Deutscher 11. September
Einige deutsche Redaktionen drängt es am Wochenende, ihren Wunschkrieg gegen Russland herbeizuschreiben. Der Drohnenfund in Leipzig liefert zwar keine Beweise für eine Urheberschaft staatlicher russischer Stellen, doch das spielt keine Rolle.
Selbst die Welt am Sonntag (WamS) bleibt aber vorsichtig, was die Verursacher angeht. Sie veröffentlicht Material aus den Ermittlungsakten, titelt jedoch: »Ermittler identifizieren mutmaßlichen GRU‑Agenten«. Der namentlich bekannte Mann sei schon bei der Einreise dem »Umfeld« des russischen Militärgeheimdienstes GRU »zugerechnet« worden, wurde aber danach »dennoch nicht observiert«. Es gab schon plausiblere Märchen. Mit »mutmaßlich« oder »zugerechnet« hält sich in der Frankfurter Rundschau am Sonntag der in der Schweiz lehrende deutsche Militärökonom Marcus Keupp nicht auf. Er macht die Ansage: »Europa hat auch eine Straße von Hormus. Sie heißt Skagerrak.« Daher: »Wenn Europa entscheiden würde, das Skagerrak zu schließen, wäre das für Russland ein heftiger Schlag. Aber für solch einen Schritt braucht man halt Rückgrat.« Angesichts »des russischen Staatsterrorismus« müsse »Europa« deutlich stärker gegen Russland vorgehen. Beim angekündigten härteren Umgang mit der russischen »Schattenflotte« solle sich Deutschland ein Beispiel an Italien nehmen: »Die gehen viel rigoroser vor. Die Marine stoppt Schiffe, auf denen Hubschrauber mit Spezialkräften landen, und die Schiffe durchsuchen.« Es sei keine Frage des Könnens, sondern des Wollens. Vor allem verstehe Putin nur die »Sprache der Stärke«.
Den noch nicht überall verbreiteten Willen zum Krieg beweist an diesem Wochenende die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS). Sie veröffentlicht zur Leipziger Drohne einen Kommentar unter dem Titel: »Deutschlands 11. September«. 25 Jahre nach »9/11« erlebe Deutschland wieder eine Zäsur: »Das Land wird angegriffen. Zwar steuern Terroristen keine Flugzeuge in die Türme der Deutschen Bank. Aber fremde Mächte, allen voran Russland, setzen alles daran, die Unruhe in der deutschen Bevölkerung zu befeuern. Und sie nehmen dabei den Verlust von Menschenleben in Kauf. Wäre die Drohnenattacke in Leipzig vollends ›gelungen‹, dann wären wohl ein oder mehrere Flugzeuge explodiert. Hätte man dann noch von hybrider Kriegführung sprechen können? So oder so: Die Drohnenattacke von Leipzig war eine Wende. Sie war Deutschlands ›9/11‹.« Dem »Wäre«- und »Hätte«-Gestammel folgt in der FAS nicht der Aufruf zum »Krieg gegen den Terror«, sondern Lob für per Gesetz demnächst aktivere deutsche Geheimdienste. Das innere Drängen zum Krieg darf nicht verkümmern. (as)
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