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Popkultur

Fuck yourself very much

60 Jahre Punk: Neid oder Mitleid? Grauhaarige Gedanken zu den aktuellen Punx und crazy Kids und ihren Szenen

Foto: imago images / Reichwein
Einmal Punk, immer Punk: Ruhrpottfestival, 5.7.2019

Tempora transeunt, nec quicquam fit tantum deterius aut melius (die Zeiten wandeln sich, aber nichts wird jemals schlechter oder besser, jW), wie kein mir bekannter Lateiner sagt. Und so weiß man (das heißt: ich) nicht recht, soll man sie nun beneiden oder bemitleiden – die aktuell jungen »Punx« und crazy Kids, die sich viel mehr gute Musik so viel leichter auch live auf die Ohren geben können, als es uns in den angeblich (?) guten alten Tagen möglich war, dies allerdings zum Preise von hier diagnostizierter erheblicher, vorhersehbarer Langeweile und geregelter Safety auf den Konzerten und Szenen, insofern es letztere jeweils noch gibt.

Langer Satz, knappe Aussage: Früher war besser! Nee, so leicht wollen wir uns das nicht machen. Zumal nicht als einer (geboren 1980), der zwar sehr jung, aber doch zu einer Zeit zum Punk kam, da er häufig bereits gestorben war. Denn je nach Puristen- bzw. Großmaullangweilerstandpunkt lebte der sowieso maximal 18 Monate bis ca. 1983, maximal bis 1994 … Seinen 50. hatte Papa Punk nach offizieller Rechnung trotzdem kürzlich, was nicht zu knapp auch gefeiert wurde. In den von meist älteren Herren verfassten Feuilletons und Fanzines und Guck-mal-es-gibt-wieder-eine-dolle-Punkszene-Formaten jedenfalls.

Auf den vielen für oft viel Geld verfügbaren Konzerten sicher auch. Wenn denn dort die Zeit dafür blieb. Denn um Punkt 22 Uhr muss ja meist das Licht angehen und das Publikum huschen. Wegen Nachbarn, der im Anschluss anstehenden lukrativen Technoparty oder einfach, weil den Veranstaltern die Kids schlicht scheißegal sind, solange sie nur die fünf Euro pro Plastikbecherbier auf die Theke legen. Ein weiterer nerviger Zeitfresser ist längst Routine für viele Bands mit von Beginn an etablierter Rockstarattitüde geworden: durchchoreographierte, bohrend nervig langweilige Performances, in denen ein »spontanes« Stagediving mit Ritt auf der Crowd – heute auf den Händen der Fans stehend! – anscheinend gerne mal minutenlange Vorbereitung benötigt. Kürzlich sah ich eine nett soundende All-Girl-Formation, deren eine Sängerin dauernd mächtig mit ihrem Mikrokabel wirbelte. Was cool hätte sein können, wäre dazu nicht an offensichtlich abgesprochenen Stellen dafür ein Techniker auf die Bühne gekommen, den Kabelteil hinter ihr zu halten und so für Sicherheit zu sorgen. Die britischen Lambrini Girls nötigten uns – nach mit »Let me educate you« eingeleiteten Aussagen dazu, wer dort weshalb die Venue besser zu verlassen hätte – dazu, in die Hocke zu gehen und dort bis zu einem Kommando aufzuhüpfen und wieder ganz fröhlich zu sein. Sicher hatte sie währenddessen Wichtiges zu sagen. Das ich nicht hörte aber, wegen zu sehr ärgern darüber, nicht als einziger die angebrachte Chuzpe zu haben, sich nicht zu hocken. War auch wieder eine Band mit beschriebenem Crowdsurfing-Gehabe.

