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Künstliche Intelligenz

Patagonien vor dem Ausverkauf

Argentiniens Regierung möchte im Landessüden Rechenzentren ansiedeln. Allerdings stockt das Vorhaben

Foto: Tomas Cuesta/REUTERS
Protest vor dem Wohnsitz von Peter Thiel, Palantir-Gründer und Anteilseigner von Vista Energy (Buenos Aires, 29.8.2026)

Wo heute eisige Winde über die karge Landschaft fegen und Gletscher sich in die Bergtäler schmiegen, sollen künftig rund um die Uhr riesige Serverhallen brummen. Patagonien, kühl, wasserreich und dünn besiedelt, gilt als idealer Standort für die energiehungrigen Rechenzentren, deren Zahl weltweit rasant wächst. Genau das will die argentinische Regierung nutzen: Ausländische Investoren sollen die Region in einen Hub für Rechenzentren und künstliche Intelligenz verwandeln.

Vom angekündigten Boom ist bislang jedoch wenig zu sehen. Zuletzt sorgte eine von Reuters exklusiv verbreitete Nachricht für Aufmerksamkeit: Der Energiekonzern Pampa Energías plane demnach, in der patagonischen Provinz Neuquén ein Rechenzentrum zu errichten. Seine Energie solle es aus dem konzerneigenen Wärmekraftwerk Loma de la Lata am Stausee Mari Menuco beziehen – wie Reuters berichtet, bis zu 500 Megawatt. Der Mari Menuco liegt in der Nähe der Provinzhauptstadt Neuquén und ist Teil des riesigen Schiefergasfelds Vaca Muerta, das sich über mehrere Provinzen Patagoniens erstreckt.

Schon vor einem Jahr hatte der KI-Konzern Open AI gemeinsam mit dem argentinischen Unternehmen Sur Energy den Plan angekündigt, ein Rechenzentrum bauen zu wollen. Das Projekt, das bis zu 25 Milliarden US-Dollar kosten soll, werde eine Kapazität von bis zu 500 Megawatt haben, die aus »sauberer« Energie komme, hieß es. Seit der großangelegten Verkündung, die nur wenige Tage vor den für die ultraliberale Regierung von Javier Milei entscheidenden Zwischenwahlen erfolgte, ist über Fortschritte nichts bekannt geworden. Bereits damals war darüber spekuliert worden, es habe sich bei der Ankündigung vor allem um ein Wahlkampfmanöver gehandelt.

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Unbestritten ist, dass Konzerne wie Open AI ein Interesse daran haben, die Milei-Regierung an der Macht zu halten. Der Präsident verspricht ihnen weitreichende Privilegien. In einem Gastbeitrag für die Financial Times warb er Anfang Juni dafür, Argentinien zum attraktivsten Rechts- und Steuerstandort für KI-Firmen zu machen, die seiner Ansicht nach das 21. Jahrhundert prägen werden. Schon 2024, wenige Monate nach Amtsantritt, hatte Milei bei einem Treffen im Silicon Valley unter anderem mit Sam Altman, Tim Cook, Sundar Pichai und Mark Zuckerberg persönlich für Investitionen in Patagonien geworben. Besonders verbunden ist er Peter Thiel, der in Buenos Aires eine Villa besitzt und sich in diesem Jahr mit einem Prozent an Vista Energy beteiligte, einem der führenden Ölproduzenten in Vaca Muerta.

Zuletzt hatte die Regierung jedoch vermehrt mit Rückschlägen zu kämpfen. Zwar brachte sie Anfang August das »Gesetz zur Unverletzlichkeit des Privateigentums« durchs Parlament – doch nur, nachdem sie im letzten Moment zwei Abschnitte gestrichen hatte, die es Konzernen wie KI-Unternehmen erleichtert hätten, natürliche Ressourcen auszubeuten und Ländereien zu erwerben. Noch schwerer wiegt die Niederlage beim sogenannten Super-RIGI, einer Erweiterung des 2024 beschlossenen Anreizsystems für Großinvestitionen. Während das ursprüngliche RIGI vor allem Bergbau, Öl, Gas und Stahl begünstigte, ist die Neuauflage explizit auf künstliche Intelligenz, Rechenzentren und Big Data zugeschnitten. Wer mindestens eine Milliarde US-Dollar investiert, soll drastisch reduzierte Unternehmenssteuern, freien Zugang zu Devisen und den Wegfall von Export- und Importzöllen erhalten – über 30 Jahre hinweg. Anfang September schaffte es die Regierung allerdings nicht, die notwendigen Stimmen für das Super-RIGI zusammenzubekommen. Vorerst liegt das Vorhaben auf Eis.

Bislang verfügt Argentinien nur über wenige, vergleichsweise kleine Rechenzentren, die sich auf den Großraum um Buenos Aires konzentrieren. Das liegt auch daran, dass die notwendige Infrastruktur in Patagonien lückenhaft ist. Im regionalen Vergleich hinkt das Land damit hinterher: Amazon baut in Chile ein Megarechenzentrum, Google eines in Uruguay, und Paraguay hat mit taiwanischer Unterstützung eigene Pläne vorgelegt.

Auch deswegen ist der Widerstand gegen Rechenzentren in Argentinien bislang eher gering. Doch es gibt erste Anzeichen dafür, dass sich das bald ändern könnte: Die Debatte über Peter Thiels wachsende Präsenz und seine vorangetriebenen Projekte hat in den vergangenen Wochen spürbar an Fahrt gewonnen – und erste Proteste ausgelöst. Und die in Patagonien lebenden indigenen Mapuche sind in ihrem Widerstand kampferprobt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.09.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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