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Zerstrittene Reaktionäre
Konservatives Familienbild oder möglichst viele, auch nichteheliche Kinder als »Menschenmaterial« für den Krieg: Über Guida Diehl und die Widersprüche in der Frauenpolitik der Nazis
Eines der konfliktträchtigsten Themen der Frauenpolitik der NSDAP war die Frage nach der Stellung des nichtehelichen Kindes. Hier gerieten konservative christliche Anhängerinnen und Anhänger des Faschismus mit den männerbündischen Positionen der jüngeren Generation in erbitterte Auseinandersetzungen. Je klarer es auf den Zweiten Weltkrieg zuging, desto öfter wurden bevölkerungspolitische Argumente ins Feld geführt, vor allem aus den Reihen der SS. Während die traditionellen, kirchlich gebundenen Kreise an Ehe und Familie als einziger Instanz, in der Kinder aufwachsen sollten, festhielten und damit nichteheliche Kinder diskriminierten, propagierten die Männerbündler anderes: Durch die Verluste des Ersten Weltkrieges sei es notwendig, so viele Kinder wie möglich in die Welt zu setzen, egal ob ehelich oder nicht. Das ging bis zu Forderungen nach legalisiertem männlichem Ehebruch sowie sogenannten Ehen zur linken Hand. Ein Beispiel für die Auseinandersetzungen dieser Art ist der Kampf, den die evangelische Altfaschistin Guida Diehl innerhalb der NSDAP führte.¹
»Die deutsche Frau«
Guida Diehl war eine der schillerndsten Figuren unter den hitlerfaschistischen Frauen. Sie wurde 1868 in Südrussland geboren, stammte aus einer deutschen Lehrerfamilie, die in den 1870er Jahren ins Deutsche Reich zurückkehrte, und wurde schließlich selbst Lehrerin für höhere Schulen. 1914 gründete sie die Neulandbewegung, eine rechte protestantische Organisation, deren Zentrum 1920 das Neulandhaus in Eisenach wurde. Diehl wurde als Leiterin des Neulandhauses mit »Frau Oberin« angesprochen – das Haus verstand sich als christliches Hospiz. Es diente in der »Kampfzeit« der frühen faschistischen Bewegung auch zur Verpflegung und Unterbringung von SA-Truppen. Die Neulandbewegung verfügte über einen eigenen Verlag (Neulandverlag), eine eigene Zeitschrift (Das Neulandblatt) und die Neulandbuchhandlung, die als erste Buchhandlung in Eisenach Naziliteratur vertrieb.
Von 1918 bis 1930 gehörte Diehl zu den Deutschnationalen, 1926 war sie führend an der Gründung des Frauenkampfbundes beteiligt, im August 1930 trat sie schließlich der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 339.212). Ihre wichtigste Schrift ist ihr Buch »Die deutsche Frau und der Nationalsozialismus«. Das Buch erschien 1933, erhielt zahlreiche positive Rezensionen von faschistischer Seite und erschien in sieben Auflagen.
Für die Faschisten war Diehl keine leichte Parteigenossin. Trotz ihres hohen Alters – sie war zu Beginn der faschistischen Herrschaft immerhin bereits 65 Jahre alt – blieb sie bis in den Krieg hinein eine äußerst streitbare Person, mit der die NS-Frauenschaft, Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess und später sogar die Gestapo und der Sicherheitsdienst ihre Schwierigkeiten hatten. Bei Durchsicht verschiedener Akten, die Einblick in ihren Lebenslauf geben, wirkt ihre Biographie wesentlich interessanter als die von ihr verfassten Agitationsschriften.
