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Kino

Aus dem Lot geraten

Die liebe Familie: Piet Baumgartners Film »Bagger Drama«

Foto: missing Films
Die Bagger sind nicht das Problem

»Das ist nicht geplant gewesen«, fügt der Unternehmer Paul (Phil Hayes) entschuldigend hinzu, als er seiner Ehefrau Conny (Bettina ­Stucky) den vorläufigen Auszug aus dem gemeinsamen Haus ankündigt. Dass sich die Gelegenheit zur Anmietung einer Wohnung unvermittelt ergeben hat, mag man dem freundlichen Biedermann glauben. Jedenfalls lässt »Bagger Drama« uns nicht mehr über den Anlass zur Trennung wissen. Wie Paul später einräumt, hatte er zum Zeitpunkt seines Umzuges freilich schon eine neue Beziehung begonnen, woraufhin Conny ihn verdächtigt, ihren vorherigen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik mit entsprechenden Hintergedanken befürwortet zu haben.

Die präzise Regie von Piet Baumgartner, der zu seinem Spielfilmdebüt auch das Drehbuch beigesteuert hat, bietet allerdings kaum Grund, den Argwohn der depressiven Frau zu teilen. Sollten Pauls Motive von Eigennutz gefärbt gewesen sein, mag er sich dessen ebenso wenig bewusst gewesen sein, wie es sein Sohn wohl bei einer anfänglichen Lüge war: Das mürrische »Ja«, mit dem Daniel (Vincent Furrer) auf Nachfrage seine Bereitschaft bekundet hat, die vom Vater geführte Baggerfirma, in deren Verwaltung auch die Mutter arbeitet, mittelfristig zu übernehmen, haben wir Zuschauer allerdings deutlich zu hören bekommen. Seine anschließende Weigerung fällt um so stärker auf.

Zu Beginn gibt Daniel gegenüber einem neuen Mitarbeiter zu Protokoll, dass er das Schweizer Heimatdorf längst habe verlassen wollen. Nur der Tod der Schwester, die auch im gemeinsamen Betrieb tätig war, habe seine Absicht eines Wirtschaftsstudiums in den USA durchkreuzt. Nach Ansicht Pauls ist es »einfach Pech« gewesen, dass die Tochter beim Kanufahren im nahen Flüsschen verunglückt ist. Und die lapidaren Sätze, mit denen er den »dummen Unfall« beschreibt, lassen dessen mittelbare Folgen um so nachdrücklicher zur Geltung kommen: Seit dem Todestag der damals Neunzehnjährigen scheinen die Lebensentwürfe aller drei Hauptfiguren dieses Films obsolet zu sein.

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In der ersten Szene versammeln sich die Eltern und der Bruder der Toten an einer Uferstelle, die sich erst nachträglich als Unfallort entpuppt. Die Einblendung »Jahr 1« deutet an, dass wir einem privaten Ritual beiwohnen, mit dem die Hinterbliebenen den Jahrestag des Unglücks begehen. Variationen dieser Szene markieren im Verlaufe von gut anderthalb Stunden dann das Verstreichen dreier weiterer Jahre, wobei diese Gliederung der Handlung uns zugleich bewusst macht, wie konsequent sich Baumgartners Dramaturgie auf Andeutungen und Ausschnitte beschränkt. Indem der 1984 geborene Schweizer Filmemacher die Erzählperspektive mehrfach verlagert, gewährt er erst Daniel verhältnismäßig breiten Raum, bevor Paul und schließlich Conny zunehmend ins Zentrum rücken. So werden wir Zeugen einzelner intimer Augenblicke, die um so spürbarer die sonstige Distanz wirken lassen, aus der hier das unmerkliche Zerbröckeln einer Familie geschildert wird, die stets auch als wirtschaftliche Einheit aufzufassen ist.

Dabei verdankt sich die leise Tragik dem weitgehenden Verzicht auf Dramatik. Der auffälligste formale Akzent besteht denn auch in einer kurzen Montagesequenz von Großaufnahmen riesiger Lkw-Reifen, die in verschiedene Richtungen über die Staubpiste einer Kiesgrube rollen. Nur die leichten Verzerrungen, die das manchmal von Kameramann Pascal Reinmann gewählte Weitwinkelobjektiv am Bildrand erzeugt, führen uns an anderer Stelle vor Augen, dass das Leben der Filmfiguren aus dem Lot geraten ist. Die Landschaft des als Handlungsort dienenden Berner Seelands erscheint derweil so unspektakulär, dass die Erhabenheit der nahen Alpen nicht einmal zu ahnen ist. Da mag man glauben, dass in diesem Winkel der Welt Vertrauensbeziehungen noch Marktgesetze überlagern: Aus einem Dialog mit dem Betreiber der besagten Kiesgrube geht hervor, dass er der Baggerfirma, ohne irgendwelche Gegenofferten einzuholen, allerlei kurz- und mittelfristige Lieferaufträge erteilt hat.

Dass Paul gelegentlich zwecks besserer Ausdrucksfähigkeit aus dem sonst gesprochenen Schweizerdeutsch in seine englische Muttersprache wechselt, ist dagegen ein Indiz dafür, dass der Handlungsort in der Vergangenheit ebenso Migranten aus dem europäischen Norden anlockte, wie er das offenbar in der Gegenwart tut, in der der erwähnte neue Mitarbeiter dadurch auffällt, dass er nur Hochdeutsch beherrscht. Diese sprachliche Mehrdimensionalität steht wiederum im reizvollen Kontrast zur Plumpheit des abgebildeten bürgerlichen Milieus, die sich nicht zuletzt in Pauls eingestandener Vorliebe für einen Schweizer Hard-Rock-Hit äußert. Im Gegensatz dazu beweist Baumgartner distinguierten Geschmack, indem er den Großteil des Soundtracks vom Gitarristen Rio Wolta gestalten lässt. Zu dessen gelassenem Indierock hat er bereits 2015 ein Musikvideo gedreht, in dem Bagger sich – wie gelegentlich auch in diesem Spielfilm – zu herrlich ungelenker Eleganz aufschwingen.

→ »Bagger Drama«, Regie: Piet Baumgartner, Schweiz 2024, 94 Min., bereits angelaufen

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Erschienen in der Ausgabe vom 18.09.2026, Seite 11, Feuilleton

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