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Recht auf Wohnen

Das Modell Burnham

Der britische Premierminister war lange Bürgermeister von Manchester. Die einstige Industriemetropole ist heute von Gentrifizierung und Verdrängung geprägt

Foto: Florian Scheible
Berlin-Friedrichshain, Julian: 150 Quadratmeter, 5 Prozent

Mit dem Aufstieg Andy Burnhams zum britischen Premierminister ist die nordenglische Großstadt Manchester auch international in das Blickfeld öffentlichen Interesses gelangt. Denn Burnham wird nachgesagt, dort als Bürgermeister die Obdachlosigkeit bekämpft zu haben. Und tatsächlich hat er während seiner Amtszeit von 2017 bis 2026 relativ großzügige Geldmittel an Vereine und private Wohlfahrtsorganisationen verteilt, die sich in der Stadt um Wohnungslose kümmern. Viel wesentlicher aber war Burnhams Rolle bei der Organisation des gigantischen Baubooms, den Manchester in den vergangenen zehn Jahren erlebt hat. Von diesem hatten lohnabhängige Menschen relativ wenig, er nützte aber staatlichen und spekulativen privatwirtschaftlichen Interessen um so mehr.

Der Bauboom und Burnhams Rolle darin können jedoch nicht als isolierte Phänomene betrachtet werden. Sie sind eingebunden in die Entwicklungsgeschichte Manchesters als das industrielle Zentrum des britischen Empire. Der Aufstieg dieser Stadt zur inoffiziellen zweiten britischen Hauptstadt außerhalb Londons ist untrennbar mit Kolonialismus und Sklavenhandel verknüpft. Hier entstanden die Industrien, welche die von anderen Weltteilen geplünderten Güter weiterverarbeiteten. Die gesamten hier seit dem 18. Jahrhundert errichteten Infrastrukturen waren darauf ausgerichtet.

Mit dem wirtschaftlichen und politischen Abstieg des Empire spätestens seit Ende des Zweiten Weltkriegs brach auch die wirtschaftliche Basis der Stadt in sich zusammen. So wird erzählt, dass Manchester mit Trafford Park im 19. Jahrhundert das weltweit erste große zusammenhängende Industriegebiet entwickelt hatte. Doch bis in die 1980er Jahre gingen in der Metropolregion Manchester buchstäblich Hunderttausende Industriejobs verloren. Davon hat sie sich bis heute nicht erholt. Die maroden, leerstehenden Fabrikgelände wurden aber zu lukrativem Baugrund. Das machte sie für transnationale, in Grundbesitz und Wohneigentum investierende spekulative Kapitalinteressen interessant.

Erst Industriezentrum

Doch auch die Arbeiterklasse Manchesters war von Beginn an transnational. Sie setzte sich aus Personengruppen aus allen Teilen des Empire zusammen und kämpfte immer wieder auch militant für ihre Rechte. Sie zu befrieden wurde nach Ende des Zweiten Weltkriegs eine Hauptaufgabe der hier sehr starken Sozialdemokratie. In den 1960er Jahren entstanden riesige kommunale Sozialwohnungsgebiete an den Rändern der Metropole. Diese sogenannten Gartenstädte – darunter zum Beispiel Wythenshawe in der Nähe des Flughafens von Manchester – waren zeitweise die europaweit größten kommunalen Wohnbaugebiete ihrer Art. Zehntausende erhielten hier Zugang zu Wohnhäusern mit eigenem Garten auf Mietbasis. Zwei Jahrzehnte später machte die neoliberale konservative Premierministerin Margaret Thatcher den hier lebenden Menschen ein vergiftetes Angebot: Kauft euch eure Häuser, werdet von kommunaler und staatlicher Bevormundung unabhängig. Viele gingen darauf ein und legten so die Grundlage für die Privatisierung des sozialen Wohnbaus in England.

Möglich war dies auch, weil die in Manchester regierende Labour-Partei Thatchers Spiel mitmachte. Dabei stand die Labour-Partei Manchesters bis Mitte der 1980er Jahre unter starkem politischen Druck verschiedener sozialer Bewegungen, die sich aus den Gewerkschaften, der Frauenbewegung, der queeren Bewegung und antirassistischen Kämpfen speisten. Sie alle forderten von Labour Widerstand gegen Thatchers Kürzungspolitik. In Liverpool verweigerte eine linke Stadtregierung die Umsetzung von Kürzungsplänen und erkämpfte im Gegenteil den Bau neuer kommunaler Sozialwohnungen. Zeitweise sah es so aus, als ob Manchesters Stadtregierung einen ähnlichen Pfad einschlagen würde. Doch als Thatcher im Jahr 1987 zum dritten Mal wiedergewählt wurde, kapitulierte Manchesters Labour-Partei. Aus Widerstand gegen den Neoliberalismus wurde Kooperation. Und Manchester wurde zum Labor einer neuen prokapitalistischen Kommunalpolitik, aus der schließlich der international ausstrahlende Neoliberalismus von »New Labour« unter dem ab 1997 regierenden sozialdemokratischen Premierminister Tony Blair hervorgehen sollte. Andy Burnham ist das ideologische Kind dieser Zeit.

