstädtischen Parklandschaft heute jede Proportion sprengt. Plötzlich öffnet sich der Blick. Inmitten von Weinbergen steht eine Kirche, das ehemalige Kloster zur Lieben Frau, das in der Geschichte des deutschen Weins keine ganz unerhebliche Rolle gespielt hat: zum Guten wie zum Schlechten.
»Blue Nun«
Der ab dem 13. Jahrhundert erbaute Liebfrauenstift war einst ein Wallfahrtsort. Der Wein, den die Kapuzinermönche dort unter dem Namen »Milch unserer lieben Frau« ausschenkten, wurde im 19. Jahrhundert weltbekannt und zum Synonym für erstklassigen »Rhine wine«. Angesichts dieses Erfolgs vertrieben bald alle möglichen Winzer ihre Weine unter der markenrechtlich nicht geschützten Bezeichnung Liebfrauenmilch, in Großbritannien und den USA auch unter dem Namen »Blue Nun«. So wurde die Liebfrauenmilch in den 1970er Jahren zum Inbegriff der »Diktatur von Traubi-Cola«, wie die Zeitschrift Gourmet einst treffend titelte. Sex-Pistols-Sänger John Lydon trank die süße Plörre vor Konzerten als »Kräftigungsschluck«. Rod Stewart machte die »Blue Nun« zum Kultgetränk. Die Liebfrauenmilch steht bis heute in so gut wie jedem Supermarktregal – »ein Muss für Liebhaber feiner Süße« (Lidl), gerne auch im Drei-Liter-Tetrapack.
Um dem Trend entgegenzuwirken, verkaufte das Weinhandelshaus Valckenberg, das 1808 das Kapuzinerkloster und die umliegenden Rebflächen erworben hatte, ihre Liebfrauenmilch schon seit 1908 unter dem Namen Liebfrauenstift-Kirchenstück. Noch heute produzieren einige Weingüter, die die 17 Hektar rund um die Kirche bewirtschaften, hier Weine der Spitzenklasse, etwa das Weingut Gutzler einen als Großes Gewächs ausgewiesenen Riesling. Probieren konnten wir ihn leider nicht. Ob er wohl nach Rauch geschmeckt hätte? Der Weinberg war Ende des 17. Jahrhunderts neu errichtet worden, auf dem Schutt der Gebäude, die im Zuge des Pfälzischen Erbfolgekriegs von den Franzosen niedergebrannt worden waren. Damals war fast ganz Worms den Flammen zum Opfer gefallen. Die »echte« Liebfrauenmilch hat daher angeblich bis heute ein feines Raucharoma.
Statt der Wormser Liebfrauenmilch lassen wir uns im benachbarten Osthofen im Weingut Holzmühle die in der hauseigenen Gutswirtschaft ausgeschenkten Weine schmecken. Und die zeigen gleich, was der Wein in Rheinhessen kann.
Das größte deutsche Weinbaugebiet umfasst, in einem Dreieck von Bingen und Mainz im Norden bis nach Worms im Süden, mehr als 27.000 Hektar Anbaufläche. Seit den Römern wird hier Wein gekeltert, vor allem Riesling. Die deutsche Rebsorte schlechthin fand im Jahre 1402 in Worms erstmals Erwähnung, damals noch als »Rüssling«. Darüber hinaus wird Müller-Thurgau, Grauburgunder und Silvaner angebaut, von letzterem mit einer Rebfläche von über 1.700 Hektar sogar mehr als im Silvaner-Land Franken. Weltruf genießt der Rote Hang südlich von Mainz zwischen Nackenheim und Nierstein mit seinen Einzellagen wie der »Glöck« oder dem »Hipping«. Neben den großen, im Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) zusammengeschlossenen Erzeugern mit ihren zumeist hochpreisigen Weinen gibt es in Rheinhessen aber auch viele »kleine« Winzer, die es durchaus mit den »Großen« aufnehmen können.
Zum Beispiel das Weingut Holzmühle, einer der vielen klassischen Familienbetriebe. Der südwestlich von Osthofen auf einem kalkhaltigen leichten Lehmoden wachsende 2024er »Goldberg-Riesling« kann sich mit seiner feinen, leicht salzbetonten Mineralik ebenso sehen lassen wie der feinherbe 2024er »Westhofener Riesling« aus dem Weinberg Aulerde. Sie machen auch ohne die dazu gereichten Speisen eine gute Figur.
