Zum Inhalt der Seite
Schwedische Landwirtschaft

Sechs Euro brutto, kein Urlaub

In der schwedischen Landwirtschaft werden »Praktikanten« aus Afrika, Asien und Osteuropa ausgebeutet. Eindrücke von einer Bustour

Foto: NurPhoto/IMAGO
»Bisher war das System für die Unternehmer lukrativ«: Weinernte in Schweden

Es war eine bunte Schar, die sich am Freitag in Stockholm für eine »landwirtschaftliche Gewerkschaftstour« traf: ein Filmteam, zwei Journalisten, ein Poet und 15 Mitglieder des syndikalistischen Gewerkschaftsbündnisses Sveriges Arbetares Centralorganisation (SAC), darunter ein ukrainischer Landwirt, ein litauischer Elektriker und eine Reinigungskraft aus Usbekistan. Mitten drin Pelle Sunvisson, der Organisator der Reise.

Sunvisson, der fließend Russisch spricht, ist eine schillernde Figur. Er hat mehrere Jahre unter falscher Identität als osteuropäischer Migrant gearbeitet, als Beerenpflücker im hohen Norden sowie als Bauarbeiter in Stockholm. Darüber hat er zwei Bücher geschrieben. Ein drittes handelt von den wilden Streiks der Lastwagenfahrer an der Raststätte Gräfenhausen bei Darmstadt, die Sunvisson 2023 mehrere Male besuchte.

Bei den Syndikalisten heuerte Sunvisson vor einigen Jahren an. Sie boten die besten Voraussetzungen, um sich für die Rechte seiner ehemaligen Kollegen einzusetzen. Die Strukturen des schwedischen Gewerkschaftsverbands Landsorganisationen i Sverige (LO) waren zu festgefahren. Die 1910 als radikale LO-Abspaltung gegründete SAC ist seither das Störmoment in der sozialdemokratischen Gewerkschaftshegemonie.

Im Bus herrschen demokratische Prinzipien. Nach Besuchen auf zwei Höfen wird über die weitere Vorgangsweise abgestimmt: Soll man sich in zwei größere Gruppen aufteilen oder paarweise bewegen? Wo soll der Bus geparkt werden? Wer spricht mit den Eigentümern, wer sucht die Praktikanten auf?

Anzeige

Die »Solidarischen Landarbeiter« gibt es innerhalb der SAC seit knapp einem halben Jahr. Zunächst kamen die Mitglieder aus afrikanischen Ländern. Eine Gruppe tansanischer Landarbeiter hatte mit der Gewerkschaft Kontakt aufgenommen. Bald offenbarte sich ein System, in dessen Zentrum Arbeitspraktika stehen.

Foto: Pelle Sunvisson 8_2_pelle_sunvisson.jpg
Beerenpflücker, Bauarbeiter, Buchautor: Pelle Sunvisson, Organisator der Bustour

Internationale Austauschprogramme zwischen landwirtschaftlichen Jugendorganisationen gibt es seit Jahrzehnten. In Schweden verstanden gewiefte Landwirtschaftsunternehmer vor einigen Jahren, dass die Programme erlaubten, billige Arbeitskraft ins Land zu holen.

Wer über den landwirtschaftlichen Jugendverband JUF ein Praktikum in Schweden bekommt, erhält während der ersten sechs Monate einen Bruttolohn von sechs Euro pro Stunde, danach wird der Lohn für sechs weitere Monate auf acht Euro pro Stunde angehoben. Als wäre die geringe Entlohnung nicht problematisch genug, gibt es weitere Unerträglichkeiten: Die wenigsten dieser Arbeitskräfte machen tatsächlich ein Praktikum, die meisten werden als universale Hilfskräfte eingesetzt. Agraringenieure aus Tansania melken Kühe, Pflanzentechnologen aus der Ukraine holen Heu ein. Zudem wird das schwedische Arbeitsrecht missachtet: Auch für Praktikanten gelten tarifvertraglich abgesicherte Rechte auf Urlaub sowie Entgeltung bei Überstunden, Nachtschichten und Wochenendarbeit. Dies wird jedoch von vielen Unternehmern ignoriert.

Drei Tage lang fuhr das einzige Fahrzeug des linken Kultur- und Buskollektivs »Rättbuss« von Hof zu Hof, von den Milchviehbetrieben Mittelschwedens zu den Weizenfeldern Schonens. Die junge Welt durfte den Bus am ersten Tag begleiten. Die Besuche bei den Höfen verliefen fast immer gleich: Sobald die Besitzer auf die Gewerkschaftsaktivisten aufmerksam wurden, forderten sie diese auf, den Hof zu verlassen. Gelegentlich wurde die Polizei hinzugezogen, um der Aufforderung Nachdruck zu verleihen. Größere Konsequenzen hatte dies nicht. Der Besuch der Höfe ist nicht strafbar. Gelang es, die Besitzer in ein Gespräch zu verwickeln, meinten diese, dass bei ihnen alles in bester Ordnung sei, aber so sei es sicher nicht überall. Das ließ sich auch schlecht verleugnen. 500.000 Euro an ausstehenden Löhnen haben die »Solidarischen Landarbeiter« bisher eingetrieben und dabei nur an der Oberfläche der systematischen Ausbeutung gekratzt.

Die Praktikanten selbst wurden bei den Besuchen abgeschirmt. Vereinzelt gelang es, mit ihnen ein paar Worte zu wechseln. Dass darunter auch Praktikanten aus Thailand und den Philippinen waren, überraschte Sunvisson. Bisher wusste er nur von Praktikanten aus Afrika und Osteuropa.

Sunvisson bedauerte am Ende der Tour, dass es so schwierig gewesen sei, mit Praktikanten ins Gespräch zu kommen und Informationsmaterial zu verteilen. Ein wichtiger Aspekt sei jedoch erfüllt worden: Die Höfe wüssten nun, dass sie unter Beobachtung stehen. »Womöglich hat die Tour das Ende dieses Systems eingeläutet. Bisher war dieses für die Unternehmer lukrativ, weil ihnen niemand auf die Finger schaute. Ab jetzt gehen sie Risiken ein, und damit ist es die Sache nicht mehr wert.«

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 12.10.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!