Gegründet 1947 Dienstag, 22. Oktober 2019, Nr. 245
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 27.09.2019, Seite 12 / Thema
Naziregime

Der Mordapparat

Vor 80 Jahren wurde das »Reichssicherheitshauptamt« als zentrale Schaltstelle der Terrorherrschaft des Naziregimes gegründet
Von Reiner Zilkenat
S 12_13.jpg
Bestialischer Mord: Ein Angehöriger der Einsatzgruppe C der Sicherheitspolizei und des SD zielt auf eine überlebende Frau, die die vorangegangene Massenexekution von Juden aus dem Ghetto Misotsch (Westukraine) offenbar überlebt hat. Dem Massaker am 14. Oktober 1942 fielen rund 1.700 Menschen zum Opfer

Am 27. September 1939 formulierte der »Reichsführer SS« Heinrich Himmler einen Erlass, der die Zentralisierung der wichtigsten Repressionsapparate des deutschen Faschismus anordnete. In einem »Reichssicherheitshauptamt« (RSHA) mit Zentrale im Prinz-Albrecht-Palais in Berlin sowie in einigen nahegelegenen Gebäuden erhielten das Reichskriminalamt sowie die Sicherheitspolizei (Sipo), bestehend aus dem Sicherheitsdienst der SS (SD) und der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), neue organisatorische Strukturen und arbeitsteilig zu realisierende Aufgaben.

Der Zeitpunkt für die Gründung des RSHA war nicht zufällig gewählt worden. Der soeben vom Hitlerfaschismus mit dem Überfall auf Polen begonnene Zweite Weltkrieg erforderte die weitere Systematisierung und Effektivierung des Terrors gegen tatsächliche wie potentielle Kriegs- und Nazigegner in Deutschland, aber auch die Planung und Durchführung des Terrors gegen die Bevölkerung der von der Wehrmacht besetzten bzw. späterhin okkupierten Länder. Am 3. September 1939 hatte der zukünftige Chef des Reichssicherheitshauptamtes, SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, in einem Erlass die »Grundsätze der inneren Staatssicherung während des Krieges« und damit die Aufgabenstellung der neuen Repressionsbehörde definiert: »Jeder Versuch, die Geschlossenheit und den Kampfwillen des deutschen Volkes zu zersetzen, ist rücksichtslos zu unterdrücken. Insbesondere ist gegen jede Person sofort durch Festnahme einzuschreiten, die in ihren Äußerungen am Sieg des deutschen Volkes zweifelt oder das Recht des Krieges in Frage stellt.« Gemäß diesen Anweisungen handelten die Angestellten des RSHA in den folgenden Jahren.

Aufbau des RSHA

Die Organisationsstrukturen des Reichssicherheitshauptamtes veränderten sich im Laufe der Jahre. Doch die wichtigsten Konstanten bestanden in der Konstruktion sogenannter Ämter, die wiederum in verschiedene Referate aufgeteilt waren. Von besonderer Bedeutung waren die Ämter III: »Deutsche Lebensgebiete«, IV: »Gegnerforschung und -bekämpfung«, V: »Verbrechensbekämpfung« und VI: »Ausland«.

Welche Aufgaben nahmen diese Abteilungen wahr? Hinter dem Amt III verbarg sich der »Inlands-SD« unter der Leitung von SS-Obergruppenführer Otto Ohlendorf, ein Geheimdienst, der unter anderem die Aufgabe zugewiesen bekommen hatte, die Gegner der NSDAP nachrichtendienstlich zu überwachen und außerdem möglichst realistisch die Stimmungen in der Bevölkerung zu ermitteln. Der SD bediente sich dabei eines Systems zahlreicher Zuträger und Spitzel. Streng vertrauliche Berichte wurden regelmäßig an die führenden Repräsentanten des Staatsapparates, der NSDAP und der SS übermittelt. Diese Lageberichte gehören heute zu den wichtigsten Quellen, die Aufschluss über die Stimmung unter der Bevölkerung im faschistischen Deutschland geben können. Das Amt IV unter Führung von SS-Gruppenführer Heinrich Müller war die Zentrale der Gestapo. Sie hatte die Aufgabe, möglichst alle oppositionellen Gruppen und Zirkel, unabhängig von ihren weltanschaulichen oder politischen Überzeugungen, zu ermitteln und zu zerschlagen. Auch die Gestapo bediente sich zahlreicher Informanten. Zum Amt IV gehörte das berüchtigte Referat IV B 4, geleitet von SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, das den Völkermord an den europäischen Juden koordinierte. Insgesamt waren 1942 mehr als 1.000 Mitarbeiter in der Gestapo-Zentrale tätig.

