Zum Inhalt der Seite
Pandemien

Im Teufelskreis

Der Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo ist eine Folge von Armut und Gewalt – verstärkt durch kapitalistische Ausbeutung

Foto: Moses Sawasawa/AP/dpa
Mitarbeiter des Roten Kreuzes mit dem Sarg eines an Ebola Verstorbenen (Rwampara, 20.5.2026)

Die aktuelle Ebola-Epidemie in der Demokratischen Republik Kongo ist bereits der 17. Ausbruch, der aus dem Land seit Erstbeschreibung der Krankheit 1976 gemeldet wird. Die WHO hat nun am 17. Mai die zweithöchste Warnstufe, eine internationale Gesundheitsnotlage, ausgerufen – die höchste ist der Pandemiealarm.

Sowohl die zeitliche Koinzidenz der ersten Ausbrüche als auch deren enorme Anzahl seitdem machen klar: Bei Ebola handelt es sich nicht um ein Ereignis, mit dem »in der Natur« halt zu rechnen ist. Es müssen vielmehr spezielle systemische und strukturelle Ursachen für die Übertragung und Verbreitung dieser Zoonose – denn um eine solche handelt es sich – gegeben sein.

Der aktuelle Schwerpunkt – die Provinz Ituri im Osten der DR Kongo – steht seit langem an erster Stelle aller afrikanischen Ebola-Hotspots. Weitere Epizentren sind Sudan und Südsudan, Uganda, die Republik Kongo sowie die Länder Guinea, Sierra Leone und Liberia in Westafrika. Die nähere Betrachtung dieser Regionen zeigt verblüffende Übereinstimmungen der sozialen, ökologischen, ökonomischen und weiterer Ebola-Risiken.

In den meisten Medien werden diese Risikofaktoren vernachlässigt oder ganz ausgeblendet, obwohl sich gerade hier die eigentlichen Ursachen der erschreckenden Epidemien verbergen, und obwohl ihre sorgfältige Betrachtung für die so notwendige Prävention unerlässlich ist.

Eine wohltuende Ausnahme von dieser Regel bietet ein Interview, das Bettina Klein für den Deutschlandfunk am 18. Mai mit dem Tropenmediziner Maximilian Gertler führte. Gertler leitet in der Berliner Charité die Arbeitsgruppe »Epidemic Preparedness and Humanitarian Aid« und war schon an mehreren Ebola-Einsätzen in Afrika beteiligt. Er äußert sich sehr beunruhigt über den Verlauf: »So rasch so hohe Zahlen, 250 Fälle, über 100 Tote schon bei Aufdeckung des Ausbruchs, das ist extrem besorgniserregend. Solche Zahlen hatten wir während der großen Epidemie vor zwölf Jahren in Westafrika erst Monate nach Beginn der Epidemie. Und am Ende waren es 30.000 Erkrankte.«

Anzeige

Zu der Frage, weshalb es denn gerade jetzt zu einer so starken Ausbreitung komme, antwortet Gertler: »Die Ursache dieser Epidemie und dass das so groß ist, das sind natürlich die erbärmlichen Lebensumstände der Menschen, die da leben. Das ist die Angst vor der Gewalt in der Region, das ist die Armut, das ist die Abwesenheit einer effektiven Gesundheitsversorgung, die man oft noch selbst bezahlen muss. Wir machen uns gar kein Bild hier, wie grauenvoll und ungesund die Lebensumstände dort sind. Da grassiert so eine von Mensch zu Mensch übertragbare Krankheit natürlich hervorragend. Es wird viel zu spät diagnostiziert, es gibt einen Mangel an Alltäglichem wie sauberem Trinkwasser, Gesundheitsversorgung, Lebensmitteln. Statt dessen Frustration über die Gesundheitsversorgung, die ineffektiv und teuer ist. Es gibt wenig Vertrauen in Behörden, die Aufklärung über so abstrakt erscheinende Konstruktionen wie einen Virus machen, während die bewaffneten Gruppen bereits hinter der nächsten Straßenbiegung sein können. Das muss man benennen. Es geht hier nicht nur um Zahlen.«

Gefragt, warum es denn für diesen Virustyp weder Impfstoffe noch Medikamente gebe, weist er auf die im Vergleich etwa mit Covid bislang geringe Zahl der Erkrankten hin. In einem System, das davon abhängt, dass man Medikamente auch verkaufen kann, rufe das wenig Interesse hervor. »Vereinfacht gesprochen: Das ist auch eine Armutserkrankung und ein Armutsproblem, dass wir da so wenig haben.«

Das Hauptreservoir, d. h. die natürlichen Wirte der Ebolaviren, sind wahrscheinlich Fruchtfledermäuse. Sie erkranken nicht selbst, können das Virus aber über Speichel, Urin und Kot verbreiten. Häufig geschieht dies über infizierte Früchte, die von verschiedenen Menschenaffen oder Waldantilopen gegessen werden, die somit als Zwischenwirte fungieren. Durch Entwaldung, Straßen- und Bergbau verlieren Fledermäuse ihre Habitate, ein Teil von ihnen flüchtet sich in Siedlungen und Plantagen. Mehr und engere Kontakte mit Menschen entstehen, der »Spill­over«, der Übertritt auf Menschen, wird wahrscheinlicher. Sowohl Fledermäuse als auch Zwischen­wirte wer­den bejagt – um so mehr, je ärmer die Bevölkerung ist – und als »Buschfleisch« verzehrt. Arme Bevölkerungsgruppen sind auch häufiger in Wildtierhandel involviert und zu Wanderarbeit gezwungen. Beides begünstigt nicht nur Infektionen mit Zoonosen, sondern erschwert auch die Eindämmung von Epidemien durch Kontaktverfolgungen und Quarantäne.

Alle oben erwähnten Ebola-Hotspots sind von den ökologischen Zerstörungen einer extraktiven, globalen Märkten unterworfenen Wirtschaftsstruktur betroffen und bieten damit besonders förderliche Bedingungen für Übertritte von Zoonosen: Die DR Kongo wird entwaldet, vor allem durch Gold- und Coltanbergbau, Straßenbau und Holzexport. Sudan und Südsudan werden abgeholzt für Landwirtschaft, Öl- und Goldförderung, Uganda für Kaffee- und Teeplantagen, Gabun und die Republik Kongo werden entwaldet für Holzexport, Öl- Gasförderung und Straßenbau, Westafrika für Palmöl und Kakao.

Erst im April 2025 hatte die Afrikanische Union darauf hingewiesen, dass der Kontinent eine »beispiellose Krise« in der Gesundheitsversorgung erlebe. Hintergrund sind hohe Schulden und zugleich Kürzungen von US-Hilfen und anderer westlicher Unterstützung. Ohne entschlossenes Gegensteuern sei mit »jährlich zwei bis vier Millionen vermeidbaren Todesfällen« zu rechnen. Zudem gebe es ein erhöhtes Risiko einer Pandemie.

Im November 2025 warnte auch ein UN-Bericht vor einem »Kreislauf aus Ungleichheit und Pandemien«. Ungleichheit innerhalb und zwischen Ländern mache die Welt anfälliger für Pandemien. Diese würden »wirtschaftlich verheerender und tödlicher und dauern länger an«. Sie würden zudem die Ungleichheit vergrößern und damit einen sich selbst verstärkenden Teufelskreis erzeugen.

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 26.05.2026, Seite 15, Natur & Wissenschaft

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!