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Reproduktion und Care-Arbeit
Ein (orthodoxer) Lösungsvorschlag zur endlosen Debatte um die Frage der Fürsorgearbeit in der Werttheorie
In jeder Gesellschaft wird gearbeitet. Wie diese Gesellschaften ihre Produktion und Reproduktion organisieren, welche Motive die Gesellschaftsmitglieder dabei verfolgen, wer die Nutznießer der Arbeit sind und wer sie ins Werk setzt, unterscheidet sich aber grundsätzlich. Darüber hinaus ist es eine Frage der politischen Ökonomie, was überhaupt als gesellschaftliche Arbeit praktisch anerkannt und was zur Privatsphäre der Gesellschaftsmitglieder gezählt wird.
Der folgende Vortrag argumentiert, dass – erste These – die jedem Marxisten gängige Unterscheidung in Gebrauchs- und Tauschwert von der Mikrobetrachtung der einzelnen Ware auch auf die Makrobetrachtung der Gesellschaft übertragen werden muss. Der wertvermittelte Produktions- und Zirkulationsprozess des Kapitals und der gebrauchswertmäßige Stoffwechsel der Gesellschaft müssen unterschieden werden, um das Verhältnis von Produktion und Reproduktion im Kapitalismus korrekt zu erfassen. Darüber – zweite These – wird auch zu zeigen sein, dass Reproduktion gar kein Sphären-, sondern ein Prozessbegriff ist. Was genau mit den beiden Thesen gemeint ist, wird im Folgenden dargelegt.
Zweck der (Re-)Produktion
Erstens: Auch in der kapitalistischen Produktionsweise leistet die Ökonomie den allgemeinen Stoffwechsel der Gesellschaft; zumindest partiell. Eine gelingende Reproduktion ist nämlich nicht das Motiv der verschiedenen ökonomischen Akteure: Keiner arbeitet hier oder lässt arbeiten, damit »die Gesellschaft« funktioniert oder ihre anderen Mitglieder in den Genuss der Gebrauchswerte kommen. Vielmehr sind alle ökonomischen Akteure dem Motiv des Gelderwerbs verpflichtet, beteiligen sich also als Privatpersonen und im Interesse ihrer Bereicherung an der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die es nur als blindwirkendes Ergebnis dieser Ökonomie gibt. Alle Produzenten interessieren sich für den Tauschwert ihrer Produkte; der Gebrauchswert ist nur insofern von Interesse, als die potentiellen Käufer ihn an den Waren entdecken müssen. Das war für die Kritiker der politischen Ökonomie der Ausgangspunkt ihrer Untersuchung. Entsprechend unwirsch reagierte Marx auf Kritik, die darin bestand, er müsse beweisen, dass das Wertgesetz gelte und sich der Wert aus der Arbeit erkläre.¹ Marx’ Frage war vielmehr: Wie funktioniert die Reproduktion einer Gesellschaft, wenn ihre Produktion sich gar nicht dem Zweck verdankt, die Gesellschaft und ihre Mitglieder zu versorgen, sondern der Bereicherung von Privateigentümern dient? Die verschiedenen Waren innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft sind Beiträge zur gesellschaftlichen Gesamtarbeit. Nach zwei Seiten hin ist die Arbeit gesellschaftlich bestimmt: Sie ist es nach Seiten des Produktes, weil dieses für andere hergestellt wird, wie auch nach Seiten des Produzierens – sie ist Teil der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und ohne die Gesellschaft – etwa den Stand der Wissenschaft, aber auch Infrastruktur und Bildung, Kindererziehung und Pflege – nicht möglich. Das ist aber nur eine Seite der Arbeit im Kapitalismus. Sie ist andererseits privat: Die Produkte werden zwar für andere hergestellt, aber die Arbeit wird für die eigene Bereicherung verrichtet. Insofern sind Arbeiten auch nur ein Beitrag zur gesellschaftlich organisierten Arbeitsteilung, wenn sie dieses Motiv, die private Verfügungsmacht der Eigentümer zu vermehren, erfüllen, oder anders: der Vermehrung von Geld dienen. Insofern ist alle wertbildende Arbeit gesellschaftliche Arbeit, denn jede noch so sehr dem Gelderwerb verpflichtete Arbeit stellt Produkte für andere her.