Das Amt V stellte das Reichskriminalamt unter der Führung von SS-Gruppenführer Arthur Nebe dar. Diese Abteilung war unter anderem federführend bei der Repression gegen Homosexuelle und Frauen, die gegen den Paragraphen 218 verstoßen hatten. Außerdem waren Kriminalbeamte aktiv am Terror gegen Oppositionelle und an der Judenverfolgung sowie 1944 an der Fahndung nach den Verschwörern des 20. Juli beteiligt. Das Amt VI wurde vom SS-Brigadeführer Walter Schellenberg geleitet und war als »Auslands-SD« zu einer Spionageorganisation ausgebaut worden, die in Konkurrenz zum Nachrichtendienst des Oberkommandos der Wehrmacht unter Admiral Wilhelm Canaris, der »Abwehr«, tätig war. Nach der Verhaftung von Canaris im Februar 1944 wurde der Auslandsgeheimdienst der Wehrmacht in das RSHA eingegliedert. Weitere Ämter befassten sich mit »Weltanschaulicher Gegnerforschung und Auswertung«, mit Personalangelegenheiten sowie mit »Verwaltung, Organisation und Recht«.

Heydrich, zugleich amtierender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, stand dem RSHA bis zum erfolgreichen Attentat tschechoslowakischer Widerstandskämpfer auf ihn am 27. Mai 1942 vor. Sein Nachfolger wurde SS-Obergruppenführer Ernst Kaltenbrunner, der seit langem führend für die NSDAP und die SS in Österreich gewirkt hatte.

Alles nur »Schreibtischtäter«?

Im RSHA wurde die Planung des Terrors in den okkupierten Ländern vollzogen. SD und Gestapo folgten bereits seit dem Einmarsch der Wehrmacht in die Tschechoslowakei (Oktober 1938 und März 1939) sowie in Österreich (März 1938) den einrückenden Besatzungstruppen und brachen mit brutalen Mitteln den Widerstand gegen die Okkupation. Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei verrichteten in Polen ihr blutiges Handwerk. Tausende Männer und Frauen wurden von ihnen hingerichtet, »auf der Flucht erschossen« oder als »Berufsverbrecher«, die »nur unnötigerweise die Gefängnisse füllen« würden, wie es Hitlers Statthalter in Polen, Hans Frank, formulierte, exekutiert. Die Massenmorde in Polen im Herbst 1939 wurden ebenfalls von Angehörigen des Reichssicherheitshauptamtes geleitet bzw. ausgeführt. Für diese Praxis hatte Heinrich Himmler den Begriff »kämpfende Verwaltung« entwickelt. Die leitenden Kader des RSHA, aber auch Mitarbeiter unterer Hierarchieebenen, waren dazu verpflichtet, in den besetzten Gebieten die Einsatzgruppen bzw. Einsatzkommandos zu leiten bzw. die von ihnen in Berlin geplanten Massenmorde selbst durchzuführen. Anschließend konnten sie zumeist an ihre Schreibtische in Berlin zurückkehren.

