Zum Inhalt der Seite
Großbritannien

Sie kamen nicht durch

Vor 90 Jahren blockierten Arbeiter in der Londoner Cable Street einen Aufmarsch der britischen Faschisten und fügten ihnen ihre größte Niederlage zu

Foto: From the Jewish Chronicle Archive/Heritage Images/imago
Schützenhilfe durch die Polizei: Antifaschisten versuchen sich in Sicherheit zu bringen (London, 4.10.1936)

Sie kamen nicht durch. Als rund 3.000 britische Faschisten am 4. Oktober 1936 einen Marsch durch das Londoner East End starteten, scheiterten sie am Widerstand von mehr als 100.000 Einwohnern des Stadtbezirks. Sie blockierten erfolgreich – und gegen ein massives, gewalttätiges Polizeiaufgebot – die Cable Street, durch die die Faschisten marschieren wollten. Es war eine heftige Niederlage für die Partei British Union of Fascists (BUF), von der sie sich nie wieder wirklich erholte. Daran wird am Sonntag im East End mit einer Gedenkdemonstration erinnert: Man kann, das beweist das »Battle of Cable Street«, Faschisten mit entschiedenem Widerstand besiegen. Diese Erkenntnis macht Mut, und das ist nötig: Auch in Großbritannien ist die extreme Rechte aktuell erneut auf dem Vormarsch.

Die Weltwirtschaftskrise, die auf den New Yorker Börsencrash vom 24. Oktober 1929 folgte, hinterließ auch im Vereinigten Königreich tiefe Spuren. Die Arbeitslosenquote schnellte auf bis zu 25 Prozent in die Höhe, extreme Armut machte sich breit, zumal die Regierung unter Premierminister Ramsay MacDonald (Labour, später National Labour) nach anfänglichem Zögern zu schmerzhaften Ausgabenkürzungen überging. 1932 kam einer der großen Hungermärsche durch das ganze Land, die das National Unemployed Workers’ Movement damals organisierte, in London an. Etwa 2.000 Arbeitslose trugen damit ihren Protest gegen die desolate Lage in die Hauptstadt. Armut und Elend bündelten sich auch in den dortigen Arbeitervierteln, so etwa im Londoner East End, einem der ärmsten Bezirke der Metropole, in dem viele Menschen in miserablen, teils slumähnlichen Behausungen leben mussten, und das nicht selten zu völlig überteuerten Mieten.

Aufstieg der Blackshirts

In der ersten Hälfte der 1930er Jahre erlebte die British Union of Fascists ihren Aufstieg. 1932 wurde sie von Oswald Mosley gegründet, einem Sohn einer begüterten Adelsfamilie, der im Londoner Politestablishment Karriere gemacht hatte. Zunächst wurde sie zum Beispiel vom Zeitungsmagnaten Lord Rothermere unterstützt, dessen Daily Mail Anfang 1934 »Hurrah for the Blackshirts!« titelte, wodurch sie mit heftig antisemitischer Agitation im East End sowie in anderen heruntergekommenen Arbeitervierteln Erfolge erzielen konnte. 1934 gelang es ihr, in der prominenten Ausstellungshalle Olympia London rund 10.000 Anhänger zu einer Großkundgebung zu versammeln. Die brutale Gewalt, mit der die Blackshirts, wie sich die Anhänger der BUF nannten, die wenigen Antifaschisten, die es in die Halle geschafft hatten und dort zu protestieren versuchten, übel zurichteten, verprellte so manchen Konservativen, der der BUF bis dahin noch recht wohlgesinnt war. Ihr Aufschwung dauerte dennoch an, bis es am 4. Oktober 1936 zum »Battle of Cable Street« kam.