Zweitens: Dass die gesellschaftliche Arbeit zum Zweck der privaten Bereicherung betrieben wird, sorgt dafür, dass der gesellschaftliche Stoffwechsel eben nur so weit stattfindet, als er dem Motiv der Geldvermehrung dienlich ist. Damit ein solches Produktionsverhältnis – inklusive aller seiner Charaktermasken – sich reproduziert, ist daher noch mehr notwendig als die gesellschaftliche Arbeit im Dienst des Privateigentums: einerseits der Sozialstaat, der in der nächsten These in den Blick genommen wird, andererseits eine ganze Menge gesellschaftlicher Arbeit, die nicht dem Primat der individuellen Aneignung verpflichtet ist. Feministen können dabei noch so oft darauf hinweisen, dass Kindererziehung, Pflege von Alten und Kranken, Hausarbeit und vieles mehr notwendige Arbeiten sind, damit eine Gesellschaft im allgemeinen und damit natürlich auch die kapitalistische Gesellschaft funktioniert. Das ist nicht zu bestreiten. Diese Arbeiten allerdings werden zwar privat (zumeist von Frauen) verrichtet, aber gar nicht für den Tausch oder den Zweck des Gelderwerbs. Entsprechend sind sie in ihrer überwiegenden Form als Care-Arbeit in den Familien auch kein Beitrag zur kapitalistischen Vergesellschaftung in Form des Wertes. Es ist also eine der zynischen Seiten der kapitalistischen Produktionsweise, dass die in den Familien geleistete Privatarbeit zur Reproduktion der Familien und damit der Gesellschaft als Ganzes in diesem Sinne gesellschaftliche Arbeit, aber keine wertbildende ist. Sie gehören der stofflichen Seite der gesellschaftlichen Reproduktion an, ohne die es keine Produktion und Zirkulation des Kapitals gäbe, die aber gleichzeitig kein Teil von dieser ist. Der feministische Einspruch hat daher dann ein merkwürdiges Moment, wenn er den gesellschaftlichen Charakter der Care-Arbeit hervorhebt, als gäbe es eine Instanz, welche – vor allem den Frauen – die Anerkennung dieser Tätigkeit als wirkliche Arbeit vorenthalten würde. Solange die Care-Arbeit privat geleistet wird und nicht zum Tausch, ist sie praktisch wertlos: Sie entspringt weder dem allgemeinen Motiv dieser Gesellschaft, sich zu bereichern, noch ist sie dem Zweck aller ökonomischen Bewegungen im Kapitalismus verpflichtet: der Vermehrung von privatem Reichtum. Sie ist gesellschaftlich, aber geht nicht in den Wertkreislauf, sondern »nur« in den Stoffwechsel der Gesellschaft ein.
