Die Mobilmachung des Krieges
Vor 110 Jahren wurden in der Schlacht an der Somme zum ersten Mal in der Geschichte Panzer eingesetzt
Im Jahr 1916 gab es an der Westfront keine Landschaften im herkömmlichen Sinn mehr, nur noch ein durch den industrialisierten Krieg verunstaltetes Gelände: aufgewühlte Erde, endlose Drahtverhaue, ineinander verschachtelte Grabensysteme, dahinter von Artillerie zerpflügte Weiten in der Tiefe des Stellungssystems. Ernst Jünger beschrieb diese grausame Welt in seinen Kriegserinnerungen als eine Umgebung, in der die Menschen sich buchstäblich in den Boden zurückgezogen haben: »Ihre Tage verbrachten sie in den Eingeweiden der Erde, vom Schimmel umwest, gefoltert vom ewigen Uhrwerk fallender Tropfen.«
Über dieser unterirdischen Existenz lag ein Raum, der fast vollständig von Feuer, Draht, Gräben und Maschinen beherrscht wurde. Die Technik war dabei nicht länger ein Element, das auf einem Schlachtfeld zum Einsatz kommt – das Schlachtfeld selbst war zu einem technischen Gebilde geworden. Millionen Männer schaufelten, verdrahteten, betonierten und befestigten über Monate hinweg ganze Landstriche; Maschinengewehre und Schnellfeuerartillerie zwangen sie dazu, sich buchstäblich in die Erde hineinzugraben.
Dieses Gelände hatte mit der Zeit eine derart feste, eigene Kontur angenommen, dass es fast wie von selbst die Form des Krieges bestimmte. Draht, Graben, Feuerwalze, der ganze Stellungskrieg bildeten zusammen eine Art Hohlform, in die hinein sich früher oder später etwas finden muss, das genau in diese Aussparungen passt: beweglich genug, um über zerstörtes Gelände zu kommen, geschützt genug, um unter Feuer zu bestehen, bewaffnet genug, um Widerstand unmittelbar zu brechen. In diese »Gussform« des Krieges fügte sich 1916 eine neue Erfindung ein: der Panzer.
Erstarrte Fronten
Am Anfang dieses Prozesses stand das, was man als »Bewegungskrise« bezeichnen kann. Ende 1914 machten Maschinengewehr, Schnellfeuerartillerie und massiertes Gewehrfeuer jede ungeschützte Bewegung über offenes Gelände extrem verlustreich, bei jedem Angriff starben Tausende Soldaten. Die Militärs reagierten auf diese Feuerdichte mit Gräben, Draht und Unterständen, zunächst nur als Notlösung. Daraus wurden jedoch rasch immer tiefere, mehrfach gestaffelte Stellungssysteme.
Im Jahr 1915 verschob sich das Problem. Bei Neuve-Chapelle im März rissen britische Truppen nach kurzer, konzentrierter Artillerievorbereitung die deutsche Front rasch auf; mit dem ersten Ansturm wurde die vorderste Stellung binnen weniger Stunden überrannt. Doch der Schwung verpuffte. Telefonleitungen rissen unter dem Beschuss, Lagemeldungen brauchten Stunden statt Minuten, Reserven trafen zu spät ein. Während die britische Führung nur noch ein verzögertes und fragmentarisches Bild der Lage erhielt, gewann die deutsche Seite die Zeit, Verstärkungen heranzuführen und die Lücke wieder zu schließen. Der Einbruch gelang – seine Fortsetzung zum Durchbruch scheiterte.
Bei Loos im September desselben Jahres wiederholte sich dieses Muster in verschärfter Form: Reserven trafen erschöpft und verspätet ein, dem folgenden Angriff fehlte ausreichende Artillerieunterstützung. Der Verteidiger nutzte die gewonnene Zeit zur Reorganisation. Auch an der Somme blieb dasselbe Problem 1916 trotz enorm gesteigertem Aufwand bestehen. Feuerpläne, Vermessung, spezialisierte Infanteriewaffen und ungeheure Mengen Artilleriemunition sollten die Bewegung enger an die eigene Feuerwirkung koppeln. Lokal gelangen tiefe Einbrüche, doch mit jedem weiteren Vorrücken gerieten Artillerie, Führung, Nachschub und Reserven stärker ins Hintertreffen, während der Verteidiger Kräfte aus dem rückwärtigen Raum heranführte.
In allen drei Schlachten zeigte sich dasselbe Muster: Das Angriffssystem war für einen statischen Zustand gebaut, nicht für einen sich bewegenden. Was vor dem Angriff minutiös planbar war – Feuer, Vermessung, Munitionslager, Reservendisposition –, verlor mit jeder Verschiebung der Front an Wirksamkeit. Je erfolgreicher der Angriff vorstieß, desto mehr begann das System, das ihn trägt, zusammenzubrechen.