Die Cable Street beginnt in der Nähe des Tower of London und führt von dort aus eine gute Meile in Richtung Osten. Sie war in den 1930er Jahren eine typische East-End-Straße – eng, von Armut gezeichnet und, wie der gesamte Bezirk, stark migrantisch geprägt. Migranten, das waren im East End damals vor allem irische Arbeiter und vor dem Ersten Weltkrieg aus Osteuropa geflohene Juden. Immer wieder kam es in der Cable Street und in der Umgebung zu antisemitischer Gewalt, wenn Mitglieder und Anhänger der BUF Juden verprügelten, ihre Geschäfte verwüsteten und Synagogen beschmierten. Freilich gab es stets auch Gegenwehr, etwa, wenn Kommunisten Kundgebungen der Faschisten attackierten. Die Kommunistische Partei zählte damals allein in Stepney, dem Viertel, zu dem die Cable Street gehörte, gut tausend Mitglieder, nicht wenige von ihnen Juden. Die Stimmung im Bezirk heizte sich im Sommer 1936 erheblich auf, als im fernen Spanien Francisco Franco den Umsturz der gewählten Regierung anstrebte und den Marsch auf Madrid begann. So mancher Londoner Kommunist zog damals gen Süden, um sich in den Internationalen Brigaden am Kampf gegen den Franco-Faschismus zu beteiligen. Viele im East End fieberten mit den Genossen und Freunden in Spanien mit: Die Parole »No pasarán!« kam schon im Sommer 1936 in der Cable Street an.

Antifaschisten vereint

Anzeige

In dieser aufgeheizten Stimmung sprach sich Ende September 1936 die Nachricht herum, Mosley plane für den 4. Oktober einen Marsch der BUF durch das East End: eine Machtdemonstration, die seiner erstarkenden Anhängerschaft weiteren Auftrieb verschaffen und seine Gegner einschüchtern sollte. Was tun? Die Labour Party rief dazu auf, die Faschisten zu ignorieren, um sie nicht weiter aufzuwerten. Dazu war im East End kaum jemand bereit. Mehr als 100.000 unterzeichneten eine Petition des Jewish People’s Council against Fascism and Anti-Semitism (JPC), ein Bündnis von über 80 Synagogen und anderen jüdischen Organisationen, in der ein Verbot des BUF-Marschs gefordert wurde. Als die Regierung dies ablehnte, begannen im East End Vorbereitungen für eine Blockade des Marschs. Neben jüdischen Organisationen wie dem JPC waren vor allem Aktivisten der Kommunistischen Partei beteiligt, die eine ursprünglich für den 4. Oktober geplante Spanien-Kundgebung auf dem Trafalgar Square absagten, um die Blockade mit all ihren Kräften zu unterstützen. Zu einem der Hauptorganisatoren wurde der Kommunist Phil Piratin.

Schon am Morgen des 4. Oktober, so erinnerte Piratin sich später, prägte eine kämpferische Atmosphäre das East End. Die BUF hatte ihre Leute nicht weit vom Tower of London zusammengezogen und wollte unter Mosleys Führung von dort Richtung Osten marschieren. Dort hatten sich bereits Tausende Menschen versammelt, die sich, vor allem auf Betreiben jüdischer und kommunistischer Aktivisten, zu koordinieren und auf eine Blockade ihres Viertels vorzubereiten begannen. Ein Straßenbahnfahrer ließ seine Bahn inmitten einer Kreuzung stehen, stellte den Motor ab, stieg aus, sperrte die Tür zu und reihte sich in die Menge ein: Er hatte der BUF eine mögliche Marschroute, die durch die Whitechapel High Street ging, ganz im Alleingang versperrt. Als sich heraus­kristallisierte, dass den Faschisten nur der Marsch durch die Cable Street übrigblieb, häuften sich dort plötzlich umgestürzte Transportwagen, Matratzen, Stühle und Brennholz mitten auf der Straße; dazwischen bewegten sich sehr geschäftig zahllose Antifaschisten.