Fürsorge als Geschäft
Drittens: Die Existenz staatlicher Pflegeeinrichtungen und Kindergärten, Kranken- und Altenheime zeigt allerdings, dass diese private Care-Arbeit allein nicht ausreicht. Auch diese Institutionen verdanken sich nicht dem Zweck der Geldvermehrung, sondern dem Umstand, dass eine ganze Arbeiterklasse auf sie angewiesen ist, sie als individuelle Leistung allerdings nicht bezahlen kann. Als Dienst am Funktionieren einer modernen Bevölkerung für die Reichtumsproduktion richtet der Staat eine ganze Branche an Diensten der Care-Arbeit ein, die von staatlicher Finanzierung lebt und nicht dem Primat der Geldmacherei untergeordnet ist: Sie leistet die stoffliche Reproduktion der Gesellschaft als Grundlage für die Produktion und Zirkulation des Kapitals. Horte, Krippen und Kindergärten funktionieren selbst nicht als Geschäft, schaffen aber die nötige freie Zeit, damit beide Geschlechter zur Arbeit antreten können. Die flächendeckende Benutzbarkeit beider Geschlechter durch das Kapital hängt entscheidend davon ab, ob die Kleinen betreut und die Alten verwahrt werden. So entlasten auch Pflegeeinrichtungen und Altenheime die Kernfamilie, indem sie sich um siechende und sterbende Verwandte kümmern, und leisten so ihren Beitrag zum modernen Sozialstaat. Die Finanzierung dieser Leistungen für ein modernes Proletariat organisiert der Staat als Zwangskassen, das heißt in der Form von Krankenkassenbeiträgen oder im Falle der Kindergärten aus dem kommunalen Steuereinkommen. Er bedient sich also im einen Fall bei der arbeitenden Klasse und verteilt die Mittel innerhalb dieser um, damit Alte und Kranke versorgt werden können. Zusätzlich bedient er sich der Besteuerung, belastet also das allgemeine Geschäft mit den Kosten, die ein kapitalistisches Gemeinwesen und seine Arbeitsmannschaft brauchen. Gerade dadurch, dass sie nicht dem Primat des Geschäfts unterworfen sind, sind diese Einrichtungen ein Dienst an der kapitalistischen Gesellschaft. Wertbildend ist die Care- und Reproduktionsarbeit also auch hier nicht, sondern Abzug vom von der kapitalistischen Produktionsweise geschaffenen Reichtum. So integriert der Staat einerseits die Reproduktionsnotwendigkeiten seiner arbeitenden Bevölkerung in den wertvermittelten Stoffwechsel, bezahlt also eine große Abteilung an Kranken-, Erziehungs- und Pflegepersonal und treibt dafür einiges an Geld aus dem Geschäft zusammen, das auf seinem Territorium geleistet wird; ohne dass dadurch die Pflege- und sonstigen Fürsorgearbeiten plötzlich wertbildend würden.
Viertens: Es ist dabei das eine, dass längst diverse private Kindergärten, Pflegeanstalten und Krankenhäuser im deutschen Sozialsektor unterwegs sind. Diese leisten, mikroökonomisch betrachtet, was ein Unternehmen in einer kapitalistischen Ökonomie eben ausmacht: Die sind profitorientierte Betriebe, die mit ihrer Dienstleistung einen Gebrauchswert für ihre Kunden anbieten, deren Bedürfnis nach Kindererziehung, Altenpflege oder Gesundheitsleistungen sie für sich zu Geld zu machen wissen. Es ist aber etwas ganz anderes, als dass diese Unternehmen mit ihren Dienstleistungen gesellschaftlich ein Beitrag zum Geschäft sind: Deren Dienstleistungen, von der Operation bei Lungenkrebs bis zum Abstellgleis für Greise, sind für das notorisch arme, weil arbeitende Volk schlicht zu teuer, für die stoffliche Reproduktion der kapitalistischen Gesellschaft aber notwendig – zumindest immer soweit der Staat es als notwendig anerkennt und mit entsprechenden Grenzen. Ganz wie bei der Fürsorgearbeit in kommunaler, ergo staatlicher Hand kommt auch hier das Geld nur in Form zumeist nicht einmal annähernd kostendeckender »Beiträge« von den unmittelbaren »Kunden« und ihren Familien und in der übergroßen Mehrheit wieder von den Sozialkassen und dem Steueraufkommen. In der sozialen Arbeit und der Wohlfahrtsstaatsforschung gibt es dafür den Begriff der »Quasimärkte«. Mit diesem Terminus wird der Umstand adressiert, dass die Profite der Unternehmen sich überhaupt nur daraus ergeben, dass der Staat eine große Umverteilung vornimmt, damit die stoffliche Reproduktion der Gesellschaft funktioniert, obwohl der Stoffwechsel der ganzen Gesellschaft dem Primat der privaten Bereicherung unterworfen wird. Aber selbst die Gewalt des Staates mit seinen Sozialkassen verhindert es nicht, dass die meisten dieser Leistungen, selbst wo sie als Geschäft organisiert sind, nur Abzug von der Wertproduktion sind, um die es in dieser Gesellschaft geht – selbst da, wo private Unternehmen die Care-Arbeit übernehmen.
