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Socke am Po
Harry Potter spielt Quidditch, in seiner entzauberten Variante heißt der Sport Quadball
Die Leser dieses Textes teilen sich zwangsläufig in zwei Gruppen: diejenigen, die Harry-Potter-Bücher kennen, und diejenigen, die das nicht tun. Letztere mögen sich fragen, was Harry Potter auf der Sportseite der jW überhaupt zu suchen hat. Nun, es gibt in den Harry-Potter-Büchern einen Sport namens Quidditch, der auf fliegenden Besen und mit magischen Bällen gespielt wird. Seit gut 20 Jahren wird dieser Sport auch in einer entzauberten Variante betrieben.
Ein erstes Quidditchspiel in der realen Welt wurde 2003 bei einer Harry-Potter-Convention in Florida organisiert. Ein paar Regeländerungen später hatte sich das Spiel als US-College-Sport etabliert. 2007 wurde die Intercollegiate Quidditch Association (IQA) gegründet, die drei Jahre danach in International Quidditch Association umbenannt wurde. Mittlerweile gibt es rund 40 nationale Verbände.
Die Regeln des Spiels sind nicht einfach. Alle Details zu erklären, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Beschrieben wird Quadball in der Regel als Kombination aus Rugby, Handball und Völkerball. Das Rugby-Element ist das stärkste, weil es Spielanlage und Körperkontakt betrifft. An Handball denkt man, weil das Spielgerät (ein schlecht aufgepumpter Volleyball) ähnlich wie im Handball geworfen wird. Völkerball rückt ins Bild, weil drei andere Bälle dazu verwendet werden können, Spieler des gegnerischen Teams kurzzeitig außer Gefecht zu setzen. Gepunktet wird, wenn der Volleyball in einen von drei Ringen geworfen wird, die sich auf einem 60 Meter langen und 33 Meter breiten Feld gegenüberstehen.
Dass sich die Spieler in Jäger, Hüter und Treiber aufteilen, werden Harry-Potter-Leser wissen. Die anderen dürfen das so zur Kenntnis nehmen. Ebenso wie die Tatsache, dass beide Teams nach 20 Minuten jeweils einen Sucher einwechseln. Die Aufgabe der Sucher besteht darin, dem kurz zuvor ins Spiel gebrachten, neutralen »Flag Runner« eine Socke mit einem Tennisball vom Hintern zu reißen, um das Spiel zu beenden. Auch dafür gibt es Punkte.
Bei allen Aktionen muss auf einer Art Besen geritten werden, der heute in der Regel aus einer einen Meter langen Plastikstange besteht, die man ständig zwischen den Beinen behalten muss. Sieht gewöhnungsbedürftig aus, und Beobachter sparen nicht mit Kommentaren wie »Eigentlich ein nettes Spiel, wenn nur der olle Stab nicht wäre«, aber: Wurzeln sind Wurzeln.
Wobei, so einfach ist das mit den Wurzeln des Spiels nicht. Seit 2022 heißt der real existierende Wettkampfsport nicht mehr Quidditch, sondern Quadball. Fragen namentlichen Urheberrechts spielten bei der Umbenennung eine Rolle, doch vor allem ging es darum, sich von der Autorin der Harry-Potter-Bücher, J. K. Rowling, abzugrenzen. Rowling hat in den letzten Jahren mit Kommentaren zur Geschlechteridentität aufhorchen lassen, die von vielen als transfeindlich gedeutet werden – nicht zuletzt in der Quidditch-Community, die sich von Anfang an durch Geschlechterinklusivität auszeichnete. Von den sechs bis sieben Spielern, die pro Team auf dem Platz stehen, dürfen nicht mehr als drei dem selben Geschlecht zugeordnet werden. Viele Sportler, die sich weder als Mann noch als Frau definieren, haben im Quadball einen Platz gefunden.
Das bestätigte jW gegenüber auch Marco Ziegaus. Der 33jährige Softwareentwickler aus Süddeutschland ist seit mehreren Jahren Präsident des Deutschen Quadballbundes. Vier Jahre lang arbeitete er auch als Nationaltrainer. Unter seiner Ägide entwickelte sich Deutschland zur »Quadballgroßmacht«. Bei vier Welt- bzw. Europameisterschaften in Folge erreichte das deutsche Team das Finale. Bei der EM in London 2024 konnte man sich gegen England durchsetzen. Die anderen drei Finalspiele gingen verloren. Doch Ziegaus misst dem Semifinalerfolg über die USA bei der WM 2025 besondere Bedeutung bei, war es doch die erste Niederlage des US-Teams in fast einem Jahrzehnt.
Anfang Oktober steht in Spanien die nächste Europameisterschaft auf dem Programm. Deutschland wird als Titelverteidiger auflaufen. Nur wenig später wird bei einem Turnier in Münster der deutsche Meister ermittelt. Landesweit gibt es etwa 30 Vereine, von den FC St. Pauli Werewolves in Hamburg bis zu den Three River Dragons in Passau. Ziegaus zufolge freuen sich die Vereine immer über neue Spieler, »gerade aus dem linken, alternativen Spektrum«. Es sei ein Vorteil, wenn man »ein bisschen über sich selbst lachen kann und sich nicht so ernst nimmt«. Harry-Potter-Experte muss Ziegaus zufolge keiner sein. »Ich spiele seit 2015. Damals waren tatsächlich die meisten wegen des Fandoms dabei. Aber inzwischen haben die Sportler die Nerds verdrängt.«
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