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Das Netz im Sumpf
Zwangsabstieg? Aberkennung von Titeln? – Fußballklub Manchester City wird wegen »Pseudoverträgen« mit Sponsoren von unabhängiger Untersuchungskommission für schuldig befunden
Schuldig in 114 von 115 Anklagepunkten. Das ist das Ergebnis einer unabhängigen Untersuchungskommission, die im Auftrag der englischen Premier League weitreichende Vorwürfe gegen den Fußballklub Manchester City untersucht hatte. Demnach soll der Klub ein vielfältig operierendes Netz an »Pseudoverträgen« mit einer Reihe von Sponsoren geschlossen haben, um die wirkliche finanzielle Situation von Manchester City vor der Premier League und dem englischen Fußballverband zu verschleiern.
Dabei soll Manchester City in großem Stil gegen »Financial Fair Play«-Regeln verstoßen und auch die Untersuchungskommission selbst durch Lügen und Verzögerungstaktiken zu täuschen versucht haben. Die Rede ist außerdem von gefälschten Bilanzen und der Gründung von Scheinfirmen, unter anderem zur Vermarktung der Bildrechte von Spielern, in großem Stil. Laut Angaben der Premier League, die bislang nur eine in Teilen geschwärzte und stark gekürzte Version des Urteils der Untersuchungskommission veröffentlicht hat, soll es um Diskrepanzen in Höhe von 900 Millionen Pfund Sterling gehen. Laut Ansicht der Kommission sahen sich die Verantwortlichen bei City zu den Betrügereien gezwungen, um Ende der 2000er Jahre die Entstehung einer Schuldenspirale aufgrund der hohen Spielerkosten zu vermeiden. Es ist der größte Skandal im englischen Fußball seit langer Zeit, der sich allerdings schon seit Jahren angebahnt hat, nicht zuletzt durch Enthüllungen im Spiegel.
Der Klub Manchester City hat inzwischen Berufung gegen das Urteil eingelegt. Er bestreitet alle Anklagepunkte. In einem offenen Brief vom 26. September schrieb Klub-Chairman Khaldoon Al Mubarak nebulös von »vielen«, die »das Momentum unseres Klubs untergraben wollen«. Mubarak ist nicht nur der Chairman von Manchester City, sondern auch der »City Football Group«, welche neben Manchester City auch weitere »Cities«, also Fußballklubs, besitzt: New York City, Mumbai City und Melbourne City. All dies im Auftrag der Regierung Abu Dhabi und Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan, dem Vizepräsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate. Mubarak selbst ist neben seinen privatwirtschaftlichen Aktivitäten auch ein offizieller Akteur der Regierung von Abu Dhabi unter Scheich Mansour, und nimmt für diese verschiedene leitende Aufgaben wahr. Politik und Wirtschaft sind in Abu Dhabi – wie allerdings in den allermeisten anderen Weltgegenden auch – kaum zu trennen. Unter anderem hat Mubarak auch für die staatliche Ölgesellschaft von Abu Dhabi gearbeitet. Gleichzeitig hat er private Bergbauinteressen in Kolumbien.
Scheich Mansour ist Eigentümer der Abu Dhabi United Group (ADUG). Sie lenkt seit dem Jahr 2008 die Geschicke von Manchester City – und ist daneben zu einem der größten Immobilieninvestoren in der nordenglischen Metropole geworden. Mit dem Skandal um Manchester City steht zunehmend das Verhältnis der ADUG und der Stadtverwaltung von Manchester im Rampenlicht. Das betrifft auch direkt den neuen Premierminister des Vereinigten Königreichs, Andy Burnham. Denn der war in Manchester langjähriger Bürgermeister, und politischer Profiteur des durch arabische Petromilliarden befeuerten Baubooms in der Stadt.
