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Aus: Ausgabe vom 04.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Comic

»Jede Minute gibst du alles«

Organisieren, mobilisieren, finanzieren: Ein Comic erklärt den Fall Maja T.
Von Lena Reich
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Die Schlange schnappt zu

Das Licht fällt auf eine hagere Gestalt, die auf einer Pritsche vor einer Steinwand sitzt. Dunkle Haare umranden das dreieckige Gesicht. Die Augen sind tiefschwarz und starren nur scheinbar ins Leere, denn vor der Figur wimmeln Schlangen. Sieben Köpfe beäugen sie.

In seinem neuen Comic »Im Nest der Schlangen« zeichnet Michele Rech aka Zerocalcare die Geschichte der in Ungarn inhaftierten nonbinären Person Maja T. In schwarzweißen, holzschnittartigen Panels erzählt der italienische Comicjournalist vom Aufwachsen in Jena, wo Maja als Kind die Eltern zu Demonstrationen gegen den rechten Terror des NSU begleitet, sich politisch organisiert und antifaschistisch aktiv wird. Der Mailänder Zerocalcare tapst durch Thüringen, stellt sich als Erzählfigur in den Mittelpunkt seiner Geschichte und an vielen Stellen auch viele Fragen, die oftmals rotzdoof daherkommen, aber vor allem aufklären sollen. Die deutsche Übersetzung hat Nico Seyfrid von K.I.Z besorgt, der sehr oft »fick«-berlinert. Zerocalcare gibt die Figur des angepissten Unbekannten, der alle naselang über seine eigene Ignoranz stolpert – und so daran erinnert, dass die große Mehrheit das »Nie wieder« stets vergisst.

Zerocalcare erfährt nicht nur, dass Ostdeutschlands extreme Rechte bis in die 2000er Jahre stark mit den Behörden vernetzt war und bis heute für eine Szene bekannt ist, die grenzübergreifend agiert. Die Blitzüberführung von Maja T. über Nacht von Dresden nach Budapest im Juni 2024 sorgte für viel Empörung. Dirigiert wurde sie vom Landeskriminalamt Sachsen, namentlich der »Soko Linx«. Das Bundesverfassungsgericht gab zwar dem Eilantrag statt, die Auslieferung zu stoppen, doch zu diesem Zeitpunkt befand sich Maja T. bereits in Ungarn. Später erklärte das Bundesverfassungsgericht die Auslieferung für rechtswidrig. Seither wurde einiges unternommen, um die Rückführung durchzusetzen – und nichts erreicht. Am 4. Februar erwartet Maja T. in Ungarn das Urteil. Es drohen bis zu 24 Jahre Haft.

Mit dem Comic gibt Zerocalcare auch Einblick in seine eigene Geschichte und erinnert an Renato Biagetti, der 2006 in einem Vorort von Rom von römischen Faschisten ermordet wurde. Wenn Antifaschistinnen und Antifaschisten »im Nest der Schlangen« verschwinden, heißt es: organisieren, mobilisieren, finanzieren. »Jede Minute gibst du alles«, sagt der Vater von Maja T., Wolfram Jarosch, in einem kurzen Videoanruf im Herbst, als er einen Hungermarsch von Dresden nach Budapest unternahm. Der gerade angelaufene Film »Maja T. (Extracts from the trials)« dokumentiert die Auseinandersetzungen am Rande des »Tags der Ehre«, der jährlich in Budapest stattfindenden Veranstaltung, bei der Waffen-SS, Wehrmacht und ungarische Pfeilkreuzler glorifiziert werden – und bei der Nazis von Maja T. und anderen verletzt worden sein sollen. Die Graphic Novel, die im Dezember in der Volksbühne Berlin vorgestellt wurde, ist ein weiterer Versuch, maximale Aufmerksamkeit bei allen zu erlangen, die noch immer wegsehen.

Düster und kalt zeichnet Zerocalcare also das Bild einer rechten Bundesregierung, die es legitimiert, dass Antifaschismus als Terrorismus eingestuft wird und rechte Gewalt in Europa wüten kann. Und dass eine Person mit deutscher Staatsbürgerschaft – bei Prozessauftakt von Justizbeamten in voller Kampfmontur an einer dicken Leine in den Saal geführt – die Hauptfigur in einem Schauprozess ist, der die ultrarechten Kräfte stärkt. Vater Wolfram Jarosch: »Am 12. April sind Wahlen in Ungarn. Leider zeichnet sich immer mehr ab, dass der Prozess zu einem politischen Schauprozess gemacht wird (…). Als queerer, antifaschistischer und ausländischer Mensch bietet Maja das perfekte Feindbild für die Regierung Orbán. Jetzt werden schon Familienangehörige gebrandmarkt. Das lässt für die Urteilsverkündigung das Schlimmste befürchten.«

Ein Teil der Erlöse des Comics kommt den Angeklagten zugute.

Zerocalcare: Im Nest der Schlangen. Aus dem Römischen von Nico Seyfrid, Letatlin-Verlag, Offenbach 2025, 120 Seiten, 15 Euro

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