Echte und falsche Freunde
Von Leo Schwarz
Die Leser des Zentralorgans der SED wurden in der Wochenendausgabe vom 23./24. November 1985 von einer dürren Mitteilung über Veränderungen im Politbüro der Partei überrascht. Gleichsam als Marginalie der sich über mehrere Seiten erstreckenden Berichterstattung über das 11. Plenum des beim X. Parteitag der SED 1981 gewählten Zentralkomitees fand sich in dem auf der ersten Seite des Neuen Deutschland dokumentierten Kommuniqué des Plenums die in einem einzigen Satz verpackte Information, dass das Zentralkomitee »der Bitte der Genossen Herbert Häber und Konrad Naumann« entsprochen habe, sie »aus gesundheitlichen Gründen von den Funktionen eines Mitgliedes des Politbüros und Sekretärs des Zentralkomitees« zu entbinden.
Dass der Verweis auf die gesundheitlichen Gründe so nicht oder zumindest nicht vollumfänglich zutraf, wussten, ohne Einzelheiten zu erfahren, zunächst nur die Mitglieder des Zentralkomitees, und dies auch nur im Fall Naumann. Das Politbüromitglied Werner Jarowinsky eröffnete dem Zentralkomitee, dass das Politbüro Naumanns Verhalten »als parteischädigend werten und daraus die erforderlichen Schlussfolgerungen ziehen musste«. Über den Fall Häber erfuhren auch die ZK-Mitglieder lediglich das, was auch der Öffentlichkeit mitgeteilt wurde.
Naumann und Häber waren zwei sehr unterschiedliche Funktionäre, und die Gründe für ihren Abgang können so wirken, als verbinde die beiden Fälle – einmal abgesehen von ihrer merkwürdigen Gleichzeitigkeit in einem Umfeld, das sich über viele Jahre hinweg nicht eben durch ständige personelle Erneuerung auszeichnete – wenig bis nichts.
Naumann war als 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin eine öffentliche und die Öffentlichkeit suchende, über die Partei hinaus wahrgenommene Figur, während Häber ein Mann des Hintergrunds und des Apparats war. Seit 1973 leitete er die für die Deutschland-Politik der SED konzeptionell verantwortliche Westabteilung des Zentralkomitees, in deren Wirkungskreis er seit Anfang der 1950er Jahre aufgestiegen war. Was Naumann und Häber verband, erscheint nachrangig: Beide stammten aus Sachsen, beide hatten ihre politische Laufbahn in den ersten Nachkriegsjahren in der FDJ begonnen (und gehörten damit zu jener Funktionärskategorie, der sich der ehemalige FDJ-Chef Honecker besonders verbunden fühlte), und beide wurden in frühen Beurteilungen als überdurchschnittlich intelligent und tatkräftig eingeschätzt.
Keine Eintracht
Abgänge aus dem Politbüro hatte es, seit Erich Honecker 1971 Walter Ulbricht abgelöst hatte, mit einer Ausnahme (Paul Verner, der 1984 aus Altersgründen ausschied) nur im Todesfall gegeben: Ulbricht war 1973 gestorben, Gerhard Grüneberg 1981, und 1978 war Werner Lamberz in Libyen tödlich verunglückt. Dieser Modus wurde so bis zum Herbst 1989 beibehalten: Im Dezember 1985 starb Heinz Hoffmann, im September 1988 Werner Felfe. Abgänge aus anderen Gründen gab es bis zum Herbst 1989 nicht.
Dieser hohe Grad an personeller Kontinuität bedeutete nicht, dass im Politbüro herzliche Eintracht herrschte. Hinlänglich bekannt ist, dass die Mitglieder des Führungsgremiums, die, von wenigen Ausnahmen abgesehen, in der Waldsiedlung Wandlitz nebeneinander lebten, außerhalb der jeweils am Dienstag im »Großen Haus« stattfindenden Sitzungen des Politbüros keinen besonders regen Austausch pflegten. Auch der Generalsekretär legte keinen übermäßigen Wert auf eine kollektive Arbeitsweise. Das hatte indes auch mit Vorbehalten Honeckers gegenüber einzelnen Mitgliedern des Politbüros zu tun. Honecker zeigte allerdings in all den Jahren eine bemerkenswerte Unwilligkeit (oder sah sich, was der Wahrheit vermutlich näherkommt, nicht in der Position), diese Politbüromitglieder zu ersetzen.
