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Literaturgeschichte

»Die Muse besucht mich nur«

Vor zweihundert Jahren starb Johann Peter Hebel, der immerwährende Hausfreund aller Liebhaber pointierter Literatur

Foto: Gemini Collection/IMAGO

Als Walter Benjamin vor hundert Jahren in der Magdeburgischen Zeitung vom 19. September 1926 des 100. Todestags Johann Peter Hebels gedachte, betonte er gleich anfangs, dass er diesen »nicht als ›Verkannten‹ ausgraben und dem öffentlichen Interesse empfehlen« brauche, denn vergessen sei Hebel nie gewesen, obwohl er im späteren 19. Jahrhundert als »Volksschriftsteller« oder Heimatkünstler »hinter jedem noch so gottverlassenen ›Dichter‹« in der zweiten Reihe eingeordnet wurde.

Auch zu seinem 200. Todestag muss Hebel nicht als verkannter Autor den Freundinnen und Freunden der schönen Literatur neu empfohlen werden, denn noch immer ist er nicht nur in seiner oberbadischen Heimat – die ihn allerdings als Repräsentanten der »Weltliteratur« allzu eifrig abfeiert – als Meister der Kurz- und Kürzestgeschichte in allen Lesebüchern und Anthologien vertreten und bekannt.

Es seien – so Walter Benjamin – Hebels »aufgeklärter Humanismus« und die »Vollkommenheit« seiner Erzählkunst in einer Gattung, die uns vor allem dank ihm als Gattung überhaupt geläufig ist, die Hebel unsterblich gemacht haben. Er gilt unter den literarisch Gebildeten »als Erfinder und erster großer Autor der Kalendergeschichte als literarischer Kunstform«, befand Fabian Goppelsröder unlängst in einer einschlägigen Untersuchung zur Medienästhetik dieser Gattung.

Freilich reduziert dies den Autor dann doch auf nur eines von mehreren literarischen Feldern, die er bestellte. Doch das muss sich Hebel wohl gefallen lassen. Sein letztes literarisches Projekt, Nacherzählungen verschiedener »Biblischer Geschichten«, die er zwischen 1818 und 1824 verfasste, gedacht als Geschenk an Kinder und Jugendliche, waren in der 1968 erschienenen Werkausgabe des Insel-Verlags schon nicht mehr enthalten und werden vermutlich auch weiterhin kein allgemeines Interesse mehr auf sich ziehen. Das Gleiche gilt für seine Predigten, theologischen Schriften und seine Beiträge zur damaligen Mode der Charaden- und Rätseldichtung.

Poetischer Rausch

Auch sein erster großer belletristischer Erfolg, die Ende Januar 1803 erschienenen »Allemannischen Gedichte«, wird weiterhin vermutlich nur ein sehr begrenztes Publikum haben, obwohl sie nach Ausweis ausgezeichneter Kenner lyrischer Prosodie mit zum Besten gehören, was die deutschsprachige Poesie im engeren Sinn zu bieten hat. Doch schon Goethe musste in seiner überaus lobenden Rezension 1804 einräumen, dass »das mittlere und niedere Deutschland« des Genusses dieser lyrischen Meisterstücke werde entbehren müssen, und zwar wegen ihrer »seltsamen Sprach- und Schreibart«, denn sie sind – wie der Titel ja schon sagt – im alemannischen Dialekt des Markgräflerlandes verfasst.

Hebel hat diese Gedichte zum allergrößten Teil im Sommer 1801 niedergeschrieben, als er schon zehn Jahre nicht mehr im badischen Oberland lebte, sondern als Gymnasiallehrer in Karlsruhe. Georg Gottfried Gervinus vermutete 1842 »eine Art Heimweh« als Schreibmotiv. Merkwürdig genug ist, dass die Gedichte quasi in einem poetischen Rausch verfasst wurden, der ebenso rasch über Hebel kam, wie er ihn wieder verließ. Zwar hatte er nach der Lektüre der mittelalterlichen Minnesänger Ende der 1780er Jahre schon mit dem Gedanken gespielt, im »allemannischen Dialekt« zu dichten, doch verwirklichte er diesen Plan – nach einem ersten Versuch 1792 – mit sichtlichem Erfolg erst in seinem »41ten Jahr«. In diesem Jahr ging es gut, danach wollte der »allemannische Pegasus (…) nimmer fliegen«, wie er im Februar 1802 einem Freund gestand. »Die Muse wohnt nicht bey mir, sie besucht mich nur«, so Hebel später in einem Brief an Georg Friedrich Treitschke vom 22. März 1804. Nur ganz wenige Texte sind bis zur fünften Auflage (1820) der »Allemannischen Gedichte« noch dazugekommen.