Guida Diehl ist sicher keine typische Vertreterin faschistischer Frauen. Sie war in erster Linie eine Einzelkämpferin. Mit der Rigidität und Gläubigkeit der Einfältigen, mit einem offenbar sicheren Instinkt für Machtverhältnisse und einem entsprechenden Durchsetzungsvermögen gelang es ihr, mit den Schwierigkeiten, die sie teilweise mit dem faschistischen Staat hatte, fertig zu werden. Allerdings war ihre Einflussmöglichkeit in den offiziellen Parteiorganen äußerst begrenzt. Sie war zwar Anfang 1932, nach einer persönlichen Unterredung mit Hitler, zur ersten Reichskulturreferentin ernannt worden, legte dieses Amt aber bereits 1933 wieder nieder. 1932 hatte sie die Neulandbewegung noch als die »weibliche Parallelbewegung zum Nationalsozialismus« charakterisiert und schrieb ihrem »Führer«: »Ich selbst betrachte mich als eine tief gegründete Nationalsozialistin, die von jeher ähnlich urteilte und wollte wie Sie, hochgeehrter Führer, und dies in ihrer weiblichen Eigenart herausarbeitete, die nun glücklich ist, dass Sie die männliche Bewegung geschaffen haben (…).«²
Dieses Selbstverständnis, demzufolge Diehl für die Nazifrauen ungefähr das sein wollte, was Adolf Hitler für die Nazimänner war, konnte freilich nicht auf ungeteilte Zustimmung hoffen. Entsprechende Auseinandersetzungen ließen denn auch nicht lange auf sich warten. Noch unter der ersten Leiterin der NS-Frauenschaft, Elsbeth Zander, gab es harte Kontroversen, die sich auch unter dem späteren Leiter der NS-Frauenschaft fortsetzten. Schließlich erhielt Diehl sogar Redeverbot, weil sie das Primat der NS-Frauenschaft nicht anerkennen wollte.
In Ungnade
Konfliktträchtig war das Verhältnis zwischen Diehl und der NS-Frauenschaft schon insofern, als Diehl neben ihrem Eintreten für die Nazibewegung auch weiter für ihren Neulandbund warb. Diese Organisation unterlag nicht der unmittelbaren Kontrolle durch die Partei und wurde daher mit Vorbehalt betrachtet. Diehl muss mehrfach Versuche unternommen haben, größeren Einfluss auf die NS-Frauenschaft zu gewinnen. Sie hat mehrmals Eingaben an die NSDAP gemacht, ist aber wohl meist abgewiesen worden. Anlässlich einer solchen Eingabe wurde die Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink vom Stellvertreter des »Führers« 1936 um eine Stellungnahme zu Diehl gebeten. Diese fiel ausgesprochen ungnädig aus: Diehl verfüge über starkes Selbstbewusstsein, betreibe stets eine äußerst geschickte Selbstreklame und sei recht geschäftstüchtig, habe aber von Disziplin, wie sie in der Partei verlangt sei, keinen Begriff. Scholtz-Klink gab ihrer Überzeugung Ausdruck, dass Diehl durch Vorträge oder Schriften innerhalb der NS-Frauenschaft nur Verwirrung stiften würde. Daher habe sie verboten, Diehl in der Frauenschaft zur Mitarbeit heranzuziehen. Soweit sie sich allerdings auf ihre kirchlich gebundene Arbeit in der Neulandbewegung beschränken wolle, habe sie nicht mit Schwierigkeiten zu rechnen.
Nachdem Guida Diehl von Scholtz-Klink »nach langem Kampf« aus der Arbeit »ausgeschaltet« worden war, wie die Reichsfrauenführerin selbst formulierte, zog sie sich offenbar auf ihre Neulandbewegung zurück. Sie war keine Integrationsfigur und wäre wohl für den faschistischen Staat als Reichsfrauenführerin politisch untragbar gewesen: zu eigenwillig, zuwenig gehorsam, zu fanatisch-hysterisch, zu eindeutig konfessionell gebunden, zu kämpferisch, mit anderen Worten: das persönliche Gegenteil von Scholtz-Klink.
1940 wollte die Reichsfrauenführerin offenbar die »Ausschaltung« fortsetzen. Anlass dazu war ein vergleichsweise harmloser Artikel Diehls im Neulandblatt. Es ging allerdings um die alte, aber hochbrisante Frage, was höher zu bewerten sei: eine möglichst hohe Geburtenrate (gleich ob durch eheliche Verbindungen oder nicht) oder das Festhalten an Ehe und konservativer Familie.
