Aus: Ausgabe vom 14.08.2017, Seite 12 / Thema

Das Volk folgt

Vorabdruck. Der deutsche Faschismus und die Massen

Von Kurt Pätzold
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»Dieser Führer wollte und sollte bewundert, aber auch geliebt werden, und die Zeugnisse, die es davon gibt, dass ihm dieses Gefühl entgegengebracht wurde, waren nicht gestellt« (Kurt Pätzold). Einwohnerin von Eger (tschechisch: Cheb) beim Einrücken des deutschen Militärs 1938

In den kommenden Tagen erscheint im Berliner Verlag am Park die letzte Publikation des am 18. August 2016 verstorbenen Faschismusforschers und junge Welt-Autors Kurt Pätzold. In der von Martin Weißbecker redigierten Schrift befasst sich der Historiker mit der »Gefolgschaft hinterm Hakenkreuz«. Die Redak­tion dokumentiert im folgenden zwei leicht gekürzte Kapitel des Buches. Wir danken Barbara Pätzold und dem Verlag für die freundliche Genehmigung zum Vorabruck. (jW)

» ... Das ist Deutschlands Glück!« Diese vier Worte entstammen einer Rede Hitlers, die er auf dem Reichsparteitag in Nürnberg am 13. September 1936 vor zum Appell angetretenen Getreuen hielt: »Das ist das Wunder unserer Zeit, dass ihr mich gefunden habt, dass ihr mich gefunden habt unter so vielen Millionen! Und dass ich euch gefunden habe, das ist Deutschlands Glück!« Schwer denkbar, dass ein Oberhaupt eines anderen Staates so geredet haben würde. Doch die, an die sich diese Ansprache richtete, waren darauf vorbereitet, solchen Wunderglauben zu verinnerlichen. Immer wieder war ihnen der Aufstieg der NSDAP seit ihren Anfängen nach dem Ersten Weltkrieg als Wunder dargestellt worden, ermöglicht durch den unwandelbaren Glauben eines Mannes an sich selbst und an sein Volk, dessen, der da von der Höhe einer Tribüne zu ihnen herab sprach.

Nun war die Ersetzung nüchterner Geschichtsanalyse und -betrachtung durch verklärend irrationale Schilderungen auch keine Erfindung Hitlers. Millionen glaubten an Wunder verschiedenster Art, solche, die ihnen aus der christlichen Mythologie vertraut waren, andere, die ihnen im Alltag vermeintlich begegneten, wie die heilsame Wendung einer Krankengeschichte, und eben an jene, die sich in der Geschichte zugetragen haben sollen und ihnen als Eingriff einer Schicksalsmacht erscheinen mochten. Dieser Glaube ließ sich ausbeuten, wie die Erfahrung vieler Generationen von Kirchenoberen zeigte, und da wieder namentlich der Glaube an das Jüngste Gericht. Mit dessen Drohung ließen sich Menschen disziplinieren und in einen Zustand der Hoffnung auch dann noch versetzen, wenn es nichts mehr zu hoffen gab. Hitler und die faschistischen Demagogen haben sich das zunutze gemacht und davon bis in die Stunde der Agonie des Regimes profitiert. Die schwedische Filmdiva Zarah Leander, die während des Krieges die Deutschen lange bei Laune halten half, sang ihnen passend zum Jahre 1942 vor »Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen, und dann werden alle Wünsche wahr«. Das ließ sich auf vieles beziehen, nährte aber, als der Krieg bereits verloren war, den Glauben an dessen Wendung durch den Einsatz von Wunderwaffen oder den Zerfall des gegnerischen Bündnisses.

Dass sich Hitler »Deutschlands Glück« nannte, war wohl nicht nur ein Propagandacoup. Der Mann glaubte selbst, er sei eine außergewöhnliche, ja einmalige historische Gestalt. Er sah sich mit Friedrich II. und Bismarck, die als die größten »Deutschen« galten, die je Geschichte »machten«, auf einer Stufe und meinte, dass er, sie überragend, ihr Werk vollendete und krönte. Er hatte keine Hemmung, sein Leben auch in aller Zukunft als unübertreffliche Chance für Deutschland auszugeben. 1939 erklärte er höchstgestellten Militärs, dass der Krieg für »Deutschlands Zukunft« noch zu seinen Lebzeiten, ja unverzüglich geführt werden müsse, solange er wie jetzt im Vollbesitz seiner überragenden geistigen und physischen Kräfte sei.