Dann Experimentierfeld

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Es war die Stadt Manchester, in der erstmals »Public Private Partnership«-Projekte zum Bau neuer Gebäude und später ganzer Stadtteile ausprobiert wurden. Kooperierte die Kommune von Manchester hier zunächst mit den Tories, wurden diese Experimente später britannienweit durch die Regierungen unter der Führung Blairs ausgerollt. Als ab 2010 wieder konservative Regierungen in Großbritannien das Sagen hatten, arbeitete Manchester gut mit diesen zusammen, etwa bei der Eröffnung sogenannter Investitionszonen, die den Fluss ausländischen Kapitals zur Erschließung neuer Baugebiete erleichtern sollten. Der konservative Premierminister David Cameron stellte sogar eine eigene Gruppe von Beamten bereit, um der Stadtverwaltung dabei zu helfen, den Standort Manchester für ausländisches spekulatives Baukapital zu öffnen. Besonders enge Kontakte wurden mit Investmentfonds im Eigentum von Ölscheichs aus Abu Dhabi, Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, geflochten.

Eine wichtige Rolle spielt hier Scheich Mansour bin Sajed Al Nahjan. Er ist Vizepräsident der Vereinigten Arabischen Emirate. Über seine Firma, die Abu Dhabi United Group for Development and Investment (ADUG), kontrolliert er mit dem Manchester City FC nicht nur einen der weltweit wertvollsten Fußballklubs, sondern hat in den vergangenen Jahren immer wieder in prestigeträchtige Bauprojekte in Manchester investiert. Im Jahr 2015 sicherte die Stadtregierung von Manchester der ADUG das »Recht auf erste Ablehnung« für alle Bauprojekte zu, die auf Böden im Besitz der Kommune angedacht waren. Außerdem verkaufte und verpachtete die Stadt Manchester ihre Baugründe an Scheich Mansour zu besonders günstigen Konditionen. Bis heute wird der Scheich in der Stadt hofiert, seine Rolle bei der Niederschlagung von Demokratiebewegungen im Nahen Osten wird ignoriert.

Hotspot der Gentrifizierung

Als Bürgermeister sorgte Andy Burnham zusätzlich dafür, dass sich die ADUG beim Bau neuer Wohnungen und Stadtteile nicht zur Errichtung von Sozialwohnungen oder sogenannten leistbaren Wohnungen verpflichten musste. So begannen bis heute andauernde Verdrängungs- und Gentrifizierungsprojekte. Während nicht zuletzt aufgrund der umfangreichen Bautätigkeit durch die ADUG die Einwohnerzahl in der Innenstadt Manchesters in den vergangenen beiden Jahrzehnten von 10.000 Einwohnern auf 100.000 Einwohner angewachsen ist, befanden sich Anfang 2020 knapp 100.000 Haushalte im Großraum Manchester auf Wartelisten für sozialen Wohnraum. Eine Zahl, die im Vergleich zum Ende der 1990er Jahre um 98 Prozent angestiegen war.

Auf dem Gelände des inzwischen großteils ehemaligen Industrieparks Trafford soll dieses Modell nun wiederholt werden. Und wieder sollen Fußball und der Neubau ganzer Stadtteile zusammengebracht werden. Dieses Mal allerdings in Form einer Mischung aus britischem Petrokapital, personifiziert durch den Ineos-Chef und Manchester-United-Besitzer Jim Ratcliffe, und dem US-amerikanischen Private-Equity-Konzern Blackstone, der seit 2023 große Geländeteile von Trafford besitzt.

Im Jahr 2024 kündigte der Fußballklub Manchester United den für die kommenden Jahre geplanten Abriss des »Old Trafford«-Stadions und den Neubau einer gigantischen neuen Arena an, in der 100.000 zahlende Kunden Platz finden sollen. Eingebettet soll dies in einen neuen Unterhaltungs- und Gastronomiekomplex werden, um den herum zusätzlich neue Wohnhäuser gebaut werden sollen. Andy Burnham, zu diesem Zeitpunkt noch Bürgermeister, wurde Teil einer aus Stadtpolitik und privaten Wirtschaftsinteressen zusammengesetzten Expertenkommission, die seither daran arbeitet, diese Pläne in konkrete Form zu gießen.

Eine der letzten Maßnahmen Burnhams als Bürgermeister war es, die betroffene Gegend formal zu einem städtischen Entwicklungsgebiet zu machen, dessen Entwicklung nun einer ebenfalls städtischen Entwicklungsgesellschaft obliegt. Diese hat die Möglichkeit, Land zwangsweise zu enteignen, sollten sich Grundeigentümer den neuen Plänen verweigern. Das ist durchaus bedeutsam, denn Blackstone und Manchester United besitzen zwar bereits große Flächen vor Ort, aber noch nicht alles. Nun können deren Interessen notfalls auch zwangsweise durchgesetzt werden. In Fernsehansprachen redete Burnham davon, Manchester so zur weltweit größten Fußballmetropole machen zu wollen. Von sozialem Wohnraum sprach er dabei nicht. Wieder einmal.

Christian Bunke ist regelmäßiger ­Autor der jungen Welt
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Erschienen in der Beilage vom 16.09.2026, Seite 7, Kapital & Arbeit

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