Zufällige oder kalkulierte Brände?
Großer Vegetationsverlust in rohstoffreichen Regionen: Ein kolumbianischer Gouverneur sieht kriminelle Gruppen hinter den Waldbränden
Seit Wochen brennt es in Kolumbien. Nach dem Regierungswechsel und dem Erdbeben Anfang August sind in mehreren Regionen Feuer ausgebrochen. Besonders schwer getroffen ist das Departamento Tolima. Tausende Hektar Wald und Felder sind den Flammen zum Opfer gefallen, in mehr als 500 ländlichen Bezirken wurden Schäden gemeldet. Die Regionalregierung beziffert die betroffene Fläche inzwischen auf rund 50.000 Hektar, die wirtschaftlichen Verluste auf mehr als 134 Milliarden Pesos (etwa 680 Milliarden Euro). Zehntausende Tonnen landwirtschaftlicher Erzeugnisse sollen verlorengegangen sein, Tausende Häuser sind betroffen. Mitte August sprach der Bürgermeister des Ortes San Luis bereits von einer »Umweltkatastrophe«. Zu diesem Zeitpunkt brannten die Flächen dort schon seit mehr als zwei Wochen.
Die klimatischen Bedingungen liefern zunächst eine naheliegende Erklärung. Hitze, Trockenheit und starke Winde lassen die Vegetation austrocknen und erschweren die Brandbekämpfung. Behörden verwiesen auf die außergewöhnliche Trockenheit und die Auswirkungen des Phänomens El Niño. In mehreren ländlichen Gebieten mussten Menschen bereits aus Tankwagen mit Trinkwasser versorgt werden. Für sich genommen erklärt das jedoch noch nicht, warum bestimmte Flächen brennen und andere nicht.
Dürre und Bodenschätze
Genau hier beginnt die politisch heikle Frage. Eine Anfang September veröffentlichte Untersuchung der linken Forschungs- und Bildungsorganisation CEDINS hat die Brandentwicklung im Zeitraum vom 3. bis 26. August anhand von NASA-FIRMS-Daten untersucht. Registriert wurden 236 thermische Anomalien, sogenannte Hotspots. Die meisten konzentrierten sich im Zentrum Tolimas und in der Umgebung von Ibagué. Ein erheblicher Teil lag in landwirtschaftlich genutzten Gebieten. Das kann auf traditionelle Brandrodung oder kontrollierte Feuer zurückgehen, die unter extrem trockenen Bedingungen außer Kontrolle geraten können. Auffällig ist allerdings auch eine Reihe von Hotspots in Wäldern und naturnahen Flächen.
Damit rückt die Landnutzung ins Zentrum der Debatte. In Kolumbien ist die Umwandlung von Wald in Weideland, landwirtschaftliche Flächen oder andere Nutzungen seit Jahrzehnten ein Mittel zur Aneignung und wirtschaftlichen Erschließung von Territorien. Gerade der tropische Trockenwald ist davon betroffen. Von seiner ursprünglichen Ausdehnung ist nach Angaben der von CEDINS herangezogenen Quellen nur noch ein Bruchteil erhalten.
Noch brisanter wird die Sache beim Blick auf die Rohstoffinteressen. Der ehemalige Direktor der nationalen Katastrophenschutzbehörde UNGRD, Carlos Carrillo, hat Branddaten mit bestehenden Bergbautiteln abgeglichen. Nach seiner Auswertung bedecken diese Flächen lediglich 8,4 Prozent des Territoriums von Tolima. Dort sollen sich jedoch 23,8 Prozent der registrierten Hitzepunkte befinden. In der Umgebung von Bergbauflächen sei die Konzentration der Brände fast viermal höher als im übrigen Departamento. Das auffällige Muster soll sich bis zu einem Radius von etwa zwei Kilometern fortsetzen.
Das sind bemerkenswerte Korrelationen – sie sind allerdings kein Beweis für Brandstiftung durch Bergbauunternehmen. Eine mögliche Gegenhypothese liegt sogar auf der Hand: Die Bergbau- und Erdölinteressen konzentrieren sich teilweise in den ohnehin trockenen Gebieten des Magdalena-Tals. Dieselben klimatischen Bedingungen, die diese Regionen für bestimmte wirtschaftliche Nutzungen interessant machen, können sie zugleich besonders brandgefährdet machen.
Langfristiger Zugriff
Doch damit ist die Frage keineswegs erledigt, im Gegenteil: Neben den bereits bestehenden Bergbautiteln gibt es im Tolima eine große Zahl von Bergbauanträgen. Der Abgeordnete Kevin Gómez spricht von 655 Anträgen für 760.000 Hektar Land, davon 311 für Fracking-Projekte. Diese Zahl muss allerdings mit Vorsicht behandelt werden, weil ältere Datensätze dieselbe Zahl bereits für das Jahr 2017 ausweisen. Ein Antrag ist zudem kein genehmigtes Bergwerk. Dennoch zeigt die Zahl, wie groß der langfristige Zugriff auf das Territorium ist, den die Unternehmen anstreben.
