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Erinnerungskultur in Thüringen

Vom Faschismus keine Rede

Antifaschistische Verbände kritisieren einen Antrag der Thüringer Regierungsparteien zur Erinnerungskultur

Foto: Martin Schutt/dpa
Blumen in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora nördlich von Nordhausen (13.4.2026)

Mit scharfer Kritik haben antifaschistische Verbände auf einen Antrag der Thüringer Regierungsparteien CDU, BSW und SPD reagiert, der die Erinnerungskultur in dem Bundesland neu definieren will. In einem offenen Brief bezeichnen die Lagergemeinschaft (LAG) Buchenwald-Dora/Freundeskreis und die Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora den Vorstoß als »skandalös und geschichtsvergessen«. Er falle um knapp 50 Jahre »hinter die erreichten Ergebnisse der Gedenkpolitik« in der Bundesrepublik zurück.

Die Stellungnahme wurde vergangene Woche an die drei Parteien der »Brombeer«-Koalition übermittelt, wie Katinka Poensgen von der LAG Buchenwald-Dora am Dienstag gegenüber jW erklärte. Der Brief werde von weiteren Verbänden unterstützt, so vom VVN-BdA und der Initiative Gedenkweg Buchenwaldbahn. »Wir hoffen auf die Einbeziehung zivilgesellschaftlicher Vertreter bei den anstehenden Beratungen zum Antrag, etwa Nachkommen von Buchenwald-Häftlingen«, sagte Poensgen.

Vorgelegt hatten CDU, BSW und SPD den Antrag bereits im Mai. Nach der Sommerpause geht er jetzt in die weitere parlamentarische Beratung. Die »Geschichtsrevision« im Text beginne schon damit, heißt es im offenen Brief, dass man wieder auf das frühere Narrativ der »Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft« zurückkomme. In der Tradition des »Heldengedenktages«, später »Volkstrauertag«, beginne die Aufzählung im Antrag mit dem »Gedenken der Soldaten, die in den beiden Weltkriegen und anderen Kriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren haben«.

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Wer in solcher »historischer Unverbindlichkeit und Pauschalität« gedenke, wolle die Erinnerung an »die Taten und Täter, die Verantwortlichen für Krieg und Massenverbrechen aus dem Blick nehmen«, kritisieren die Verbände. »Vollkommen unverbindlich, und damit geschichtspolitisch skandalös« werde es, wenn die Aufzählung der Gruppen, derer zu gedenken sei, mit den Worten schließe: »sowie alle Opfer von Terrorismus, Extremismus, Antisemitismus und Rassismus, die in unserem Land durch Hass und Gewalt ums Leben gekommen sind«.

»Es geht nicht um historisches Erinnern und Gedenken, es geht um ›staatliche Krokodilstränen‹ ohne inhaltliche Konsequenz«, heißt es in dem Brief. Als »nachträglicher Erfolg« der »Revanchistenverbände« – gemeint sind etwa die Vertriebenenverbände – wird die Formulierung im Antrag gewertet, dass »gerade in Thüringen, das nach dem Zweiten Weltkrieg für Hunderttausende Vertriebene zur neuen Heimat wurde«, die Erinnerung an »Gewaltherrschaft, Vertreibung und Hass« ein »Teil der eigenen Landesgeschichte« sei.

Kein Wort werde im Antrag über den faschistischen Krieg verloren und »die damit verbundenen Kriegsverbrechen in den okkupierten Ländern, die die Voraussetzung für die millionenfache Umsiedlung von Menschen insbesondere aus dem Osten waren«. Dies sei »nicht nur eine Geschichtsvergessenheit«, es erreiche »die Stufe der Geschichtsrelativierung der faschistischen Massenverbrechen«, konstatieren die Verbände. Sie erinnern daran, dass sich das EU-Parlament bereits vor 35 Jahren »gegen jede Vermischung der KZ-Gedenkstätten und ihre Nachnutzung als alliierte Internierungslager ausgesprochen hat«.