Fünftens: Zuletzt gibt es noch ganz private und damit dem Geschäft verpflichtete Arbeit, die – je nach Definition – unter das akademische oder aktivistische Verständnis von Care- oder Reproduktionsarbeit fällt: Unternehmer stellen Industrieputzer oder Reinigungspersonal an und lassen Privatwohnungen und Gewerbeflächen von ihnen putzen, Fitnesstrainer und Ernährungsberater stehen in kommerziellen »Gyms« herum und sind zumeist auf die Funktion von Aufsehern über den Maschinenpark reduziert, und dergleichen Beispiele mehr. Dort überall wird Care-Arbeit als klassisches Geschäft organisiert, und die Kapitalisten profitieren davon, dass die Reproduktion ihrer dort angestellten Mannschaften weniger an Wert verschlingt, als sie in Form der körpernahen Dienstleistungen an Wert produzieren. Es ist eben nicht so, dass Care-Arbeit an sich nicht wertbildend ist oder nicht sein kann. Es ist vielmehr so, dass der Produktionsprozess in dieser Gesellschaft dem Primat der Geldvermehrung unterworfen ist, und lauter Reproduktionsaufgaben ganz jenseits dieses Prozesses geleistet werden müssen, weil sich die gesellschaftliche Produktion einem anderen Zweck verschrieben hat als der Reproduktion der Leute.
Privatangelegenheiten
Sechstens: Entsprechend bleibt trotz Geschäft mit Fürsorgeaufgaben und staatlicher Umverteilung einiges bei den Privatleuten hängen. In Form der in der Familie geleisteten Care-Arbeit wird sie immer noch zumeist von Frauen, aber auch zunehmend von Männern geleistet. Sie ist wert- und kostenlos, weil sie nicht für den Austausch produziert wird und das Produkt dieser Arbeit keinen Tauschwert hat, egal wie hoch der Gebrauchswert für die Familien und die Gesellschaft als Ganzes ist. Dieser besteht darin, dass einiges von dem, was nötig ist, damit eine Arbeitskraft eine Arbeitskraft ist und bleibt, innerhalb der Familie geleistet wird. Diese Arbeit schafft keinen Wert, beeinflusst aber den Wert der Ware Arbeitskraft: Ist es historisch beziehungsweise moralisch üblich, dass in einer Gesellschaft zwar eingekauft, aber zuhause gekocht wird, zählt die Produktion von Lebensmitteln zum wertvermittelten Stoffwechsel der Gesellschaft; der Wert der Ware Arbeitskraft inkludiert diese daher. Umgekehrt kennt der globalisierte Kapitalismus auch 2026 ganze Weltregionen, in welcher nichts selbstverständlicher ist, als dass nicht nur Kinderfürsorge und Krankenpflege, sondern auch Teile des Lebensmittelanbaus als Privatarbeit zu leisten sind: so senkt sich der Wert der Ware Arbeitskraft, das heißt der Anteil der Reproduktion der Bevölkerung, der über den wertvermittelten Stoffwechsel der Gesellschaft »reguliert« wird.