Wo nun das eigentliche Motiv Scholtz-Klinks für ihr Vorgehen gegen Diehl lag, lässt sich schwer sagen: Es kann zum einen in der persönlichen, langjährigen Feindschaft begründet gewesen sein, es kann zum anderen aber auch an den verschiedenen weltanschaulichen Positionen gelegen haben. Es kann auch eine Aufforderung an Scholtz-Klink von männerbündischer Seite herangetragen worden sein, in dieser Frage eine klare Stellung zu beziehen. Jedenfalls schrieb Scholtz-Klink an ihren Parteigenossen und Vorgesetzten Rudolf Hess im April 1940 einen Brief, in dem sie auf Diehls Artikel vom Januar 1940 aufmerksam machte und diesen als untragbar bezeichnete. Sie beschrieb Diehl darin als eine Frau, die sich zwar immer auf ihre Parteizugehörigkeit berufe, aber in dem betreffenden Artikel doch »in einer Art und Weise zu den Dingen Stellung nimmt, ohne sie beim Namen zu nennen, die meines Erachtens ausreichen könnten, um diesem Blatt, das wir schon seit längerer Zeit gerne aus der Öffentlichkeit hätten, den Garaus zu machen, oder aber Frau Diehl als Parteigenossin abzulehnen«³.
Quer durch die Partei
Damit wurde eine parteiinterne Maschinerie in Gang gesetzt, deren Funktionsweise zu verfolgen ausgesprochen instruktiv war. Allerdings schien die Sache dann doch eher wie das Hornberger Schießen ausgegangen zu sein. Zum einen, weil sich Diehl als alterfahrene Taktikerin erwies, zum anderen, weil Scholtz-Klink mit ihrem Ersuchen an Hess ganz offensichtlich aufs falsche Pferd gesetzt hatte, und zum dritten – und das ist wohl der wichtigste Aspekt –, weil die ideologischen Differenzen in der Frage der Aufwertung der nichtehelichen Mutterschaft im faschistischen Staat quer durch die gesamte NSDAP gingen.
In Guida Diehls umstrittenem, drei Din-A4-Seiten kurzen Artikel ist die Ehe ein »unumstößliches Gottesgesetz«. Freie Verhältnisse wurzeln ihrer Ansicht nach in »willkürlicher Triebhaftigkeit«, Selbstsucht, Genusssucht und Verantwortungslosigkeit. Das Kind sei in diesen Verhältnissen nie erwünscht, darum begünstigten diese die Abtreibung, die immer noch vielfach durchgeführt werde. Der linke Flügel der Frauenbewegung – Adele Schreiber und Helene Stöcker werden ausdrücklich erwähnt – habe die Lehre von der freien Liebe mit Hilfe der »jüdischen Presse« unters Volk gebracht; die Jugend der Weimarer Zeit sei in jeder Weise zur Triebhaftigkeit erzogen worden, kein Wunder, »dass dies Geschlecht jetzt im erwachsenen Alter so zügellos ist«.
Dies ließen sich die faschistischen Männer sicher nicht gern von ihrer Parteigenossin sagen. Diehl sah die Institution Ehe durch nichteheliche Beziehungen gefährdet; man dürfe das »nationale Liebesleben« nicht der Willkür überlassen: »Sünde bleibt Sünde«, schrieb sie. Zwar solle die nichteheliche Mutter durchaus Hilfe und Barmherzigkeit erfahren; das dürfe aber nicht Ehe und Familie angreifen. »Im Grund weiß jedes germanisch fühlende Mädchen, dass es ohne Familiengründung und ohne festen Bund der Ehe niemals auf eine Vereinigung eingehen darf, die neues Leben erzeugt.«⁴
Auch Verhütungsmittel wurden von Diehl abgelehnt. Sie waren ihr ein Zeichen »verantwortungsloser Genusssucht«. Ein Zuwachs an nichtehelichen Kindern erschien Diehl nicht nützlich: Wer niemals eingehend mit solchen Dingen zu tun gehabt hat, der könne vielleicht meinen, der Zuwachs an nichtehelichen Kindern nütze einer Nation, da sie im Krieg viel tapfere Manneskraft verliert und jeder neue Soldat ihr willkommen sein muss. Wer aber nichteheliche Kinder wirklich kenne und durchs Leben begleitet habe, der wisse, dass ihnen eine Last aufgebürdet wird, unter der mancher zusammenbricht.
Hier nun spätestens wird die Sache politisch brisant. Dass Diehl sich eindeutig gegen die nichteheliche Mutterschaft aussprach, ärgerte sicher die gesamte männerbündische Fraktion, denn diese strebte die Aufwertung nichtehelicher Mutterschaft an – legalisierte Bigamie für den Mann sowie Legalisierung des männlichen Ehebruchs.
