- → Sport
Immer wieder Tennisbälle
»Kommst du mit zu Hertha?« – »Heiß ich vielleicht Bertha?«, texte ich zurück und muss an eine meiner Großmütter denken. »Die haben doch schon gestern in Braunschweig gespielt, auch noch gewonnen.« – »Nee, Hertha Zwo gegen Halle.« Oje, noch so eine ungeliebte zweite Mannschaft, ohne Charisma, ohne Fans, aber mit Schotter dahinter. »Aber nur, wenn mit Roller! Ist so schönes Wetter.« Helm auf und los.
Natürlich fand das Spiel nicht im Olympiastadion statt, sondern unweit von der Großkampfarena in der Heimstätte der Hertha-Bubis, dem »Stadion auf dem Wurfplatz«. Warum das so heißt, wurde bei unserer Ankunft klar: Tennisbälle flogen vom Gästeblock direkt aufs Spielfeld. Das war allerdings kein Scherz. Damit äußerten die Fans ihren Protest gegen die ungerechte Aufstiegsregel in der Regionalliga, wovon auch die Staffel Nordost seit Jahren betroffen ist. Für die fünf Meister der Regionalligen stehen nur vier Aufstiegsplätze zur Verfügung. Gespräche zu Lösungsmodellen wurden immer wieder verschoben bzw. die Abstimmungsmodalitäten von einer absoluten Mehrheit kurzfristig hin zur Einstimmigkeit verändert. Vereine und Fans fühlen sich mehr als verschaukelt. Die nicht abreißenden Proteste, unterstützt von Bannern und Spruchbändern, doch ohne Bambule, sind geplante Aktionen von Fangruppen in sämtlichen Stadien des Nordostens.
Bei der Hertha II spielt Vorsicht mit, um nicht zu sagen: Angst, denn der viertklassige Hallesche FC hatte sich die Woche zuvor nach mutigem Kampf im DFB-Pokal gegen Bundesligaaufsteiger Schalke 04 erst in der Verlängerung geschlagen geben müssen (2:5). Mit Konstantin Heide steht aber ein U-17-Weltmeister im Kasten der Berliner, der einen Monsterschuss von Fabrice Hartmann gerade noch über die Latte lenken kann. Der Hallesche Anhang auf der Gegengerade, so um die 400 Fußballseelen und nicht nur zahlenmäßig überlegen, besang dazu aus rauen Kehlen seinen Herzensklub. Plötzlich erwacht die Hertha zu neuem Leben, zweimal pariert Torhüter Luca Bendel, der dritte Versuch (ein Fallrückzieher) sitzt, wird aber abgepfiffen. Warum, können wir nur ahnen – hohes Bein? Darauf wieder der HFC mit Niklas Landgraf, der sich gegen zwei durchsetzt und auf Niclas Stierlin am zweiten Pfosten flankt, der per Kopf die Führung einnetzt. Stierlin hatte schon die Schalker mit seinem 2:2 in die Verlängerung gezwungen.
In der zweiten Halbzeit trinken wir alkoholfreies Bier und genießen den Halbschatten der Tribüne. Mir fallen fast die Augen zu, da wird Halles Boca Baró in vollem Lauf niedergesenst. Eindeutig Strafstoß. Baró tritt selbst an gegen den als Elfmeterkiller bekannten Heide, der voller Vorfreude durch sein Gehäuse hüpft. Er ahnt die Ecke, aber der Schuss des Jokers ist plaziert und scharf: 2:0. Der Hertha II bleiben 15 Minuten. Können wir nicht sehen. Was es noch zu sehen gibt, sind zwei knallharte rote Karten, die der Schiri sowohl dem Foulenden als auch dem Gefoulten (nach dessen Schubser) gibt – unnötig. »Auswärtssieg!« skandieren dagegen glückliche HFC-Fans. Ihre Proteste werden sie aber nicht aufgeben.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
