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»Die Spielerinnen sind Stars«
Über Fußball der Frauen in Nordkorea, Sprachbarrieren, distanzierte Nähe und den geliebten Führer, der alles ermöglicht. Ein Gespräch mit Brigitte Weich
Wie sind Sie dazu gekommen, Dokumentarfilme über Frauenfußball in Nordkorea zu drehen?
Ich arbeitete im Kulturbereich und fuhr 2002 zum Filmfestival nach Pjöngjang. Dort wurde in jenem Jahr der Dokumentarfilm »The Game of Their Lives« gezeigt, der vom Erfolg der nordkoreanischen Herren bei der Fußball-WM in England 1966 handelt. Ich unterhielt mich mit dem britischen Filmteam, das mir erklärte, dass inzwischen die nordkoreanischen Frauen besonders gut wären. Ich hatte keine Ahnung von Fußball, meinte aber, dass es dann wohl an der Zeit sei, einen Dokumentarfilm über die Fußballerinnen zu drehen. Unsere Gastgeber schnappten das offenbar auf und schrieben mir später ein Fax, in dem sie fragten, wie es denn um unsere Pläne stehe. Damals dachte ich nicht daran, selbst Regie zu führen, ich hatte schließlich noch nie einen Film gemacht. Aber als ich niemand anderen für die Regie fand, übernahm ich sie selbst. Die Idee ließ mich nicht mehr los.
War es leicht, eine Dreherlaubnis zu bekommen?
Ich musste erst eine eigene Produktionsfirma gründen. Wir begannen, als akkreditierte Journalistinnen dem nordkoreanischen Frauenteam bei internationalen Turnieren zu folgen. Im Sommer 2003 reisten wir zur Asienmeisterschaft nach Thailand. Danach waren wir bei der WM in den USA und 2024 beim Olympiaqualifikationsturnier in Japan. Als wir schließlich 2005 in Pjöngjang drehen durften, kannten uns die Spielerinnen schon.
Durften Sie die Spielerinnen bereits während der Turniere interviewen?
Nein, aber wir versuchten, ihnen so nahe wie möglich zu kommen. Wir wohnten in denselben Hotels und filmten sie beim Training. Mit der Zeit erkannten sie uns. Wir waren ein Filmteam, das nur aus Frauen bestand.
Interviews wären auch aufgrund der Sprachbarriere schwierig gewesen, und wir wollten die Spielerinnen nicht in eine Lage bringen, in der sie sich unsicher fühlten. Sie wussten ja nichts über unsere Absichten.
Im Zentrum Ihrer Filme stehen vier Protagonistinnen: die Torhüterin Ri Jong Hi, die Verteidigerin Ra Mi Ae, die Spielgestalterin Ri Hyang Ok und die Goalgetterin Jin Pyol Hi. Wurden die für Sie ausgewählt?
Nein, das durften wir selbst bestimmen. Wir stellten Anträge, und als die genehmigt waren, durften wir sie in Pjöngjang interviewen.
Wie liefen die Interviews dort? In den Filmen geht es zwischen Huldigungen des Regimes und Friseurbesuchen hin und her.
Als wir die Spielerinnen bei den Turnieren beobachteten, nahmen wir sie primär als coole Sportlerinnen wahr, wie die Spielerinnen aller anderen Länder. In Pjöngjang verhielten sie sich dann wie die Menschen, die wir dort trafen. Sie schrieben alles, was toll ist, dem geliebten Führer zu. Aus unserer Perspektive kann das als Widerspruch erscheinen. Aber dieser Widerspruch lässt sich nicht auflösen.
Wie groß ist die Bedeutung des Frauenfußballs in Nordkorea? Konnten Sie das überhaupt abschätzen? Ich nehme an, Sie hatten ständig Begleitung?
