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Aus: Ausgabe vom 02.03.2019, Seite 15 / Geschichte
Spanischer Krieg

Volksfront zerbricht

Vor 80 Jahren putschten Generäle der Spanischen Republik gegen die eigene Regierung
Von Ralf Hohmann
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Madrid in der Hand der Faschisten. Siegesparade der Franco-Truppen am 28. März 1939

Am späten Abend des 5. März 1939 traf der sozialistische Premierminister der Zweiten Spanischen Republik, Juan Negrín, mit mehreren Ministern seiner Regierung im Städtchen Elda, unweit von Alicante, zum Essen zusammen. Die im Hintergrund laufende Abendsendung des Unión Radio de Madrid wurde gegen Mitternacht abrupt für eine Meldung unterbrochen. Den Anwesenden schien dies zunächst nicht weiter beachtenswert, war es doch in den Zeiten des Spanischen Kriegs keine Seltenheit, dass Radioprogramme wegen dringender Militärbulletins oder aktueller Frontnachrichten ausgesetzt wurden. Diesmal war es anders: Es folgte ein Radiokommuniqué. Gebannt hörten Negrín und seine Mitstreiter, dass sich in Madrid eine Militärjunta (»Consejo Nacional de Defensa«, »Nationaler Verteidigungsrat«) um den Kommandeur des Zentralheeres, Oberst Segismundo Casado, gebildet hatte. Teile der Armeeführung, der rechte Flügel der Sozialistischen Partei (PSOE) unter Julián Besteiro und die Führung der Anarchisten um Cipriano Mera (CNT), aber auch der anfangs den Kommunisten nahestehende General José Miaja, waren angetreten, die Regierung Negrín samt ihrer kommunistischen Minister abzusetzen und ein »ehrenhaftes Friedensabkommen« mit General Francisco Franco zu vereinbaren.

Nachdem die letzten Worte des Kommuniqués verklungen waren, versuchte Negrín sofort, Casado, der mit den Seinen im Madrider Schatzamt in der Calle de Alcalá Quartier genommen hatte, telefonisch zu erreichen. Um ein Uhr nachts wurde er durchgestellt. Der Inhalt des Gesprächs ist überliefert: »Was ist los in Madrid, General?« fragte Negrín. Casado: »Ich habe mich erhoben!« »Gegen wen? Gegen mich?« – »Ja, gegen Sie«.

Vorgeschichte

Die Republik stand militärisch mit dem Rücken zur Wand. Seit fast drei Jahren führte die Volksfront einen verzweifelten Abwehrkampf. Das franquistische Heer erkämpfte, gestützt auf die Flächenbombardements der deutschen »Legion Condor« und der von Mussolini entsandten Bodentruppen, bis zum Jahresbeginn 1939 die Hoheit über zwei Drittel des Staatsgebietes. Am 15. November 1938 hatten sich die republikanischen Truppen über den Ebro zurückgezogen, in den letzten Tagen des Januars 1939 kapitulierte Barcelona, am 9. Februar fiel Menorca in die Hände der Faschisten. Francos Großoffensive bedrohte nun unmittelbar Madrid.

Außenpolitisch hatte die Republik stets auf die »französisch-britische Karte« gesetzt – doch die Hoffnung auf eine internationale Isolation des deutschen und italienischen Faschismus hatte sich weitgehend zerschlagen. Spätestens durch die Unterschrift unter das Münchner Abkommen am 30. September 1938 dokumentierte Großbritannien, auf welcher Seite es stand. Auch Frankreich, das zumindest in den vorangegangenen Jahren noch sporadisch zugelassen hatte, dass über sein Territorium Waffen und Munition der spanischen Republik zugeführt werden konnten, verabschiedete sich nun vollends von dieser zaghaften Unterstützung: Aus den Durchgangslagern für geflüchtete Republikaner wurden Internierungslager, Landwege und Häfen für Hilfstransporte gesperrt.

Am 1. Mai 1938 hatte Negrín den Vorschlag unterbreitet, die ausländischen Kräfte in den Reihen der republikanischen Einheiten zu entlassen, sofern auch Italien und Deutschland ihre Aggressionstruppen zurückzögen. Das Deutsche Reich hatte sich dazu nicht erklärt, Mussolini bot an, von den ca. 70.000 Soldaten des italienischen Spanien-Korps 10.000 Mann zurückzuführen. Sein Vorstoß wurde vom »Nichteinmischungsausschuss« schon im Juli 1938 und sodann vom Völkerbund im September 1938 gutgeheißen. Der Abschied der ca. 10.000 Interbrigadisten folgte am 28. Oktober 1938 in Barcelona.

Aber Negrín hatte sich verkalkuliert – das Deutsche Reich und Italien sahen weiterhin keinerlei Veranlassung, auch nur einen Soldaten abzuziehen. Der Abzug der Interbrigaden schwächte die spanische Republik, wenn auch nicht durch die Zahl der Rückkehrer, so doch im Hinblick auf die Kampfmoral und das Bewusstsein, nicht alleine gegen den Faschismus zu stehen.

