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Umbau in der Automobilindustrie

»Wir dürfen nicht tatenlos zusehen«

Teile der Auto- und Zulieferindustrie sollen auf Kriegsproduktion umgestellt werden. Dabei gibt es Alternativen. Dafür muss gekämpft werden

Von Thorsten Donnermeier
Foto: IMAGO/CPA Media

Monatlich werden Tausende Stellen in der Automobil- und Zulieferindustrie regelrecht wegrasiert. 50.000 Stellen allein bei Volkswagen. Das VW-Geschäftsmodell trägt nicht mehr, ist von Unternehmensseite zu hören. Die blanke Angst geht um bei den Beschäftigten. Angst vor Jobverlust, Werkschließungen, krank zu werden, den Leistungsanforderungen nicht zu entsprechen. Es steht viel auf dem Spiel. Ohne Job ist man nicht nur selbst, sondern die ganze Familie dem Elend nahe. Wir würden auch Rüstungsproduktion übernehmen, heißt es von Managerseite bei VW. Widerspruch ist von der Betriebsratsspitze und Aufsichtsratsmitgliedern der IG Metall nicht zu hören. Im Gegenteil, die Betriebsratsvorsitzende äußerte sich Anfang März positiv zur Aufrüstung. Das Werk in Osnabrück ist ganz vorne mit dabei.

Erst kommt das Essen und dann kommt die Moral. So oder so ähnlich hat es mal Bertolt Brecht gesagt. In der weltweiten automobilen Überproduktionskrise fühlt es sich an, als würde man uns, den Beschäftigten, das Essen nehmen, so dass jede Moral zum Luxus wird. Miete, Kredite und Klassenfahrten der Kinder müssen schließlich bezahlt werden. Der Druck auf uns wächst, da die Automobil- und Zulieferindustrie gebraucht wird, damit der Staat kriegstüchtig wird. Die eigene VW-Geschichte macht es deutlich: Anfangs war Volkswagen nicht Automobilhersteller, sondern Kriegsproduzent. Ein paar Käfer wurden für die Presse. Auch andere Hersteller wie Renault oder GM sind Rüstungsproduzenten gewesen. Ohne Massenproduktion werden auch in Zukunft Kriege nicht möglich sein.

Deshalb stehen wir, die Beschäftigten der Automobilproduktion, besonders in der Verantwortung. Breite Debatten im Betrieb oder den Gewerkschaften finden zu dem Thema kaum statt. Aber in den Raucher- und Pausenräumen oder in den Fahrgemeinschaften wird oft diskutiert. Dabei sind einige Kolleginnen und Kollegen zu der Auffassung gekommen, dass wir nicht tatenlos zusehen dürfen. Ich bin einer von ihnen. Eine Erklärung der IG-Metall-Vertrauensleute von Ford in Köln hat uns dazu die Vorlage geliefert. Mit verbündeten Kolleginnen und Kollegen aus Braunschweig, Wolfsburg, Kassel, Dresden und Salzgitter haben wir Unterzeichner für eine Erklärung gegen Kriegswirtschaft gesammelt. Ähnliches machten die Vertrauensleute von ZF in Hannover.

Das kam offenbar an. Kolleginnen und Kollegen verdeutlichen uns, dass sie schon lange auf so etwas gewartet haben. Spontan sammelten sie Unterschriften, selbst unter den Angestellten. Andere wiederum argumentieren mit der Sicherung von Arbeitsplätzen. Aber offen spricht sich niemand für Kriegsproduktion aus.

Die Erklärung selbst nimmt Bezug auf die Satzung der IG Metall, insbesondere den Paragraph 2 für Frieden und Abrüstung. Das ist von Belang, denn die Satzung ist aus der Lehre der Arbeiterbewegung nach zwei Weltkriegen entstanden. Aktuell wie nie zuvor erscheint sie gerade uns VW-Beschäftigten. Vor Kurzem gab es noch ein VW-Werk in Russland (Kaluga). Vor kurzem haben wir noch am gleichen Produkt gearbeitet? Jetzt sollen wir Kriegsgerät bauen, das wir anschließend gegenseitig auf uns richten? Falsche Narrative werden innerhalb der Betriebe und Gewerkschaften verbreitet, damit wir bereit zur Produktion für den Krieg werden.

Wir müssten uns verteidigen gegen Putin, Trump usw.

Mittlerweile erscheint die Berichterstattung in Deutschland so, als seien viele Staatsoberhäupter verrückt geworden. Was macht sie verrückt? Hat das Ganze nicht einen Namen – Imperialismus? Fast alle Angriffskriege werden unter dem Begriff Verteidigung begonnen. Das muss uns aufhorchen lassen. Und wer wird sie künftig kommandieren? Es ist offensichtlich und steht in der IG-Metall-Satzung: An Frieden und Abrüstung führt kein Weg vorbei und dafür lohnt es sich zu kämpfen.

Es gibt zuwenig Arbeit, oder: ­Arbeiten wir zuviel?

