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Aus: Ausgabe vom 01.12.2025, Seite 16 / Sport
NOlympia

»Es geht immer auf Kosten der kleinen ­Leute«

Das Berliner »Nolympia«-Bündnis setzt auf ein Volksbegehren
Von David Fischer
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Einiges zu kritsieren: Klara Schedlich, Christophe Immer, Uwe Hiksch (v. l. n. r.)

Die Bewerbung Berlins um Olympische Spiele 2036, 2040 oder 2044 spaltet die Stadt. Während gerade die Regierungsparteien SPD und CDU die Spiele als eine Chance zur internationalen Aufwertung und wirtschaftlichen Entwicklung sehen und auch die riefenstahlselige AfD überzeugt ist, überwiegt in der Bevölkerung die Skepsis. Laut einer am 24. November veröffentlichten Umfrage von Civey im Auftrag des Tagesspiegels lehnen 67 Prozent der Berliner eine Bewerbung ab.

Wasser auf die Mühlen der Olympiagegner, die am Donnerstag offiziell verkündeten, ein Volksbegehren gegen die Bewerbung zu initiieren. Uwe Hiksch von den Naturfreunden und Sprecher von »Nolympia« betonte auf der Pressekonferenz in Berlin, dass die heutige Ausrichtung der Olympischen Spiele in keiner Weise mit einer klimagerechten und ökologischen Entwicklung vereinbar sei. Die Schaffung von temporären Spielstätten und die damit verbundenen Ressourcen- und Energieverbrauchsspitzen seien inakzeptabel. Hiksch reagierte damit indirekt auch auf den Chefpropagandisten der Berliner Olympiakampagne, Kaweh Niroomand. Dieser hatte am Dienstag, wiederum im Tagesspiegel, bereits im voraus die Argumente der Gegner abqualifiziert: Diese seien »aus der Mottenkiste«. Der ehrenamtliche »Olympiabeauftragte« führte ausgerechnet Paris als Beispiel für die Erneuerung der Spiele und für Nachhaltigkeit an.

Das Bündnis betonte nun, dass dies nicht den Fakten entspricht. Die Vertreibung von über zehntausend Wohnungslosen anlässlich der Spiele an der Seine, die Streichungen in der Breitensportförderung und die teure Vermietung großer Teile des Olympischen Dorfes auf Onlineplattformen sorgten diesen Sommer, ein Jahr nach dem Großevent, für eine heftige Debatte über das »Erbe der Spiele« in Paris. Der französische Rechnungshof kalkuliert, dass sich die von der Allgemeinheit zu tragenden Kosten mittlerweile auf sechs Milliarden Euro belaufen. Die Feststellung, dass insgesamt »kaum oder keine« positiven ökonomischen Folgen feststellbar seien, trübt die Wahrnehmung weiter.

Der Diskuswerfer Christoph Harting, der bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 Gold gewann, engagiert sich mittlerweile im »Nolympia«-Bündnis. Er sprach auf der Pressekonferenz mit Blick auf die sozialen Folgen von einem »moralischen Dilemma« und nannte die Räumung von Favelas für Bauvorhaben als Beispiel. Nachhaltigkeit sei bei Olympia ein leeres Wort: »Wir haben tolle Sportstätten erlebt, die teilweise jetzt verfallen. Eine U-Bahn wurde extra ins Olympische Dorf gebaut, die jetzt nicht mehr genutzt wird. Es geht immer auf Kosten der kleinen Leute.« Auch Klara Schedlich, sportpolitische Sprecherin der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, kritisierte die Bewerbung des Senats. »Es gibt kein Konzept, keine Kostenschätzung. Berlin sollte erst einmal seine Hausaufgaben machen, bevor sich die Regierung auf ein großflächiges Ereignis konzentriert.« Die Stadt solle die Infrastruktur für den Breitensport erhalten und ausbauen. Hiksch fand noch deutlichere Worte: »Der Senat versucht seine Unfähigkeit mit Großevents zu kaschieren.«

In der ersten Phase des Volksbegehrens muss das »Nolympia«-Bündnis 20.000 Unterstützungsunterschriften sammeln; begonnen werden soll damit im Januar. In der zweiten Phase braucht es die Zustimmung von mindestens sieben Prozent der Wahlberechtigten, also etwa 170.000 Unterschriften. Vier Monate hat das Bündnis zum Sammeln Zeit. Gut geplant: Dann wird auch der Wahlkampf zum Berliner Abgeordnetenhaus geführt.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat angekündigt, im kommenden Herbst bekanntzugeben, welche der vier Bewerbungen aus Berlin, Hamburg, München und dem Ruhrgebiet als nationale Kandidatur eingereicht wird. Ob es dann in Berlin überhaupt noch zu einem Volksentscheid kommt, ist fraglich. Plausibel erscheint, dass der DOSB angesichts der Widerstände in der Bundeshauptstadt doch lieber auf den sichereren Bewerber München setzt. Dort sprachen sich Ende Oktober in einem Bürgerentscheid 66,4 Prozent der Abstimmenden für die Bewerbung aus. In Berlin betonte das »Nolympia«-Bündnis nun, die Frage nötigenfalls mit dem Volksentscheid klären zu wollen. Sollte die Stadt ausgewählt werden, müsse sie eben die Bewerbung zurückziehen.

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