Größenwahn beherrschte Hitler schon, als er am 30. Januar 1933 in die Reichskanzlei einzog. Bis dahin war er in der NSDAP deren unumstrittener Führer geworden. Auf diese Rolle hatte er sich bis zum Frühjahr 1932 beschränkt. Dazu gehörte, dass er ein Abgeordnetenmandat des Reichstages mied, sich dessen bewusst, dass die dann unvermeidliche Redeschlacht im Parlament ihm nicht jene Auftritte bot, die er suchen sollte. Seine Bühne war das von SA umstellte und bewachte Rednerpult in einem Riesensaal oder unter freiem Himmel. Dort erschien er in der SA-Uniform, im »schlichten Braunhemd«, Reithose, Stiefel, sich so in seinem Äußeren in die Gefolgschaft einreihend. Nun als Reichskanzler wechselte sein Aufzug bei Staatsakten und auf diplomatischem Feld, ohne die Erscheinung zu vernachlässigen, an die seine Parteigenossen und SA-Leute gewöhnt waren und in der er sich von ihnen kaum unterschied.

Mehr noch: Militärisch gekleidet stach er von allen seinen Vorgängern ab. Die waren, einschließlich des letzten, des einstigen kaiserlichen Generals Kurt von Schleicher, nicht anders wie ein Fabrik- oder Bankdirektor im bürgerlichen Geschäftslook dahergekommen. Er, der »nationalsozialistische Revolutionär« und »Erneuerer Deutschlands«, der sie alle doch verachtete und als Versager verunglimpfte, wollte mit ihnen nicht in eine Reihe gestellt werden können. Auf den Reichstagswahlplakaten der NSDAP des 5. März 1933 schauten die Passanten in die Gesichter des Preußenkönigs, des Eisernen Kanzlers und des Österreichers Hitler, zudem auf den Weltkriegsgefreiten von einst neben dem in Feldmarschallsuniform abgebildeten Paul von Hindenburg. Als der 1934 starb, erklärte sich Hitler, ohne den aus Republikzeit stammenden Titel des Reichspräsidenten zu übernehmen, zwar zu dessen Nachfolger, wozu er ein Placet des faschistischen Reichstages einholen ließ, bevorzugte aber den Titel »Führer und Reichskanzler«, was seine Stellung und sein Ansehen weiter heraushob.

Kult um Hitler

Das bildete erst den Auftakt des Hitler-Kultes, mit dem Deutschland 1933 augenblicklich überzogen wurde. Er besaß seine Vorgeschichte in ähnlichen Erscheinungen vor allem aus dem sogenannten zweiten deutschen Kaiserreich. Da richtete sich die von allem geschichtlichen Boden abhebende Verehrung jedoch jeweils nach ihrem Tode – auf Kaiser Wilhelm, dem mächtige Denkmalsanlagen errichtet, und auf Bismarck, dem Türme erbaut wurden. Doch wurde schon im ersten Jahre von Hitlers Kanzlerschaft auf diesem Feld alles in den Schatten gestellt, was bis dahin in Deutschland geschehen war. Es begann im ganzen Lande die Taufe von Straßen und Plätzen, von Sportstadien und »Kampfbahnen« auf seinen Namen, wofür jeweils die repräsentativsten oder größten ausgewählt wurden. Ausgenommen davon blieben Schiffsriesen und Großflugzeuge, eingedenk von Untergängen, Abstürzen und anderen Katastrophen, wie spektakulär im Mai 1937 das Ende des Luftschiffes »Hindenburg« demonstrierte. Die »Hitler« untergegangen oder abgestürzt, derlei Meldung sollte ausgeschlossen werden.

