Testosteronträume
Von Lena Reich
Der Januar ist der Monat der guten Vorsätze: nicht übermäßig trinken, rauchen usw. Auf Hochtouren laufen derzeit auch die Mitgliederangebote für die Fitnessstudios. Am Anfang des Jahres, das ist klar, muss man sich am Riemen reißen, resetten, stählen. In Verena Keßlers hervorragendem Roman »Gym« geht es genau darum: sich zu disziplinieren. Keßler entführt uns folgerichtig in ein Fitnessstudio. Ihre Protagonistin ist namenlos, ziemlich ausgepowert von ihrem vorigen Job und bewirbt sich im »MEGA GYM«. Ihr Aufgabenfeld ist übersichtlich: reinigen, Proteinshakes anmischen und freundlich lächeln. Weil ihr Körper jedoch nicht den Spirit des Fitnessstudios verkörpert (»Erdnussflippbauch«), zögert ihr Chef beim Vorstellungsgespräch. Unter Druck läuft die anonyme Protagonistin das erste Mal zur Hochform auf, wird kreativ. »Auf einmal hatte ich das Gefühl, nackt zu sein, nur Haut, keine Taschen, keine Ärmel, und da rutschte es mir raus. ›Ich habe gerade erst entbunden.‹«
Welche Überraschung! Und weil der Studioleiter Feminist ist – das jedenfalls behauptet er –, bekommt sie den Job. Fortan lebt die neue Tresenkraft mit ihrer Doppelidentität. Als Mutter eines drei Monate alten Säuglings, der tagsüber von der Großmutter betreut wird. Mit Abpumpequipment und milchigen Spuckeflecken auf dem Hemd gibt sie die disziplinierte Working Mum, die ihren Körper wieder auf Vordermann bringt, ihre Erinnerungen an den nicht so ganz einverstandenen einseitigen Sex mit dem ehemaligen Kollegen verdrängt, sich in den Weiten des Fitnesswahns verliert und zu »stoffen« beginnt. »Ich stand vor meinem geöffneten Spint, die Leggins runtergezogen, und suchte meinen Oberschenkel ab. An vielen Einstichstellen hatten sich blaue Flecken gebildet. Schließlich fand ich eine Lücke, setzte die Spritze, drückte die Nadel rein, spürte die kühle Flüssigkeit in mir verschwinden. Für eine Sekunde schloss ich die Augen, hatte das Gefühl, in alle Richtungen zu wachsen. Ich wurde zu Schaum, der sich in jede Ecke und Ritze der Umkleide schob, bis alles von mir erfüllt war, überall, überall ich.« Die Frau ist auf Testosteron. Und wie sie wieder runterkommt, ist eine Tortur – auch für den Leser, der, gehüllt in eine Wolke aus Harzer Käse, mit dieser seltsamen Frau fiebert, die alles gibt, um das Bild, das sie von sich selbst erschaffen hat, zu erfüllen, über ihre Grenzen rauscht und sich dabei aufzulösen droht.
Gekonnt cool und mit fiesem Witz ist Verena Keßler ein beeindruckend düsterer Roman über die Jetztzeit gelungen, in der der eigene Körper eben die letzte noch kontrollierbare Instanz ist. Das Soziotop »Fitnessstudio«, das die Literatur viel zu selten bespielt, dient ihr als Bühne für Ehrgeiz und Leistung. Alle geben ihr Bestes und drücken: die Protagonistin, der Chef, die Trainerin mit ihrem fitten Social-Media-Kanal, auf dem ausschließlich Bilder ihres Pos zu sehen sind.
»Selbstoptimierung kann ja auch was Gutes sein, manchmal geht es vielleicht in eine ungesunde Richtung«, sagt Keßler vorsichtig im Zoom-Gespräch. So cool ihre Geschichten sind, die 37jährige gehört nicht zu den Autorinnen, die gerne laute Statements abgeben. »Mir ging es im Buch darum, was passiert, wenn Leistung und Erfolg so wichtig sind, dass man sich darüber abheben kann, dass man sich ständig vergleicht und dadurch Konkurrenz und Wettkampf entsteht.«
Keßler, die am Leipziger Literaturinstitut studiert hat, hat nach eigenen Angaben selbst mehrere Fitnessstudioanläufe hinter sich und war genau von diesem harten Thrill der Menschen an sich selbst fasziniert – auch von Bodybuilderinnen, wie sie die Filmemacherin Vera Weber in ihrer ARD-Doku-Reihe »Pumping Beauty« begleitet hat. Am 16. Januar treffen die beiden Frauen in der Villa am Wannsee, Heimat des Literarischen Colloquiums Berlin, aufeinander und stellen sich den Fragen rund um Geschlechtsidentität, Körpernormen, Optimierungsdrang und Lust und Pein der Wiederholung beim Bodybuilding.
Verena Keßler: Gym. Hanser Berlin, Berlin 2025, 192 Seiten, 23 Euro
»Kraftsport. Ein Casino der guten Vorsätze«. Ein Abend mit Tim Holland, Verena Keßler, Kay Matter, Cécil Joyce Röski, Res Sigusch, Vera Weber und GYM – Heft für Literatur als Kraftsport, kuratiert von Maria Liebl, Literarisches Colloquium Berlin, 16.1., 19.30 Uhr
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