Im November 1985 schieden nun allerdings auf Veranlassung des Generalsekretärs gleich zwei Mitglieder des Politbüros aus. Beide fielen weder durch Greisenhaftigkeit – Naumann war 56, Häber 55 Jahre alt – noch durch vorzeitige körperliche Hinfälligkeit auf. Auch gehörten beide nicht zu den Politbüromitgliedern, die schon seit sehr langer Zeit an diesem Tisch saßen. Im Gegenteil: Naumann war seit 1976 Vollmitglied, und Häber hatte Honecker erst im Mai 1984 auf dem 8. Plenum als Vollmitglied ins Politbüro wählen lassen, ohne dass er zuvor wie üblich eine gewisse Zeit im Status des Kandidaten verbracht hatte – ein Signal besonderer Wertschätzung.
Die Fälle Häber und Naumann sind heute in Darstellungen zur Geschichte der DDR bzw. der SED oftmals nur Randnotizen und werden selten in einen inhaltlichen Zusammenhang mit den großen Linien der Entwicklung in der Spätzeit der DDR gebracht. Dieser Zusammenhang besteht aber zumindest mittelbar. Im Fall Häber spielen vor dem Hintergrund der zunehmend krisenhaften Entwicklung des sozialistischen Lagers und des lange vor Gorbatschow wachsenden Misstrauens im Verhältnis DDR/UdSSR Fragen der Deutschland-Politik eine Rolle, die dann 1989/90 auf dem Wege der inneren und äußeren Preisgabe des sozialistischen deutschen Staates reguliert wurden.
Keine Illusionen
Der Fall Naumann berührt Probleme des innenpolitischen Ansatzes der SED in der Honecker-Ära – insbesondere das Verhältnis der Partei zur künstlerischen und wissenschaftlichen Intelligenz, die in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre zum Träger einer Oppositionsstimmung wurde und, insofern sie in der SED organisiert war, im Herbst 1989 die Basis für den Vorstoß der »Reformer« gegen das »alte Politbüro« bildete.
Naumann war ohne jeden Zweifel das Politbüromitglied, das die wenigsten Illusionen über die Verankerung der SED insbesondere unter der künstlerischen Intelligenz hatte. Er hielt offensichtlich auch die auf »Erfolgspropaganda« fixierte Medienpolitik für problematisch und war mit einzelnen Aspekten der Wirtschaftspolitik unzufrieden. Zum Verhängnis wurde ihm, dass er diese Kritik in einer Weise aussprach, die Honecker, der Naumann seit Ende der 1940er Jahre kannte und ihm durchaus verbunden war, als Vertrauensbruch und Grenzüberschreitung ahnden musste. Im Gegensatz zu den komplexeren Vorgängen im Fall Häber sind die Ereignisse, die 1985 binnen weniger Wochen zur Ablösung Naumanns führten, recht klar umrissen.
Der selbstbewusste Naumann, der im Politbüro nicht viele Freunde hatte, sich als Berliner Parteichef als volksnaher Funktionär in Szene setzte und mit Nachdruck auf der Durchsetzung einer »proletarischen« oder »parteilichen« Linie bestand, hatte am 17. Oktober 1985 vor den Dozenten der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED eine Rede gehalten, in der er das, was er zuvor hier und da im kleineren Kreis gesagt hatte, in geballter Form vortrug – allerdings mehr in der Form eines wütenden und so nicht geplanten Ausbruchs, der sich schließlich auch gegen seine Zuhörer richtete, die er aufforderte, »endlich einmal richtig zu arbeiten«. Naumann prangerte die Schönfärberei in der Parteipresse, die Preispolitik und die nur aus taktischen bzw. beruhigenden Maßnahmen bestehende Kulturpolitik an und monierte, dass man die führenden Funktionäre der Blockparteien mit importierten Autos und Privilegien aller Art und nicht politisch an das Bündnis mit der SED binde. Der Regierung warf er Unfähigkeit zu koordinierter Arbeit vor, den Wissenschaftlern Faulheit.