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Bandarbeit, Gießerei, Stapler fahren und den ganzen Arbeitstag 100 Prozent angespannte Konzentration. Schichtbetrieb, auch Nachtarbeit und bei Produktionsspitzen verpflichtende Wochenendarbeit, sechs Tage am Stück. Die Krankenstände gehen durch die Decke – nicht nur in der Automobilindustrie. Das Schlimmste dabei: Viele gehen krank zur Arbeit. Blaumacher existieren nur in neoliberalen Geschichten. Vor zwei, drei Jahren wurde viel über Arbeitszeitverkürzung und die Viertagewoche berichtet. Ein Argument dafür war, dass die Krankenstände niedriger wären. Doch wir brauchen Arbeitszeitverkürzung nicht nur, um gesund zu bleiben. Auch angesichts einer weltweiten Überproduktionskrise im Automobilbereich wie 1984, dem Jahr, als ich bei VW meinen Ausbildungsvertrag unterschrieb. Damals drängten die japanischen Hersteller auf den Markt, die ersten Roboter kamen zum Einsatz. Damals wurde die Schlussfolgerung gezogen, um Arbeitsplätze zu retten, brauchen wir die 35-Stunden-Woche.

Gibt es Alternativen zur Kriegs- oder Automobilindustrie?

Die aktuelle Energiekrise und Klimakatastrophe machen deutlich, welche Produkte jetzt gesellschaftlich wichtig wären. Das Steuergeld, mit dem Kriegsgerät bezahlt wird, könnte wesentlich besser angelegt werden. So werden Wärmepumpen gebraucht – für alle Wohnungen und Häuser, und am besten kostenlos. Mobilität für jeden ist dringend notwendig und ohne Benzin, Diesel und den Einsatz seltener Erden, mit minimalem Energieverbrauch, möglich. Wer könnte so etwas massenhaft produzieren? Wir, die Automobil- und Zulieferbeschäftigten. Derweil geht der öffentliche Personennahverkehr vor die Hunde. Doch wer Kriegsgerät bauen kann, kann erst recht gesellschaftlich wichtige Produkte herstellen. Bei Seat in Spanien wurden während der Coronaphase Beatmungsgeräte gefertigt. Wir haben Schlosser, Mechatroniker und Werkzeugmacher gelernt und sind nicht an Produkte wie Kriegsgerät und Autos gebunden.

Wer entscheidet, was und unter ­welchen Bedingungen produziert wird?

Eins ist klar: Wir entscheiden es derzeit nicht, sondern die Produktionsmittelbesitzer, die entscheiden. Umgekehrt wäre besser. Auch diese Erkenntnis findet sich unter Paragraph 2 der IGM-Satzung wieder. Gemeineigentum ist dort als Ziel formuliert. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte es diese Erkenntnis bis ins CDU-Programm geschafft.

Wer hat die Macht, das Ruder ­­herumzureißen?

In Anlehnung an Charlie Chaplin in »Der große Diktator« denke ich: Wir Arbeiter haben die Macht Bomben zu bauen oder es zu lassen. Kein Gewerkschaftsvorsitzender, keine -vorsitzende hat sie. Auch kein Kapitalist, kein Aufsichtsrat und kein Betriebsrat. Nur wir.

Warte doch erst mal, bis es soweit ist.

Es ist soweit. Jetzt soll die Automobil- und Zulieferindustrie für die Kriegsproduktion umgebaut werden. Demnächst sollen unsere Kinder zur Wehrpflicht eingezogen werden. Ob Krankenhaus, Schule, Industrie oder Dienstleistung – es ist so weit, aktiv Nein zur Kriegswirtschaft zu sagen.

Und was könnte man alles statt ­dessen finanzieren?

Ein Gesundheitssystem, das funktioniert und wirklich kostenfrei für alle ist. Eine Rente, mit der niemand mehr im Müll sein Überleben sichern muss. Ein immer wieder schöner Impuls sind die Schülerstreiks. Mutig und vorbildlich – genau das, was wir in den Betrieben und Büros brauchen.

Wir brauchen Unterstützung!

Wie können wir euch unterstützen, wurde ich vor kurzem gefragt. Wie können wir die streikenden Schüler unterstützen, habe ich mich oft gefragt. Indem wir direkt in unserem Arbeitsumfeld aktiv werden gegen Kriegswirtschaft und uns stark machen in den Gewerkschaften. Denn Krieg ist das Gegenteil von »Proletarier aller Länder, vereinigt euch«. Wir müssen uns verbünden – Schüler, Arbeiter, Junge und Alte. Auf jeden kommt es an. Denn Gemeinsamkeit ist unsere Stärke.

Thorsten Donnermeier ist gelernter Betriebsschlosser und arbeitet seit 1984 bei VW in Kassel – zunächst als Montagewerker, dann als Gießer und Schmelzer und jetzt in der Qualitätssicherung im Messraum. Er ist Mitglied der IG-Metall-Vertrauenskörperleitung bei VW Kassel

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Erschienen in der Beilage vom 29.04.2026, Seite 3, Kapital & Arbeit

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