KZ-Osthofen
Unweit der historischen Holzmühle befindet sich das ehemalige KZ Osthofen. Bereits Anfang März 1933 als eines der sogenannten frühen Konzentrationslager in einer leerstehenden Papierfabrik errichtet, diente es dem damaligen Volksstaat Hessen als zentrales Lager, um politische Gegner aus den Reihen der Arbeiterbewegung sowie Juden, Zeugen Jehovas und Sinti zu internieren. In den 17 Monaten seines Bestehens wurden dort insgesamt rund 3.000 Menschen gefangen gehalten.
Einer von ihnen war Carlo Mierendorff, prominenter Abgeordneter der SPD, der sich aktiv gegen die Nazis engagierte und Joseph Goebbels, den er im Reichstag immer wieder angegriffen hatte, besonders verhasst war. Mierendorff wurde nach seiner Entlassung 1938 Mitglied des »Kreisauer Kreises« und starb im Dezember 1943 in Leipzig tragisch nach einem alliierten Luftangriff. An ihn erinnert im seit der Befreiung vom Faschismus bis heute fast durchgängig sozialdemokratisch regierten Osthofen auch eine Straße. Sie beginnt, man reibt sich verwundert die Augen, am dortigen Ernst-Thälmann-Platz – seltenes Überbleibsel einer auch im Westen einmal existenten Erinnerungskultur, die nach dem antikommunistischen Furor in Folge der »Wende« komplett abgeräumt wurde.
Bekannt wurde das KZ Osthofen durch Anna Seghers’ noch im Exil 1942 in Mexiko veröffentlichten Roman »Das siebte Kreuz«. Für die Schilderung der Flucht von sieben Gefangenen aus dem fiktiven »KZ Westhofen« hatte sich die aus Mainz stammende und mit der Gegend bestens vertraute Seghers Osthofen zum Vorbild genommen. Der Roman basiert unter anderem auf den Erzählungen des Sozialdemokraten Max Tschornicki, der ihr im Pariser Exil von seiner Flucht aus Osthofen berichtet hatte.
Die Nazis hatten in Rheinhessen, vor allem in den protestantischen Gemeinden Oppenheim, Nierstein und Alzey, wo sich die angesichts der gesunkenen Preise und der Konkurrenz aus dem Ausland verarmten Weinbauern von der NSDAP Unterstützung für den »deutschen Bauern« versprachen, schon früh eine große Anhängerschaft. Kurz nach der Räumung des seit 1918 in Folge des Weltkrieges von den Franzosen besetzten Rheinlands wählten in Nierstein im September 1930 42 Prozent der Wähler die NSDAP, im Juli 1932 waren es 59,8 Prozent. Dass es 1934 erstmals seit dem Jahrhundertjahrgang von 1921 wieder einen außergewöhnlich heißen Sommer gab, sahen viele Winzer als ein gutes Vorzeichen des »Dritten Reiches« an. Und tatsächlich setzten sich die Nazis durchaus für die Weinbauern ein: 1934 erklärten sie Wein zum »Volksgetränk« und sorgten mittels Wein-Städtepartnerschaften, der Erfindung der Weinstraßen und großen Weinfesten wie dem noch heute populären Alzeyer Winzerfest für die »allgemeine Mobilmachung der Weintrinker«, wie die Deutsche Weinzeitung 1934 schrieb. Tatsächlich schafften es die Nazis mit ihrer Weinpropaganda – »Trinkt deutschen Wein!« – den Konsum bis zum Beginn des Krieges fast zu verdoppeln.
