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Klassik

Einmal für Ophelia

Kleines Lob des Streits: Glanzlichter des Musikfest Berlin

Foto: Fabian Schellhorn
Gottseibeiuns: Der RIAS-Kammerchor und das DSO unter Justin Doyle (r.) geben Alfred Schnittke

Ob man irgendwann, wenn man aus der Zukunft auf das erste Viertel des 21. Jahrhunderts zurückblickt, einen gemeinsamen Stil der damals neuen Musik wird ausmachen können? Aus gegenwärtiger Sicht ist die Lage durch eine Gleichzeitigkeit sehr verschiedener Schreibweisen gekennzeichnet. Anders als früher streitet man auch nicht mehr über den richtigen Weg. Man kann das als Toleranz begrüßen, als Gleichgültigkeit bedauern oder einfach feststellen, dass aktuell entstehende E-Musik gesellschaftlich am Rand steht.

Dabei gibt es für sie durchaus ein Publikum, wie das Musikfest Berlin (28.8.–23.9.) zeigte. Der Anteil der Neuen Musik am Programm war wieder groß, die stilistische Spannweite ebenfalls. Manches wirkte, jedenfalls nach einmaligem Hören, besser erdacht als kompositorisch ausgeführt; aber das war in der ganzen Musikgeschichte so. Einiges verdient hervorgehoben zu werden.

Brett Dean ist für die Saison 2026/27 Composer in Residence der Berliner Philharmoniker und dirigierte ein Konzert fast ausschließlich mit eigenen Werken. Dabei geriet ausgerechnet die Uraufführung, »Conversations with Schumann«, blass: Musik über Musik, und wo Klavierwerke Robert Schumanns durchklingen, hat man das fast zweihundert Jahre alte Original als schärfer in Erinnerung, als es nun im abgefederten Orchesterklang wirkt. Höhepunkt des Programms war dagegen »And once I played Ophelia« für Streichorchester und Sopran (2014/17). Der Zyklus beruht textlich auf Auszügen aus Shakespeares »Hamlet« und stellt die Braut der Titelfigur ins Zentrum. Es handelt sich um eine Studie der verlassenen und verratenen Liebe. Dean gibt dem Sopran große melodische Bögen, schreibt aber auch hartes Sprechen und fast unhörbares Flüstern vor. Er hat Passagen von beklemmender Trostlosigkeit komponiert, von wütendem Aufbegehren und – vielleicht am erschreckendsten – von einer äußeren Gefasstheit, die die innere Katastrophe ahnen lässt. Ähnlich eindrucksvoll geriet in einem Kammerkonzert im Rahmen der Residence Brett Deans »­Imaginary Ballet« für Klavier und Streichtrio. Das Stück entstand 2021 während eines Covid­-Lockdowns. Eine »positive Musik voller Verve« wollte Dean schreiben. Es spricht indessen für das Werk, dass der Widerspruch von Erstarrung und Bewegung darin Eingang fand. Die stillen Passagen zeigen doch eine innere Unruhe, aber wo es energisch vorangehen soll, da tritt die Musik tatsächlich in sich kreisend auf der Stelle.

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Brett Dean kennt und verwendet die aktuellen Spiel- und Singtechniken und setzt sie derart ein, dass das Publikum unmittelbar emotional angesprochen wird. Weniger zugänglich ist Milica Djordjevićs »Sky Limited« für Streichorchester (2014), Höhepunkt eines Konzerts des Ensemble Resonanz. Es setzte in der Aufführung tatsächlich kaum hörbar ein – ein Lob dem Ensemble! Laut können alle, aber leise und zugleich präzise ist viel schwieriger. Dann hört man ein mikrotonales Flirren, Scharren und Knarzen, man fürchtet sich schon vor einer andauernden Präsentation möglichst ungewöhnlicher Töne. Erst allmählich wird die Formidee klar. Es bilden sich Bewegungstypen heraus, und in mehreren Anläufen kommt es zu einer Verdichtung und rhythmischen Zuspitzung des Materials, die auch unmittelbar sinnlich wirkt.

Einen gewissen Rückgriff stellt ein anderer Schwerpunkt des Musikfests dar. In der späten Sowjetunion gab es eine Anzahl von Komponisten, die aus stilistischen oder inhaltlichen Gründen am Rande des offiziellen Musikbetriebs arbeiteten. Man kann das als fehlende Toleranz bedauern oder begrüßen, dass es noch nicht gleichgültig war, was und mit welchen Mitteln betrieben wurde. Jedenfalls hatten jene Künstler Freiräume genug, um ihre – sehr unterschiedlichen – Werke zu schreiben. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Vladimir Jurowski stellte in einer eindrücklichen Aufführung »Peinture« von Edisson Denissow vor. Die »Malerei«, die der Titel des 1970 komponierten Werkes verspricht, zeigt sich im Reichtum an Klangfarben. Dabei geraten die nur etwa zwölf Minuten keineswegs schwelgerisch. Denissow wusste seine Linien klar zu führen. Im genauen Kalkül des Ablaufs mag sich sein Mathematikstudium zeigen; jedenfalls verabscheut er Noten, die nur der Dekoration dienen, und erreicht so einen hohen Grad an Fassbarkeit.

»Peintures« ist zwölftönig komponiert – das fünf Jahre später entstandene »Requiem« von Alfred Schnittke ist ein buntes Stilgemisch, aufgeführt vom RIAS-Kammerchor und Musikern des Deutschen Symphonieorchesters unter Justin Doyle. Manche der vierzehn Teile erinnern in ihrer Askese an frühe Kirchengesänge, fürs Jüngste Gericht dagegen wendet Schnittke laute Blechbläser, fleißiges Schlagzeug und eine hämmernde Orgel auf. Im Credo, also im Glaubensbekenntnis, bringen sich dann Jazzrhythmen zu Gehör. Dies läuft auf keine Kirchenkritik hinaus, sondern auf den Versuch, das Christliche als umfassend darzustellen.

1975 war die sowjetische Musik noch nicht fromm geworden. Tendenzen dahin entwickelten sich aber lange vor 1990. Schnittkes »Requiem« wurde als Teil einer Bühnenmusik zu Schillers »Don Carlos« uraufgeführt, wo sie als katholischer Hintergrund der Handlung legitimiert war. Religiös grundiert sind auch manche Werke von Sofia Gubaidulina, die 1992 nach Deutschland übersiedelte. Ihr Violakonzert von 1996 kann man dagegen als Auseinandersetzung mit der Gattung Konzert hören. Es entfaltet sich aus kurzen, erst solistischen und dann orchestralen Gesten und fällt nach Steigerungen immer wieder in Zustände von Ruhe und sogar Erstarrung zurück. Bei mittelmäßigen Aufführungen kann das als eine fast endlose Reihe von Wiederholungen erscheinen. Dem Solisten Eivind Ringstad und dem von Antonio Pappano geleiteten London Symphony Orchestra gelang dagegen eine durchsichtige und spannungsreiche Interpretation des emotional intensiven Werkes. Die Kompositionen von Denissow, Schnittke und Gubaidulina ließen ahnen, dass es sogar bei kulturpolitischen Nickligkeiten einfacher ist, gut zu schreiben, wenn über Kunst gestritten wird.

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Erschienen in der Ausgabe vom 26.09.2026, Seite 10, Feuilleton

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