»Offene Opposition«
Interessant ist nun, wie der faschistische Staat und die NSDAP in den Kriegsjahren 1940 bis 1942 mit solchen Positionen umgingen. Der »Führer«-Stellvertreter Rudolf Hess, sein Stabsleiter Martin Bormann sowie der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, waren daran interessiert, Scholtz-Klink bei ihrem Coup gegen Guida Diehl zu unterstützen. Hess beauftragte bereits einen Tag nach Scholtz-Klinks Brief den zuständigen Gauleiter von Thüringen, ein Parteigerichtsverfahren gegen Diehl zu eröffnen.
Auch der Sicherheitsdienst des Reichsführers der SS war nicht untätig: Er verbot am 20. Juni 1940 kurzerhand das Neulandblatt, nicht ohne sich allerdings zuvor mit dem Propagandaminister Joseph Goebbels abgesprochen zu haben. Das Verbot der Zeitschrift erging, »weil die Ausführungen eine offene Opposition gegen die für jeden Nationalsozialisten richtungsweisenden und verpflichtenden Auffassungen des Stellvertreters des Führers über die uneheliche Mutterschaft bedeuten und weil der Artikel geeignet sei, die öffentliche Ruhe und Ordnung zu stören«⁵.
Mit der Eröffnung des Parteigerichtsverfahrens ging es nicht ganz so zügig: Offenbar wollte sich niemand an den brisanten Fragen die Finger verbrennen. Der Thüringer Gauleiter jedenfalls ließ sich Zeit und entschloss sich im Juli 1940, den Fall wegen seiner »grundsätzlichen Art« an das Oberste Parteigericht in München abzugeben. Sein Kollege in München, der oberste Parteirichter Walter Knop, war aber auch nicht begeistert von dem Fall. Die Akten wurden im März 1941 zurück an den Gaurichter in Thüringen geschickt, und dieser musste nun wohl oder übel das Parteigerichtsverfahren gegen Diehl in die Hand nehmen.
Aber Diehl war in der Zwischenzeit nicht untätig geblieben. Sie mobilisierte alte Parteifreunde, beschwerte sich beim »Führer« und sah den Angriffen offenbar gelassen entgegen. Schon im Sommer 1940 hatte sie sich durch Professor Martin Staemmler aus Breslau gutachterlich bestätigen lassen, dass sie sich in ihrem beanstandeten Artikel in klarer und nicht polemischer Weise für die Erhaltung von Ehe und Familie eingesetzt hatte. Während Scholtz-Klink in Diehls Artikel einen Angriff auf Positionen von Hess sehen wollte, meinte der Gutachter, dass sie ihn keineswegs angreife: »Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich damit keinesfalls die Äußerung des Reichsministers Hess meine, die in ganz klarer Weise die Familie betont und die Kriegszeit mit ihren besonderen Nöten hervorgehoben hat. Ich denke vielmehr an gewisse Bestrebungen in unteren Parteikreisen, die vielfach die Tendenz erkennen lassen, dass Kriegsverluste, wie wir sie jetzt haben, unter allen Umständen positiv ausgeglichen werden müssten, sei es auf eheliche, sei es auf uneheliche Weise. Ich bin überzeugt, dass diese Tendenzen in den höchsten Stellen der Partei nicht gewünscht werden, aber es hat sich leider in gewissen übereifrigen Kreisen, die das Wesen einer gesunden Bevölkerungspolitik nicht verstehen, eine Neigung zu solchen bedenklichen Forderungen und Empfehlungen herausgebildet. Man vergisst dabei offenbar immer wieder, dass, was an Menschenmaterial im Krieg verloren geht, eine Auslese im positiven Sinn ist, und dass diese Auslese niemals dadurch gedeckt werden kann, dass irgendwo auf unehelichem Wege – meistens doch ohne Prüfung der Wertigkeit – Ersatz geschaffen wird.«⁶
Das Gutachten des Professors demonstrierte die ganze Widersprüchlichkeit der faschistischen Ideologie: Für Staemmler war es nur dann wahrer »Nationalsozialismus«, wenn der Schutz von Ehe und Familie gewährleistet war. Die bevölkerungspolitischen Argumentationen wollte er nur in »unteren Parteikreisen« wahrhaben. Auch die Äußerungen von Hess interpretierte er als familienbejahend.