Hinzu kommt das Interesse an Öl- und Gasvorkommen. Besonders häufig genannt wird das Ölfeld Block VSM-4, das sich über rund 97.000 Hektar erstreckt und unter anderem mehrere Gemeinden der besonders von den Bränden betroffenen Orte umfasst. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass die Feuer der Vorbereitung möglicher Frackingvorhaben dienen. Der Vertrag mit einem multinationalen französischen Unternehmen befand sich noch in einer Explorationsphase; inzwischen soll aber seine vorzeitige Beendigung beantragt worden sein. Der kommerziellen Förderung standen bisher Probleme bei den Konsultationen mit lokalen Gemeinschaften und ihr Widerstand entgegen. Das Ölfeld dürfte jedoch weiterhin Begehrlichkeiten bei Unternehmen wecken.
Eine weitere Konfliktlinie betrifft die sogenannten APPA, Schutzgebiete für die landwirtschaftliche Lebensmittelproduktion. Im Norden Tolimas wurden noch unter der Linksregierung von Gustavo Petro 2026 fast 48.500 Hektar in acht Gemeinden als solche Flächen ausgewiesen. Sie sollen landwirtschaftlich genutzte Böden gegen konkurrierende Nutzungen sichern. Diese Schutzmechanismen stehen aktuell unter Druck, denn die ultrarechte neue Regierung möchte sie wieder abschaffen.
Verschiedene Interessen
Damit treffen in Tolima verschiedene Interessen aufeinander: bäuerliche Lebensmittelproduktion, Schutz von Wasser und Ökosystemen, Viehzucht, Bergbau, Erdöl und mögliche zukünftige Infrastrukturprojekte. Es geht also weniger um die Frage, ob es »den« Zusammenhang zwischen Feuer und Bergbau gibt. Vielmehr geht es darum: Was geschieht mit einer Fläche, nachdem sie abgebrannt ist? Ändern sich anschließend Eigentum oder Landnutzung? Werden Bergbauanträge gestellt oder bestehende Vorhaben vorangetrieben, Umweltgenehmigungen beantragt oder Schutzkategorien verändert?
Und vor allem: Wer hatte unmittelbar vor dem Brand ein wirtschaftliches oder rechtliches Interesse an genau dieser Fläche? Erst eine solche Untersuchung könnte aus dem auffälligen räumlichen Muster einen belastbaren politischen oder strafrechtlichen Befund machen. Bis dahin lässt sich festhalten: Die klimatische Krise schafft gegenwärtig Bedingungen, unter denen Feuer sich besonders leicht ausbreiten können. Und die räumliche Nähe zahlreicher Brandherde zu Gebieten mit Bergbau- und Ölförderungs- respektive Frackingpotential ist auffällig genug, um sie nicht einfach zu ignorieren.
Aus den bis heute vorliegenden Daten lässt sich keine konzertierte Aktion, Verantwortung einzelner Unternehmen oder gar ausländischer Staaten ableiten. Behauptungen von Expräsident Petro in diese Richtung sind durch die vorhandene Beweislage nicht gedeckt und lassen sich auch nicht mit Parallelen zu angeblich von Israelis gelegten Bränden in Chile und Argentinien belegen. Dass, wie von rechter Seite behauptet, Mitglieder der linken Sammlungsbewegung Pacto Histórico oder Guerilladissidenten im großen Stil hinter den Bränden stecken, ist eine weitere unbelegte Behauptung.
Fragen nach ökonomischen Interessen hinter den Bränden sind aber keine Verschwörungstheorie. Denn Feuer verändert ein Territorium. Und in einem Land, in dem Landbesitz, Rohstoffausbeutung und die Verdrängung bäuerlicher Nutzung seit Jahrzehnten miteinander verbunden sind, lohnt sich in jedem Fall die Frage, wem dieses veränderte Territorium am Ende nützt. Aktuell sind die Brände sichtbar, die Interessen dahinter sind es oft erst später.
Ungelegen kommt der rechten Regierung diese weitere Katastrophe nach dem Erdbeben jedenfalls nicht: Sie bindet gesellschaftliche und politische Kräfte, schafft Vorwände für die Ausweitung von Kompetenzen, erschwert die soziale Mobilisierung gegen die geplanten Angriffe auf die unter der Vorgängerregierung errungenen sozialen und politischen Rechte und verschiebt die öffentliche Aufmerksamkeit. Zugleich vollzieht die Regierung eine außenpolitische Hinwendung zu den USA und Israel – Staaten, deren wirtschaftliche und strategische Interessen an Kolumbien nicht zuletzt wegen seiner Rohstoffvorkommen eine wichtige Rolle spielen.
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