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Aus: Ausgabe vom 12.04.2022, Seite 5 / Inland
Onlineriese

Acht Jahre Arbeitskampf

Amazon-Beschäftigte bestreiken erneut Standorte in Rheinberg und Werne – für bessere Löhne und Gesundheitsschutz
Von Ralf Wurzbacher
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Lassen nicht locker: Kollegen beim Internetgiganten im Versandhandel

Ein großes Ziel erfordert einen langen Atem. »Unser erster Streik war der 3. Juni 2014«, sagte Tim Schmidt, Gewerkschaftssekretär bei Verdi in Nordrhein-Westfalen. Als er am Montag morgen mit junge Welt telefoniert, hält er am Logistikzentrum DUS2 des Onlineversandhauses Amazon in Rheinberg im Nordwesten des Ruhrgebiets die Stellung. Hier und im 70 Kilometer weiter östlich gelegenen Werne sind Beschäftigte des US-Konzerns bis einschließlich Gründonnerstag aufgerufen, ihre Interessen mit einem befristeten Ausstand durchzusetzen. Seit einer gefühlten Ewigkeit kämpfen sie dafür, dass der Internetgigant die Flächentarifverträge des Einzelhandels in NRW und gesonderte Bestimmungen für »gute und gesunde Arbeit« anerkennt.

Bisher hat Amazon noch jeden der bundesweit inzwischen in die Hunderte gehenden Arbeitskämpfe auf Gutsherrenart ausgesessen. »Die Bosse kokettieren ja gerne damit, ein Glatteis wäre allemal schlimmer ein Streik«, bemerkt Schmidt. »Das ist natürlich Quatsch und kann nicht darüber hinwegtäuschen, wie der Druck auf den Konzern steigt – bei uns in Deutschland und anderswo in der Welt«. Nach Auskunft des Verdi-Manns lassen seit Sonntag abend um 21.30 Uhr zwischen 400 und 500 Werktätige die Arbeit ruhen, was einem Viertel der 1.800-köpfigen Belegschaft entspricht. »Das bringt die Abläufe empfindlich durcheinander und provoziert erhebliche personelle Umschichtungen«, weiß der Gewerkschafter. »Es sind jetzt schon Pakete liegengeblieben und nicht rechtzeitig beim Kunden gelandet.«

Hierzulande weigert sich Amazon seit Jahren, seinen Beschäftigten die für den Einzelhandel übliche Vergütung zuzugestehen, von einem eigenen Tarifvertrag ganz zu schweigen. Statt dessen werden sie mit den schlechteren Löhnen des Logistiksektors abgespeist. In Übersee sei es gerade umgekehrt, sagt Philip Keens, der für Verdi am Standort DTM1 in Werne den Streik mitkoordiniert. »In den USA wird im Handel weniger bezahlt, weshalb Amazon da dann prompt kein Logistiker mehr sein will.« Das Verwirrspiel perfekt macht der Umstand, dass der deutsche Konzernableger seit zwei Jahren dem Handelsverband Deutschland (HDE) angehört, womit seine Zugehörigkeit zu der Branche praktisch verbrieft ist. Freilich hat das Unternehmen nur eine Mitgliedschaft »ohne Tarifbindung« (OT) inne. Nicht nur hält es damit seine eigenen Leute klein. Als HDE-Mitstreiter mischt es quasi als U-Boot in Feindesland beim Verdrängungs- und Vernichtungswettbewerb im Einzelhandel mit, der sich ja gerade durch den Vormarsch der Onlinekonkurrenz immer mehr verschärft.

Solange es den Profit steigert, ist Amazon jedes Mittel recht. So berichten die beiden Gewerkschafter von »Repressalien«, die Kollegen drohen, die sich an Arbeitskampfmaßnahmen beteiligen. »Viele haben einfach Angst, ihren Job zu verlieren, allen voran diejenigen mit befristeten Verträgen«, sagt Schmidt. »Das kriegst du einfach nicht aus den Köpfen raus.« Deshalb würden auch längst nicht sämtliche Verdi-Mitglieder beim Ausstand mitmachen. »Wenn wir alle Organisierten aus dem Betrieb rausholen könnten, dann wäre die Bude zu«, meint Keens. Wie in Rheinberg gibt es auch in Werne rund 1.800 Beschäftigte. Davon bleiben am Montagvormittag etwa 350 ihrem Arbeitsplatz fern. Gleichwohl glaubt Keens, dass derlei Aktionen »massive Auswirkungen« auf die Betriebs- und Vertriebsprozesse haben.

Schon Anfang März hatte Verdi die Belegschaften sechs deutscher Standorte zum Streik aufgerufen, auch damals waren Rheinberg und Werne mit dabei. »Das beweist, wie ernst es die Leute hier meinen«, freut sich Keens. Ansporn würden auch Erfolge andernorts in der Welt geben. Erst Anfang April hatten Mitarbeiter eines Lagers in Staten Island im Bundesstaat New York mehrheitlich für die Gründung einer innerbetrieblichen Gewerkschaftsvertretung gestimmt – ein Novum in den USA. Erwartungsgemäß fährt Amazon alle juristischen Geschütze auf, um das Votum zu annullieren. Keens ist sich trotzdem sicher: »Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir unsere Forderungen durchsetzen.« Nach acht Jahren Kampf wäre das fraglos verdient.

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