Siebentens: Reproduktion ist nicht einfach das marxistische Wort für Care-Arbeit, vielmehr ist Letztere ein Moment Ersterer. Friedrich Engels besteht darauf, dass Produktion und Reproduktion sowohl die Herstellung von Gebrauchsgütern wie auch die Erzeugung von Menschen selbst umfasst.² Das ist naheliegend, produziert doch auch die Hausarbeit Gebrauchsgüter, wie auch die industrielle Produktion mit der Herstellung von Lebensmitteln zur Reproduktion der Bürger beiträgt. Es wirft allerdings die Frage auf, wie sich Produktion und Reproduktion überhaupt begrifflich unterscheiden lassen. In einer Produktion zum Zweck der Bedürfnisbefriedigung, das heißt aus dem Motiv der Reproduktion heraus, fällt beides zusammen: Es wird aus keinem anderen Grund produziert beziehungsweise angebaut, als dass die Produkte der Arbeit dem Leben dienen. Der Zweck der Produktion ist (erweiterte) Reproduktion. Reproduktion ist daher ein Prozess- und kein Sphärenbegriff. Das Auseinanderfallen von Produktion und Reproduktion in der kapitalistischen Ökonomie verdankt sich der staatlichen Setzung des Privateigentums. Wo für den Zweck der Kapitalvermehrung produziert wird, ist unklar, inwiefern die Produktion den Notwendigkeiten der Reproduktion gerecht wird. Das gilt individuell (mikroökonomisch): Ein Lohn wird danach berechnet, zu welchem Preis sich eine Arbeitskraft für die vorgesehene Arbeit findet; ob und inwiefern dieser für ihre Reproduktion ausreicht, ist des Arbeiters Privatangelegenheit und geht den Unternehmer nichts an. In modernen Arbeitsverhältnissen betrifft das beispielsweise eine ganze Abteilung an »Frauenberufen«, die massenhaft in Teilzeit tätig sind und so praktisch erfahren, dass Produktion und Reproduktion in einer Ökonomie des Geldes auseinanderfallen. Und es gilt gesellschaftlich (makroökonomisch): Wo für den Zweck der Wertvermehrung produziert wird, ist die Reproduktion der Gesellschaft ungewiss. Das betrifft erstens die Wiederherstellung der Arbeiterklasse, die sich überhaupt nicht aus dem Zweck der Produktion ergibt. Ein ganzer Sozialstaat wird eingerichtet, damit das gewährleistet wird. Zweitens ist eine Reihe privat geleisteter Arbeiten notwendig: eben die Familien- und Fürsorgearbeit. Drittens gilt das auch für die natürlichen Ressourcen und damit für den Planeten als Ganzen, der als Grundlage einer Produktion vernutzt wird, deren Zweck die Vermehrung von Eigentum und nicht die Reproduktion ihrer Mitglieder ist.
Falsche Trennung
Achtens: Auf der Grundlage des staatlich garantierten Eigentums zerfällt die kapitalistische Gesellschaft an der Oberfläche in zwei Bereiche: Auf der einen Seite befindet sich die »Sphäre der Produktion«, die als öffentliche Sphäre gilt, gerade weil sie ein Dienst am Eigentum ist. Umgekehrt gilt die »Reproduktionssphäre« als Privatangelegenheit, weil sie nur Voraussetzung, aber nicht Modus der privaten Bereicherung ist. Das ist sachgerecht für eine Ökonomie des Geldes und darin eine einzige Zumutung. So sehr die Reproduktion zur Privatsache erklärt wird, so wenig kann zumindest die Klasse, die Arbeit nicht als Dienst an ihrem Eigentum ins Werk setzt, sondern diese Arbeit leistet, sich von dem Lohn für diese Arbeit allein reproduzieren. Der Staat ist daher nicht nur Voraussetzung einer Privat- respektive Reproduktionssphäre, sondern auch die Instanz, die sie permanent zum Gegenstand der politischen, also öffentlichen Betreuung macht: Anders können sich die Arbeitskräfte gar nicht reproduzieren. In diesem Sinne ist das Geschwätz von der »Produktions-« und der »Reproduktionssphäre« einerseits naheliegend, weil tatsächlich lauter Tätigkeiten innerhalb einer Ökonomie des Privateigentums als privat gelten, die gesellschaftlich notwendig sind. Andererseits bleibt es dennoch Ideologie: So sehr die Fabriken dem Zweck der Eigentumsvermehrung verpflichtet sind, so sehr leisten sie mit der Produktion der Waren dennoch ihren Beitrag zur (erweiterten) Reproduktion der Bürger. Weil das Motiv dieser Produktion allerdings der Dienst am Wachstum des Privateigentums ist, leistet die Produktion allein nicht alles, was zur Reproduktion notwendig ist: Besonders die Care- und Fürsorgearbeit – aber auch andere Notwendigkeiten wie der Erhalt der natürlichen Grundlagen – müssen jenseits des Dienstes am Privateigentum geleistet werden, sei es privat in den Familien oder staatlich als Faux frais der Produktion. Damit ist die kostenlose Care- und Reproduktionsarbeit ein Moment der kapitalistischen Vergesellschaftung; sie hat ihren Grund im Privateigentum und im Auseinanderfallen von Produktion und Reproduktion im Kapitalismus.
