Zum Inhalt der Seite
Sportliteratur

Spaß im Holzfass

Alina Schwermers und Elke Wittichs Taz-Kolumnen »Erste Frauen – Pionierinnen des Sports«

Foto: Hans Peters/Anefo/Nationaal Archief/Wikimedia Commons
Erste Frau mit Großmeistertitel: Nona Gaprindashwili

Seit 2019 gibt es auf den Sportseiten der Taz die Kolumne »Erste Frauen«. Verfasst wird sie von Alina Schwermer und Elke Wittich. Nun gibt es eine Art Best-of-Sammlung unter demselben Titel in Buchform. Untertitel: »Pionierinnen des Sports«. Das Buch ist in der Edition Einwurf erschienen, einem 2024 gegründeten Verlag, der frischen Wind in die Landschaft politischer Sportliteratur bringt.

In ihrer Einleitung fassen Schwermer und Wittich die Intention ihrer Kolumne wie folgt zusammen: »Seit jeher haben Frauen in den meisten Kulturen Sport getrieben, teils gegen große Widerstände, teils aber auch ganz selbstverständlich. Nur erzählt werden ihre Geschichten selten. Sport bleibt ein patriarchales Geschäft.« Dem ist schwer zu widersprechen.

Texte aus einer Kolumne in Buchform herauszubringen, birgt Risiken. In geballter Form funktionieren solche Texte nicht zwangsläufig, im schlimmsten Fall kann einem das Unternehmen als Eitelkeit ausgelegt werden. Darum müssen sich Schwermer und Wittich nicht kümmern. Ihre Texte sind gut geordnet, und das Thema rechtfertigt zweifellos eine Buchpublikation. Tatsächlich ist es dem Lesevergnügen hier durchaus zuträglich, dass die Texte als Zeitungskolumne geschrieben wurden. Nie verheddern sich die Autorinnen in unwichtigen Details, es geht immer ums Eingemachte.

Am beeindruckendsten an »Erste Frauen« ist die Fülle an ausgegrabenen Geschichten. Gern möchte man wissen, wie Schwermer und Wittich an die entsprechenden Informationen kamen. Selbst in der Sportgeschichte gut bewanderte Leser werden Neues finden: Wer weiß schon über das indigene »World Champions Girls Basketball Team« Bescheid, das bei der Weltausstellung in St. Louis 1904 die Gegnerinnen aus der Halle fegte? Wer erinnert sich an Alfonsina Strada, die 1924 außerhalb der Wertung den Giro d’Italia bewältigte? Wer hat die »Federation Sportive Feminine Internationale« auf dem Schirm, die von 1922 bis 1934, als Frauen von vielen internationalen Sportwettbewerben ausgeschlossen waren, eigene Frauenweltspiele organisierte?

Die ersten drei Kapitel des Buches lösen das Versprechen des Titels ein: Hier werden Pionierinnen aus der Welt des Sports vorgestellt, von der englischen Boxerin Elizabeth Wilkinson, die bereits Anfang des 18. Jahrhunderts in den Ring stieg, bis zur georgischen Schachspielerin Nona Gaprindashwili, der 1978 als erster Frau der Titel des Schachgroßmeisters verliehen wurde. Aktuelle Politik greifen Porträts wie das von Doreen Nabwire auf, die mit ihrem Engagement bei Werder Bremen 2009 zu den ersten afrikanischen Profifußballerinnen in Deutschland zählte.

Anzeige

Die anderen Kapitel dehnen das Themenfeld aus: Eines widmet sich »Frauen im Zirkus und im Showgeschäft«, darunter solchen, die sich in den USA vor johlender Menge auf Pferden reitend von hohen Sprungtürmen ins Wasser stürzten. Irgendwann wurde dem Spektakel von Tierrechtsorganisationen ein Ende gesetzt. Auch der Indonesierin Karmila Purba, die an der Steilwand Motorrad fährt, ist ein Text gewidmet. Das nächste Kapitel behandelt »Frauen jenseits des Profisports«. Hier kann man über Abenteurerinnen lesen, die sich in Holzfässern die Niagarafälle hinunterstürzten oder zur weltweiten Verbreitung des Yoga beitrugen.

Danach werden Sportlerinnen porträtiert, deren Biographien aus politischen Gründen besonders interessant sind. Nicht alle Geschichten sind erbaulich. So gewann die US-Amerikanerin Mildred »Babe« Didrikson in den 1930er Jahren nicht nur mehrere Olympiamedaillen in der Leichtathletik, bevor sie professionell Basketball und Golf spielte, sondern agitierte auch gegen die Aufnahme von Afroamerikanerinnen ins olympische US-Team. Glücklicher macht das politische Vermächtnis von Laila Schou Nilsen. 1936 weigerte sich die damals sechzehnjährige norwegische Skiläuferin bei den Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen den Arm zum Hitlergruß zu heben.

Das Kapitel »Am Spielfeldrand« widmet sich neben Journalistinnen und Funktionärinnen auch Fotografinnen wie Diana Sandmann, die bezeichnenderweise vor allem als Geliebte Franz Beckenbauers in Erinnerung ist. Die Darstellung ihrer Arbeit erscheint hochaktuell angesichts der Debatten, die heuer anlässlich der Leichtathletik-WM in Budapest um die mediale Präsentation der Athletinnen geführt wurden.

Ein abschließendes Kapitel würdigt bahnbrechende zeitgenössische Sportlerinnen, etwa die afghanische Sprinterin Robina Jalali oder die Schwimmerin Nada Al-Bedwawi aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Die Fülle des Materials ist so groß, dass Leser von »Erste Frauen« viel Spannendes über die Geschichte des Sports im allgemeinen erfahren, unabhängig von Geschlechterfragen. Bei den Randsportarten tauchen einige auf, die in diesem Jahr auch in der jungen Welt Thema waren. So wird über Jitske Gaastra berichtet, die 1912 als erste Eisschnellläuferin am Langstreckenrennen Elfstedentocht teilnahm, und über Miriam Hamberg, die 2018 die erste Frauen-WM im Dødsing (Death Diving, also Todestauchen, jW) gewann.

Das letzte Porträt gilt der nepalesischen Bergsteigerin Lhakpa Sherpa, die häufiger als jede andere Frau auf dem Gipfel des Mount Everest stand. Seit Fertigstellung des Buches hat sie ihren Rekord von zehn auf elf Besteigungen erhöht. Die Geschichte geht weiter.

→ Alina Schwermer und Elke Wittich: Erste Frauen – Pionierinnen des Sports. Edition Einwurf, Rastede 2026, 240 Seiten, 22 Euro

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 16.10.2026, Seite 16, Sport

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!