Ungezählt die Städte und Gemeinden, deren Gemeinderäte, 1933 einsetzend, Hitler zu ihrem Ehrenbürger erklärten. Jeder dieser Schritte erforderte seine Genehmigung, und die wurde erteilt. Ebenso für die Benutzung seines Namens zum Taufpaten verschiedenster Initiativen und Unternehmen. 1933 riefen führende deutsche Großkapitalisten ein System regelmäßiger Zahlungen zugunsten der NSDAP ins Leben, das sie »Adolf-Hitler-Spende« nannten und über deren Millionenbeträge der Namensgeber entschied. Als für »notleidende Parteigenossen« ein Fonds gebildet wurde, gab man ihm den Namen »Adolf- Hitler-Dank«. Die für die Bewachung der Reichskanzlei und anderer Sitze Hitlers formierte SS-Formation hieß »Leibstandarte Adolf Hitler«. Die Jugendorganisation der NSDAP, für die ein Reichsgesetz 1939 die Pflichtmitgliedschaft für alle Kinder und Jugendlichen beiderlei Geschlechts zwischen dem 10. und 18. Lebensjahr bestimmte, war die »Hitler-Jugend« (HJ).

Hitler-Bilder, Fotografien, allüberall. Selbstverständlich in den Dienststellen von Organisationen der NSDAP und des Staates, aber auch jeder stramme Nazi hatte sein Bild im Wohn- oder Arbeitszimmer. Bei verschiedensten Anlässen schaute sein Konterfei von Plakaten an Litfasssäulen. Der »Führer« als Büste in Bronze oder Porzellan in Formaten für Schreibtisch oder Vitrine, als Spielfigur für Kinder, selbstverständlich auf allen Dauerbriefmarken und Postkarten. An seinen Geburtstagen zierte sein Bild die Schaufenster von Kleinhandelsgeschäften, umrahmt, je nach Geschmack, von Blumen, Pflanzen, Girlanden, Sprüchen und anderem Schmuck. Das mochte vielfach auf sanften Druck von Nazifunktionären zurückgehen, entsprang aber ebenso der Initiative Zehntausender kleiner Parteigenossen, der Inhaber von Lebensmittelgeschäften, Gaststätten, Kneipen und Handwerksbetrieben. Manche standen vielleicht vor der Frage, wie diese Ausstellung sich neben ihrem Angebot an Käse und Blutwurst ausnahm.

Ganz zu schweigen von der Schwemme ihn verherrlichender Literatur. In Schulbüchern dominierten rührselige Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend als Lesestoffe, Nachdrucke aus »Mein Kampf«. Das Geschäft mit Hitler blühte in so bedenkenlosem Übermaß, dass ­Goebbels schon 1933 gegen den schlimmsten Kitsch einschreiten ließ. Doch konnte man sich noch immer den »Führer« aus Sperrholz nach einer käuflichen Schablone zurechtsägen und das Produkt an die Wand hängen, neben den auf gleiche Weise herzustellenden »Eisernen Kanzler« und dem großen König.

Dass Hitler der alle Mitführer überragende Mann war, machten sie im öffentlichen Umgang mit ihm deutlich. Auch für sie war er, so die gebräuchliche Anrede, »Mein Führer« geworden und wohl vordem schon nie »der Adolf« gewesen. Selten die Bilder, die ihn mit Hermann Göring, Heinrich Himmler und anderen in vertrautem Gespräch zeigen. Massenhaft die anderen, die einfangen, wie vor ihm strammgestanden, ihm »gemeldet«, ihm bei Besichtigungen und Paraden nur in gehörigem Abstand gefolgt wurde. Ließ es sich arrangieren, standen selbst engste Weggefährten mit ihm nicht auf einem Podest, marschierten mit ihm nicht in einer Reihe, ausgenommen beim traditionellen Marsch zur Feldherrnhalle in München, wenn es darum ging, die Kameraderie von 1923 herauszustellen.