Der SED-Chef erfuhr von diesem Auftritt erst am 29. Oktober bei einem Besuch in Budapest vom ungarischen Parteichef János Kádár, und bereits dieser Umstand machte es Honecker, der Naumann nach vorangegangenen Eskapaden schon mindestens einmal hatte ermahnen und auffordern lassen, mit dem Trinken aufzuhören, unmöglich, die Sache intern zu klären. Er ließ sich von Otto Reinhold, dem Rektor der Akademie für Gesellschaftswissenschaften, einen Bericht über den Auftritt Naumanns vorlegen, der am 5. November 1985 die Grundlage einer »Aussprache« im Politbüro bildete – nach der Erinnerung von Teilnehmern die lauteste bis zum Herbst 1989. Naumann verteidigte sich dabei nicht. Einen Tag später bat er schriftlich um die Entlassung aus allen Ämtern und Funktionen.
Naumann hatte mit dem, was er in chaotischer Form angesprochen hatte, keine alternative politische Plattform formuliert, wohl aber Probleme angerissen, die für die SED schon vier Jahre später nicht mehr beherrschbar waren – etwa die Defizite in der Informationspolitik, Elemente des Selbstbetrugs in der Bündnispolitik und insbesondere die Tatsache, dass der politische Einfluss der SED unter den Intellektuellen spürbar zurückging. Dass eine solche Diagnose 1985 aber nicht zu einer vertieften Diskussion, sondern nur zu dem Vorwurf führte, damit die Einheit der Parteiführung nach außen hin in Frage zu stellen, zeigt exemplarisch die politischen Beschränkungen der SED bis hinauf zur Spitze.
Ein gefragter Mann
Der Fall Häber hat eine deutlich längere Vorgeschichte. Sucht man nach einem zeitlichen Ansatzpunkt, dann bietet sich das Jahr 1982 an. Häber, der seit bald zehn Jahren die Westabteilung des ZK der SED leitete, verfügte über umfangreiche Kontakte in der Bundesrepublik, die er regelmäßig besuchte. Er war zu einem regelrecht gesuchten Gesprächspartner geworden. Bei einem Aufenthalt Anfang Februar 1982 traf er zum Beispiel Gerhard Stoltenberg (CDU), Hans Koschnik (SPD), Wolfgang Mischnik (FDP) und Walther Leisler Kiep (CDU). An »Gesprächen interessiert, die aber aus zeitlichen Gründen nicht stattfinden konnten«, zeigten sich dem Bericht Häbers zufolge der Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD), Günter Gaus und der hessische Ministerpräsident Holger Börner (SPD). Über auffallend gute und vielfältige Kontakte verfügte Häber offensichtlich zur CDU, die in jenem Jahr in Bonn wieder das Bundeskanzleramt übernahm.
1982 war das Jahr, in dem die DDR mit der 1981 überraschend angekündigten Reduzierung der Erdöllieferungen aus der Sowjetunion um 2,1 Millionen Tonnen praktisch umgehen musste. Nicht nur die Deviseneinnahmen aus dem Export von Veredelungsprodukten aus den Raffinerien in Schwedt, Leuna und Zeitz, die zu diesem Zeitpunkt wertmäßig annähernd ein Drittel der DDR-Exporte in den Westen ausmachten, waren in Gefahr. Im Grunde war der laufende Fünfjahresplan damit zu großen Teilen nicht mehr haltbar. Die DDR reagierte auf die Reduzierung mit einem weitgehenden Wechsel vom Energieträger Öl zum Energieträger Braunkohle.
Die Ölentscheidung wurde dem Generalsekretär der SED in einem Schreiben Leonid Breschnews mitgeteilt, das ein hochrangiger Emissär, der Sekretär für internationale Fragen des ZK der KPdSU, Konstantin Russakow, erläutern sollte. Russakow versicherte Honecker, dass der Genosse Breschnew geweint habe, als er seine Unterschrift unter das Schreiben setzte. Honecker wiederum fragte Russakow unverblümt, ob es zwei Millionen Tonnen Erdöl wert seien, »die DDR zu destabilisieren«. Auch in einem Schreiben an Breschnew nahm Honecker kein Blatt vor den Mund: Die Entscheidung untergrabe »Grundpfeiler der Existenz der Deutschen Demokratischen Republik«, hieß es darin unmissverständlich.