Ausgangspunkte dieser Gedichte sind die Landschaft seiner Kindheit und die Erinnerung an das volkstümliche Empfinden der bäuerlichen Einwohner; »der wahre Kindersinn des Dichters« sei »der wahre Segen über seinen Gedichten«, meinte Gervinus. Dabei beschränkte sich Hebel nicht auf Genrebilder oder ländliche Idylle. Eines der bedeutendsten Gedichte thematisiert die Gebrechlichkeit des eigenen Lebens und der Welt überhaupt. Es heißt »Die Vergänglichkeit« und ist ein Zwiegespräch zwischen Vater und Sohn »auf der Straße nach Basel, zwischen Steinen und Brombach, in der Nacht«.

»Der Bueb sait zuem Ätti: / Fast allmool, Ätti, wenn mer ’s Röttler Schloß / so vor den Auge stoht, so denk i dra, / öb’s üüsem Huus echt au emool so goht. / Stohts denn nit dört so schuudrig wie der Tod / im Basler Totetanz? Es grusset aim, / wie länger as me’s beschaut. Un üüser Huus, (…) / Schwätz, Ätti, goht’s em echterst au no so? / I main emool, es chönn schier gar nit sii.«

Der Vater bestätigt aber dem Kind, dass nichts von ewiger Dauer sei, »un alles nimmt en End, / un nüt stoht still«. Die Natur sei in beständiger Wandlung begriffen, alles Leben laufe auf den Tod hinaus. Dörfer vergehen, Städte verfallen, und »mit der Zyt verbrennt die ganzi Welt« und mit ihr die ganze Menschheit: »Me bruucht ke Sunn derzue: / der Himmel stoht im Blitz un d’Welt im Glast (…); / un endli zündet’s a un brennt un brennt, / wo Boden isch, un niemes löscht. Es glumst / wohl selber ab. (…) / (…) Der Belche stoht verchohlt, / der Blauen au, as wie zwee alti Türn, / un zwischdrin isch alles uusebrennt / bis tief in Boden abe. D’Wise het / ke Wasser meh; ’s isch alles öd un schwarz / un totestill, so wyt me luegt.«

Der Schauplatz dieser Erzählung vom Weltende war für Hebel übrigens von einschneidender biographischer Bedeutung. Geboren am 10. Mai 1760 in der Basler St. Johanns-Vorstadt als Sohn eines Bedientenpaares, das in einem düsteren Kellerraum hauste (heute Totentanz 2), hatte »Hanspeter« Hebel schon im Juli 1761 seinen Vater während einer Typhusepidemie verloren; und kaum zwölf Jahre später starb die Mutter, die schwer erkrankt aus Basel nach Hausen im Wiesental in das großelterliche Haus gebracht zu werden wünschte, noch während des Transports auf einem Ochsenkarren just »auf der Straße nach Basel, zwischen Steinen und Brombach«, vis-à-vis der Ruine des Schlosses Rötteln. Vielleicht nicht die ganze Welt, aber die Kindheit war für Hebel damit am 16. Oktober 1773 definitiv zu Ende.

In höchsten Würden

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Der Waisenknabe hatte aber insofern Glück, als die Mutter nicht gänzlich mittellos gestorben war – sie hatte von dem 1772 verstorbenen Basler Dienstherrn ein ansehnliches Legat zur Erziehung ihres Sohns erhalten. Der Vormund sowie verschiedene Lehrer, Pfarrer und Gönner erkannten und förderten seine Talente. Ihm wurden der Besuch des Gymnasiums in Karlsruhe (1774–1778) und das Studium der Theologie in Erlangen (1778–1780) ermöglicht. Nach dem Studium folgten drei Jahre als Hauslehrer und Vikar in Hertingen, bevor Hebel 1783 als Lehrer an das Pädagogium in Lörrach ging. Dort schloss er wichtige und lebenslange Freundschaften, die nach seinem Weggang in reichen und in jeder Hinsicht vielseitigen Briefwechseln weiter gepflegt wurden.