Neben und mit dieser Reklame in Wort, Bild und Gesten blühte eine andere. Was sich in Deutschland zum Besseren wandelte oder als solches ausgegeben werden konnte, ließ die Propaganda seinen Ursprung in Hitlers genialem Kopf nehmen und war durch seine Willenskräfte auf den Weg gebracht worden. Das begann 1933 mit den Reichsautobahnen, die zu »Straßen des Führers« erklärt wurden. Gebeugt über Zeichnungen und Modelle von Architekten, sinnend vor Entwürfen von Denkmälern, andächtig und kritisch in Gemäldeausstellungen, fachmännisch urteilend vor Autos und anderen Maschinen. So wurde Hitler auf Fotos und in Filmen den Massen vorgeführt. Er war nicht nur ein Politiker, ein Kunstmensch, sondern auch ein Naturliebhaber und Tierfreund dazu. »Hitler in seinen Bergen« hieß eines der Fotoalben, das Bilder des Leibfotografen Heinrich Hoffmann versammelte. Aus allen Menschen herausragend und doch mit seinen Vorlieben und Bedürfnissen einer von ihnen. Einerseits dem Volke entrückt, andererseits ihm doch ganz nahe, das war die Mischung, die Verehrung und Liebe hervorrief.

Liebesbriefe an den »Führer«

Dieser Führer wollte und sollte bewundert, aber auch geliebt werden, und die Zeugnisse, die es davon gibt, dass ihm dieses Gefühl entgegengebracht wurde, waren nicht gestellt. Dafür stehen Liebesbriefe, die ihm Frauen schrieben, die wollenen Strümpfe und ähnliche Geschenke, die ihm an Geburtstagen per Post zugingen. Derlei Verehrerinnen und um sein Wohl Besorgte mögen in die Kategorie des Absonderlichen gehören. Aber die ihm zujubelnden Massen an Straßenrändern bei seiner Einfahrt in Städte, die nach ihm rufenden Berlin-Besucher auf dem Wilhelmplatz vor der Reichskanzlei, die verzückten Wanderer zum Obersalzberg bei Berchtesgaden, die an Hitlers Nobelsitz vorbeiziehen durften und sich glücklich fühlten, wenn der Hausherr sie an dessen Rande grüßte, die Massen von Bauern, die zum Reichserntedankfest auf den Bückeberg bei Hameln fuhren, waren nicht für Fotografen und Filmoperateure herbeibeordert, wiewohl die stets zur Stelle sein mussten.

Zudem gab es zahlreiche befohlene Jubelperser. Dazu gehörten die Zehntausenden, die Jahr für Jahr nach Nürnberg befohlen wurden, Aktivisten der NSDAP, SA, SS und anderer Formationen des Faschismus. Sie füllten auch Versammlungshallen wie den Berliner Sportpalast, wenn Hitler redete, jedoch auch wenn Goebbels, Göring oder ein anderer seiner Mitführer sprach. Doch des »Führers« Auftritte, ja sein Erscheinen übertraf alles. Und Hitler rühmte sich seiner Popularität: »Wo ist der Staatsmann, wo ist das Staatsoberhaupt, das so durch sein Volk gehen kann, wie ich durch euch hindurchgehe?« Betrat er Hallen und Plätze, ertönte der Badenweiler Marsch, der für ihn reserviert war. Ihm geltende Heilrufe waren am Ende jeder seiner Reden obligatorisch. Propagandaminister Goebbels, Regisseur der Großereignisse und ein abgöttischer Verehrer Hitlers, setzte seinen Ehrgeiz darein, ihn überall als Lichtgestalt vorzuführen. (…)

Kratzer am braunen Lack

Dann jedoch, etwa in den letzten 100 Tagen des Regimes, zerrann das Bild des Wundertäters. Dazu trugen vor allem die ins Reichsinnere vordringenden Alliierten bei. Zudem war es seit langem nicht mehr unbeschädigt. Erste Kratzer waren auf ihm im hereinbrechenden Winter 1941 zu bemerken gewesen, als die Hoffnung auf einen zweiten »Blitzkrieg« im Osten zerrann. Die waren jedoch noch nicht tief. Als Reparaturlack reichte damals die Schuldzuschreibung an einige Generale. Erst als an der Jahreswende 1942/43 das Debakel von Stalingrad ruchbar und Gewissheit wurde, dass Hitler den Rückzug der 6. Armee verboten hatte, sodann, als er sich in öffentlicher Rede immer weniger hören ließ, weil er frohe Botschaften nicht zu verkünden hatte, setzte in der Bevölkerung allmählich eine lautarme innere Verabschiedung vom Hitler-Kult ein. Der Sicherheitsdienst hatte diesen Prozess insbesondere in von Luftangriffen betroffenen Städten registriert, in denen kaum noch jemand den Hitlergruß erwiderte.