Dass Honecker sofort diesen Zusammenhang herstellte, ist von Bedeutung. Für ihn war klar, dass die Stabilität der DDR in der unmittelbaren Nachbarschaft eines der höchstentwickelten kapitalistischen Länder – auf diesen Aspekt verwies Honecker auch gegenüber Russakow – von einer störungsfreien wirtschaftlichen Entwicklung und der Sicherstellung eines relativ hohen Lebens- und Konsumniveaus der Bevölkerung abhängig war.
Dieser »Konsumsozialismus« ist seit 1989 immer wieder verlacht und kritisiert worden, war aber nichts anderes als das Resultat einer nüchternen Beurteilung der Lage der DDR und der spezifischen Herausforderungen der SED. Honecker hatte 1952/53 erlebt, was geschehen war, als die Losung vom Aufbau des Sozialismus mit einer realen Verschlechterung der Lebenslage für breite Kreise der Bevölkerung zusammengebracht wurde. Diese Erfahrung war prägend für Honeckers politischen Ansatz. Im November 1979 verwarf er ein von Günter Mittag vor dem Hintergrund der Probleme mit der Handels- und Zahlungsbilanz befürwortetes Konzept für eine Preisreform, die Einsparungen in Milliardenhöhe, aber auch eine spürbare Absenkung des Lebensniveaus der Bevölkerung mit sich gebracht hätte: »Wenn man das macht, dann kann gleich das Politbüro zurücktreten und die Regierung auch.«
1981/82 wurde nun für Honecker (und den kleinen Kreis der Eingeweihten im Politbüro und im Apparat des ZK) deutlich, dass die Sowjetunion in sehr ernsten Schwierigkeiten steckte. Die Lage sei so wie zum Zeitpunkt des Friedens von Brest-Litowsk, hatte Russakow dem konsternierten Honecker versichert. »Bestimmte Reserven« seien »bereits angegriffen«. Das bedeutete, dass die UdSSR auch als Kreditgeber auszufallen drohte. Einschränkungen bei der Kreditvergabe an die DDR hatte Breschnew bereits angekündigt.
Erkannte Gefahr
Auf diese Lage reagierte Honecker mit einer Intensivierung der Westpolitik – just zu einem Zeitpunkt, als sich der Ost-West-Gegensatz mit der Raketenstationierung in Mitteleuropa scharf zuspitzte. In den Zusammenhang dieser Politik gehören der »Strauß-Kredit« von 1983, aber eben auch die demonstrative Berufung Häbers ins Politbüro im Mai 1984. Honecker begab sich damit auf vermintes Territorium, denn dass jede als »Annäherung« an die Bundesrepublik (miss-)deutbare Politik der SED – und darunter wurden auch intensivere wirtschaftliche Kontakte und die Aufnahme von größeren Krediten verstanden – in Moskau auf Ablehnung stieß, hatte Breschnew zuletzt 1979 bei seinem Besuch anlässlich des 30. Jahrestages der DDR und im Jahr darauf bei einem Treffen mit Honecker auf der Krim unmissverständlich deutlich gemacht. 1979 und 1980 verhinderte Moskau mehrmals das von Honecker gewünschte Treffen mit Helmut Schmidt, das erst im Dezember 1981 stattfinden konnte.
Bei nüchterner Bewertung von Honeckers Maßnahmen zwischen 1981 und 1984 erscheint der Schluss unabweisbar, dass der Generalsekretär, dem nach 1990 in einer Kaskade von Abrechnungsliteratur mindestens Überforderung und »Realitätsverweigerung« attestiert worden sind, eine für die DDR sehr wesentliche Gefahr sehr früh – noch vor dem Auftreten Gorbatschows – erkannt hatte: die Gefahr nämlich, dass eine Situation eintreten könnte, in der die UdSSR entweder nicht mehr in der Lage oder nicht mehr bereit sein würde, die DDR zu stützen, oder sogar zu einer Politik übergehen würde, die auf eine Destabilisierung der DDR hinauslief.