Neuntens: Die leidige Debatte, ob es sich moralisch gehört, die Frage der Care-Arbeit unter die Klassenfrage zu subsumieren, ist damit praktisch beantwortet: Es ist eine Folge des Privateigentums, dass Produktion und Reproduktion auseinanderfallen. Leidig ist die Debatte, weil daraus moralisch nichts folgt: Das Elend keiner Hausfrau und keines Hausmanns ist dadurch gelindert, dass es eine abgeleitete Größe aus der politischen Ökonomie des Kapitalismus ist, und keine persönliche Abhängigkeit ist dadurch weniger schäbig. Politisch folgt daraus aber durchaus etwas: Wer sich daran stört, dass es reihenweise gesellschaftlich notwendige Arbeiten gibt, die privat geleistet werden, hat eine andere Gegnerbestimmung als den Partner: Er steht einer politischen Ökonomie samt politischer Gewalt gegenüber, die sie einrichtet.
Anmerkungen
1 »Das Geschwätz über die Notwendigkeit, den Wertbegriff zu beweisen, beruht nur auf vollständigster Unwissenheit, sowohl über die Sache, um die es sich handelt, als die Methode der Wissenschaft. Daß jede Nation verrecken würde, die, ich will nicht sagen für ein Jahr, sondern für ein paar Wochen die Arbeit einstellte, weiß jedes Kind. Ebenso weiß es, daß die den verschiednen Bedürfnismassen entsprechenden Massen von Produkten verschiedne und quantitativ bestimmte Massen der gesellschaftlichen Gesamtarbeit erheischen. Daß diese Notwendigkeit der Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit in bestimmten Proportionen durchaus nicht durch die bestimmte Form der gesellschaftlichen Produktion aufgehoben, sondern nur ihre Erscheinungsweise ändern kann, ist self-evident. Naturgesetze können überhaupt nicht aufgehoben werden. Was sich in historisch verschiednen Zuständen ändern kann, ist nur die Form, worin jene Gesetze sich durchsetzen. Und die Form, worin sich diese proportionelle Verteilung der Arbeit durchsetzt in einem Gesellschaftszustand, worin der Zusammenhang der gesellschaftlichen Arbeit sich als Privataustausch der individuellen Arbeitsprodukte geltend macht, ist eben der Tauschwert dieser Produkte.« (MEW 32, S. 552 f.).
2 »Nach der materialistischen Auffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte: Die Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens. Dieses ist aber selbst wieder doppelter Art. Einerseits die Erzeugung von Lebensmitteln, von Gegenständen der Nahrung, Kleidung, Wohnung und den dazu erforderlichen Werkzeugen; andererseits die Erzeugung von Menschen selbst, die Fortpflanzung der Gattung« (MEW 21, 27 f.).
→ Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um einen vom Autor leicht überarbeiteten Vortrag, der im Rahmen des selbstverwalteten linken AMS-Festivals 2026 am 21. August im Schwarzwald gehalten wurde. (jW)
→ Peter Schadt schrieb an dieser Stelle zuletzt am 4. August 2026 über Werttheorien: »Vom sachlichen Reichtum getrennt«.