In der Bevölkerung kursierten, wiewohl darauf strenge Strafen standen, unter der Hand Witze über den »Führer«. So wurde gesagt, dass die Sonne im Westen, der Führer aber im Osten untergehen werde. Oder es wurde vom Verlust eines U-Bootes berichtet, auf dem sich Hitler und Goebbels befunden hätten, jedoch nicht diese beiden gerettet worden wären, sondern das deutsche Volk. Mehrere Witze handelten davon, dass das Volk dabei sei, seine Führerbilder zu entsorgen. Tatsächlich geschah das meist erst kurz vor dem Eintreffen der Alliierten. Auf dieses Ende hatte schon eine Umdichtung gezielt, die den zeitweilig viel gesungenen Durchhalteschlager »Es geht alles vorüber« parodierte, den ein Operettenkomponist vertont und die Lili-Marleen-Sängerin Lale Andersen 1942 populär gemacht hatte. Nun nahm die Zeile, wonach alles vorübergehe im Volksmund die Wendung: »… erst geht der Führer und dann die Partei«.1 Kurzzeitig wurde der Verfall der Autorität des Führers und des Glaubens an seine übermenschlichen Kräfte dadurch aufgehalten, dass sich vergleichbare Hoffnungen an keine Ersatzperson heften konnten. Görings Ansehen hatte der Luftkrieg ruiniert. Nach dem Attentat 1944 war in Gerüchten nicht von ihm, sondern von Himmler und Goebbels als Nachfolger die Rede gewesen. Doch wurde keinem das Format Hitlers zugemessen. Noch immer galt er als der einzige, mit dem sich vage, in Wahrheit absurde Vorstellungen eines glimpflichen oder, wie es seit der Kriegswende immer häufiger hieß, eines »guten« Kriegsausgangs verbinden ließen.

Nur einmal noch meldete sich der »Führer« bei seinem Volk. Das geschah am Jahrestag der Parteigründung, dem 24. Februar 1945. Doch angesichts der feindlichen Armeen an Rhein und Oder wurden seine Versprechungen als leer erkannt und als »die alte Platte« abgetan.2 Nun häuften sich Meldungen, wonach die Bevölkerung offen darüber spreche, dass der Krieg beendet werden müsse. Seine Fortsetzung sei »eine unnötige Verlängerung des Blutvergießens«. In einem am 10. April 1945 geschriebenen Bericht hieß es über die Stimmung in Berlin: »Alles in allem hat man die Hoffnung auf einen irgendwie noch guten Ausgang des Krieges verloren. Und so hört man auch immer öfter, dass Schluss gemacht werden solle«.3

Jedoch nur in der Anonymität dunkler Kinosäle wurde erkennbar, wie verbreitet diese Stimmung war. Als in einer »Wochenschau« Bilder und Ausschnitte aus einer Rede zu sehen und zu hören waren, die Goebbels nach der Rückeroberung der niederschlesischen Stadt Lauban am 11. März in Görlitz gehalten hatte und in der er von der »kommenden Offensive« sprach, brach in Berliner Filmtheatern »stets ein großes Hohngelächter aus«.4

Die obersten Führer riefen schließlich das Volk zum heldischen Untergang à la Nibelungen. Goebbels malte am 28. Februar 1945 in einer Rundfunkansprache das Bild, »dass auch von uns einst die Sage berichten kann, die Toten hätten nach den Tagen der heißen Schlacht in den dunklen drohenden Nächten in den Lüften weitergekämpft«.5 Schwer denkbar, dass sich für dieses Ende Menschen begeistern konnten, sofern sie sich nicht vor der Wahl sahen, den Tod durch eine Kugel oder eine Granate zu suchen oder nach dem Gericht der Sieger am Galgen zu enden. Während Hitler in seinem in den Bunker der Berliner Reichskanzlei verlegten Hauptquartier nach wie vor von bunt uniformierten und zivil gekleideten Hofschranzen umgeben war, spürten untere und mittlere Funktionäre der NSDAP bereits deutlich, dass ihre Umgebung zu ihnen Distanz nahm. Und »von oben« wurden sie ohne verwertbare Instruktionen gelassen.