Wir konnten uns nicht frei bewegen und durften nur mit ausgewählten Menschen sprechen. Trotzdem wurde deutlich, dass die Spielerinnen Stars sind. Wenn wir mit ihnen unterwegs waren, wurden sie erkannt und um Autogramme gebeten. Wir sprachen auch mit der Regisseurin einer fünfteiligen Fernsehserie über das Team, das 2006 erstmals die U20-WM der Frauen gewann. Sie erzählte uns, dass bei einem Dreh mit dem Philharmonieorchester deutlich wurde, wie sehr die Musiker die Spielerinnen verehrten.
Die Fernsehserie taucht in ihrem zweiten Film, »… ned, tassot, yossot …«, auf. Können Sie einschätzen, wie populär sie war?
Dazu haben wir keine Angaben bekommen. Aber sie wurde im Staatsfernsehen gezeigt, also gehe ich davon aus, dass sie von vielen Menschen gesehen wurde.
Ihr erster Film erschien 2009, der zweite 2023. Verfolgen Sie den Frauenfußball in Nordkorea noch immer?
Ja, ich war im Laufe der Jahre bei vielen Turnieren. Zuletzt bei der U17-WM in Marokko 2025, bei der Nordkorea im Finale die Niederlande mit 3:0 besiegte. Es war der vierte WM-Titel für das nordkoreanische U17‑Frauenteam. Kein anderes Land hat mehr Titel geholt.
Halten Sie bei den Turnieren immer zu Nordkorea?
Ja. Selbst als Nordkorea bei der U20-WM 2024 in Kolumbien gegen Österreich spielte, saß unser Filmteam mit nordkoreanischen Fahnen auf der Tribüne. Ich freute mich, dass das österreichische Team so weit kam, aber ich kenne keine der Spielerinnen persönlich. Nordkorea gewann mit 5:2.
Sie beobachten das Land durch den Frauenfußball seit mehr als 20 Jahren. Was sind Ihre Gedanken zur Zukunft der Demokratischen Volksrepublik?
Ich sprach anfangs oft mit meinem Team darüber, und wir sagten immer: Wenn Kim Jong Il stirbt und das Regime fällt, interviewen wir noch einmal alle und fragen sie, wie es wirklich war. Doch nun ist Kim Jong Il seit 15 Jahren tot, und unter Kim Jong Un hat sich nichts geändert. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich einen Regimewechsel noch erleben werde. Und wenn doch, so würden die Spielerinnen womöglich unsere Frage nicht verstehen. Was aufgrund des eigenen kulturellen Hintergrunds als nicht normal erscheint, kann für andere völlig normal sein.
Wird es einen dritten Film geben?
Es gibt Ideen dazu. Aber es kommt darauf an. Ich habe sehr viel in diese beiden Filme gesteckt, mehr als 20 Jahre meines Lebens. Leicht ist es nicht: Die Finanzierung fällt schwer, die Hürden in Nordkorea sind hoch, und es kostet viel Zeit und Energie, um mit den internationalen Fußballverbänden Urheberrechtsfragen zu klären. Unser erster Film, »Hana, dul, sed …«, konnte de facto sechs Jahre lang nicht gezeigt werden, weil die Rechte für eine Sequenz von neun Sekunden abgelaufen waren. Unter diesen Umständen würde ich keinen Film mehr machen. Aber wir werden sehen. Unsere Protagonistinnen sind weiter in verschiedenen Rollen im Fußball tätig und mit dafür verantwortlich, dass die nordkoreanischen Nachwuchsteams der Frauen nach wie vor so erfolgreich sind.
Brigitte Weich, geboren 1962, ist Filmemacherin und lebt in Wien. Die Dokumentarfilme zum Frauenfußball in Nordkorea »Hana, dul, sed …« (»Eins, zwei, drei«, 2009) und »… ned, tassot, yossot …« (»Vier, fünf, sechs«, 2023) können auf den Plattformen Kino Vod Club, WatchAUT und Vimeo abgerufen werden.
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