Paradies auf Distanz
Die »Göttliche Komödie« auf eine Midlife-Crisis geschrumpft: Pascal Dusapins Oper »Il Viaggio, Dante« an der Staatsoper Hannover
Wie kommen neue Werke auf die Opernbühne? Eine beliebte Methode ist der Kompositionsauftrag. Der Tonsetzer verdient Geld, das Haus schmückt sich mit einer Uraufführung, und häufig bleibt es bei dieser einen Inszenierung. Einen vermutlich nachhaltigeren Weg wählt nun die Staatsoper Hannover, die in drei Spielzeiten den französischen Komponisten Pascal Dusapin vorstellt. Was das Abonnentenpublikum damit an Breite musikalischer Stile verpasst, gewinnt es an Tiefe. Statt drei musiktheatrale Ansätze im Vorbeihuschen gehört zu haben, kennt es danach eine Sache wirklich.
Zumindest die ersten beiden der drei Dusapin-Opern sind Wiederaufführungen. Nach der handlungsintensiven Kleist-Vertonung »Penthesilea« von 2015, die in diesem Frühjahr Premiere hatte, gibt es nun das ganz anders angelegte Werk »Il Viaggio, Dante« zu sehen. Es handelt sich um eine Übernahme von Claus Guths Inszenierung der Uraufführung 2022. Die Reise Dantes, die der Titel benennt, ist die seiner »Göttlichen Komödie«: durch Inferno, Purgatorio und Paradiso.
Damit sind die Schwierigkeiten bereits angedeutet. Das musikalische Hauptproblem ist, wie ein Paradies in Klänge zu setzen geht. »Kein Musik ist ja nicht auf Erden, die unsrer verglichen kann werden«, singt der Sopran im Schlusssatz von Gustav Mahlers 4. Sinfonie, wo das also notwendige Scheitern sehr bewusst auskomponiert ist. Franz Liszt scheitert entsprechend mit der süßlichen »Magnificat«-Vertonung am Ende seiner »Dante-Sinfonie« nicht weniger als mit seinem alternativen pompösen Chorhalleluja.
Dusapin stellt sich dem Problem. Er will – was heute sinnvoll ist – nicht nur mit den Schrecken des Infernos Eindruck schinden, sondern auch die Aussicht aufs Schöne gestalten. Dabei gelingt ihm eine Musik, die Klischees von Harmonie aufruft, sie zugleich auch immer wieder verfremdend einfärbt. Wir hören gleichsam ein Paradies auf Distanz; ein Ideal, das nicht zu haben ist, oder zumindest noch nicht. Leider erreicht das Libretto von Frédéric Boyer diese Höhe nicht. Boyer zitiert hier statt Dante den wohl peinlichsten Teil der Bibel: die Bergpredigt mitsamt dem antiintellektuellen Lob der geistig Armen, die angeblich selig seien.
Derlei ideologisierende Missgriffe verweisen auf die musikdramaturgische Hauptschwierigkeit, nämlich wie der Stoff in den Griff zu bekommen ist. Natürlich geht es nicht an, auch nur die wichtigsten Stationen von Dantes umfangreicher Dichtung musiktheatralisch abzuhaken. Es braucht einen Schwerpunkt.
Boyer und Dusapin setzen ihn erstens, indem sie Zustände statt Entwicklungen geben. Dusapins Stichwort lautet »Operatorium«: eine Mischform aus Oratorium und Oper. Zweitens wird Dante zur zentralen Figur im eigenen Werk. Es ist seine »Reise« ( »A te convien tenere altro viaggio«), um die es geht. Diese Reise ist individuell motiviert. Der Opern-Dante sucht seine tote Geliebte Beatrice, die er im Paradies wiedertrifft und die sich ihm doch entzieht.
Hier zeigen sich Gewinn und Verlust der Verbürgerlichung. In Dantes spätmittelalterlicher Welt, kurz vor dem Durchbruch zur Neuzeit, war die literarisch gestaltete Liebe zeichenhaft und stand für ein Bild von erstrebter Harmonie. Was Dichter und Publikum lebensweltlich trieben, hatte damit wenig zu tun. Bürgerliche Kunst dagegen verspricht eine entfaltete, authentische Subjektivität. Der Dante der Oper reist, weil er was fühlt. Ist das ein Problem? Schließlich muss eine Oper von 2022 keineswegs den Bewusstseinsstand von 1300 wiedergeben. Doch liegt die Gefahr in der Verkleinerung, Dante gab ein umfassendes politisches, moralisches und theologisch-philosophisches Bild des Wissens seiner Zeit. Hier bleibt nur eine Privatgeschichte.
Regisseur Claus Guth verstärkt dies noch mit seinem Versuch, die Statik des »Operatoriums« mit Bildern aufzubrechen. Laut Programmheft fand er mit einem »eigenen persönlichen Zugang« eine Lösung: ein Mann, der »in der Mitte seines Lebens in eine Krise geraten ist«. Per Video sehen wir einen Autocrash, und was folgt, könnte – so Guth – eine »innere Reise« in den »letzten Sekunden seines Lebens sein«.
Damit ist das, was einst Welttheater war, auf eine Midlife-Crisis (»Nel mezzo del cammin di nostra vita«) geschrumpft. Was es dann zwei Stunden lang auf der Bühne zu sehen gibt, ist handwerklich geschickt gemacht. Wie das Bühnenbild (Étienne Plus) immer neue Räume eröffnet, ist durchaus gekonnt. Szenische Einfälle wie der, den Erzähler (Christian Dieterle) mit Glitzerjackett als wenig seriösen Conférencier auftreten und Dantes Höllenkreise durch ein Nummerngirl ankündigen zu lassen, sorgen für Kurzweil. Eindringlich als trostloser Wartesaal gestaltet ist der Limbus: jene Vorhölle, in der ohne Leiden und ohne Hoffnung die Seelen ungetaufter Kinder und all jener verharren müssen, die ohne Verschulden vor der Geburt Christi geboren wurden. Natürlich glaubt kein vernünftiger Mensch mehr an diese Theologie – doch als ästhetisches Motiv ist der Gedanke nach wie vor brauchbar.
Das unter der Leitung von Roland Kluttig in kleiner Besetzung spielende Niedersächsische Staatsorchester Hannover zeigt sehr durchhörbar die Qualitäten der Musik, die traditionelle Charaktere aufgreift und ihnen Neues abgewinnt. Für die Solisten schreibt Dusapin durchaus gesangliche Parts, die unmittelbar wirken. Hervorzuheben sind die beiden Vertreter des in jung (Christel Loetzsch) und alt (Peter Schöne) aufgespaltenen Dante und Norman D. Patzke als Virgilio, der Dante durch die fremden Welten führt. Doch so sehr das aufgewendete Können überzeugt – die Frage nach dem Wofür wird nicht überzeugend beantwortet.
→ Nächste Vorstellungen: 18.10., 23.10., 1.11., 14.11.
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