1791 wurde Hebel als Lehrer an das Karlsruher Gymnasium berufen; 1798 wurde er zum Professor extraordinarius und 1808 zum Direktor der Lehranstalt ernannt. 1814 erhielt er die Berufung in die Evangelische Ministerialdirektion, die die Anstellung von Pfarrern überwachte und Kirchenvisitationen durchführte. Das Direktorat der Schule legte er nieder, unterrichtete aber weiterhin 17 Stunden Hebräisch, Griechisch, Latein und Rhetorik. 1819 wurde Hebel von Großherzog Ludwig von Baden zum Prälaten ernannt, dem höchsten Amt der evangelischen Landeskirche. Zugleich nahm er Einsitz in der ersten Kammer des badischen Landtages und in der kirchlichen Generalsynode. Aus dem Sohn von armen Bedienten war also durch glückliche Fügungen ein hoher kirchlicher und staatlicher Würdenträger geworden.

1824 gab Hebel seine schulische Lehrtätigkeit aus gesundheitlichen Gründen auf, nachdem er schon seit Ende 1822 wiederholt gekränkelt hatte. Richtig gesund wurde er nie mehr. Er verwand Enttäuschungen nicht mehr, klagte über Alterseinsamkeit sowie die »Unlust zum Essen und die Unlust zum Arbeiten«. »Es ist kein Trost dabei, lange zu leben. Man wandelt zuletzt gleichsam auf einem Gottesacker.«

Sogar die Freude an der Natur, die ihn in früheren Jahren noch in »Ekstase« (1793) versetzen konnte, war ihm abhanden gekommen. Am 10. September 1826 brach er zu einer Prüfungsreise nach Mannheim und Heidelberg auf, von der er nicht mehr zurückkehren sollte. Unterwegs, wie 53 Jahre zuvor seine Mutter, starb Johann Peter Hebel am Morgen des 22. September 1826 – vermutlich an Darmkrebs – in Schwetzingen, allerdings gut gebettet im Hause eines Freundes aus alten Basler Tagen. Vor der Beerdigung am Mittag schon des nächsten Tages wurde der Sarg noch einmal geöffnet und dem Toten ein Lorbeerkranz um die Stirn gelegt.

Diesen Lorbeerkranz hatte er sich als Autor der »Allemannischen Gedichte«, aber mehr noch als Autor der Kalendergeschichten verdient, die er – nach einem ersten Anlauf im Jahr 1802 – im wesentlichen in dem Jahrzehnt zwischen 1805 und 1814 verfasste (1818 entstanden noch ein paar letzte Geschichten).

Kalenderaufschwung

Hebel wurde eher zufällig zum Klassiker der Kalender- oder Kurzgeschichte. Das Karlsruher Gymnasium, an dem er seit den 1790er Jahren unterrichtete, gab seit 1750 einen »Landkalender« heraus, um die finanzielle Ausstattung zu verbessern; beizutragen hatten die Professoren des Gymnasiums, den Inhalt verantwortete das Konsistorium der Landeskirche. Hebel wurde 1802 zum ersten Mal um Beiträge gebeten, doch brachte er damals nur ein paar kurze Texte zustande. Etwas länger dachte er über die Erfordernisse eines guten Kalenders nach und verfasste 1706 ein »Unabgefordertes Gutachten für eine vorteilhaftere Einrichtung des Calenders«. In diesem Gutachten plädierte er für einen griffigen Titel, bessere Ausstattung, eine ausgiebige Bebilderung und mehr narrative Texte über gemischte Themen: »politische Begebenheiten des vorigen Jahres, Mord- und Diebesgeschichten, verunglückte Schatzgräber und Gespensterspuck, Feuersbrünste, Naturerscheinungen, edle Handlungen und witzige Einfälle (…). Auch der Bauer mag gerne wissen, was ausser seiner Gemarkung vorgeht, und will, wenn er unterhalten und afficirt werden soll, etwas haben, vom dem er glauben kann, es sey wahr.« Hebel schlug vor, die Redaktion in eine Hand zu geben, am besten in die eines Landgeistlichen, »der beobachtend mit und unter dem Volke lebt«. Er dachte dabei an seinen Freund aus Lörracher Tagen, Friedrich Wilhelm Hitzig, der zu dieser Zeit als Pfarrer in Rötteln wirkte.