In dem Text werde »alles zusammengeworfen«, kritisierte Katinka Poensgen. »Verfolgung in der DDR« mit dem Verbrechen des deutschen Faschismus gleichzusetzen, sei eine »Verharmlosung der Naziverbrechen, die ja eine Singularität haben, die man nicht in Frage stellen sollte«. Ihr komme der Antrag der drei Parteien vor wie »vorauseilender Gehorsam gegenüber der AfD«. Folgerichtig, heißt es in dem offenen Brief, würden in dem Antrag »als zentrale Akteure der Erinnerungsarbeit« nur Partner genannt, von denen man »eine Unterstützung solch einer Geschichtsumdeutung erwartet«, etwa die »Mitgliedsorganisationen des Geschichtsverbunds Thüringen – Arbeitsgemeinschaft zur Aufarbeitung der SED-Diktatur«.

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.09.2026, Seite 15, Antifaschismus

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→ Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in Thomas Z. aus D. 2. Sept. 2026 um 07:25 Uhr
    Hilfloser Antifaschismus. Es ist wirklich ein Elend: Die Erinnerung an den deutschen Faschismus wird seit Jahren geschleift und verzerrt, um Antikommunismus, Feindschaft gegen Russland und eine zionistische Staatsräson durchzusetzen, jetzt offenbar auch noch mit Unterstützung aus dem BSW. Und die LAGs? Sie kritisieren diesen neuesten Vorstoß zwar zurecht, stellen sich aber zeitgleich an die Seite der offiziellen Gedenkstätte, die selbst Teil des Staatsräson-Apparats ist, und greifen die Kufiyas in Buchenwald-Kampagne öffentlich an. Wenig überraschend, argumentieren sie in ihrer Kritik an CDU-SPD-BSW ebenfalls vollkommen daneben: Das Gleichsetzen von DDR und Nazi-Faschismus sei eine Relativierung von Letzterem – völlig richtig –, weil dieser »singulär« gewesen sei – bitte was?! Die »Singularität« des Holocaust bzw. des Nazi-Faschismus ist ein Begriff der Antideutschen und anderer Bürgerlicher, der aussagt: Diese Verbrechen sind vollkommen einzigartig, sie stehen außerhalb der Geschichte, ohne Gleichnis und sind letztlich auch nicht erklärbar. Diese Sicht ist metaphysisch, ahistorisch, eurozentrisch, mystifizierend und dogmatisch. Sie löst den »Nationalsozialismus« vom Faschismus, sie entkoppelt den Holocaust von seinem Kontext (Antisemitismus als Werkzeug, Völkermord als Teil des totalen Vernichtungskriegs), sie blendet andere (insbesondere koloniale) Völkermorde aus und ist das Gegenteil von Aufklärung und antifaschistischem Kampf. Allerdings passt sie deshalb auch so gut zu den LAGs, die gegen die einen Revisionisten schießen, und dabei nicht merken, dass sie längst mit den anderen Revisionisten im Bunde sind. Sie können dem Revisionismus der einen nur mit revisionistischen Argumenten der anderen begegnen. Das nennt man wohl »hilflosen Antifaschismus«.
  • Onlineabonnent*in Heinrich H. aus S. 1. Sept. 2026 um 20:59 Uhr
    Ich verstehe nicht, wie eine seit Jahrzehnten kontinuierlich andauernde Strategie von Revanchismus und Revisionismus als vorauseilender Gehorsam gegenüber der AfD gewertet werden kann. Bei einer solchen analytischen Schieflage darf man auch nicht mehr erwarten, als Bedauern über die Verharmlosung von Naziverbrechen. Eine aktive und mobile Bewegung kann daraus nicht entstehen. Am Rande sei an Hannes Heer und Klaus Naumann, die Herausgeber des Sammelbandes »Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941–1944« und die gleichnamige Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung erinnert. Wenn das, was im Zuge dieser Veröffentlichung und Ausstellung vor dreißig Jahren abging, positv unter die Rubrik »erreichte Ergebnisse der Gedenkpolitik« eingeht, dann danke bestens. Man kann es auch anders formulieren: Wenn das vergessen und als nebensächlich betrachtet wird, kommt so eine harmlose Redeweise heraus.
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