Wild durchs Gelände
Keine Spur von Brian Wilson: Cornelius’ Popalbum »Refractions«
Oyamada Keigo a. k. a. Cornelius wird gerne als »der japanische Brian Wilson« bezeichnet. Was natürlich einerseits völliger Quatsch ist: Zwar hatte er zu Beginn seiner Karriere gerne mit Verweisen auf die Beach Boys (und die Beatles und Prefab Sprout) gespielt, aber genau dieses Verweisspiel hatte Wilson ja eben nicht gespielt – der zauberte die Musik aus dem eigenen Hut. Andererseits teilt Cornelius Wilsons Faible für das Arbeiten mit ungewöhnlichen Sounds (soweit es heutzutage noch ungewöhnliche Sounds gibt) und experimentelle Klanggestaltung. Und auch die Neigung, die Songs mit Soundcollagen oder Instrumentalstücken zu verbinden (oder zu trennen). Dass bei Wilson daraus dann oft bezaubernde Minisuiten entstanden, während sie bei Cornelius eher als Brüche erscheinen, sei an dieser Stelle geschenkt. Beziehungsweise ist das eine ja nicht unbedingt besser oder schlechter als das andere.
Vielleicht kann man sagen: Cornelius bricht die Beach Boys im Prisma des Yellow Magic Orchestra und macht daraus seit über 30 Jahren Elektropop auf Höhe der jeweiligen Zeit. Auf jeden Fall ist »Refractions« die bislang zugänglichste Cornelius-Platte. Die Experimente stehen hier mehr im Dienste des Pop; auf die instrumentalen Interludien verzichtet Cornelius vollständig. Das Resultat ist sein mit Abstand geradlinigstes Popalbum.
Interessanterweise sieht Cornelius diesen Wechsel der Herangehensweise auch als Reaktion auf die globale Entwicklung. Interessant deshalb, weil man sich ja schon manchmal fragt, wie man 2026 Musik machen (oder auch besprechen) kann, die einfach nur Pop sein will und die katastrophalen gesellschaftlichen und ökologischen Veränderungen nicht reflektiert. Cornelius wollte, ausgelöst unter anderem durch die Zivilisationskrise (persönliche Gründe werden auch eine Rolle gespielt haben), raus aus der Introspektion.
»Realität erhält ihre Gestalt durch die Beziehungen und den Austausch zwischen Individuen«, sagt er. Und zur Gestaltung seiner neuen Realität hat er unter anderem seinen Buddy Sean Ono Lennon, mit dem Cornelius gelegentlich in der Plastic Ono Band spielt, den Monochrome-Set-Sänger Bid, seinen langjährigen Wegbegleiter Shintaro Sakamoto und den US-amerikanisch-brasilianischen Gitarristen Arto Lindsay ins Studio geholt. (Die starke Affinität der Japaner zu brasilianischer Musik sollte mal jemand kulturhistorisch untersuchen. Die zieht sich ja wie ein roter Faden von Haruomi Hosono bis Towa Tei.)
»Refractions« springt stilistisch so wild durchs Gelände, dass es niemals langweilig wird, allerdings auch nie so wirklich kohärent. »You Make Me Cyborg«, für das Bid Text und Gesang beigesteuert hat, ist Gitarrenpop, der tatsächlich – und nicht nur wegen der Stimme – an The Monochrome Set erinnert, »Aeons« ein toller 70er/90er-Groover, alles durch den aktuellen Elektrofilter gejagt. Das gleichermaßen großartige wie frustrierende »Mirrors« ist das Herzstück des Albums: acht Minuten Psychedelic-Avant-Punk-Dance-Groove. Es kann mit seinem unnachgiebigen Beat, den schiefen Gitarren-, Synth- und Orgelparts hypnotisch und ungemein erheiternd sein. Es kann aber auch kolossal nerven, wenn man nicht in der Stimmung ist, sich auf diese spezielle Trance einzulassen.
»Refractions« ist eine Sammlung zum Teil sehr guter Songs ohne größeren Zusammenhalt und ohne jede Spur von Brian Wilson. Ein prima Steinbruch für diverse Playlists. Und das ist in Zeiten, in denen die Kategorie »Album« weitgehend obsolet ist, quasi ein uneingeschränktes Lob.
Cornelius: »Refractions« (Eat Your Own Ear Recordings)
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