Besonders verbrecherisch war das Wüten der Einsatzgruppen nach Beginn der Aggression gegen die UdSSR. Den drei in die Sowjetunion einmarschierenden Heeresgruppen folgten vier Einsatzgruppen. Das Führungspersonal dieser Todesschwadronen, die jeweils über 500 bis 1.000 Mann verfügten, stellten Angehörige des RSHA: Arthur Nebe kommandierte die Einsatzgruppe B, die ihre blutige Spur in Weißrussland zog. Der Chef des Inlands-SD, Otto Ohlendorf, befehligte die Einsatzgruppe D, die mit ihrem Terror die Südukraine, Bessarabien und die Krim überzog. Die Offiziere der in Einsatzkommandos aufgeteilten Einsatzgruppen stammten zumeist aus dem Reichssicherheitshauptamt. Einer von ihnen, SS-Oberführer Prof. Dr. Franz Alfred Six, Chef des Amtes »Weltanschauliche Gegnerforschung und Auswertung«, kommandierte das »Vorkommando Moskau«, um nach dem erwarteten Einmarsch der Wehrmacht Verhaftungen und Konfiskationen in der sowjetischen Hauptstadt zu koordinieren, die Archive staatlicher Behörden und der KPdSU zu beschlagnahmen und ein Hauptquartier für den SD und die Gestapo einzurichten. Die Aufgabe der Einsatzgruppen hatte Hitler persönlich am 23. Juli 1941 in seinem Hauptquartier bei Rastenburg (Ketrzyn) dahingehend umrissen, man müsse »jeden erschießen, der nur schief schaue«.

Das Ausmaß der von den Einsatzgruppen durchgeführten Mordaktionen entzog sich nach den Worten des Historikers Hans Mommsen menschlicher Vorstellungskraft. Juden, darunter auch Kriegsgefangene, die von der Wehrmacht den Einsatzgruppen zur Exekution übergeben worden waren, Staatsfunktionäre, Mitglieder der KPdSU und des Komsomol, Partisanen und ihre Helfer, geistig und körperlich Behinderte, auch Frauen und Kinder gerieten im wortwörtlichen Sinne in ihr Visier. Es kam, wie Mommsen es formulierte, »zu immer brutaleren Methoden, in deren Folge die Grenze zum mehr oder weniger bewussten Sadismus in vielen Fällen überschritten wurde«. Die von Arthur Nebe befehligte Einsatzgruppe B meldete bis zum Oktober 1941 fast 46.000 Erschießungen, die Einsatzgruppe D unter dem Kommando von Otto Ohlendorf berichtete am 12. Dezember 1941 an das RSHA, fast 55.000 Juden erschossen zu haben. Insgesamt ist von den vier Einsatzgruppen bis zum Frühjahr 1942 mindestens eine halbe Million Menschen in der Sowjetunion ermordet worden.

Verfolgung der Widerstandskämpfer

Währenddessen erfolgten im Reichssicherheitshauptamt die Vernehmungen vieler Widerstandskämpfer durch die Gestapo. Im »Hausgefängnis«, das sich im Kellergeschoss befand, waren sie zum Teil auch für längere Zeit eingesperrt. Um wen handelte es sich dabei?

Stellvertretend genannt seien nur der Vorsitzende der KPD, Ernst Thälmann, der spätere Staatsratsvorsitzende der DDR, Erich Honecker, die sozialdemokratischen Politiker Kurt Schumacher, Mitglied des Reichstages und nach dem Krieg Vorsitzender der SPD in der BRD, und Alfred Nau, Sekretär des Parteivorstandes der SPD, seit 1946 Schatzmeister seiner Partei. Auch führende Mitglieder der »Roten Kapelle« sowie viele Verschwörer des 20. Juli 1944 waren zeitweise in den Einzelzellen untergebracht. In den Diensträumen des RSHA wurden sie »verschärften Verhören« unterzogen; ein Begriff aus dem zynischen Vokabular der Nazirepressionsorgane, der die Anwendung von Foltermethoden durch die Gestapo verhüllen sollte.

Insbesondere nach dem geglückten Attentat auf Reinhard Heydrich am 27. Mai 1942 und dem misslungenen Anschlag auf das Leben Adolf Hitlers am 20. Juli 1944 eskalierte der faschistische Terror gegen Widerstandskämpfer und potentielle Oppositionelle sowie gegen Juden (»Aktion Reinhard« 1942/43, »Aktion Gitter« 1944). Bei der »Aktion Reinhard«, benannt nach dem Vornamen des exekutierten SS-Obergruppenführers Heydrich, handelte es sich um eine allerdings schon seit längerem geplante Mordaktion, die in den besetzten Gebieten besonders der jüdischen Bevölkerung sowie den Sinti und Roma galt, da von den Faschisten das »internationale Judentum« als Auftraggeber hinter dem Attentat auf Heydrich vermutet wurde. Bei der »Aktion Gitter« wurden möglichst viele Personen, die aufgrund ihrer früheren Parteizugehörigkeiten oder politischen Aktivitäten als Gegner des Faschismus eingestuft worden waren, festgenommen bzw. ermordet. Den meisten Verhafteten konnten keinerlei konkrete Handlungen gegen das Naziregime nachgewiesen worden. Es handelte sich gewissermaßen um eine Präventivaktion, um jegliche künftige Opposition ihrer Köpfe zu berauben.

