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Drei Lebenslügen. Der Spiegel räumt auf
Der Spiegel räumt auf
Die linken Leiden des Leitmediums: Nachdem der Spiegel Anfang August mit der Titelstory »Marx hat es geahnt« bewiesen hat, dass positive Anknüpfung an alte Kritiker eine fiesere Sorte der Denunziation sein kann, lässt es der Leitartikel von diesem Donnerstag klassischer angehen. »Drei Lebenslügen« der »Neulinken« wie Reichinnek, Eralp und Mamdani will Christian Reiermann entlarven: »Es gibt wenig, was gründlicher in Theorie und Praxis widerlegt wurde als die Ideen von Karl Marx.« Ein Elend in drei Akten.
Erstens hielten die Anhänger des »Marxismus 2.0« »den Reichtum der einen für die Ursache der Armut der anderen«, so der Autor mit dem sprechenden Namen. »Für sie ist die Wirtschaft ein riesiges Nullsummenspiel. Was der eine gewinnt, verliert der andere.« Dass Marx mit seiner Theorie dem Mehrwert auf die Schliche kommen wollte, er also gerade nicht ein Nullsummenspiel, sondern ständiges Wachstum unterstellte – geschenkt. Niemand erwartet von einem Spiegel-Kommentator, dass er seinen Gegenstand kennt. Und auf eine Art ist es durchaus unterhaltsam: Wie wird Herr Reiermann diesen Marx und das »Weltbild der neuen Linken« wohl weiter kritisieren, die er extra für seine interessierte Leserschaft erfunden hat?
»So etwas wie Wachstum, von dem alle, zugegebenermaßen in unterschiedlichem Ausmaß, profitieren, kommt in ihrer Gedankenwelt nicht vor. Dabei gehört es zum Wesen von Unternehmern, Werte zu schaffen, die es vorher nicht gab, die folglich auch niemandem gehörten.« Die Unternehmer schaffen also Werte. Hatten sie nicht wenigstens einen Koch bei sich? Man muss sich nur kurz die Belegschaft wegdenken, dann ist das eine beeindruckende Kritik. Und auch eine besondere Leistung, sogar daran zu scheitern, eine selbstgezimmerte Strohpuppe zu Fall zu bringen.
Nächster Satz, nächste Lebenslüge: »Der zweite Irrtum der Linken ist ihr unerschütterlicher Glaube an den Staat. Ihre Enteignungsphantasien, etwa mit Blick auf die Wohnungswirtschaft, speisen sich aus der Überzeugung, dass Menschen moralisch und intellektuell grundsätzlich defizitär unterwegs seien und zu ihrem eigenen Nutzen von der Regierung an die Hand genommen werden müssten.« Auch das hat mit Marx natürlich wieder nichts zu tun. Der hat den bürgerlichen Staat als Herrschaftsapparat betrachtet, der mit seiner Gewalt das Privateigentum garantiert. Engels prägte die Formel vom »Absterben des Staats« in vernünftigen Verhältnissen, weil mit dem Ende des Privateigentums auch die Notwendigkeit seiner Gewalt verschwände.
Was Reiermann vorstellt, ist tatsächlich eine Lebenslüge – nur die der bürgerlichen Gesellschaft. Dass »der Mensch moralisch und intellektuell grundsätzlich defizitär« sei und deswegen nichts dringender bräuchte als eine Herrschaft, die Figur kennt man von Gemeinschaftskundeunterricht bis Politikwissenschaftsseminar. Die »Menschennatur« bedürfe nichts nötiger als Regierung und Unternehmerschaft, die uns alle glücklicherweise und trotz unserer Mängel zu ihren Sorgeobjekten machen. Ausgerechnet hier findet das blinde Huhn dann ein Korn, der Autor also ein Argument: »Dabei bleiben sie die Antwort schuldig auf die Frage, wie der Mensch, sobald er in den Staatsdienst eintritt, plötzlich von umfassender Weitsicht und Weisheit erfasst werden sollte.« Nach Hobbes ist der Mensch dem Menschen ein Pelzvieh, wird mit einem Oberwolf aber lammfromm – das Argument findet sich in so mancher marxistischer Kampfschrift wider die Vorstellung, der Mensch sei einfach dazu geschaffen, einer Gewalt unterworfen zu sein.
Auch für »Denkfehler Nummer drei« erfindet sich Reiermann den Gegner selbst und scheitert erneut, ihn zu fassen zu bekommen. Es sei eine »Illusion, die Reichen könnten all die schönen Pläne der Linken bezahlen«. Marx und Marxisten also als besorgte Bürger bei ATTAC, die der Regierung vorschlagen, wie sie mit progressiver Besteuerung ihr Herrschaftsprogramm gerecht finanzieren kann? Was soll’s, an der Stelle im Text erwartet niemand mehr irgendwas. »Selbst wenn die Regierung das Vermögen der 256 Milliardäre in Deutschland einzöge, könnte sie alle Steuerzahler, Bürger wie Unternehmen, gerade einmal etwas über ein Jahr lang steuerfrei stellen.« Reiermann »beweist« mit seinem »Rechenbeispiel« nur, wie kurz mit der Enteignung der Milliardäre etwas finanziert werden könnte, das gar keiner dieser »schönen Pläne« ist: die Steuerfreiheit deutscher Unternehmen.
Wäre der Klassenkampf doch nur in den Feuilletons zu gewinnen – hier sind die Gegner unbewaffnet.
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Onlineabonnent*in Manfred G. aus H. 20. Sept. 2026 um 18:35 UhrHirnfäule ist ein Markenzeichen der Mittelschicht, auch der linken Mittelschicht. Wie entsteht Hirnfäule? Sie entsteht im Gefängnis der Dummheit. Dort kann man der Dummheit nicht entkommen. Man bleibt dort ein Leben lang gefangen. Warum? Weil Wissen und Verstand fehlen. Wobei es einen Unterschied gibt, zwischen selbst gemachter Dummheit und echter Dummheit. Selbstgemachte Dummheit ist das, was man glaubt zu wissen. Echte Dummheit ist das Ergebnis kapitalistischer Kultur in Schule, Universität, Medien, Alltag, usw. Dort werden den Beherrschten die Weltbilder und Werte der Machthaber verabreicht, die als »normal« oder »alternativlos« verinnerlicht werden. Der Spiegel-Autor hat von beiden genascht. Das ist auch eine Vorbedingung, um beim Spiegel eine Anstellung zu bekommen. Manni Guerth
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