Dann kam am 12. April 1945 die Nachricht vom Tode Franklin D. Roosevelts. Die Propaganda nutzte sie, um an ein Mirakel des Hauses Brandenburg im Dritten Schlesischen Krieg 1763 zu erinnern, als das Russland des Zaren Peter, der auf Katharina gefolgt war, aus der antifriderizianischen Koalition scherte. Das sollte die Hoffnung auf einen Teilfrieden im Westen nähren. Doch war dieser Krieg nicht eine Auseinandersetzung feudaler Mächte, in der ein Kabinett über die Teilnahme auf seiten dieses oder jenes Kriegsverbündeten entschied, sondern auf seiten von Deutschlands Gegnern zu einem Volkskrieg geworden. So war die Hoffnung haltlos, das Bündnis der Alliierten werde beim Zusammentreffen ihrer Armeen inmitten Deutschlands auseinanderfallen und sich den Geschlagenen eine Art Schlupfloch der Geschichte öffnen. Danach, er nannte es ein »Hintertürchen«, hatte Goebbels immer häufiger geschielt und im Feindlager außerordentlich stark gewordene Gegensätze entdecken wollen, die »uns zu weiteren Hoffnungen Anlass geben«.6 Doch weder beim Tod des Präsidenten der USA, noch bei der Begegnung der Truppen der Verbündeten an der Elbe am 26. April erfüllten sich die Phantasien. Da lebten Millionen Deutsche bereits in Gebieten unter alliierte Kontrolle. Die letzten Verlautbarungen der Nazipropaganda und aus dem nach Norddeutschland geflohenen Oberkommando der Wehrmacht mochten ihnen dort wie Nachrichten aus einem fernen Lande vorkommen. Die gingen sie nichts mehr an, sofern sie nicht in diesem Tag um Tag schrumpfenden, im Chaos versinkenden Restreich Verwandte und Freunde wussten und um deren Überleben bangten.

Zerfallende Gefolgschaft

Seit die Truppen der Alliierten sich nach Deutschland hineinkämpften, zerfiel die Gefolgschaft hinterm Hakenkreuz rasch. Die »Volksgemeinschaft«, durch die Kriegsereignisse durcheinandergewirbelt, zuletzt in Resten nur noch durch Furcht, Druck, Drohung und Terror zusammengezwungen, löste sich auf. Die Deutschen begannen ihre Wohnungen zu »entnazifizieren«. Spätestens kurz bevor die gegnerischen Truppen in ihrer Stadt oder ihrem Dorf erschienen, wurden belastende Urkunden, Papiere und Gegenstände wie Hitler-Bilder, NS-Uniformstücke, Hakenkreuzfahnen, verschiedenste Zeichen und Devotionalien des in Trümmer gegangenen Regimes entsorgt. Ab- und Ehrenzeichen von Organisationen, Dolche, Embleme, Plaketten und Anhänger des Winterhilfswerkes sowie Naziliteratur wanderten in den Müll. Allüberall wurden Kulissen für die Aufführung des Stückes »Ich bin’s nicht, der Adolf ist es gewesen« hergerichtet.

So vollzog sich der ebenso berechnende wie verschämte Abschied von Millionen aus einer zu Ende gegangenen Zeit klammheimlich, individuell, familienintern und allenfalls begleitet von einem leisen Fluch. Dennoch drückte sich darin eine sicher begrenzte, nicht aus Überzeugung erwachsene Lossage von der Nazidiktatur aus. Die Parole »Sieg oder Untergang« war von der übergroßen Mehrheit der Deutschen nicht akzeptiert worden. Sie dachte und glaubte an ein Leben nach Hitler. Ihr Überlebenswille hatte – spät genug – sich gegen die Einladung zum Helden­sterben durchgesetzt.