Wer waren die Täter?

Das leitende Personal, das im Reichssicherheitshauptamt zentrale Aufgaben wahrnahm, um die faschistische Ordnung störungsfrei aufrechtzuerhalten, verfügte über ein erstaunliches Bildungsprofil. In den höheren Rängen und Funktionen dominierten Akademiker. Einzelne lehrten als Professoren an Universitäten. Doch zunächst fällt auf, dass relativ vielen jungen Männern verantwortliche Positionen im RSHA übertragen worden waren. Es dominierte die Generation der unter Vierzigjährigen.

Nennen wir einige Beispiele. Reinhard Heydrich war 35 Jahre alt, als er die Leitung des Reichssicherheitshauptamtes übernahm. Walter Schellenberg zählte 31 Jahre, als Himmler ihn zum Chef des Auslands-SD berief. Franz Alfred Six avancierte als 30jähriger zum Amtsleiter für Gegnerforschung und Auswertung. Otto Ohlendorf wurde mit 32 Jahren der erste Chef des Amtes Inlands-SD.

Unter den leitenden Kadern des RSHA spielten also Personen, die nicht im wilhelminischen Deutschland, sondern in der Weimarer Republik in faschistoiden Milieus sozialisiert worden waren, eine herausragende Rolle. Den Ersten Weltkrieg hatten sie wegen ihres Alters nicht als Soldaten an der Front selbst miterleben können. Häufig waren sie bereits als Studenten Mitglieder der SA und der NSDAP geworden, nicht wenige hatten Leitungsfunktionen im NS-Studentenbund innegehabt. Dank ihrer festgefügten politisch-weltanschaulichen Überzeugungen machten sie in Windeseile Karriere in der Bürokratie des faschistischen Staates, vor allem in den neugeschaffenen Ämtern und Behörden.

Besonders bemerkenswert sind die akademischen Qualifikationen vieler leitender Kader im RSHA. In einer Zeit, als das Studium an Universitäten in der Regel noch das Privileg des Bildungsbürgertums war, gehörten sie zu denjenigen Studierenden, die häufig in ihrer Familie als erste ein Examen ablegten. Sie zählten zu den sozialen Aufsteigern, die der Nazipartei bzw. der SS dankbar dafür waren, ihnen bereits in jungen Jahren eine weitreichende Verantwortung übertragen zu haben, wie es ansonsten in der Ministerialbürokratie, in der Justiz oder bei Militär und Polizei erst nach einer lang andauernden Ochsentour geschah. Die im RSHA tätigen leitenden Mitarbeiter waren vornehmlich Juristen, aber auch Absolventen anderer Fakultäten, waren häufig promoviert worden und hatten wissenschaftliche Veröffentlichungen vorgelegt. Sie waren nicht selten Protagonisten bei der Verbreitung faschistischer Auffassungen und Lehrmeinungen in ihrem jeweiligen Fachgebiet.

Aufgrund des relativ jungen Alters des Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes stellt sich die Frage, wie sich der Weg der leitenden Kader dieser verbrecherischen Institution nach 1945 gestaltete, als sie noch jung genug waren, um neue Karrieren in den Westzonen bzw. in der BRD zu beginnen.