»They shall not pass!«

Die Polizei entschied, den Faschisten den Weg freizumachen – und scheiterte. Als sie die ersten Barrikaden zu räumen versuchte, begann das, was seitdem »Battle of Cable Street« heißt, und das zu Recht. Die Straße wurde von allen gemeinsam dichtgemacht, nicht nur von den Aktivisten. Noch heute kann man Menschen treffen, die berichten, ihre Eltern – an sich völlig unpolitisch – hätten damals, wild empört, dass da Horden in ihre Straße einfallen, jüdische Nachbarn attackieren, also ihre lokale Community schädigen wollen – aus ihrer Wohnung im dritten Stock ihre Nachttöpfe über Polizeieinheiten ausgeleert. Dutzende Verletzte und etliche Festnahmen später gab die Polizei auf, teilte Mosley mit, der Marsch durchs East End falle aus, und zog sich zurück. »No pasarán!«, »They shall not pass!« – das war an diesem Tag auf zahllosen Demoschildern zu lesen gewesen. Die Faschisten kamen tatsächlich nicht durch.

Der BUF versetzte dieses klägliche Scheitern in der Cable Street einen schweren, vielleicht sogar entscheidenden Schlag: Es war der Beweis, dass es ihr nicht gelang, die britische Arbeiterklasse zu spalten, ja, dass Arbeiter und Arbeitslose, Briten und Migranten der Faschistenorganisation weitgehend geschlossen entgegentraten. Es kam hinzu, dass die britische Regierung Ende 1936 ein Verbot erließ, uniformiert oder gar in paramilitärischen Formationen – Blackshirt-Märsche ähnelten diesen durchaus – zu demonstrieren. Der BUF gelang es zwar noch, einige große Versammlungen durchzuführen, Mitte 1939 – zwei Monate vor Kriegsbeginn – sogar eine ihrer größten mit deutlich über 10.000 Teilnehmern in der Exhibition Hall in Earls Court im gutsituierten Londoner Westen. Ihre Durchsetzungskraft in den Arbeitervierteln jedoch war gebrochen. Im Mai 1940 wurden Mosley und zahlreiche weitere Parteimitglieder – als Parteigänger der Nazis, mit denen das Vereinigte Königreich sich jetzt im Krieg befand – interniert. Im Juli 1940 wurde die BUF dann verboten.

Phil Piratin und seine Genossen aber nahmen ihren Sieg in der Cable Street nicht zum Anlass, sich in ihrem Erfolg zu sonnen. Piratin hatte schon lange darüber nachgedacht, wie es der BUF eigentlich hatte gelingen können, im East End Anhänger anzuwerben. Er hatte eines ihrer Treffen besucht und festgestellt, dass Mosley Personen für sich gewann, die gewiss auch antisemitische Ressentiments hegten, die aber vor allem ein von Armut geprägtes, elendes Leben führten wie die meisten im East End. Man müsse gemeinsam mit ihnen gegen die reale Ausbeutung kämpfen, urteilte Piratin, dann würden sie realisieren, wer wirklich Profit aus ihrem Elend schlage. Nur auf diese Weise könne man den Faschisten »den Boden unter den Füßen wegziehen«, schrieb er in »Our Flag Stays Red«, seinem heute vielleicht mehr denn je lesenswerten autobiographischen Bericht über sein Leben im East End.

Es kostete Piratin und einige seiner Genossen viel Zeit und Kraft, diese klare Erkenntnis in ihren Parteistrukturen durchzusetzen. Es gelang. Bald sah man die Kommunistische Partei nicht mehr nur öffentlich agitieren, sondern auch, wie sie im drögen Alltag Arbeitslosen zur Seite stand, gegen räuberische Vermieter vorging, Mietstreiks in überteuerten Elendsquartieren mitorganisierte. Es wirkte: Piratin wurde 1937 ins Parlament seines Stadtbezirks gewählt, in das schließlich 1945 zwölf Kommunisten einzogen. Im Juli 1945 gelang Piratin sogar der Sprung ins britische Parlament. Es war ein später, aber entscheidender zweiter Sieg über die Faschisten.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 01.10.2026, Seite 9, Schwerpunkt

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!