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Embargolöcher

Foto: jW

Bis zur »Wende« produzierte die DDR alles mögliche für den Westen. Etwa 6.000 westdeutsche Firmen bezogen Produkte aus der DDR, darunter Aldi, Siemens, Bosch, Adidas, Salamander und Schiesser. Westberlin bekam sein Benzin günstig von der PCK-Raffinerie in Schwedt. Umgekehrt kaufte die DDR im Westen Produktionsmaschinen, aber auch etwa ein Kontingent VW-Pkw und eine Fließstrecke in Japan.

Aber es gab Einschränkungen: »Das sogenannte Cocom-Embargo hatte die Aufgabe, Lieferungen von Kriegsmaterial und Gütern, die militärischen Zwecken hätten dienen können, in die Länder des Ostblocks zu verhindern. Die NATO-Staaten sowie Japan und Australien verhinderten damit unter anderem auch die Entwicklung der Mikroelektronik in der RGW-Zone«, wusste der MDR 2013.

Auch um das Embargo zu umgehen, wurde im Ministerium für Außenhandel und Innerdeutschen Handel der Bereich »Kommerzielle Koordinierung« (Koko) geschaffen, der einige GmbHs gründete, in denen etwa ein Einkäufer über seinen Schwager in Westberlin Elektronikteile und ähnliches beschaffen konnte. Letzterer wurde dabei reich, ersterer setzte sich während der »Wende« nach Israel ab, um einer Strafverfolgung zu entkommen.

Schon lange zuvor umgingen einige Westkonzerne das Embargo. Als zum Beispiel Manager eines westdeutschen Elektrotechnikunternehmens 1991 das Institut für Nachrichtentechnik (INT) in Oberschöneweide besichtigten, um eventuell den Betrieb zu »übernehmen«, führte der Betriebsratsvorsitzende sie herum. Zum Schluss sagte er: »Wir müssen noch über den Hof, dort steht ein Gebäude, das geheim war, in dem die Staatssicherheit arbeitete. Wir durften da nicht rein.« – »Wir müssen da auch nicht rein«, sagten die Westler, »das kennen wir von früher.«

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Ein durchgreifendes Embargo gab es eigentlich erst nach dem Anschluss. Und zwar für Ostprodukte im Osten. Sie wurden von den Konsumläden und Kaufhäusern nicht mehr gelistet, die sofort Lieferverträge mit Westkonzernen abgeschlossen hatten.

Seit einigen Jahren gilt ein ständig erweitertes Embargo für Russland. Russische Einkäufer müssen Westwaren aus Belarus oder Kasachstan beziehen. Das Russland-Geschäft der Westmarken haben heimische Unternehmen übernommen: McDonald’s heißt nun auf russisch »Wkusno i totschka« (Lecker und Punkt), und das neue Logo sieht nur noch von weitem wie ein »M« aus. Coca-Cola heißt jetzt »Dobry Kola« (Gute Cola), Starbucks »Stars Coffee«. Die Audi-Fahrer beziehen ihre Ersatzteile nun eben aus China. Aber alles wurde dadurch etwas teurer.

Die norwegische Kriegsberichterstatterin Åsne Seierstad besuchte kürzlich als Touristin Russland. Im August erschien ein dickes Buch von ihr auf deutsch: »Der Krieg ist anderswo. Russland von innen« (Hanser). Sie begegnete etwa einem Mann, der den Embargos nur Gutes abgewinnen kann: »Wladimir erzählte engagiert von all den Branchen, die im Zuge der Sanktionen einen Aufschwung erlebt hatten. ›In meiner Branche, Öl und Gas, zählt die Qualität, und da sind wir allen voraus! Bald wird es überall so sein. Man muss sich nur unsere Bauern anschauen, die Landwirtschaft boomt! Die Sanktionen bringen uns zusammen, wir importieren nichts mehr, wir machen alles selbst, die Wirtschaft wird stärker, dank des Westens. Niemand ist arbeitslos, noch ein Pluspunkt‹.« Und was haben die US-Amerikaner mit ihrem Embargo erreicht? »Sie haben uns ein gebrauchsfertiges Geschäftsmodell überlassen.«

Die Bundesrepublik und selbst die USA beziehen bekanntlich trotz des Embargos manche Güter aus Russland, darunter »Energieprodukte« wie Öl und Gas, Metalle oder Nahrungs- und Düngemittel, vor allem durch indirekten Handel. Die wichtigsten Abnehmer russischer Exporte sind derzeit aber China, Indien, die Türkei, Kasachstan und Brasilien.

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.09.2026, Seite 10, Feuilleton

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