Anklage und Verteidigung
Das ist aber nur die eine Seite der Sache. Die andere Seite ist, dass es einige Bestrebungen in Richtung Aufwertung nichtehelicher Mutterschaft gab und zwar nicht nur in unteren Parteikreisen. Die Vorgehensweise gegen Diehl verdeutlicht, wie verunsichert der Apparat auf dieses Problem reagierte: Der Gaurichter von Thüringen unternahm nichts, ohne sich zuvor beim Obersten Parteigericht in München rückzuversichern.
Das Oberste Parteigericht wiederum wandte sich erst einmal an die Kanzlei des »Führers«, bevor es sich eindeutig äußerte. Vergleichsweise eifrig ging dagegen der Sicherheitsdienst der SS an die Sache: Dort wurde emsig Material gegen Diehl gesammelt. Im Sommer 1940 wurde festgehalten, dass Diehl »Mischlinge«, also Kinder aus einer Ehe zwischen Juden und »Ariern«, in ihrem Neulandhaus beherbergt habe. Außerdem fing der Geheimdienst Briefe ab, die Diehls rege Korrespondenz mit dem deutschen Exkaiserpaar in Holland, dem sie unter anderem auch ihre Schwierigkeiten mit dem faschistischen Staat mitgeteilt hatte, belegten. Somit war für den Sicherheitsdienst klar, dass Diehl »kaisertreu« eingestellt und damit politisch absolut unzuverlässig war.
Der Gaurichter von Thüringen konnte sich aber offenbar immer noch nicht entschließen, das Parteigerichtsverfahren gegen Diehl zu eröffnen. Im April 1941 schließlich, eineinviertel Jahr nach dem fraglichen Artikel, gab er ihr zunächst einmal Gelegenheit, sich zu den gegen sie erhobenen Vorwürfen zu äußern. Er gestand ihr eine Frist von zehn Tagen zu, wobei Diehl krank wurde und ihr daher eine Fristverlängerung eingeräumt wurde.
Die Vorwürfe, die gegen Diehl erhoben wurden, zeichneten sich nicht gerade durch besonders abgesicherte Begründungen aus. Ihr wurde zur Last gelegt, dass ihr Artikel im Neulandblatt eine offene Gegnerschaft gegen die Auffassungen von Hess über die nichteheliche Mutterschaft und eine öffentliche Herabwürdigung der nichtehelichen Mutter bedeute, dass sie den deutschen Exkaiser verherrliche und drei »jüdische Mischlinge« in ihr Haus aufgenommen hätte.
In der ersten Anschuldigung wurde ein Verstoß gegen die Bestrebungen der Partei gesehen; die beiden letzten sollten ihre politische Zuverlässigkeit in Zweifel ziehen. Das war alles ziemlich dünn, und es fiel Diehl offenbar nicht schwer, darauf zu antworten. In einer acht Seiten umfassenden Verteidigungsschrift wies die 73jährige Altfaschistin die Vorwürfe und Verdächtigungen zurück, unter Hinzuziehung der Aussagen zahlreicher alter Parteifreunde, unter Hinweis auf ihren 40jährigen »Dienst am deutschen Volk« und ihren langjährigen Einsatz für den »Nationalsozialismus«.
Schon lange antisemitisch
Auch bezüglich der Inhalte der Vorwürfe nahm sie ausführlich Stellung: Sie spreche in ihrem Artikel gar nicht von verantwortungsbewusster nichtehelicher Mutterschaft, sondern von »selbstsüchtiger Genusssucht«. Hitler selbst habe in »Mein Kampf« auf die Wichtigkeit einer früh eingegangenen Ehe und der Ehe allgemein hingewiesen. Hess habe diese Worte nicht aufgehoben. Eine verpflichtende Parteidogmatik in der Frage gebe es nicht.
Was den Vorwurf der Kaiserverherrlichung betraf, so konnte sie auch hiermit souverän umgehen: Sie habe schließlich 30 Jahre unter der Regierung des Monarchen gelebt und erkenne neben seinen politischen Fehlern auch die »Lauterkeit und Hochgesinntheit seines Charakters« an. Und es sei schließlich eine Pflicht des Anstandes, »den unglücklichen Monarchen in seiner schweren Lage fühlen zu lassen, dass die marxistische Hetze sein Bild nicht vollständig zerstören konnte«.⁷ Außerdem sei der Sohn des Kaisers selbst Parteiredner gewesen, der Sohn der Gattin des Kaisers Parteigenosse, und Hitler habe 1931 in Berchtesgaden persönlich mit der Gattin des Kaisers gesprochen.