Das allerdings war eine Problematik, die im Politbüro nicht offen auf den Tisch gelegt werden konnte. Honecker war sich darüber klar, dass er dort auf Widerstand treffen und alle derartigen Überlegungen und Schlussfolgerungen sofort andernorts bekannt werden würden. Im Politbüro existierte, wie man heute weiß, eine auf Moskau orientierte Gruppe (die von der Perestroika-Fraktion zu unterscheiden ist, die in der Partei und im Politbüro im Laufe des Jahres 1989 Gestalt annahm), die abseits der offiziellen Kanäle die sowjetische Seite laufend mit Interna aus der SED-Führung versorgte. Besonders sensibel reagierte sie auf tatsächliche oder vermeintliche Tendenzen einer selbständigen Deutschland-Politik der SED. Zu dieser Gruppe gehörten nach heutigem Kenntnisstand Werner Krolikowski, Erich Mielke und Willi Stoph.
Ein wiederkehrendes Thema der weitergereichten Informationen war (wie aus den Aufzeichnungen Krolikowskis klar hervorgeht) seit den späten 1970er Jahren die Frage der Verschuldung im Westen und die damit verknüpfte Skandalisierung deutschlandpolitischer Alleingänge Honeckers, die als Abweichung von den zu diesem Zeitpunkt auf eine strikte Abgrenzung der DDR nach Westen gerichteten sowjetischen Präferenzen vermerkt wurden. Die Erzählung von der angeblich nicht mehr beherrschbaren Verschuldung im Westen war also, bevor sie im Herbst 1989 der (Partei-)Öffentlichkeit präsentiert und als einer der Haupthebel zur Erzeugung einer Kapitulationsstimmung eingesetzt wurde, schon jahrelang Gegenstand interner Diskussionen und ein Element der latenten Intrigen gegen die Politik des Generalsekretärs.
Nachdem Honecker Häber im Mai 1984 gleichsam demonstrativ ins Politbüro geholt hatte, begann er seine Anstrengungen zu intensivieren, um aus Moskau, wo Konstantin Tschernenko nach Breschnew und Juri Andropow an die Spitze der KPdSU gerückt war, eine Erlaubnis für einen Besuch in der Bundesrepublik zu erhalten. Von einem solchen Besuch erhoffte er sich ein Herankommen an die vollumfängliche Anerkennung der DDR durch die Bundesrepublik.
Bei Tschernenko und seinem Umfeld war die Ablehnung jeder eigenständigen deutschlandpolitischen Initiative der SED aber noch ausgeprägter als bei seinen Vorgängern. Bei einem Treffen in Moskau, über das damals keine Information an die Öffentlichkeit kam, wurden Honecker am 17. August 1984 von Tschernenko sehr deutlich die Grenzen aufgezeigt. Honecker trug hier ein von Häber ausgearbeitetes detailliertes Grundsatzpapier vor, in dem zahlreiche Argumente für einen Besuch, über dessen Absage sich »eigentlich nur die Ultras in der BRD und in den USA freuen« würden, zusammengestellt waren. Das beeindruckte aber Tschernenko, in dessen Begleitung sich auch der kommende Mann Michail Gorbatschow befand, überhaupt nicht. Er erklärte, dass »die sowjetischen Kommunisten es positiv aufnehmen würden, wenn Sie in der entstandenen Lage von dem Besuch Abstand nehmen«. Danach entspann sich ein heftiger Wortwechsel, in dem Honecker unter anderem die Entscheidung verteidigte, einen Prawda-Artikel zur Deutschland-Politik nicht wie üblich im SED-Zentralorgan nachzudrucken, »weil er sich gegen einige Positionen des ZK unserer Partei richtete«. Der sowjetische Verteidigungsminister Ustinow warf Honecker im Gegenzug vor, ihm fehle es »an Härte in den Beziehungen mit der BRD«.