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rote Zora 16. Sept. 2026 um 04:02 UhrDer Autor schreibt: »Nach zwei Seiten hin ist die Arbeit gesellschaftlich bestimmt: Sie ist es nach Seiten des Produktes, weil dieses für andere hergestellt wird, wie auch nach Seiten des Produzierens – sie ist Teil der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und ohne die Gesellschaft – etwa den Stand der Wissenschaft, aber auch Infrastruktur und Bildung, Kindererziehung und Pflege – nicht möglich.« Was soll an der Arbeit »gesellschaftlich« sein, wenn der Sozialstaat die Reproduktion der Arbeiterklasse sicherstellen soll? Dies ist eine Verwässerung von Begriffen: Erstens ist es der bürgerliche Staat, der – wie vom Autor auch daraufhin erwähnt – die Reproduktion dieser per Zwangskasse sicherstellt, und nichts »Gesellschaftliches«. Zum anderen ist es schon sehr fraglich, ob es wirklich so ist, dass Reproduktion sichergestellt wird, wenn die Lebenserwartung sinkt, Produkte ungenießbar werden oder Pflegeplätze so teuer werden, dass man hier von »aktiver Sterbehilfe« sprechen kann. Vielmehr ist es die Tatsache, wie ja eigentlich auch vom Autor erwähnt, dass der Sozialstaat mittlerweile als Geschäft organisiert ist, was den Widerspruch hat, die Reproduktion zu sichern, dieser aber auch zuwiderläuft bzw. sie untergräbt, weil sie – wenn auch nicht »produktiv« in dem Sinne – als Geschäft organisiert ist. Man sollte darüber hinaus dem Ganzen nicht mehr unterstellen, als es ist: Ob Pflege der Reproduktion dient, wegen Entlastung der Arbeiterklasse, ist fraglich: Also ob sich noch wer um die Alten kümmern würde, gäbe es die Zwangskasse nicht? Dann kümmert sich halt keiner, und sie sterben weg, wenn auch schleichend, wie es ja auch tatsächlich schon der Fall ist. Oder es werden umgekehrt halt einfach keine Kinder mehr gezeugt bzw. geboren.
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Joachim Seider aus Lychen 15. Sept. 2026 um 09:04 UhrWie gewohnt äußert sich Peter Schadt tiefgründig zu einer sehr aktuellen politökonomischen Frage: Ist Marxens Arbeitswerttheorie in sich geschlossen oder doch nicht ganz vollständig? Marx beim Schlafittchen packen zu können, indem man ihm Unvollständigkeit seiner Theorie nachweisen kann: Das wäre ein gefundenes Fressen für alle die, denen seine dialektisch-materialistische Methode ohnehin zum Halse heraushängt. Da ist es gut, wie sich Peter Schadt um Marxens Verteidigung kümmert. Es ist klar: Wenn wir uns das Marxsche Verständnis nehmen lassen, dann sind wir dem allseits grassierenden Pragmatismus hilflos ausgeliefert. Die Anhänger der Care-Theorie unterstellen, Marx hätte eine ganz grundlegende Theorie der Arbeit formulieren wollen. Marx aber untersucht in seiner Arbeitswerttheorie lediglich jenen Teil der gesellschaftlichen Arbeitswelt, der die materiellen Grundlagen für die Existenz und die Entwicklung der Gesellschaft hervorbringt: Die materielle Produktion. Und zwar darum, um zu verstehen, wie die Warenproduktion funktioniert, welche Gesetze in ihr herrschen und welche Konsequenzen sich daraus für die Gesellschaft insgesamt ergeben. Marx betont, dass Kapital gleichgültig ist gegenüber dem Gebrauchswert. Er konzentriert sich auf das, was das Kapital wirklich interessiert: den Wert und den Mehrwert. Das ist keine Abwertung des anderen Teiles der Arbeit. Natürlich ist auch sie untersuchens- und beachtenswert. Marx konzentriert sich auf jenen Teil der Arbeit, der aus politökonomischer Sicht prägend für die Entwicklung ist, um das Kapital verstehen zu können. Und dem ist die Care-Arbeit egal: Aus ihr lässt sich kein Profit schöpfen. Dass aus dieser Geringschätzung durch das Kapital Minderwertigkeitskomplexe für Marxens theoretische Analyse abzuleiten wären, richtet die Kritik an die völlig falsche Adresse: Die Geringschätzung zeigt das Kapital und nicht Marxens Analyse.
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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