Das Konsistorium ließ sich überzeugen und folgte Hebels Ratschlägen in allen Punkten bis auf den letzten; als zuständiger Redakteur wurde der Gutachter selbst bestimmt. Hebel stimmte dem Entscheid zu und übernahm die Redaktion ab dem Jahrgang 1808. Der Kalender hieß nun Der Rheinländische Hausfreund und nahm einen wundersamen Aufschwung. Binnen zwei Jahren hatte sich die Auflage verdoppelt, aus dem schwer verkäuflichen lutherischen Landkalender war ein überkonfessioneller sowie überregional wahrgenommener und gern gekaufter literarischer Markenartikel geworden.

Der »Hausfreund« tauchte nicht nur im Titel auf, sondern auch in den Texten: als Selbstbezeichnung des Autors, aber auch als Erzähler der Geschichten oder gar als eine der Figuren, zum Beispiel im »Morgengespräch des Hausfreunds und seines Adjunkts« (1814) über ein Zitat aus einem biblischen Psalm. Nicht zuletzt ist der Hausfreund auch als Gesprächspartner der Lesenden konzipiert, der die Literarizität der Geschichten bewusst hält: »Dem Hausfreund ists aber bey dieser Geschichte nicht halb so angst als dem geneigten Leser, denn ohne seinen Willen kann der Amtmann nicht sterben«; und der verleumdete Amtmann in der Geschichte »Vereitelte Rachsucht« (1810) muss auch nicht sterben, weil der Erzähler die Wahrheit ans Licht kommen und die Gerechtigkeit siegen lässt.

Insgesamt verfolgte Hebel ein volksaufklärerisches Programm, ohne dabei allzu moralisierend aufzutreten. Manchmal wird die Moral ad absurdum geführt, indem sie der erzählten Geschichte widerspricht; zu einer Geschichte, in der sich ein Vogel aus der Schlinge rettet, wird angemerkt, auch »mancher junge Mensch« sei schon »in die Schlinge gerathen, und nimmer herausgekommen« (1810). Oder die Moral von der Geschicht’ wird durch Häufung und ironische Wendung ins Unverbindliche neutralisiert: »Merke: Wenn dir einmal die Bergfey also kommen sollte« – nämlich dir drei Wünsche erfüllen möchte –, »so sey nicht geitzig, sondern wünsche / Numero Eins: Verstand, daß du wissen mögest, was du / Numero Zwey: wünschen solltest, um glücklich zu werden. Und weil es leicht möglich wäre, daß du alsdann etwas wählest, was ein thörichter Mensch nicht hoch anschlägt, so bitte noch / Numero Drey: um beständige Zufriedenheit und keine Reue. / Oder so: Alle Gelegenheit, glücklich zu werden, hilft nichts, wer den Verstand nicht hat, sie zu benutzen« (1808).

Die Vernunft aktivieren

Weit öfter aber wird aufs explizite Moralisieren verzichtet und die belehrende Botschaft in die Narration eingebunden oder den Lesenden aufgegeben, sie selbst zu formulieren – wenn sie es denn überhaupt wollen.

Bei den Muslimen im Orient sei nicht alles schlecht, leitet der Erzähler die Geschichte von einem »klugen Richter« (1805) ein. Dieser hatte in einem Fall Recht zu sprechen, bei dem ein reicher Mann den ausgesetzten Finderlohn von 100 Talern sparen wollte, indem er behauptete, der ehrliche Finder habe diesen schon aus dem zurückgebrachten Beutel herausgenommen, denn dieser habe 800 Taler enthalten, als er verloren ging, während nun nur noch 700 Taler darin seien. Der Finder aber blieb dabei, er habe nichts aus dem Beutel genommen. »Da war guter Rath teuer. Aber der kluge Richter, der die Ehrlichkeit des einen und die schlechte Gesinnung des andern zum Voraus zu kennen schien, grif die Sache so an: Er ließ sich von beyden über das was sie aussagten, eine feste und feyerliche Versicherung geben und that hierauf folgenden Ausspruch: ›Demnach, und wenn der eine von euch 800 Thaler verloren, der andere aber nur ein Päcklein mit 700 Thalern gefunden hat, so kann auch das Geld des letztern nicht das nemliche sein, auf welches der erstere ein Recht hat. Du, ehrlicher Freund, nimmst also das Geld, welches du gefunden hast, wieder zurück, und behältst es in guter Verwahrung, bis der kommt, welcher nur 700 Thaler verloren hat. Und dir da weiß ich keinen andern Rath, als du geduldest dich, bis derjenige sich meldet, der deine 800 Thaler findet.‹ So sprach der Richter, und dabey blieb es.«