Neue Karrieren in der BRD

Drei markante Beispiele seien im folgenden genannt. Beginnen wir mit dem schon genannten, 1909 geborenen Prof. Dr. Franz Alfred Six. Seit 1929 war er Mitglied der »Hitlerjugend«, 1930 trat er der NSDAP bei. Six promovierte nach einem Studium der Geschichte und Staatswissenschaften 1935 zum Dr. phil. 1938 wurde er zum Professor an der Universität Breslau berufen. 1935 begann parallel seine Karriere im SD, seit 1939 amtierte er im RSHA als Leiter des Hauptamtes »Weltanschauliche Gegnerforschung und Auswertung«. Im April 1943 wurde er, inzwischen SS-Oberführer, mit der Leitung der Kulturpolitischen Abteilung im Auswärtigen Amt betraut. Nach dem Krieg sah er sich mit einer Anklage wegen Kriegsverbrechen im Zusammenhang seiner Tätigkeit in der Einsatzgruppe B in der UdSSR konfrontiert. Die gegen ihn verhängte Strafe von 20 Jahren Gefängnis brauchte er allerdings aufgrund der Intervention des Hohen Kommissars der USA in der BRD, John McCloy, nicht abzusitzen. Bereits 1952 erfolgte seine vorzeitige Freilassung. Six wurde bald zur hochangesehenen Person im Geschäftsleben der jungen Bundesrepublik. Die Porsche-Diesel Motorenbau GmbH in Friedrichshafen, ein Gemeinschaftsunternehmen von Mannesmann und Porsche, in dessen Führungsetagen sich zahlreiche ehemalige Kader des »Dritten Reiches« tummelten, entdeckte das »Verkaufstalent« des ehemaligen SS-Führers und ernannte ihn zum »Werbechef«. Ein ehemaliger Kollege schwärmte über die Fähigkeiten des einstigen Leiters des »Vorkommandos Moskau«: »Von keinem Menschen in meiner beruflichen Laufbahn habe ich durch seine präzisen Analysen soviel gelernt wie von ihm.« Ausgeprägt seien »seine Intelligenz gewesen, seine bewundernswerte Selbstdisziplin, sein Vermögen, ohne jedwede größere Vorbereitung 1.000 Menschen in seinen Bann zu ziehen.« Nach seiner Tätigkeit bei Porsche, die von Joachim Peiper, einem ehemaligen Adjutanten Heinrich Himmlers, fortgesetzt wurde, und seinem Engagement im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer arbeitete Six, der 1975 unbehelligt in Bozen (Südtirol) verstarb, als Unternehmensberater in Essen.

Nahezu beispiellos war die Nachkriegskarriere des SS-Oberführers Prof. Dr. Reinhard Höhn. Der 1904 geborene Höhn hatte Jura studiert und war 1926 zum Dr. jur. promoviert worden. 1935 zum Professor in Heidelberg und Berlin berufen, arbeitete er zeitgleich im SD-Hauptamt, das er vorübergehend leitete. Höhn entwickelte die Theorie, dass ein Eid, der gegenüber einer Person abgegeben werde, immer mit dem Tod dieser Person ungültig werde. Es gebe allerdings eine Ausnahme: Alle, die Adolf Hitler einen Eid geleistet hätten, seien auch nach dem Tod des »Führers« lebenslänglich daran gebunden. Dass er von 1941 bis 1944 einer der Herausgeber der an höhere Kader gerichteten geopolitischen SS-Publikation Reich, Volksordnung, Lebensraum. Zeitschrift für völkische Verfassung und Verwaltung war, sei hier nur am Rande vermerkt.

Nach 1945 tauchte Höhn zunächst ab und praktizierte als »Heilpraktiker« und »Augendiagnostiker«. Doch bereits 1946 wurde er Mitglied, 1953 Geschäftsführer einer »Deutschen Volkswirtschaftlichen Gesellschaft«. Fleißig publizierte er in der von seinem ehemaligen RSHA-Kollegen Franz Alfred Six neu herausgegebenen Zeitschrift für Geopolitik. 1956 schlug dann die Stunde der von Höhn gegründeten »Harzburger Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft«. In seiner Rede anlässlich der Eröffnung dieser Bildungsstätte formulierte Dr. Franz Grosse von der Ruhrkohle AG die Zielsetzung der Akademie mit dankenswerter Klarheit: Man müsse »der klassenkämpferischen Befehls- und Planungswirtschaft des Ostens eine freiheitliche Ordnung auf Grundlage des abendländischen Kulturerbes, des Rechtes und der Menschenwürde« entgegensetzen. Wer wäre besser geeignet gewesen, diese ambitionierten Ziele zu realisieren, als ein ehemaliger SS-Oberführer und leitender Mitarbeiter des Reichssicherheitshauptamtes?

