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Es kamen Menschen

65 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei

Von Nick Brauns
Foto: United Archives/IMAGO
Gemeinsame Demonstration von türkeistämmigen und deutschen Arbeitern für ein Verbot der türkisch-faschistischen Grauen Wölfe am 14. Januar 1980 in Nürnberg

Am Freitag jährte sich die Unterzeichnung des Anwerbeabkommens zwischen der Bundesrepublik und der Türkei zum 65. Mal.

Nach Gründung der Bundesrepublik musste das deutsche Kapital die Produktion ankurbeln. Der Aufschwung ließ den Bedarf an Arbeitskräften steigen, während geburtenschwache Kriegsjahrgänge und später die Wiedereinführung der Wehrpflicht das Arbeitskräfteangebot begrenzten. Ende 1955 kam es zum ersten Anwerbeabkommen mit Italien, 1960 folgten Spanien und Griechenland, 1961 die Türkei.

Schon der Begriff »Gastarbeiter« machte deutlich, dass die Angeworbenen nach dem Willen von Kapital und Politik nur auf Zeit kommen sollten: Sie sollten sich für die deutsche Exportindustrie auspressen lassen und anschließend zurückkehren. Sie wurden vielfach unter miserablen Bedingungen in betriebseigenen Wohnheimen kaserniert und mussten am Fließband und im Akkord schuften. Sprachkurse waren nicht vorgesehen.

Der Plan ging nicht auf. Viele blieben, holten Familienangehörige nach oder gründeten hier Familien – und mussten sich gegen rassistische Ausgrenzung behaupten. »Es wurden Arbeiter gerufen, doch es kamen Menschen an«, sang der Anadolu-Rockmusiker Cem Karaca 1984 auf seinem Album »Die Kanaken«.

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Es kamen auch Mitkämpfer: Beim wilden Ford-Streik 1973 bildeten türkeistämmige Arbeiter die Avantgarde. Im selben Jahr streikten beim Automobilzulieferer Pierburg in Neuss vor allem migrantische Arbeiterinnen gegen ihre gegenüber männlichen Kollegen schlechtere Bezahlung.

Die Spaltung der Arbeiterklasse nach Herkunft oder Geschlecht, um Lohndrückerei zu betreiben und gemeinsamen Widerstand zu verhindern, ist dem Kapitalismus eingeschrieben. »Solange es viel Arbeit gab / gab man die Drecksarbeit uns ab / Doch dann, als die große Krise kam / sagte man, wir sind schuld daran«, heißt es weiter bei Karaca. Nicht nur die deutsche Rechte, auch die Regierungen in Ankara versuchen, über Einflussorganisationen – von regierungsnahen Moscheeverbänden bis zu den faschistischen Grauen Wölfen – die türkeistämmige Migration entlang nationaler und religiöser Grenzen zu separieren – und so unter ihrem Einfluss zu halten.

Heute leben rund 2,6 Millionen Menschen mit türkeistämmiger Einwanderungsgeschichte in Deutschland, 1,2 Millionen von ihnen sind hier geboren. Noch immer sind sie überdurchschnittlich häufig in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen und im Niedriglohnsektor tätig. Türkisch klingende Namen können bei der Arbeits- und Wohnungssuche zum Nachteil werden. Da die meisten türkeistämmigen Familien Arbeiterfamilien sind, haben ihre Kinder es aufgrund sozialer Benachteiligung und strukturellen Rassismus im Bildungssystem wesentlich schwerer, ein Gymnasium zu besuchen oder ein Studium aufzunehmen. Und auf ihre Kosten wird Politik gemacht – auch wenn das Feindbild des »Türken« zunehmend im umfassenderen Feindbild des »Muslims« aufgeht.

Das gemeinsame Eintreten gegen Rassismus und für gleiche Rechte für alle, die hier leben, bleibt damit auf der Agenda. Solidarität im Klassenkampf ist die beste Integration.

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Erschienen in der Ausgabe vom 31.10.2026, Seite 3, Ansichten

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