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Aus Leserbriefen an die Redaktion

Foto: ZUMA Press/imago/Montage jW

Griff nach der Notbremse

→ Zu jW vom 15.9.: »Amodei schaltet auf Defensive«

Ein Geist geht um in der Welt – der kalte Geist der künstlichen Intelligenz. Dieser Geist aus dem Reich der Toten, die niemals lebendig waren, entspringt bewusstlosen Maschinen, die, ohne Verstand und ohne Vernunft, Texte, Bilder und andere Signale mustern, bewerten und neu ordnen. Dabei optimieren sie ständig ihr Verhalten im Miteinander und Gegeneinander. Diese Maschinen können Menschen in den Irrtum treiben, in den Wahnsinn und in den Tod. Das ist bekannt.

Neu ist die Behauptung, dass diese Maschinen ohne eigenen Willen bald die Menschheit vernichten könnten. Diese Behauptung kommt von denen, die diese Maschinen entwickeln und an ihnen verdienen und nun nach Verlangsamung und Regulierung rufen. Vielleicht, weil sie wirklich nicht mehr verstehen, was sie bauen. Vielleicht, weil die zum Skandal gesteigerte Behauptung in Zeiten militärischer Enthemmung den Wert ihrer Firmen hebt. Vielleicht, weil damit Konkurrenz aus dem Feld reguliert werden soll. Bremst die Maschinen! Nicht den Profit!

Joachim Fröhlich, Kirchseeon

Im Westen nichts Neues

Was ist passiert? Die sogenannte Alternative für D. hat in einem Bundesland mit rund 1,78 Millionen Wahlberechtigten in einer repräsentativen Wahl ca. 43,8 Prozent Stimmen erhalten. Damit haben die Bewohner ein deutliches Zeichen gegen die herrschende Politik gesetzt und ihrer »Politikverdrossenheit« Ausdruck verliehen. Ebenso wie ihre Freunde in Washington haben die Politiker der AfD auf Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Nationalismus bei gleichzeitiger bedingungsloser Treue zur NATO gesetzt.

Das mit dem Nationalismus ärgert die Truppe um Merz besonders. Damit konnten die Leute um Weidel und Höcke sogar großen Teilen des Proletariats weismachen, dass sie allein die Deindustrialisierung und den Sozialabbau verhindern könnten. Und wenn dann auch noch die Friedenstauben gen Russland fliegen und die Konversion großer Bereiche der Industrie in Richtung Kriegsproduktion beibehalten werden kann, um so besser. Ja, aber was wird mit den Stimmen des BSW? Ist das nicht Wasser auf die Mühlen der Totalitarismusfans à la Hannah Arendt und der sogenannten Hufeisentheorie? Dazu müsste der Beweis angetreten werden, dass das BSW eine radikal antikapitalistische Partei wäre, die sich zu klar sozialistischen Zielsetzungen positioniert und an der Seite der werktätigen und ausgebeuteten Massen agieren würde.

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Oder um es auf die gegenwärtige innenpolitische Szene zu transformieren: Innerhalb des deutschen Bundestages befindet sich keine politische Gruppierung, die an der gegenwärtigen hegemonialen Ausrichtung des bürgerlichen Staates etwas auszusetzen hat. Die AfD wird die Metamorphose der herrschenden Klasse zu einer gewalttätigen, repressiven und in Teilen staatsterroristischen Klasse sicher nicht verhindern. Das müssen wir schon selber tun.

Manfred Pohlmann

Brain Rot

→ Zu jW vom 19./20.9.: »Drei Lebenslügen. Der Spiegel räumt auf«

Hirnfäule ist ein Markenzeichen der Mittelschicht, auch der linken Mittelschicht. Wie entsteht Hirnfäule? Sie entsteht im Gefängnis der Dummheit. Dort kann man der Dummheit nicht entkommen. Man bleibt dort ein Leben lang gefangen. Warum? Weil Wissen und Verstand fehlen. Wobei es einen Unterschied gibt zwischen selbstgemachter Dummheit und echter Dummheit. Selbstgemachte Dummheit ist das, was man glaubt zu wissen. Echte Dummheit ist das Ergebnis kapitalistischer Kultur in Schule, Universität, Medien, Alltag usw. Dort werden den Beherrschten die Weltbilder und Werte der Machthaber verabreicht, die als »normal« oder »alternativlos« verinnerlicht werden. Der Spiegel-Autor hat von beiden genascht. Das ist auch eine Vorbedingung, um beim Spiegel eine Anstellung zu bekommen.

Manfred Guerth, Hamburg

Geringschätzung durch das Kapital

→ Zu jW vom 14.9.: »Reproduktion und Care-Arbeit«

Wie gewohnt äußert sich Peter Schadt tiefgründig zu einer sehr aktuellen politökonomischen Frage: Ist Marxens Arbeitswerttheorie in sich geschlossen oder doch nicht ganz vollständig? Marx beim Schlafittchen packen zu können, indem man ihm Unvollständigkeit seiner Theorie nachweisen kann: Das wäre ein gefundenes Fressen für alle die, denen seine dialektisch-materialistische Methode ohnehin zum Halse heraushängt. Da ist es gut, wie sich Peter Schadt um Marxens Verteidigung kümmert. Es ist klar: Wenn wir uns das Marxsche Verständnis nehmen lassen, dann sind wir dem allseits grassierenden Pragmatismus hilflos ausgeliefert. Die Anhänger der Care-Theorie unterstellen, Marx hätte eine ganz grundlegende Theorie der Arbeit formulieren wollen. Marx aber untersucht in seiner Arbeitswerttheorie lediglich jenen Teil der gesellschaftlichen Arbeitswelt, der die materiellen Grundlagen für die Existenz und die Entwicklung der Gesellschaft hervorbringt: die materielle Produktion. Und zwar darum, um zu verstehen, wie die Warenproduktion funktioniert, welche Gesetze in ihr herrschen und welche Konsequenzen sich daraus für die Gesellschaft insgesamt ergeben. Marx betont, dass Kapital gleichgültig ist gegenüber dem Gebrauchswert. Er konzentriert sich auf das, was das Kapital wirklich interessiert: den Wert und den Mehrwert. Das ist keine Abwertung des anderen Teiles der Arbeit. Natürlich ist auch sie untersuchens- und beachtenswert. Marx konzentriert sich auf jenen Teil der Arbeit, der aus politökonomischer Sicht prägend für die Entwicklung ist, um das Kapital verstehen zu können. Und dem ist die Care-Arbeit egal: Aus ihr lässt sich kein Profit schöpfen. Dass aus dieser Geringschätzung durch das Kapital Minderwertigkeitskomplexe für Marxens theoretische Analyse abzuleiten wären, richtet die Kritik an die völlig falsche Adresse: Die Geringschätzung zeigt das Kapital und nicht Marxens Analyse.

Joachim Seider, Lychen

Ein Geist geht um in der Welt – der kalte Geist der künstlichen Intelligenz. Dieser Geist aus dem Reich der Toten, die niemals lebendig waren, entspringt bewusstlosen Maschinen, die, ohne Verstand und ohne Vernunft, Texte, Bilder und andere Signale mustern, bewerten und neu ordnen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.09.2026, Seite 14, Leserbriefe

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