»Es geht um die Denkmöglichkeiten revolutionärer Praxis«
Eine Tagung in Leverkusen über »Vom Nutzen des Dialektischen Materialismus für kommunistische Politik«. Ein Gespräch mit Julian Lämmrich
Die Marx-Engels-Stiftung und die Gesellschaft für dialektische Philosophie veranstalten vom 13. bis 15. November in Leverkusen eine Tagung mit dem langen Titel »Vom Nutzen des Dialektischen Materialismus für kommunistische Politik«. Dabei fragt man sich vielleicht: Wozu Philosophie? Braucht man sie noch in Zeiten von KI, mit der man umfangreichstes Wissen abfragen kann?
Viel Wissen ist nicht gleichbedeutend mit qualitativem Wissen. Philosophie beschäftigt sich nicht allein mit der Anhäufung von Informationen, sondern mit der Frage, wie Dinge in ihren ständig verändernden Verhältnissen zueinander zu begreifen sind. Der dialektische Begriff ist daher eine sich mit den Verhältnissen verändernde Bewusstseinsform. Gerade deshalb stellt sich die Frage nach der Philosophie auch angesichts der Möglichkeiten künstlicher Intelligenz neu. Zu KI selbst kann ich bislang nicht viel beitragen. So viel aber: Denken im dialektischen Sinne lässt sich nicht einfach ersetzen. Es geht also nicht bloß darum, Wissen verfügbar zu machen, sondern darum, die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben, kritisch zu begreifen und ihre Widersprüche zu durchdringen. Dort setzt dialektische Philosophie an, aber keine KI.
Inwiefern kann eine kommunistische Partei von der Philosophie profitieren?
Dialektische Philosophie steht, genau wie eine Partei, nicht außerhalb der gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern mitten in ihnen. Sie ist zudem bereits als Philosophie politisch, insofern sie danach fragt, wie die bestehende Wirklichkeit zu begreifen und zu verändern ist. Der Nutzen der Philosophie für eine kommunistische Partei liegt genau in diesem Moment: Die Welt verändern zu wollen setzt voraus, sie in ihrer Widersprüchlichkeit und ihrer Bewegungsform zu verstehen. Dialektisches Denken ist die Fähigkeit, gesellschaftliche Entwicklungen nicht in starre Begriffe zu fixieren, sondern ihre inneren Widersprüche, Zusammenhänge und Veränderungsmöglichkeiten zu erkennen. Es geht also nicht darum, der politischen Praxis nachträglich eine philosophische Begründung hinzuzufügen, sondern darum, die Denkmöglichkeiten revolutionärer Praxis zur Orientierung hervorzubringen. Und umgekehrt liefert die Partei den Horizont, in dem gesellschaftliche Probleme auch philosophisch bewältigt werden müssen.
Eine kommunistische Partei, die den Anspruch hat, auf Grundlage der konkreten Verhältnisse Klassenkampf zu entwickeln, ist deshalb in der Position, den dialektischen Materialismus in sich aufzunehmen und instrumentell zu steuern. Profitieren kann die Partei vor allem dann, wenn sie sich die Frage stellt, ob und inwieweit sie der Zeit angemessen aufgestellt ist. Soll heißen, ob sie sich den Umständen entsprechend organisieren kann. Beispiele für jene Erkenntnis- und Reflexionsprozesse finden wir zuhauf und insbesondere bei Lenin und den Bolschewiki, aber auch im Ringen um eine revolutionäre Partei in der deutschen Geschichte.
Was soll diese philosophisch-politische Wochenendtagung bezwecken?
In erster Linie geht es darum, die Debatte über den Nutzen des Dialektischen Materialismus und der dialektischen Philosophie zu öffnen. Dabei soll insbesondere deutlich werden, dass die Frage nach der dialektischen Philosophie keine rein akademische Angelegenheit ist. Ihren Zweck erfüllt sie vorrangig in und über die Praxis. Sie muss sich daher als Philosophie in einen Prozess des Aufhebens und Verwirklichens setzen, um ihrer historischen Rolle tatsächlich nachzukommen.
Zugleich geht es darum, Dialektik nicht wie einen bloßen Begriffskatalog oder ein Schema zu behandeln. Sie muss sich aus den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen heraus begründen lassen und diese in ihrer konkreten Widersprüchlichkeit erfassen. Man könnte es auch mit Hans Heinz Holz formulieren und sagen, dass sie sich aus der materiellen Verfasstheit der Welt begründen muss. Damit tritt sie zugleich in ein explizit politisches Verhältnis: Die Frage nach der Dialektik ist untrennbar mit der Frage verbunden, wie wir die Wirklichkeit verstehen und verändern können.
Was erwartet die Besucher?
Die Besucher erwartet ein inhaltlich breites, zugleich aber auf die Grundlagen und Problemstellungen der dialektischen Philosophie fokussiertes Programm. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht allein die Vermittlung von Inhalten, sondern vor allem die Diskussion und der Austausch. Das Wochenende soll Raum bieten, grundlegende Fragen gemeinsam zu bearbeiten, unterschiedliche Positionen aufeinander zu beziehen und die Bedeutung dialektischen Denkens für die politische Praxis zu diskutieren.
Zur Person
Julian Lämmrich ist Mitglied der Gesellschaft für dialektische Philosophie und Teil des Leitungsgremiums der Marx-Engels-Stiftung
→»Vom Nutzen des Dialektischen Materialismus für kommunistische Politik«. Veranstaltet von der Marx-Engels-Stiftung und der Gesellschaft für dialektische Philosophie. 13.11.–15.11.2026, Karl-Liebknecht-Schule, Am Stadtpark 68, Leverkusen
→Anmeldung unter: www.marx-engels-stiftung.de/veranstaltungen
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