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Bei solchen und ähnlichen grauslichen Gegebenheiten hörte ich – nach Jahren annehmbarer Konziabstinenz – in den vergangenen drei Jahren, seit ich wieder regelmäßig auf Konzerte gehe, einen mittelalten Mann mit meiner Stimme häufiger Sachen sagen: »Das hätte es früher nicht gegeben, und das war auch sehr gut so.« Tut mir ja leid für die Begleitung, aber mein erstes Camp-David-Shirt werde ich deshalb nicht kaufen müssen. Ist ja auch nicht alles schlecht. Das Aufbrechen der lange »weißen« Pimmelpunkkultur durch inzwischen haufenweise »All-Girl-Acts« bzw. wenigstens Sängerinnen etc. kann ich nur begrüßen, viel großartiges Zeug dabei. Das ist noch mal eine andere, bessere Nummer als die Rrriot-Girl-Sache in den 1990ern. Auch die zu hörende (erneute) Politisierung des Punk und verwandter Genres ist fein; die immer fehlende Abgrenzung zu bzw. Vermischung mit anderen Genres (wie Metal) ebenfalls.

Und doch, doch, es gibt sie ja noch, die selbstverwalteten AZs und Jugendzentren im Lande, wenn auch heuer oft in cleanerer, gestrichenerer Version mit Türen in den Toiletten und so. Das Aachener AZ zum Beispiel ist seit langem nur noch ein geduldeter Schatten seines alten Selbst. Ob von dort heute noch junge Männer nach einem Konzert mit Glassplittern in den Füßen blutig, aber glücklich nach Hause hinken, weil ihnen der bescheuerte Bruder die beiden losen Sohlen lachend von den Chucks riss? Wüsste ich nicht zu sagen. Ob das ehemalige Hannoveraner Freibad noch Konzerte veranstaltet, in dem circa 1998 Hundertschaften Verbeamteter wieder ihren Rückzug antreten mussten, nachdem sie das Oi!- und Skafestival versuchten hatten zu stürmen? Und arbeitet der Kassierer noch an der Tanke in Köln, so wie im August 1997, als sich ein Haufen Punx nach einem Konzert von … But Alive dort versammelte, sie gratis leerzutrinken? Grüße gehen raus an die Polizisten, denen der Kassierer nix zu sagen wagte. Und an … But Alive, der coolen Punkband, die sich überreden ließ, einen Kasten in ihren Tourvan zu packen – um ihn zwei Minuten später quietschenden Reifens wieder fix zurückzubringen, hihi! Schöne Schlägereien scheint’s auch nicht mehr zu geben – was vielleicht allerdings noch schöner sein könnte.

Solche Erinnerungen jedenfalls wünsche ich auch den jungen Punx und sonstwie kaputten Kids von heute. Auch weil sie einem Punk gut stehen, war das Genre doch immer im Grunde ein erstaunlich melancholisch-repetitives, nostalgisch rückwärtsgewandtes, geliebt von Leuten mit oft planetengroßen Herzen. Unzählig daher die »Do you remember …«‑Songs. Damit ihr was zu erinnern habt, ihr jungen Junkies, so vermute ich, ist vielleicht eigentlich vor allem eine Zutat vonnöten: D. I. Y. Einfach (zusammenstehen und) beim Hören alter Helden darin erinnern, was man so alles selbst auf die Beine … »Ja, aber die verdammte Musikindustrie, Spotify und so, die wollen doch …!« – »Psst!« mach ich da und sage: Hat der Punk gegen alle Widerstände auch schon ein-, zweimal geschafft, eben do-it-yourself-mäßig, oder nicht? Eben. Also macht mal wieder mehr, wenn ihr wollt. Dann klappt’s auch wieder mehr mit dem Chaos.

Und immer dran erinnern: Fuck yourself very much. Aber den Spaß dabei natürlich nie vergessen! Den könnt ihr auch im nächsten Jahr bestimmt wieder auf etwa dem Ruhrpottfestival für schon ab unter 300 Euro schließlich reichlich haben. Oder beim Wochenendkommunismus auf der »Fusion« für paar Tacken günstiger.

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Erschienen in der Ausgabe vom 26.10.2026, Seite 11, Feuilleton

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