Die ADUG hatte über lange Jahre privilegierten Zugang zu Bauflächen in Manchester, um diese profitträchtig zu »entwickeln«. Ihr kam dabei zugute, dass dieses Bauland großteils in Gegenden lag, die bereits einen jahrzehntelangen Niedergang hinter sich hatten. Es handelte sich um brach liegende Industriegebiete im Osten Manchesters sowie Wohngegenden, welche von den ärmsten Teilen der Stadtbevölkerung bewohnt wurden. Die ADUG konnte diese Gebiete billig von der Stadt erwerben. Sie liegen mehrheitlich in fußläufiger Entfernung zum »City of Manchester«-Stadion, der Spielstätte von Manchester City. Ein Stadion übrigens, welches mit öffentlichen Geldern der Stadtverwaltung ursprünglich anlässlich der Commonwealth Games errichtet worden war.
In Manchester selbst wird diese Entwicklung nicht nur positiv gesehen. Zwar wird die Innenstadt nun durch eine beeindruckende Wolkenkratzer-Skyline beherrscht. Doch jene Menschen, die in den so frisch aufgewerteten Armutsgegenden lebten, hatten nur bedingt etwas davon. Die ADUG war nicht verpflichtet, sozialen oder »bezahlbaren« Wohnbau zu leisten. Heute leben in den Wolkenkratzern hauptsächlich »Young Professionals«, die in den dazugehörigen »White Collar«-Jobs arbeiten. Menschen aus ärmeren, nicht akademisch geprägten Bevölkerungsgruppen werden zunehmend an den Rand des Großraums gedrängt. Die Stadtverwaltung Manchesters sieht jedoch genau darin bis heute einen ihrer größten Erfolge. Ohne den Verkauf des Baulandes in den betreffenden Gegenden an Scheich Mansour weit unter Wert, hätte es eine Regeneration großer Teile Manchesters nie gegeben, und auch die Wirtschaftskraft Manchesters hätte sich nie von der seit den 1960er Jahren wellenförmig voranschreitenden Deindustrialisierung erholen können, so die immer wieder vorgetragene Argumentation der Labour-Administration der Stadt.
All dies wird für Burnham nun trotzdem zum Problem. Am 30. September sagte er in Medieninterviews, er sei »wirklich besorgt« darüber, was passieren könne, wenn die Eigentümer von Manchester City in Folge der Schuldsprüche zum Verkauf des Klubs gezwungen sein würden. Hinzu kommt, dass auch aus Abu Dhabi inzwischen Drohkulissen aufgebaut werden. Von dort heißt es, man denke über den Rückzug von Investitionen aus dem Vereinigten Königreich nach – was insbesondere für Manchester eine Hiobsbotschaft bedeuten würde, da große Teile der dortigen Wirtschaft längst strukturell abhängig von den Geldern aus den Vereinigten Arabischen Emiraten sind. Das weiß auch Andy Burnham, der laut einem Bericht des Londoner Guardian einen seiner ersten Dienstanrufe als frisch berufener Premierminister bei Scheich Mansour getätigt hatte.
Zu einem Umdenken führt das aber nicht. Im Gegenteil wird dasselbe Entwicklungsmodell an anderer Stelle unter anderen Vorzeichen weiter forciert. Old Trafford, die sanierungsbedürftige Heimstätte von Manchester United, soll in den kommenden Jahren durch ein auf 100.000 Sitzplätze ausgelegtes neues Stadion ersetzt werden. Dessen wenig origineller Name: »New Trafford«. Eine der letzten Amtshandlungen von Andy Burnham als Bürgermeister war es, in der von dem Neubau betroffenen Gegend ein städtisches Entwicklungsgebiet auszurufen, um gegebenenfalls Enteignungen für Bauland möglich zu machen. Eigentümer der größten Teile des Geländes ist aktuell der US-amerikanische Private-Equity-Konzern Blackstone, der nun auf massive Wertsteigerungen hoffen darf. Die Kapitalinteressen sind andere als im Fall von City, aber die Methode ist die gleiche.
Welche Konsequenzen für Manchester City aus den Untersuchungen der Premier League entstehen, steht derweil noch in den Sternen. Spekuliert wird über ein breites Spektrum von Zwangsabstieg bis zur Aberkennung aller unter der Leitung der ADUG erworbenen Titel. Dagegen wird sich Abu Dhabi mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln wehren, einschließlich wirtschaftlicher Erpressung.
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