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Arbeitskämpfe

Signal für die Dönerbranche

Nach Streikerfolg und erstem Tarifvertrag in der Branche wird aktuell über einen Manteltarif verhandelt

Von Faheem Hemboum
Foto: avanti/imago
Bis es qualmt: NGG-Frau Gutmann und die Beschäftigten heizen den Bossen ein (Murr, Ludwigsburg 22.5.2025)

Der erste Tarifvertrag in der Dönerfleischproduktion hat für die Beschäftigten vieles besser gemacht. Und die Fabrik, in der er erkämpft wurde, ist keineswegs pleite gegangen. Nun soll dieser beispielhafte Arbeitskampf Schule machen.

Nach zwölf aufsehenerregenden Streiktagen war der Arbeitskampf in der Dönerfleischfabrik Birtat bei Ludwigsburg im August 2025 von Erfolg gekrönt. Die Gewerkschaft konnte einen Einstiegslohn von 2.600 Euro brutto und eine Anhebung von bis zu 17 Prozent bis Ende 2026 erkämpfen, sowie die Verpflichtung, während der Laufzeit Verhandlungen über einen Manteltarif zu beginnen. Das Unternehmen in der württembergischen Gemeinde Murr beliefert heute nach eigenen Angaben europaweit »tausende Dönerrestaurants und somit über 13 Millionen Konsumenten monatlich«.

Der Tarifabschluss bei Birtat soll nun eine Signalwirkung für weitere Dönerfleischhersteller bekommen. Aktuell wird in der Fabrik bei Ludwigsburg über einen Manteltarifvertrag verhandelt, der nach der ersten Einigung über den Lohn die Arbeitsbedingungen verbessern soll, etwa durch Zuschläge und Regelungen für Sonderurlaub. Anlässlich des zweiten Verhandlungstages bei Birtat am Mittwoch erklärte Magdalena Gutmann, Geschäftsführerin der Gewerkschaft NGG in Stuttgart, gegenüber jW, die vorherige Einigung auf den Haustarif sei ein »Meilenstein«, dem »eine Leuchtturmwirkung« zukomme. Laut dem Verband der Dönerproduzenten Deutschlands gibt es bundesweit »etwa 400« Produktionsstandorte. In diesen Fabriken müssten Beschäftigte und Gewerkschaften nicht bei null anfangen, sondern könnten für die Anwendung des Manteltarifs kämpfen.

Bald nach dem Erfolg bei Birtat begannen Ende 2025 die Verhandlungen über einen Entgeltrahmentarifvertrag, mit dem verschiedene Tätigkeiten bestimmten Entgeltstufen zugeordnet werden sollten. Im vergangenen Juni wurde darüber Einigung erzielt. Nun laufen die Gespräche über einen Manteltarif.

Der Streik bei Birtat bekam seinerzeit viel Aufmerksamkeit durch Social-Media-Videos, in denen sich die Belegschaft kämpferisch gegenüber der Geschäftsführung zeigte, aber auch beim gemeinsamen Halay-Tanz zu kurdischer Musik. In den bürgerlichen Medien gab es haltlose Spekulationen über dramatische Preissteigerungen an der Imbissbude infolge des Streiks. Beschworen wurde eine »Dönerkrise«. Die Erfüllung der Forderungen der Gewerkschaft würde sich maximal in Centbeträgen niederschlagen, rechnete DGB-Sekretär Peter Schadt damals im Magazin Jacobin vor.

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In diesem Herbst ist eine mehrsprachige Broschüre von Schadt über den Streik im Verlag Papyrossa erschienen. Der Arbeitskampf ist darin vom ersten Kontakt mit der Gewerkschaft bis zum Tarifabschluss dokumentiert. »Das Interesse von den Communitys und innerhalb gewerkschaftlicher Netzwerke ist nach wie vor hoch«, so NGG-Chefin Gutmann. Es gebe bei Birtat weiterhin »einen hohen Organisationsgrad und einen aktiven Betriebsrat«, ergänzte Schadt gegenüber jW.

Die Beschäftigten haben selbst Kontakt zu Belegschaften anderer Dönerfleischfabriken aufgenommen. Der Manteltarifvertrag wäre auf andere Unternehmen der Branche übertragbar und könnte je nach Bedarf angepasst werden. Andere gewerkschaftlich Aktive sollen also daran anknüpfen. Die Broschüre über den Streik soll die Vernetzung unterstützen, so Schadt. Im Mai dieses Jahres war zu diesem Zweck im Stuttgarter Willi-Bleicher-Haus schon eine Ausstellung mit Fotos des Journalisten Ali Carman zu sehen, der den Streik von Anfang an begleitet hatte und für die türkische Übersetzung der Broschüre verantwortlich war.

Der Überwindung der Sprachbarrieren kam auch bei dem Streik eine herausragende Rolle zu. Die rund 120 türkischen, kurdischen, rumänischen, bulgarischen und afghanischen Beschäftigten haben keine gemeinsame Sprache. Die Geschäftsführung machte sich das zunutze und bedrängte einzelne Gruppen. Die Kolleginnen und Kollegen, die auf den Versammlungen übersetzten, um den Informationsfluss am Laufen zu halten, trugen große Verantwortung. Sie sorgten für eine lebendige Verbindung zwischen Betriebsrat, Gewerkschaft und den Communitys der Beschäftigten.

Nach ersten ergebnislosen Gesprächen mit der Geschäftsführung hatte die NGG am 22. Mai 2025 zu einem vierstündigen Warnstreik aufgerufen, dem weitere Warnstreiks in den nächsten Wochen folgten. Die Kapitalseite signalisierte nun zwar »Bereitschaft zu kurzfristigen Lohn- und Gehaltsanpassungen«, wollte aber wegen den aus ihrer Sicht »überzogenen Forderungen« nicht mit der Gewerkschaft, sondern nur mit dem Betriebsrat verhandeln. Außerdem sollten Angestellte durch Geldprämien dazu gebracht werden, den Streik zu brechen. In der Broschüre ist das entsprechende Schreiben an die Belegschaft mit dem Foto eines Streikpostens illustriert, der ein Schild präsentiert: »Wir verkaufen uns nicht für 200 Euro«.

Beschäftigte, die in einer Unterkunft des Unternehmens wohnen, berichten rückblickend von Einschüchterungsversuchen durch die Chefs vor der eigenen Haustür. Die NGG organisierte daraufhin Streikposten, die morgens um fünf vor dem Haus Aufstellung nahmen.

Ende Juli 2025 stimmten die Gewerkschaftsmitglieder nach mehreren Warnstreiks für einen unbefristeten Erzwingungsstreik. Das brachte die Chefetage offenbar dazu, ihren gewerkschaftsfeindlichen Kurs aufzugeben. Zwischen Urabstimmung und Verhandlungserfolg lag am Ende nicht viel mehr als eine Woche.

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Erschienen in der Ausgabe vom 22.10.2026, Seite 15, Betrieb & Gewerkschaft

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