Aus diesen Erfahrungen mit einem nahezu unüberwindbaren, tiefen Abwehrsystem verdichteten sich die technischen Anforderungen: Etwas muss Hindernisse überwinden, geschützt auch unter Feuer beweglich bleiben und selbst unmittelbare Feuerwirkung mitführen. In Großbritannien und Frankreich entstanden daraus nahezu parallel Konzepte gepanzerter Kettenfahrzeuge. Entscheidend war hier die Funktionsaggregation: Bewegung, Schutz und Feuerwirkung verschmolzen erstmals zu einer neuen militärischen Einheit – als »Schlüssel«, um das erstarrte System zu überwinden.
Wie ein Rammbock
Am 15. September 1916 wurde diese Funktionsaggregation, der die Kriegführung revolutionierende Panzer, erstmals auf dem Schlachtfeld erprobt. Bei Flers-Courcelette sollten die neuen Tanks in kleinen Gruppen vorgehen, Draht und feindliche Stützpunkte überwinden und der nachfolgenden Infanterie den Weg öffnen. Von 49 vorgesehenen Fahrzeugen kam jedoch weniger als die Hälfte tatsächlich wirksam zum Einsatz; viele blieben in Gräben und Granattrichtern stecken oder fielen mechanisch aus. Lokal funktionierte die Idee dennoch: Flers wurde genommen, einzelne Panzer drangen tief in die deutsche Stellung ein und lösten bei Teilen der Verteidiger einen erheblichen Schock aus. Doch die Zusammenarbeit mit der Infanterie war nicht eingespielt: Stellenweise überholte sie die langsamen Fahrzeuge und geriet dadurch erneut unter schweres Maschinengewehrfeuer.
Wie wenig der Panzer 1916 bereits als eigenständiges operatives Mittel gedacht war, zeigt der ursprüngliche britische Angriffsplan: Nach dem erhofften Durchbruch sollte ausgerechnet Kavallerie in den deutschen rückwärtigen Raum vorstoßen und den Erfolg ausnutzen. Der Panzer wurde 1916 noch nicht als eigenständiger Träger beweglicher Kriegführung gedacht. Er wurde in eine alte, längst vertraute Rolle gesteckt: Wie ein Rammbock, der das Stadttor einer belagerten Festung aufbrechen soll, um anschließend beiseitegeschoben zu werden – während durch das offene Tor die eigentliche, »richtige«, bewegliche Kraft einreitet, die Kavallerie –, sollte der Panzer die letzte Linie aufreißen und danach zurücktreten. Dazu kam es nicht. Flers selbst wurde erobert, doch jenseits des Dorfes kam der Vormarsch zum Stehen, bevor das entscheidende Ziel erreicht wurde.
Der Panzer überwand damit einige der physischen Hindernisse, an denen die Infanterie zuvor wiederholt gescheitert war. Eine eigenständige operative Rolle im Kriegssystem hatte er zu diesem Zeitpunkt noch kaum. Das begann sich 1917 bei Cambrai zu ändern. Die Briten setzten den Panzer nun massiert ein; zugleich ermöglichte ein neues analoges Feuerleitverfahren für die Artillerie den Überraschungsangriff ohne langes Einschießen. Der Einbruch reichte mehrere Kilometer tief, doch fehlende Reserven, schlechte Kommunikation und Ausfälle verhinderten erneut den operativen Durchbruch. Zugleich reagierte die deutsche Seite. Feldgeschütze bekämpften Panzer nun direkt; 1918 folgte mit dem 13-mm-Tankgewehr sogar eine eigens entwickelte Panzerabwehrwaffe. Der Panzer fing an, selbst zum formgebenden Faktor des Schlachtfelds zu werden.
Die Schlacht um Amiens 1918 stellte den Höhepunkt der Verwendung des Panzers im Ersten Weltkrieg dar: Rund 2.000 Geschütze, mehr als 500 Panzer und Spezialfahrzeuge sowie starke Luftkräfte wirkten mit Infanterie, Aufklärung und Feuerleitung zusammen, die deutsche Front brach auf breiter Front ein. Doch auch hier schaffte der Panzer den Durchbruch nicht allein. Er blieb Unterstützungswaffe innerhalb eines eng gekoppelten Gesamtsystems aus Infanterie, Artillerie und Luftkräften. Kriegsentscheidend wurde der Panzer im Ersten Weltkrieg nicht. 1916 formte das Schlachtfeld den Panzer. 1917 begann der Panzer das Schlachtfeld zu formen. 1918 wurde er Bestandteil einer frühen Form des Gefechts der verbundenen Waffen.
Eine Ironie der Geschichte: Bereits 1911 entwarf der österreichische Offizier Gunther Burstyn ein »Motorgeschütz«, das den späteren Panzer in erstaunlich moderner Form vorwegnahm. Ausgangspunkt waren seine Studien des Russisch-Japanischen Krieges von 1904/05. Dieser Krieg war ein Fenster in die Zukunft: Gräben, Feldbefestigungen, Maschinengewehre und moderne Artillerie ließen bereits jene neue Gestalt des Schlachtfelds erkennen, die wenige Jahre später Europa beherrschen sollte. Burstyn las diese Landschaft und schuf daraus eine neue militärische Form. Die strukturkonservative k.u.k. Armee lehnte seinen Entwurf ab. Die Form war also sichtbar, bevor die Institution bereit war, sie zu erkennen.
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