Kinder der Pandemie
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Destry Allyn Spielbergs Spielfilmdebüt »A Quiet House«
Nicht nur, wenn man das Vergnügen hatte, Steven Spielberg auf der Berlinale 2023 zu interviewen, blickt man mit Spannung darauf, was seine Tochter cineastisch auf die Beine stellt. Der Erwartungsdruck, der im kriselnden Hollywood auf der nächsten Generation lastet, ist immens – vor allem, wenn der eigene Name als Synonym für kommerziell erfolgreiches Blockbusterkino gilt. Destry Allyn Spielberg ist natürlich nicht Steven Spielberg – und das ist vermutlich auch gut so. Mit ihrem Langfilmdebüt »A Quiet House« (im Original weitaus treffender: »Please Don’t Feed the Children«) emanzipiert sich die 29jährige Regisseurin von den übergroßen Fußstapfen des Vaters und legt einen Genremix mit scharfen politischen Untertönen vor.
Dass es fast zwei Jahre gedauert hat, bis dieser Horrorthriller in Deutschland anlaufen kann, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Verwertungslogik des hiesigen Filmmarktes, der wenig Risiken eingehen möchte. Dabei bewegt sich die in New Mexico gedrehte Low-Budget-Produktion handwerklich auf hohem Niveau. Besonders hervorzuheben ist die starke Kinematographie von Shane Sigler. Er fängt das staubige Post-Apokalypse-Szenario in Bildern latenter Bedrohung ein. Statt auf effekthascherische Jumpscares setzt die Inszenierung auf die klaustrophobische Enge eines isolierten Farmhauses und verwandelt eine globale Katastrophe schrittweise in ein packendes, kammerspielartiges Psychogramm.
Die Prämisse ist ebenso radikal wie clever: Ein tödliches Virus hat die erwachsene Bevölkerung nahezu vollständig dezimiert. Das geradezu Subversive am Drehbuch von Paul Bertino ist, dass die Krankheit von den Kindern ausgeht. Sie sind die Überträger, was sie in den Augen der überlebenden Erwachsenen zur Bedrohung für die alte Ordnung macht. Eine Anzahl von Waisen versucht, sich in den Süden der USA durchzuschlagen, sucht nach einem Schusswechsel an einer Tankstelle jedoch Zuflucht bei einer vermeintlich fürsorglichen Krankenschwester namens Clara.
In dieser Rolle brilliert Michelle Dockery (»Downton Abbey«). Sie zeigt eine abgründige Facette ihres Könnens. Ihre Figur balanciert auf einem schmalen Grat zwischen mütterlicher Fürsorge und pervertiertem Kontrollzwang. Die Art und Weise, wie sie die Jugendlichen gefangen hält, verrät einiges über autoritäre Gewalt. Im Kontrast dazu macht das hervorragend aufspielende, junge Ensemble den psychologischen Verfall in der Isolation spürbar. Allen voran überzeugt Zoe Colletti in der Hauptrolle als resolute Mary, die verzweifelt versucht, den traumatisierten Bund der Heimatlosen zusammenzuhalten. Ihr zur Seite stehen Andrew Liner als impulsiver Ben, Dean Scott Vazquez in der Rolle des pragmatischen Jeffy sowie Regan Aliyah als tief misstrauische Vicky. Ergänzt wird die Dynamik der Gruppe durch Joshuah Melnick, der den schüchternen Seth mit leisen Tönen anlegt, und Emma Meisel, die als verängstigte Crystal die mentale Belastung der Situation greifbar macht.
Einen markanten Akzent setzt zudem Charakterkopf Giancarlo Esposito in einem einprägsamen Auftritt als korrupter Sheriff Fitz, der die absolute moralische Bankrotterklärung und Ohnmacht der Staatsgewalt in dieser sterbenden Welt perfekt versinnbildlicht. Dabei sind die Querverweise zur Coronapandemie und den Maßnahmen unübersehbar. Destry Allyn Spielbergs allegorischer Film über Vereinsamung, staatliche Kontrolle und die Paranoia einer traumatisierten Gesellschaft mag etwas spät kommen, aber sie kommt nicht zu spät. Die Angst vor der Infektion spiegelt sich perfekt in Claras Wahnsinn wider. Steven Spielberg wollte bei der Berlinale 2023 übrigens zunächst nicht die Hände schütteln, umarmte mich aber nach dem Gespräch herzlich. Das nennt man wohl eine situative Überwindung von Phobien.
→ »A Quiet House«, Regie: Destry Allyn Spielberg, USA 2024, 93 MIn., Kinostart: heute
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