Nach der Machtübergabe an Hitler brach sich der Antisemitismus, den schon Carl Zuckmayer Mitte der 1920er Jahre in seiner Erfolgskomödie »Der fröhliche Weinberg« thematisiert hatte, auch in Rheinhessen Bahn. Das Land war zwar – nicht zuletzt durch die Gleichstellung, die unter der französischen Herrschaft ab 1792 erfolgt war, als das Gebiet zum französischen Departement Donnersberg gehörte –, eine der Gegenden, in denen die teilweise seit dem frühen Mittelalter existierenden jüdischen Gemeinden und deren assimilierte Nachkommen relativ unbehelligt leben konnten. Der Antisemitismus war aber trotzdem stets virulent geblieben. Nun standen vor allem jüdische Pferdehändler und Weinhändler im Fokus der Nazis, von denen auch einige ins KZ Ostenhofen verschleppt wurden. Von den Spuren des einstigen »Jerusalems am Rhein« ist wenig übrig geblieben. Die Synagogen wurden niedergerissen, die Menschen vertrieben oder vernichtet. Wer aufmerksam durch die Straßen und Gassen läuft, sieht allerorten »Stolpersteine«. Von der Zerstörungswut der Nazis verschont, blieben die tausend Jahre alten jüdischen Friedhöfe in Mainz und Worms, letzterer der älteste Europas.
Fährt man von Osthofen rheinabwärts nach Norden, taucht irgendwann am Horizont die im 19. Jahrhundert wieder aufgebaute Katharinenkirche auf, das Wahrzeichen Oppenheims. Die gotische Kirche aus dem 13. Jahrhundert, die einst dem Mainzer Erzbischof unterstand, bis sie im Zuge der Reformation evangelisch wurde, war 1689 mitsamt der Stadt den Flammen zum Opfer gefallen, auch hier hatten die Truppen Ludwigs XIV. wie in anderen linksrheinischen Orten bei ihrem Rückzug ein Werk der größtmöglichen Zerstörung hinterlassen. Während andernorts zügig mit dem Wiederaufbau begonnen wurde, blieb die Katharinenkirche zunächst eine Ruine. Auch der Wiederaufbau der Stadt, deren Geschichte von Beginn an mit dem Weinbau verbunden war – der Lorscher Codex erwähnt die Schenkung eines Weinbergs bereits im Jahr 765 – zog sich hin. Viele Weinberge waren zerstört, der Handel lief erst langsam wieder an.
Nicht zerstört aber waren die Kelleranlagen der Stadt, die als freie Reichsstadt im 13. Jahrhundert zu einem wichtigen Handelsplatz am Rhein mit Stapelrecht aufstieg. Da es dafür Lagerflächen brauchte, die es aber innerhalb der Stadtmauern nicht gab, grub man eben nach unten. Der leicht abbaubare und zugleich feste Lössboden machte es möglich. Die Oppenheimer Keller umfassen heute eine Strecke von 40 Kilometern und reichen bis zu fünf Ebenen tief.
Jenseits dieses Labyrinths liegt am Ortseingang ein VDP-Weingut, das bereits seit 1895 existiert, die Staatliche Weinbaudomäne Oppenheim. Gegründet vom Hessischen Großherzog Ernst Ludwig, dessen Ururgroßvater Ludewig die von da an Rheinhessen genannte Provinz 1816 nach den Verhandlungen des Wiener Kongresses zugeschlagen bekommen hatte, ist die Domäne heute im Besitz des Landes Rheinland-Pfalz und Teil des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum, an dem, direkt gegenüber vom Weingut, künftige Winzer ausgebildet werden.
Sie bewirtschaftet am Roten Hang zwischen Nierstein und Nackenheim einige der Spitzenlagen, darunter den steilen »Rothenberg« und die »Glöck«, den urkundlich ältesten deutschen Weinberg. Der südlich bis südöstlich ausgerichtete Hang in unmittelbarer Nähe zum Rhein bietet ideale Bedingungen. Die Rieslinge, die hier auf dem sogenannten Rotliegend – wärmespeicherndem eisenhaltigen Sand- und Tonstein, der vor 280 Millionen Jahren durch die Kontinentaldrift an die Oberfläche geschoben wurde – in Steillage wachsen, zeichnen sich durch eine feine Mineralik aus.
Das merkt man nicht nur den Großen Gewächsen an, die preislich jenseits der 20 Euro liegen, sondern auch dem kostengünstigeren, feinherben »Riesling R« aus dem Jahr 2025. Der Wein stammt aus der Lage »Rothenberg«, aber von ganz jungen, erst vor drei Jahren gepflanzten Reben. Ebenfalls zu empfehlen ist der frisch abgefüllte Sauvignon blanc, der überraschend grasig und mit feinen Stachelbeeraromen daherkommt.