Was ist hier die Moral? Und ist das Urteil des Richters gerecht? Wie auch immer jede oder jeder einzelne von uns hier antworten mag: Klar wird die Tendenz, die den meisten Geschichten Hebels eignet, nämlich die Sympathie für die »kleinen Leute«, selbst wenn es sich um nicht ganz gesetzestreue Spitzbuben handelt. »Wenn der im Sozialprestige seiner Zeit wenig Geachtete auftritt: sei es Diener, Gauner, Schelm, Knecht oder Soldat, dann offenbaren seine Charakterqualitäten List, Verstand, Schlagfertigkeit, Herzlichkeit auch ihn als ein anzuerkennendes Mitglied der Gesellschaft. Im Sieg des sozial Schwächeren liegt ein nicht zu unterschätzendes humanitäres Identifikationsangebot des Autors an seine Leser. Während die zeitgenössischen Kalender blinden Gehorsam gegenüber der Moral fordern, möchte Hebel seine Leser zum Mitdenken veranlassen. Die Aktivierung der Vernunft ist ihm wichtiger als traditionelle Moral«, hielt Winfried Theiß 1989 fest.

Eine bei Hebel öfter auftretende Figur ist der »Zundel-Heiner«. Er war gerade aus dem Zuchthaus entkommen und saß in einer Gaststätte, als der Brassenheimer Müller (»Bin ich nicht der reiche Müller, und bin ich nicht der schöne Müller, und bin ich nicht der witzige Müller«) eintrat und den Kameraden, die vom Heiner sprachen, zurief: »Ich hab schon so viel von dem Zundelheiner erzählen gehört. Ich möchte ihn doch einmal sehen. Da sagte ein anderer: ›Nehmt euch in Acht, daß ihr ihn nicht zu früh zu sehen bekommt. Es geht die Rede, er sey wieder im Land.‹ Aber der Müller mit seinen Pausbacken sagte: ›Pah! ich komm noch bei guter Tagszeit durch den Fridstädter Wald, dann bin ich auf der Landstraße, und wenns fehlen will, geb ich dem Schimmel die Sporen.‹ Als das der Heiner hörte, fragt er die Wirthin, was bin ich schuldig, und geht fort in den Fridstädter Wald.« Dort hängt er eine unterwegs erhandelte Krücke an einen Baum, setzt sich als Versehrter an den Wegrand und erzählt dem alsbald einherreitenden Müller, ihm hätten zwei Betrunkene die Krücke weggenommen und in den Baum geschleudert: »Wolltet ihr nicht so gut seyn, und sie mit eurer Peitsche herabzwicken?« Der Müller steigt vom Pferd, »um dem armen Teufel die Krücke herab zu zwicken«, als er aber unter dem Baum steht, »schwingt sich der Heiner schnell wie ein Adler auf den stattlichen Schimmel, gibt ihm mit dem Absatz die Sporen und reitet davon. ›Laßt euch das Gehen nicht verdrießen, rief er dem Müller zurück, und wenn ihr heim kommt, so richtet eurer Frau einen Gruß aus von dem Zundelheiner!‹« So weit, so kriminell. Doch die folgende Pointe macht aus dem Zundelheiner einen sympathischen Schelm: »Als er aber eine Viertelstunde nach Betzeit nach Brassenheim und an die Mühle kam (…), stieg er vor der Mühle ab, band dem Müller den Schimmel wieder an der Hausthüre an, und setzte seinen Weg zu Fuß fort.«