Liest man die Niederschrift über dieses Gespräch aufmerksam, dann fällt auf, dass die sowjetische Seite vordergründig »prinzipienfest« argumentierte, aber diese Argumente letztlich nur darauf zielten, Honecker zur Anerkennung der Unterordnung seiner Westpolitik unter das Moskauer Veto zu zwingen. Der SED-Chef stellte am Ende dieses Gesprächs zwar trotzig fest, dass »es Sache der SED ist, über die Frage des Besuches in der BRD zu entscheiden«, fügte sich dann aber: Im September 1984 gab der DDR-Vertreter in Bonn bekannt, dass Honecker die BRD vorerst nicht besuchen würde.
Belastendes Dossier
Häber hatte an dem Moskauer Treffen nicht teilgenommen. Über die Frage, wer was aus welchen Gründen mit Blick auf Häber zwischen dem Herbst 1984 und der Bekanntgabe seines Ausscheidens aus dem Politbüro veranlasst hat, besteht noch immer keine vollständige Klarheit. Fest steht zumindest, dass die nach 1989 aufgestellte Behauptung, Häber sei bald nach dem Moskauer »Geheimtreffen« von Honecker als »Bauernopfer« aus der politischen Arbeit ausgeschaltet worden, so nicht zutrifft. Häber blieb bis zum Juni 1985 an seinem Platz.
Inzwischen nachgewiesen worden ist aber, dass im Februar 1985 im Ergebnis von Recherchen der Hauptabteilung 11/IX (Nazi- und Kriegsverbrechen) des Ministeriums für Staatssicherheit, die unmittelbar nach Häbers Berufung ins Politbüro eingeleitet worden waren, ein Dossier vorlag, das einerseits auf die Nazizeit bezogene Anschuldigungen gegen Häbers Vater und andererseits den Vorwurf enthielt, Häber habe von diesen Verstrickungen gewusst, sie aber der Partei verschwiegen. Daraus wurde gefolgert, dass Häber politisch angreifbar bzw. erpressbar sei. Parallel dazu wurde im Oktober 1984 von der MfS-Hauptabteilung II (Spionageabwehr) der Verdacht aktenkundig gemacht, in Häbers unmittelbarer Umgebung befinde sich eine Quelle des BND. Es ist schwer vorstellbar, dass eine solche »Überprüfung« eines Politbüromitglieds ohne Anregung oder zumindest Deckung durch den zuständigen Minister zustande gekommen wäre. Auch in Anbetracht der erwähnten Rolle Mielkes innerhalb des Politbüros liegt der Verdacht nahe, dass hier etwas »gefunden« werden sollte, um Häber unhaltbar zu machen (was nicht heißen muss, dass das, was dann gefunden wurde, konstruiert war). Nicht auszuschließen ist, dass diese Informationen Honecker tatsächlich veranlasst haben, Häber fallenzulassen. Jedenfalls erscheint das weitaus plausibler als die lange Zeit vertretene Behauptung, Häber sei als »Sündenbock« von Honecker geopfert worden, um in Moskau die Lage zu beruhigen.
Im August 1985 erlitt Häber einen Nervenzusammenbruch und wurde im Regierungskrankenhaus Berlin-Buch behandelt. Im September besuchte Honecker ihn dort und forderte ihn auf, schriftlich um die Entlassung aus allen Funktionen nachzusuchen – »aus gesundheitlichen Gründen«. Honecker soll ihm bei diesem letzten Zusammentreffen einen »Disziplinbruch« vorgeworfen haben. Wenige Wochen nach dem Ausscheiden aus dem Politbüro wurde Häber im Januar 1986 in die psychiatrische Außenstelle des Regierungskrankenhauses in Bernburg eingeliefert und dort mehrere Wochen behandelt. Die regelmäßig wiederholte Behauptung, es habe sich hier um eine politisch motivierte missbräuchliche Einweisung in die Psychiatrie gehandelt, ist nie belegt worden. Die Generalstaatsanwaltschaft der DDR hat diesen Vorwurf Anfang Februar 1990 in einer Atmosphäre, in der die wildesten Gerüchte umstandslos beglaubigt wurden, überprüft und ausdrücklich zurückgewiesen. Der Historiker Andreas Malycha, der im Rahmen einer Arbeit über die SED in der Honecker-Ära noch einmal die vorhandenen Unterlagen ausgewertet hat, hat darauf hingewiesen, dass Häber seit den 1950er Jahren als nervlich labil galt und die gesundheitlichen Probleme nicht einfach als »Erfindung des Politbüros« abgetan werden können.