Auf den Vorwurf der Aufnahme von »Mischlingen« antwortete sie, das Neulandhaus sei ein öffentliches Hospiz, unterliege damit den Gesetzen des Gaststättengewerbes und habe keine Möglichkeit, »Mischlinge« nicht aufzunehmen. Im übrigen sei das Neulandhaus schon seit seinem Bestehen »immer judenrein« gewesen und hätte schon in der Weimarer Zeit eine antijüdische Haltung eingenommen. »Wir haben aus unserer antisemitischen Haltung niemals einen Hehl gemacht«, schrieb Diehl und fühlte sich über jede Kritik aus dieser Richtung erhaben, besonders jetzt, »wo ehemalige Judenfreunde sich nicht genug tun können, ihre Feindschaft gegen das Judentum zu proklamieren (…).«⁸
Gerade diese Formulierung zeigt, wie überlegen sich Diehl gegenüber vielen Partei- und Volksgenossen fühlte, da sie schon seit langer Zeit antisemitisch eingestellt war – im Gegensatz zu vielen, die nachträglich »schwenkten« und »sich hohe Posten zu gewinnen wussten«. Diehl wusste, aus welcher Ecke die Angriffe auf sie kamen: Das Verbot ihrer Zeitschrift sei gar nicht so sehr wegen dieses einen Artikels erfolgt, es sei vielmehr »von der Reichsleitung der NS-Frauenschaft schon länger begehrt« worden, in der »irrigen Annahme, dass das Neulandblatt die einheitliche Ausrichtung des Schrifttums der NS-Frauenschaft störe«. Sie gab ihrer Hoffnung Ausdruck, diesen Irrtum überwinden zu können.
Die Verteidigungsschrift Diehls trägt das Datum vom 8. Mai 1941. Am 10. Mai machte sich Rudolf Hess nach England auf und wurde bekanntlich dort interniert. Er wird schnellstens für verrückt erklärt, was die Kontroverse Scholtz-Klink/Hess contra Diehl nur interessanter macht. Bormann als Leiter der Parteikanzlei verkündete schließlich im Mai 1942, also circa ein Jahr später, dass das Parteigerichtsverfahren gegen Diehl eingestellt werden könne. Offenbar wollte man mit Äußerungen des inzwischen »exkommunizierten« Hess nichts mehr zu tun haben.
Guida Diehl überlebte die meisten ihrer faschistischen Kontrahentinnen und Kontrahenten: Sie starb am 11. September 1961 im Alter von 93 Jahren. Sowohl die christlichen als auch die männerbündischen Positionen innerhalb der faschistischen Bewegung waren menschenverachtend und rassistisch. Die einen wollten den Erhalt der Familie mit ihren tradierten Rollen und der entsprechenden Diskriminierung der Frau und des nichtehelichen Kindes, die anderen wollten »Menschenmaterial« zur imperialistischen Kriegführung und Vorherrschaft der »arischen Rasse«. Diese Gegner waren einander wert.
Anmerkungen
1 Vgl. Christine Wittrock: Weiblichkeitsmythen. Das Frauenbild im Faschismus und seine Vorläufer in der Frauenbewegung der zwanziger Jahre. Frankfurt am Main 1983 und 1985
2 Guida Diehl: Schreiben an die Reichsorganisations-Leitung der NSDAP vom 1.11.1932, Berlin Document Center
3 Gertrud Scholtz-Klink: Schreiben an den Stellvertreter des Führers vom 11.4.1940, Berlin Document Center
4 Guida Diehl: »Die Unverbrüchlichkeit der Gottesgesetze«. In: Neulandblatt, Jg. 25, Nr. 2, 15. Januar 1940, S. 10 f.
5 Reichsschrifttumskammer Berlin: Schreiben an die Abteilung III, Reichsschrifttumskammer Leipzig, vom 20.10.1941, Berlin Document Center
6 Prof. Dr. med. Staemmler, Breslau: Gutachten vom 18.7.1940, Berlin Document Center
7 Guida Diehl: Schreiben an Gaugericht Thüringen, Weimar, vom 8. 5. 1941, Berlin Document Center
8 Ebd.
→ Christine Wittrock schrieb an dieser Stelle zuletzt am 8. März 2026 über die Geschichte des Abtreibungsverbots: »Wenn Männer entscheiden«.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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