Manchmal muss der kleine Mann einen Sieg über sich selbst erringen, wie in der Geschichte »Kannitverstan« (1809). Darin hadert ein wandernder Geselle aus Duttlingen mit seiner Armut. In Amsterdam bewundert er ein besonders prächtiges Haus und ein mit Waren reich beladenes Schiff. Seine Frage, wem all das gehöre, beantworten die des Deutschen unkundigen Holländer stets mit »Kannitverstan«. Auch als er auf dem Weg zum Friedhof einem schwarzen Leichenwagen begegnet und er einen im Trauerzug fragt, wer der Verstorbene sei, erhält er die Antwort: »Kannitverstan«. »Da fielen unserm guten Duttlinger ein paar große Thränen aus den Augen, und es ward ihm auf einmal schwer und wieder leicht ums Herz. Armer Kannitverstan, rief er aus, was hast du nun von allen deinem Reichthum? Was ich einst in meiner Armuth auch bekomme: ein Todtenkleid und ein Leintuch, und von allen deinen schönen Blumen vielleicht einen Rosmarin auf die kalte Brust, oder eine Raute. (…) Endlich gieng er leichten Herzens (…) wieder fort (…), und, wenn es ihm wieder einmal schwer fallen wollte, daß so viele Leute in der Welt so reich seyen, und er so arm, so dachte er nur an den Herrn Kannitverstan in Amsterdam, an sein großes Haus, an sein reiches Schiff, und an sein enges Grab.«

Schatzkästlein

»Kannitverstan« ist eine der bekanntesten Erzählungen Hebels. Daneben gilt »Unverhoftes Wiedersehen« (1811) als einer der »edelsten Steine des ›Schatzkästleins‹« (Olaf Kutzmutz 1998), das heißt einer umfangreichen Auswahl von Geschichten aus den Kalenderjahrgängen 1803–1811, die Hebel selbst auf Wunsch des Verlegers Johann Friedrich Cotta unter dem Titel »Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes« zusammenstellte. »Unverhoftes Wiedersehen« fungiert heute als Standardbeispiel in jedem Lehrbuch für Narratologie, weil es auf unerhört raffinierte Weise die individuelle Zeit einer 50jährigen Trauer mit einer Abfolge einzelner Ereignisse der Weltgeschichte und der zyklischen Zeit des alltäglichen Lebens der kleinen Leute kontrastiert. Wie das genau geschieht, mag jede und jeder selbst nachlesen. Goethe las die Geschichte im Kalenderjahrgang 1811 und bat Cotta umgehend, ihm »sämmtliche Jahrgänge des Rheinländischen Hausfreunds« zu beschaffen. E. T. A. Hoffmann, Friedrich Hebbel, Hugo von Hofmannsthal und viele andere produzierten eigene Versionen der Geschichte des am Tag vor der Hochzeit verschütteten Bergmanns von Falun und seiner lebenslänglich trauernden Braut. Ernst Bloch nannte diese Erzählung 1965 die »schönste Geschichte der Welt«.

Hebels Rolle als Redakteur des Rheinländischen Hausfreunds endete mit dem Jahrgang 1815. Nur weil ein anderes Projekt nicht zustande kam, sprang er für den Jahrgang 1819 noch einmal ein. Ein angedachter zweiter Band des »Schatzkästleins«, der Texte aus den Jahren nach 1811 versammeln sollte, kam nicht mehr zustande; auch weil der Prälat der evangelischen Landeskirche nicht wusste, ob er »sich noch zu den Schwänken und Späßen des einst mitunter mutwilligen Professors schicklich bekennen dürfe«, wie er 1823 fragte.

Natürlich hätte er sich dazu bekennen dürfen, würden wir heute sagen. Andreas Mauz hat uns deshalb zum 200. Todestag eine neue Edition des »Schatzkästleins des rheinischen Hausfreunds« – erstmals im Wortlaut der Erstdrucke – beschert, die durch eine Auswahl weiterer Kalendertexte aus den Jahren 1812–1819 ergänzt wird (gerade erschienen im Wallstein-Verlag und wärmstens empfohlen).

Darin befindet sich auch diese Kürzestgeschichte aus dem Jahrgang 1819, die auf minimalistische Weise jegliche ungerechte Herrschaft moralisch erledigt, indem sie den Tyrannen durch eine einzige Wendung entlarvt: »Die Ohrfeige. / Ein Büblein klagte seiner Mutter, ›der Vater hat mir eine Ohrfeige gegeben.‹ Der Vater aber kam dazu und sagte: ›Lügst du wieder? Willst du noch Eine?‹«

→ Arnd Beise schrieb an dieser Stelle zuletzt am 15. August 2026 über Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: »Chronist einer gottverlassenen Welt«.

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Erschienen in der Ausgabe vom 22.09.2026, Seite 12, Thema

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