Millionen seiner Parteigänger und Verehrer sagten sich von ihrem Idol los – der Erfahrung und nun vor allem »der Umstände halber«. Auch die übergroße Mehrheit der Hoheitsträger der NSDAP ließ die noch im April 1945 ausgegebene Parole »Siegen oder fallen« unbefolgt. Die Zahl der in Kämpfen umgekommenen Kreis- und Ortsgruppenleiter war gering und ebenso die der NSDAP-Führer der mittleren und unteren Ebene, die in den Selbstmord flohen. Die bekannteren Funktionäre, und dazu gehörten die Kreisleiter, stellten sich zumeist den Siegern selbst, andere suchten auf plattem Lande fern ihrer Wohnsitze und ausgerüstet mit falschen Personalpapieren unterzutauchen.

Bevor noch der letzte Schuss fiel, wurde die Frage nach Schuld und Verantwortung aufgeworfen, nicht für den Weg in den Krieg, sondern für den in die Niederlage. Noch hielt sich weithin die Vorstellung von der Schuld der nun als unfähig angesehenen Führer auf unterer und mittlerer Ebene. Ihre Großspurigkeit und Arroganz, ihr Wohlleben, ihre Unfähigkeit und – am Ende – auch ihre Feigheit gehörten zu den Erfahrungswerten etlicher. Gegen diese Gruppe richtete sich der Hass vieler, hatte sie doch bis ins Frühjahr 1945 den sinnlosen Widerstand verlangt, organisiert und befehligt und alle verfolgt, welche weiße Fahnen hissen wollten. Nächst ihnen betrafen Kritik und Schuldzuweisung angesichts der Erlebnisse und Folgen des Bombenkrieges wieder und wieder die Luftwaffe und ihren Oberbefehlshaber Göring.

Hartnäckig hielt sich die Legende vom Verrat, begangen von hohen und höchsten Militärs, der in die Niederlage geführt habe. Und der »Führer«? Dem Selbstmörder kam zugute, dass jede ihm geltende Kritik die Flugbahn eines Bumerangs nahm. Denn die sie jetzt äußern mochten, hatten auf ihn, seine Größe, sein Allwissen, sein Feldherrngenie, seine Unfehlbarkeit gesetzt, sie hatten lange seine begeisterte Gefolgschaft gebildet. Nichts vergaßen sie jedoch schneller als das …

Anmerkungen:

1 Heinz Boberach (Hg.): Meldungen aus dem Reich. Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS 1938–1945, 17 Bde., Herrsching 1984, hier: Bd. 13, 5. April 1943, S. 5.064

2 Meldungen aus dem Reich, a. a. O., Bd. 17, S. 6.733 f.

3 Wolfram Wette/Ricarda Bremer/Detlef Vogel (Hg.): Das letzte halbe Jahr. Stimmungsberichte der Wehrmachtpropaganda, Essen 2001, S. 334 u. 337

4 Ebd., S. 355

5 Joseph Goebbels: Rundfunkansprache am 28. Februar 1945. Zit. n. Jürgen Schröder: Deutschland als Gedicht. Über berühmte und berüchtigte Deutschland-Gedichte in 15 Lektionen, Freiburg i. Br. 2000, S. 310

6 Joseph Goebbels: Tagebücher 1945. Die letzten Aufzeichnungen. Einführung Rolf Hochhuth. Hamburg 1977, S. 504 (8.4.1945) u. 233 (14.3.1945)

Kurt Pätzold: Gefolgschaft hinterm Hakenkreuz. 20 Kapitel zu zwölf Jahren deutscher Geschichte. Bearbeitet von Manfred Weißbecker. Berlin, Verlag am Park 2017, 360 Seiten, 19,99 Euro

Veranstaltungsankündigung: Gefolgschaft hinterm Hakenkreuz. Buchpremiere mit Manfred Weißbecker und Arnold Schölzel, Mittwoch, 16. August 2017, Beginn: 19 Uhr, jW-Ladengalerie, Torstraße 6, 10119 Berlin, Eintritt: 5 Euro/ermäßigt: 3 Euro. Um Voranmeldung unter mm@jungewelt.de oder 0 30/53 63 55-56 wird gebeten.

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