Die nicht offen artikulierten, aber vorhandenen und in unterschiedlicher Deutlichkeit bewusst reflektierten Nuancen und Widersprüche innerhalb der SED-Führung, die sich in den Fällen Häber und Naumann für unterschiedliche Bereiche der Politik aufweisen lassen, sind bislang nur unzureichend erforscht, obwohl sie für die Dynamik des Machtverlustes im Herbst 1989 eine beachtliche Rolle spielen – denn sie waren das auslösende Moment für die Absetzung Honeckers am 17. Oktober 1989. Diese Absetzung wurde von der Moskau-Fraktion, die 1984/85 schon in der Häber-Affäre eine Rolle spielte, und einer Gruppe bewerkstelligt, die sich in der Krise des Jahres 1989 formiert hatte und die Ansicht vertrat, das richtige Rezept für eine weiterhin sozialistische DDR sei eine Variante der Perestroika-Politik. Beide Gruppen wurden nach Honeckers Sturz binnen weniger Wochen durch eine Kombination von innerem und äußerem Druck von einer sich auf die in der Partei organisierte Intelligenz stützenden »Reformer«-Strömung verdrängt, die besser zu den veränderten Prioritäten in Moskau passte.
Es gehört zu den Paradoxien der DDR-Spätzeit, dass Honecker, der in Moskau 1984 wegen seiner Initiativen angezählt worden war, fünf Jahre später als politisch »erstarrt« an den Pranger gestellt wurde. Das war unter den geänderten Vorzeichen aber folgerichtig: Honeckers Konzeption ging vom Gedanken der Gewährleistung der Souveränität einer sozialistischen DDR aus, und das war 1989/90 in Bonn und in Moskau absolut kein akzeptabler Ansatz mehr.
Als Häber nach 1989 öffentlich den Eindruck erweckte, er habe gegen den Willen des Generalsekretärs an weitgehenden deutschlandpolitischen Initiativen gearbeitet und sei darüber gestürzt, mag das vor allem dem Interesse an einer nützlichen Legendenbildung in eigener Sache geschuldet gewesen sein. Es zeigt aber auch, dass Honeckers Ansatz nicht viele genuine Unterstützer, wohl aber eine Reihe von falschen Freunden hatte, die sich insgeheim längst mit Gedankenspielen beschäftigten, die mit der dauerhaften Sicherstellung einer sozialistischen DDR nicht zu vereinbaren waren. Unter diesem Gesichtspunkt hat Honecker nach dem Ende der DDR nicht die Ablösung Häbers, wohl aber die von Naumann nach jenem »Auftritt vor einigen Intellektuellen« bedauert. Als Naumann 1992 in Ecuador gestorben war, notierte Honecker in seiner Untersuchungshaftzelle in der JVA Moabit, »Konni« sei ein »aufrechter und ehrlicher Genosse« gewesen – »die Entwicklung hat gezeigt, dass trotz aller Argumente die Ablösung falsch war«.
Leo Schwarz schrieb an dieser Stelle zuletzt am 4. Oktober 2025 über die Brüsseler Konferenz der KPD im Oktober 1935: Der schwerste Fehler
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»Russakow versicherte Honecker, dass der Genosse Breschnew geweint habe, als er seine Unterschrift unter das Schreiben setzte. Honecker wiederum fragte Russakow unverblümt, ob es zwei Millionen Tonnen Erdöl wert seien, ›die DDR zu destabilisieren‹.« Die gleiche Frage könnte man auch Bundeskanzler Merz stellen, ob es das wert sei, Russland, die Stadt Schwedt und die Energieversorgung Deutschlands zu destabilisieren, wobei es bei Russland ja nicht klappt. Vermutlich würde er trotzdem mit einem entschiedenen Ja antworten. Weinen werden höchstens die Kinder der zusätzlichen Arbeitslosen, wenn sich künftig etliche Wünsche nicht mehr erfüllen lassen.