Palermo-Hermann ...
Wir verlassen Oppenheim und fahren ins nahegelegene Nierstein, wo sich bewahrheitet, was uns eine Winzerin, die nicht genannt werden will, schon unterwegs erzählt hat: Während die Winzer in der Pfalz überall die Tore zu ihren Höfen offen hielten, seien sie in Rheinhessen häufig geschlossen. Das habe historische Gründe. Es seien im Laufe der Zeit einfach schon zu viele durch das Land hindurchgezogen. Tatsächlich hat der heute als Rheinhessen bezeichnete Landstrich eine äußerst wechselvolle Geschichte – aber im Vergleich zu manch anderer Region auch eine durchaus fortschrittliche. 1813 wurde in Mainz die Republik ausgerufen. Bis zur Niederlage Napoleons gehörte das linksrheinische Gebiet zu Frankreich und war damit dem ständischen Feudal-Deutschland entrissen. Seine neuen rheinhessischen Untertanen betrachtete Großherzog Ludewig denn auch mit Argwohn. Zurecht, denn diese hatten die bürgerlichen Freiheiten, die Frankreich eingeführt hatte, schätzen gelernt und taten sich fortan in der demokratischen Bewegung und in der 1848er Revolution in besonderer Weise hervor. Es dauerte kaum hundert Jahre, da waren die Franzosen schon wieder da: Nach dem Weltkrieg besetzten die Alliierten die linksrheinischen Gebiete, Rheinhessen fiel unter französische Kontrolle. Kurzfristig kam es auch zur Ausrufung einer separatistischen rheinischen Republik, aber das blieb nur eine Episode. Carl Zuckmayer hat das Rheinland in seinem im Exil entstandenen Drama »Des Teufels General« im positiven Sinne als »Völkermühle« Europas bezeichnet, als großen Kelter, der das beste aus den Menschen herausgepresst habe. Andere haben aus der wechselvollen Geschichte Rheinhessens offenbar eher negative Schlüsse gezogen.
Ob aber deshalb an diesem späten Nachmittag in Nierstein die meisten Tore verschlossen sind, ist höchst fraglich. Aber wer suchet, der findet, und so landen wir schließlich beim Gutsausschank des Weingutes Staiger, wo wir nicht nur einen zu empfehlenden feinherben Rinot kennenlernen – eine pilzwiderstandsfähige (PIWI) Rebe, die dem Silvaner nahe kommt –, sondern auch ein Faktotum, den Seniorchef Hermann Staiger. 2004 fuhr der als »Palermo-Hermann« bekannt gewordene Winzer mit dem Traktor bis nach Sizilien. Großformatige Bilder seiner Reise hängen im Gutsausschank. Manche mögen das als verkaufsfördernd ansehen, andere nicht. »Palermo-Hermann« ist in jedem Fall noch heute einer der berühmtesten Niersteiner.
Vom Weingut Staiger ist es nicht weit bis zum Roten Hang, der mit seinen gut hundert Metern in der Landschaft aufragt. Spaziert man ein wenig in Richtung Norden, eröffnet sich ein weiter Panoramablick. Unten fließt der Rhein im leichten Abenddunst. Jenseits, auf hessischer Seite, ragt der Odenwald auf. Der Blick reicht bis Darmstadt, im Nordosten bis Frankfurt am Main, dessen Skyline sich deutlich abzeichnet.
