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Theater

Ortstermin in Auschwitz

Nazidemenz: »Deutsches Haus« nach dem Roman von Annette Hess im Thalia-Theater Hamburg

Foto: © Kerstin Schomburg / Thalia Theater Hamburg
Vergessen, verdrängen, feiern!

Wissen wir alle: 333 – bei Issos Keilerei. »Deutsches Haus« nach dem Roman von Annette Hess, Uraufführung im Thalia-Theater Hamburg. Aber wo ist Issos? Wer hat da gekeilt? Egal. Geschichtsunterricht besteht auch heute oft aus sturem Auswendiglernen von vermeintlich inhaltslosen Jahreszahlen. Bevor man das langweilige Fach in der Oberstufe endlich abwählen konnte, waren meine Lehrer gerade mal bis zur Weimarer Republik gekommen. Laut einer Studie der Uni Bielefeld kann aktuell nur die Hälfte der Jugendlichen und jungen Erwachsenen den Zeitraum der Naziherrschaft in Deutschland korrekt angeben, nach anderen Studien wissen immerhin 40 Prozent nichts von der Ermordung von sechs Millionen jüdischer Menschen.

»Es muss doch endlich mal Schluss sein«, nicht mit Issos, das ist in jeder Hinsicht weit weg, aber mit der »Naziriecherei«, wie Kanzler Konrad Adenauer bereits im Oktober 1952 im Bundestag bezüglich der NS-Vergangenheit von Politikern und Beamten verlangte. Und so lebt auch die Roman-, bzw. Bühnenfamilie Bruhns mit der speziellen Nazidemenz 1963 zwischen Mettigel und Zigarettenspender im bescheidenen Wohlstand, den ihre Gastwirtschaft »Deutsches Haus« ermöglicht. Tochter Eva steht kurz vor der Verlobung mit einem Versandhauserben (»Unternehmersgattin«!). Petticoat und Partylaune, während einige Straßen weiter der erste Frankfurter Auschwitz-Prozess in der Mainstadt beginnt.

Dort fehlt ein Dolmetscher für die Aussagen der polnischen Zeugen, so wird die junge Übersetzerin Eva Bruhns (selbstverständlich wird es später ein Wortspiel wegen der braunen Vornamensschwester geben) engagiert. Dass eine gebildete, selbstbewusste, ja aufmüpfige junge Frau zwei Jahre nach dem spektakulären Eichmann-Prozess rein gar nichts von Auschwitz weiß, ist unwahrscheinlich, aber Autorin Annette Hess – mehrfach ausgezeichnet für »Geschichte light«-Serien (»Weissensee«, »Kudamm 56«) – arbeitet auch hier mit den typischen Versatzstücken: Eva als Lichtgestalt, als Identifikationsfigur. Unschuldig, aber auch ein wenig frech, kokett und liebevoll.

Nellie Fischer-Benson erfüllt ihre Aufgabe großartig. Ihre Eva ist eine wirklich urkomische Verführerin (auch wenn das inhaltlich hakt), eine fröhliche junge Frau, aber auch ehrlich erschüttert von dem, was sie im Prozess erfährt.

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Erschüttert, wie jede und jeder im Publikum. Originale Tonaufnahmen von verzweifelten Menschen, die unsagbares Grauen dokumentieren. Angeklagte, die, wie unbeteiligt, jede Schuld von sich weisen.

Ein Psychogramm einer Zeit hätte es sein können, eine Warnung, endlich hinzuschauen, Verantwortung zu übernehmen. Dafür hätte man den Personen Raum geben müssen, anstatt Details für eine äußerliche Schuldverstrickung zu erfinden. Dass Eva sich durch eine schematische Darstellung des Lagers plötzlich an eine Kinderzeichnung erinnert, dass ihr Vater Koch im Offizierskasino von Auschwitz war, sie selbst dort gelebt hat, ist klassische Krimikost und völlig unnötig. Schuld braucht keine prominenten Details. Dass die Mutter einen Offizier angezeigt hat, der am Endsieg gezweifelt hat, wäre ein wesentlich interessanterer Aspekt gewesen. Doch Julia Nachtmanns Seele als Edith Bruhns bleibt in ihrem grünen Overall stecken, ein Schicksal, das sie mit Ehemann Ludwig (Tim Porath) teilt, der gelegentlich norddeutsch witzig sein darf.

Vielleicht ist der Roman grandios, vielleicht macht es Sinn, dass Evas Verlobter Jürgen Schoormann (Denis Grafe) Theologie studiert hat, vielleicht gibt es auch eine Story zu seinem Vater, der als Kommunist selbst im Lager war, als bloße Erwähnung kann das eigentlich weg.

So wie Jürgen insgesamt weg kann – die geübte Serienzuschauerin ahnt von Anfang an, dass David Miller (Jeremy Mockridge), der junge jüdische Assistent der Staatsanwaltschaft, trotz seiner zur Schau getragenen Aversion gegen das deutsche Fräulein eigentlich der Richtige für unsere Eva ist. Ausgerechnet beim Ortstermin in Auschwitz kommen sie sich näher, die Bemerkung dazu, »Und dann tun sie das einzige, was man dem allen vielleicht entgegensetzen kann: Sie lieben sich«, ist geschmacklos. Ficken ist nicht Liebe, ficken in Auschwitz ist keine Vergangenheitsbewältigung.

Und es bleibt unbarmherzig, das Schuldgefühl der Überlebenden muss thematisiert werden, und Evas Schwester Annegret hat auch noch das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Zu Recht wird Eva am Ende jeder Trost verweigert, auch wenn man es Nellie Fischer-Benson von ganzem Herzen gewünscht hätte.

Großer Jubel mit Standing ovations zur Premiere. Am 21. November folgt Wolfgang Borcherts »Draußen vor der Tür«, dann heißt es, Farbe bekennen und »Nein!« sagen.

→ Nächste Aufführungen: 25.9., 4.10., 7.10.

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Erschienen in der Ausgabe vom 18.09.2026, Seite 10, Feuilleton

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