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Japan entgrenzt Arbeitszeit
Regierungschefin Takaichi will mehr Wirtschaftswachstum, Kritik von Gewerkschaften
Seit Dienstag sind japanische Unternehmen nicht mehr gesetzlich dazu verpflichtet, die Überstunden der Beschäftigten auf 45 pro Monat zu begrenzen. Bereits Ende 2025 hatte Premierministervin Takaichi Sanae das Arbeitsministerium angewiesen, über eine Flexibilisierung der Arbeitszeitregeln zu beraten. Takaichi begründet diesen Schritt mit dem guten, alten Wirtschaftswachstum. Diese Entwicklung dürfte vor allem das Kapital freuen: Vergangenen Mai erschien eine Umfrage der japanischen Industrie- und Handelskammer (JCCI) mit dem Ergebnis, dass die 45-Stunden-Regel für 20 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen zu »restriktiv« sei.
Hier schließt sich der Kreis wieder: Die JCCI ist einer der mächtigsten japanischen Lobbyverbände von Unternehmern. Vor 2019 gab es keine gesetzliche Obergrenze für Überstunden. So verwundert es auch nicht, dass Japans Bevölkerung mit dem Phänomen »Karoshi« (japanisch für »Tod durch Überarbeitung«) zu kämpfen hat. Offiziell wurden 2018 bis zu 464 Fälle staatlich anerkannt und entschädigt. Die Dunkelziffer wird von Experten deutlich höher geschätzt.
Dies änderte die Regierung 2019 mit einer großen Arbeitsreform. Ziel war es, Abweichungen von der Regelarbeitszeit – acht Stunden pro Tag und vierzig pro Woche – einzuschränken. Gesetzlich festgelegt wurde eine Obergrenze von 45 Stunden pro Monat und 360 Stunden pro Jahr. In rund 40 Prozent der Betriebe haben sich Bosse und Beschäftigtenvertretungen gemäß Artikel 36 des japanischen Arbeitsnormengesetzes allerdings auf mehr Überstunden geeinigt. Deren Umfang wurde durch das Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales limitiert. Diese Limitation wiederum konnten Unternehmen dank Sonderklauseln umgehen, indem sie besondere Umstände geltend machten, so dass für viele japanische Lohnabhängige nahezu unbegrenzte Überstunden an der Tagesordnung waren.
Das ist Geschichte. Bis zu 720 Überstunden im Jahr sollen fortan gesetzlich erlaubt sein, solange die Unternehmen mindestens eine seitens des Ministeriums vorgesehene Gesundheitsmaßnahme befolgen. Dazu können ausreichende Ruhezeiten zwischen zwei Arbeitstagen oder ärztliche Untersuchungen gehören. 2025 ergab eine Umfrage des Arbeitsministeriums jedoch, dass 78,7 Prozent der befragten Firmen ein solches System weder planen noch prüfen würden. Weitere 15,7 Prozent gaben an, das Konzept nicht zu kennen. Nur 6,9 Prozent hätten verbindliche Ruhezeiten eingeführt.
Trotzdem haben die Reformen Veränderung gebracht: Nach einer Untersuchung des Recruit Works Instituts leisteten 2025 von 50.000 Befragten 7,3 Prozent der Vollzeitbeschäftigten mindestens 45 Überstunden im Monat. 2016 waren es noch 13,6 Prozent. Die lebensgefährlich langen Arbeitszeiten wurden also nicht abgeschafft, aber immerhin etwas eingehegt. Auch die Zahl der Karoshi-Fälle sank: 2025 waren es bereits etwa 300 staatlich anerkannte Fälle weniger als 2018.
Das scheint die Premierministerin jedoch nicht zu interessieren. Statt dessen sagte sie selbst bei ihrem Amtsantritt 2025: »Ich werfe den Begriff Work-Life-Balance über Bord. Ich werde arbeiten, arbeiten, arbeiten, arbeiten, arbeiten.« Via Kurznachrichtendienst X beteuerte die Workaholic, sie würde jede Nacht nur null bis drei Stunden schlafen. Der Gewerkschaftsbund Zenroren kritisierte die Lockerungen in einer Stellungnahme, über die die Nachrichtenagentur AFP am Dienstag berichtete: »Dies ist eine inakzeptable Abkehr von und Abschaffung der Politik, die Unternehmen dazu angehalten hat, die Arbeitszeiten zu verkürzen.« Das Arbeitsministerium betonte am Dienstag, dass es weiterhin die Unternehmen überwachen werde, so dass das Wohlergehen der Beschäftigten gewährleistet sei, berichtete der Stern online. Welche konkreten Maßnahmen damit gemeint sind, bleibt unklar. Nur eins scheint im Leben der Japaner sicher zu sein: Überstunden.
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Onlineabonnent*in Lothar Z. aus H. 3. Sept. 2026 um 21:47 UhrWahrscheinlich gibt es keine japanische Übersetzung des »Schlafbuchs« (2008) von Peter Spork. Das wäre bedauerlich, denn dann würde Frau Takaichi Sanae ein wichtiges Ergebnis der Schlafforschung nicht erfahren: »Schlafmangel macht dumm.« (S. 132–5). Vielleicht würde sie aber wegen Verdummung ihren Job verlieren. Auch gut für die japanische Arbeiterklasse!
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