... und Thomas Anders
Am nächsten Morgen betreten wir den Hof des Weingutes St. Antony. Es ist noch früh an diesem Feiertag. Zum Glück empfängt uns Otto, ein sympathischer finnischer Geschichtsstudent aus Mainz, der sich hier etwas dazuverdient. St. Antony hat eine besondere Geschichte, die eng mit dem Ruhrgebiet und der Gutehoffnungshütte aus Oberhausen, dem späteren MAN-Konzern verknüpft ist. Während des Ersten Weltkriegs kaufte die Gutehoffnungshütte in Nierstein eine Kalkgrube. Da zu den Erwerbungen auch Weinberge gehörten und der Vorstandsvorsitzende Paul Reusch ein Weinliebhaber war, wurden die Weinberge auch bewirtschaftet. Nach und nach entwickelte sich das Weingut, das schließlich 1985 den Namen St. Antony, nach der als Wiege der Ruhrindustrie geltenden, 1758 eröffneten St.-Antony-Hütte in Oberhausen, annahm, zu einem Spitzenvertreter seiner Zunft. Im Jahr 2005 an den Investor Detlev Meyer verkauft, zu dessen Portfolio auch Hawesko, Jacques‘ Weindepot und Wir Winzer gehört, ist St. Antony heute der Inbegriff eines modernen Weinbetriebs: professionelles Marketing, Werbepartnerschaft mit dem Erstligisten 1. FSV Mainz 05, eigenes Pop-up-Restaurant und ganz viel Schnickschnack wie etwa ein »St. Antony-Brot« oder ein Thomas Anders-Grauburgunder in Kooperation mit dem Ex-Modern Talking-Sänger. Auch ein Banksy-Rosé war schon mal im Angebot.
Unabhängig von solchen eher unangenehmen Marketingallüren können sich die Weine aber sehen lassen. Und nicht nur die Ersten und Großen Lagen, die uns Otto kredenzt. Zu empfehlen ist der frisch abgefüllte Rotschiefer-Riesling, ebenso der Gelbe Orleans, eine im 19. Jahrhundert vom Riesling verdrängte Rebsorte, die sich in den letzten Jahren wieder größerer Beliebtheit erfreut. Zwischen Silvaner, Riesling und Sauvignon blanc angesiedelt, zeigt sich der trocken ausgebaute Wein leicht cremig mit dezenten Kräuteraromen.
Zugegeben, manche VDP-Weingüter sind schon von ihrer Upper-Class-Ausstrahlung her nicht eben dazu angetan, sich dort wohlzufühlen. Wir beenden unsere Tour daher in der Nachbargemeinde Nackenheim, dem Geburtsort Carl Zuckmayers, dessen »Fröhlicher Weinberg« hier jedes Jahr zur Aufführung kommt, nachdem der Autor zuvor noch bis in die Nachkriegszeit als »Nestbeschmutzer« verschrien war. Beim kleinen Familienweingut Sans-Lorch treffen wir auf die Jungwinzerin Jasmin. Sans-Lorch, der Name verrät den französischen Einfluss, ist – wie das Weingut Burghof Oswald in Guntersblum zwischen Alsheim und Oppenheim – einer jener rheinhessischen Betriebe, in denen junge Winzerinnen sich anschicken, das Erbe anzutreten. Wir sprechen über die Themen, die die Weinbauern umtreiben: den Klimawandel, Piwi-Sorten, die Schnelllebigkeit der Trends und das veränderte Konsumverhalten vor allem der jüngeren Generation. Die Weine, die wir dabei probieren, sind durchweg gut, gemessen am Preis-Leistungsverhältnis sogar sehr gut, etwa der feinherbe Riesling Alte Reben von 2024.
Wir verlassen Nackenheim. Träge fließt der große Fluss in Richtung Norden. Die Punkband Razzia gab einst auf die Frage »Warum schmeckt der Wein am Rhein so gut?« die Antwort: »Er schmeckt nach Blut«, damit auf die Kriege und Verheerungen anspielend, die das Land in seiner wechselvollen Geschichte erlebt hat. Am 22. März war Landtagswahl. Im neuen Landesparlament in Mainz sitzt die AfD mit 24 Abgeordneten, die CDU mit 39, eine komfortable Mehrheit für eine rechts-konservative Regierung. Vorerst noch regiert die CDU mit der, verglichen mit anderen Bundesländern noch recht starken SPD. Aber das kann sich ändern. Grundsätzliche Stimmen gegen Krieg und Militarisierung gibt es im Landtag gar keine. Die Grünen haben sich längst zur Militärpartei gewandelt. Dem Wein ist das egal. Die Äcker werden auch in hundert Jahren noch Trauben zur Reife bringen.
Ronald Weber leitet das Thema-Ressort der jungen Welt.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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