Höhn entwickelte die Managementkonzeption der »Delegation von Verantwortung in der Mitarbeiterführung«, verknüpft mit der »Führung mit Stäben«. Dieses »Harzburger Modell« galt in der BRD bis in die jüngste Vergangenheit als maßgeblich für die Unternehmensführung. Seit Gründung der Bad Harzburger Akademie haben Zehntausende Manager unterschiedlicher Hierarchieebenen dort Schulungen durchlaufen. Zusätzlich existieren spezielle Lehrgänge unter anderem für Gewerkschaftsfunktionäre, Lehrer, Offiziere der Bundeswehr, Führungskräfte der Polizei und Chefsekretärinnen. Dass nach dem Anschluss der DDR eigens »Fortbildungen« für leitende Wirtschaftskader des ehemals ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden durchgeführt wurden, soll der Vollständigkeit halber ergänzt werden. Als Reinhard Höhn im Mai 2000 95jährig verstarb, veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Zeitung eine fast hymnische Würdigung des Verstorbenen, in der allerdings seine Vergangenheit als SS-Führer und leitender Mitarbeiter des RSHA schlicht vergessen worden war.

Vom RSHA zu Axel Springer

Auch SS-Offiziere, die nicht in leitenden Funktionen des Reichssicherheitshauptamtes tätig waren, konnten nach 1945 bemerkenswerte Karrieren realisieren. Einer von ihnen war der SS-Hauptsturmführer Horst Mahnke, der als Experte in Sachen Osteuropa von der »Organisation Gehlen« angeworben wurde, dem von Generalmajor Reinhard Gehlen geleiteten Vorläufer des westdeutschen Bundesnachrichtendienstes (BND). Bis 1945 hatte Gehlen als Chef der »Abteilung Fremde Heere Ost« insbesondere gegen die UdSSR gerichtete Spionage und Sabotageakte organisiert. Im RSHA hatte er zu den Vertrauten des schon erwähnten Prof. Six gezählt, der ihn als »Marxismusreferenten« in das RSHA geholt und 1941 als seinen Adjutanten in das »Vorkommando Moskau« eingegliedert hatte. 1954 veröffentlichte Mahnke zusammen mit seinem »Kameraden« aus gemeinsamen Zeiten im RSHA, dem SS-Hauptsturmführer Georg Wolff, im Leske-Verlag, als dessen Geschäftsführer unmittelbar nach seiner Haftentlassung ausgerechnet ihr gemeinsamer ehemaliger Vorgesetzter Six angestellt worden war, ein Buch mit dem Titel »1954 – der Frieden hat eine Chance«. Inzwischen war Mahnke (ebenso wie Wolff) im Nachrichtenmagazin Der Spiegel zum Ressortchef avanciert. 1959 wechselte er zum Springer-Verlag, wo er zunächst Chefredakteur der Illustrierten Kristall wurde, ehe er zum Leiter des persönlichen Beraterstabs von Verlagschef Axel Cäsar Springer aufstieg. In dieser Funktion zeichnete er auch für die persönliche Sicherheit des Pressemagnaten verantwortlich.

Halten wir fest: Die Netzwerke der RSHA-Angehörigen funktionierten, wie die drei genannten Beispiele belegen, in der BRD reibungslos. Das Reichssicherheitshauptamt wurde im September 1939 gegründet, offenbar reichte seine Geschichte aber, so könnte man schlussfolgern, weit über die Befreiung vom Faschismus im Jahre 1945 hinaus.

Reiner Zilkenat ist Historiker und schrieb an dieser Stelle zuletzt am 29. März 2019 über die britische Beistandsgarantie für Polen von 1939: »Im Angesicht des Krieges«

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • In direkter Kooperation mit Goebbels entstanden, mit Pr&auml...
    05.01.2013

    »Besonders wertvoll«

    Kunst. Faschistisches Fortleben und Abwicklung des Sozialismus im Kino der BRD. Teil I: Eine empirische Bestandsaufnahme