Für den noch amtierenden Ministerpräsidenten der Republik war die Kapitulation trotz dieser bedrohlichen Lage keine Alternative. Zudem rechnete er damit, dass Hitlerdeutschland alsbald einen Krieg, vornehmlich gegen seine imperialistischen Hauptkonkurrenten Großbritannien und Frankreich, vom Zaune brechen werde. Das republikanische Spanien hätte dann nach der Vorstellung Negríns ein natürlicher Bündnispartner einer Koalition gegen Hitlerdeutschland werden können. Für die Republik ging es darum, Zeit zu gewinnen. Seine Einschätzung der Kriegsgefahr war – wie die Welt wenige Monate später schmerzvoll erfahren musste – zutreffend. Die Gefahr jedoch, die aus den eigenen Reihen drohte, hatte er unterschätzt.

Verzweiflung

Am Morgen des 6. März 1939 stand die Republik vor einer schier ausweglosen Situation. Francos Truppen kämpften sich Kilometer um Kilometer vor. Die Versorgungslage war katastrophal, in den Städten herrschte Hungersnot, Betriebe stellten ihre Arbeit ein, Zigtausende befanden sich auf der Flucht. In Madrid kämpften die Einheiten Casados gegen kommunistische Verbände, die das Stadtzentrum beherrschten und sich ihrer Entmachtung widersetzten. Luis Barceló, Kommunist und Kommandeur des ersten Korps der Zentralarmee, der Groß-Madrid wieder unter Kontrolle der Volksfrontregierung bringen sollte, scheiterte. Er geriet in Gefangenschaft des vom Anarchisten Mera befehligten 4. Armeekorps und wurde exekutiert. Die Kämpfe zogen sich in einzelnen Stadtvierteln bis zum 12. März 1939 hin und endeten mit der Niederlage der Volksfrontregierung. Der Putsch hatte wenigstens 2.000 Menschenleben gekostet. Juan Negrín entkam zusammen mit der »Pasionaria«, Dolores Ibárruri, und einigen Gefährten auf dem Luftweg.

Casado wähnte sich nun in einer starken Position gegenüber Franco. Er hoffte auf ein Gespräch von »General zu General«. Der zweite Teil seines Putschplans – der Abschluss eines »ehrenvollen Friedensabkommens« mit den Franquisten – sollte nun möglich sein. Doch Franco bestand auf der bedingungslosen Kapitulation. Am Morgen des 23. März 1939 landete die Verhandlungsdelegation der Junta in Burgos. Es kam noch nicht einmal zu einer Unterredung mit dem Stab Francos. Den Bittstellern wurde ein Papier in die Hand gedrückt, in dem lediglich zu lesen war, dass die republikanische Luftwaffe am 25. März 1939 und das Heer am 27. März 1939 ohne Bedingung zu kapitulieren hätten. Mündlich wurde den Emissären mit auf den Weg gegeben, dass Flüchtlinge unbehelligt auf britischen Schiffen außer Landes gebracht werden könnten. Nachdem die Kapitulation der Luftwaffe nicht innerhalb der von Franco gesetzten Frist, sondern erst einen Tag später erklärt worden war, brach Franco jeden weiteren Kontakt zur Junta ab.

48 Stunden später marschierten die nationalistischen Truppen in Madrid ein. Wolfram von Richthofen, der Kommandeur der »Legion Condor«, notierte zufrieden in sein Tagebuch: »Rot hat geräumt …« Casado hatte sich per Schiff bereits abgesetzt. Großbritannien gewährte ihm Aufenthalt. 1961 kehrte er ins franquistische Spanien zurück. Ein Militärgericht sprach ihn vom Vorwurf der »militärischen Rebellion« frei.

Madrid fällt durch Verrat. Auszug aus einer Resolution des Partido Comunista de España, März 1939

Was wünscht das Volk? Das Volk wünscht den Frieden. Auch wir Kommunisten wünschen den Frieden, wie wir es immer offen erklärt haben. Aber was für einen Frieden wünschen wir? Einen Frieden, der drei Dinge retten kann:

Erstens: Die Unabhängigkeit unseres Landes mit dem vollständigen Rückzug der Truppen der fremden Eindringlinge.

Zweitens: Die innere Freiheit, derart, dass das Volk die Regierung, unter welcher es leben soll, selbst bestimmen kann.

Drittens: Die Zusicherung, dass nach dem Kriegsende keine Vergeltungsmaßnahmen und keine Verfolgungen stattfinden dürfen, damit alle Spanier gemeinsam am friedlichen Wiederaufbau unseres Landes arbeiten können …

Der »Verteidigungsrat« ist zu dem Zwecke gebildet worden, um das spanische Volk an Franco, an den Faschismus, an die fremden Eindringlinge auszuliefern. Dahin führt uns die Politik des »Rates«. Damit dieser schändliche Verrat möglich wurde, zerstörte der »Rat« die Einheit des Volkes, desorganisierte er die Armee, verfolgt er die Kommunistische Partei, ermordet er die Kommunisten und hofft dadurch, die Gnade Francos zu erreichen. Aber die Verfolgung der Kommunisten ist nur der Anfang der blutigen Unterdrückung, welcher die Verräter das ganze spanische Volk ausliefern werden. (…)

Aus: Pasaremos. Deutsche Antifaschisten im national-revolutionären Krieg des spanischen Volkes, Berlin 1970, S. 218

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