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Theater

Ein Spielmannszug als Sieger

Christina Friedrich inszeniert »Der Frieden« von Peter Hacks am Staatstheater Cottbus

Foto: Staatstheater Cottbus/Frol Podlesnyi
»Was tust du meinem Volk, boshafter Zeus, nimmst uns die Städte aus wie tote Hühner«

Unter den Stücken von Peter Hacks ist »Der Frieden« eines der erfolgreichsten. Spätere Dramen mögen dramaturgisch ausgefeilter sein, der Witz schärfer, der politische Gehalt klüger – doch seine Aristophanes-Adaption traf das Zeitgefühl des Publikums in der DDR, das die Uraufführung in Berlin am 14. Oktober 1962 an der Volksbühne bejubelte. Das Ende stellt die Genüsse des Friedens in Aussicht, und der Schlusschor lautet: »Der Krieg ist vorbei. / Gesegnet, gesegnet das Bett / Und die Wonnen der Liebe.« Tatsächlich schien die Epoche der Weltkriege überstanden, und wirtschaftlich war der Sozialismus fürs erste stabilisiert.

So ganz richtig war dies schon damals nicht. Am selben 14. Oktober überflogen US-Aufklärungsflugzeuge Kuba und machten dort sowjetische Atomraketen aus. Etwas mehr als eine Woche später stand die Welt kurz vor einem vernichtenden Konflikt. Die Krise konnte abgewendet werden, und der Kalte Krieg ging in eine Phase der friedlichen Koexistenz über, die allzu oft und allzu vertrauensselig als gesichertes Nebeneinander missverstanden wurde.

Das Stück fand jedenfalls weiterhin sein Publikum. Geschickt hatte Hacks die Handlung bei Aristophanes aufgegriffen: die Geschichte vom Bauern Trygaios, der inmitten des Peloponnesischen Kriegs auf einem riesigen Mistkäfer in den Götterhimmel fliegt, dort die Friedensgöttin Eirene befreit und so Griechenland den Frieden bringt. Bei Hacks gibt es viele bühnenwirksame Szenen, einen immensen sprachlichen Reichtum, einen für seine Verhältnisse gutmütigen Witz und aktuelle Anspielungen, die sinnvollerweise die nicht mehr verständlichen Anspielungen des Aristophanes ersetzen.

Heute ist es das Stück des Tages und doch auch wieder nicht. In einem Land, in dem alle Parteien des herrschenden Machtblocks Kriegstüchtigkeit zum höchsten Politikziel ausgerufen haben, ist ein Friedensstück notwendiger denn je. Der fröhliche Optimismus von 1962 hingegen ist widerlegt. Ihn dennoch ungebrochen auf die Bühne zu bringen und zu zeigen, was einmal möglich schien, könnte als Provokation wirken. Vermutlich aber würde es einfach nur Befremden auslösen.

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Die Regisseurin Christina Friedrich wählt denn auch am Staatstheater Cottbus (Premiere 17. Oktober) einen anderen Weg: Sie kürzt, montiert dafür zusätzliche Texte ebenso ein wie eine flapsige Alltagssprache und nimmt die Gelegenheit zum Theaterspektakel wahr. Das ist auch sonst gängig. Hier bleibt der Fortgang der Handlung nachvollziehbar, und Mario Fuchs als Trygaios lässt auch hören, dass er Verse spricht und warum da überhaupt Verse stehen. Sonst gelingt das mal mehr, mal weniger gut. Freilich verlangt Friedrich in manchen Passagen ein sehr körperbetontes Spiel, und dann wird der Text eben nur einigermaßen übermittelt.

Auch akustisch ist allerhand los. Mark Scheibe hat das Stück mit neuer Musik versehen. Das Staatstheater öffnet sich der Stadtgesellschaft: Die Singakademie Cottbus steuert für die ruhigeren Passagen einen klein besetzten Männerchor bei, der Spielmannszug Cottbuser Musikspatzen marschiert, wo es passt, mit militärischem Tschingbum auf. Zu sehen gibt es viele Kostümwechsel und phantasievolle Masken (Konzeption: Karolína Jansová).

Die Dramaturgie des Stücks ist – verglichen mit späteren Dramen von Hacks – ein einfaches Nacheinander. Friedrich gelingt ein Spannungsbogen, langweilig wird der Abend an keiner Stelle. Im Wechsel von Spektakel und ruhigeren Passagen überzeugen vor allem die letzteren. Dazu gehört – ganz unabhängig vom Hacks-Text – eine Diashow mit jahrzehntealten Aufnahmen von irgendwelchen Privatleben, gerade so zeitgenössisch für die Älteren im Publikum, in deren Kellern noch ein Diaprojektor verstaubt. Die Show zeigt ein Glück, das der Krieg vernichten würde.

Schlimm dagegen wird das allzu überdreht Spaßige. Trygaios kehrt von den Göttern in seine Heimatstadt Athen zurück und muss feststellen, dass die Freude über den Frieden nicht allgemein ist. Insbesondere ein »Waffenkrämer«, der seinen Kram nicht mehr verkaufen kann, und ein Priester, dem gerade das Unglück Zulauf brachte, beschweren sich bei Trygaios. 1962 war das eine von der DDR ausgehende Attacke auf die BRD, wo Kriegsindustrie und Kirche auf seiten der reaktionären Politik standen. Heute boomen Rüstungsaktien, und zumindest die Evangelische Kirche in Deutschland propagiert Wehrhaftigkeit. Politisch sind diese Passagen zentral. In Cottbus werden sie völlig überdreht dargeboten. Die drei Töchter des Trygaios wirbeln alles durcheinander, und der wichtige Text wird allenfalls halb verständlich. Während der Priester überlistet wird, präsentiert eine der Töchter dem Publikum immer wieder ihren nackten Körper.

Dies überdeckt nicht allein den politischen Konflikt. Es ist auch ein nur optisches Mittel. Es wirkt grob verglichen mit den herrlich obszönen Zweideutigkeiten bei Hacks, die für die Aufführung leider gestrichen wurden. Festzuhalten ist allerdings, dass das Publikum vor allem bei den Hinzufügungen lacht und dass Hacksens Sprachwitz in dieser Komödie auch dort, wo er noch zu hören ist, nur selten wahrnehmbare Reaktionen hervorruft.

Und das Ende? Es wird gesungen, es wird gefeiert, und auch der Spielmannszug will da nicht fehlen. Er schmettert seine Marschmusik, die mehr und mehr zu einem dumpfen Pauken verkommt. Im Hintergrund sieht man die Friedensgöttin kopfüber hängen, so wie vor ihrer Befreiung durch Trygaios. Die Regie verkehrt Hacksens Ende in sein Gegenteil; angesichts der Weltlage eine Entscheidung, der nur schwer zu widersprechen ist.

→ Nächste Vorstellungen: 24.10., 19.11., 11.12.

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.10.2026, Seite 10, Feuilleton

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