Klatscher von Bedeutung
Von Lena Reich
»Ich habe mich vielleicht ein wenig inspirieren lassen.« Hans Ticha spricht mit sanfter, heiserer Stimme und zeigt mit seinem Gehstock auf eines der 130 Kunstwerke, das derzeit in der Kunsthalle Rostock zu sehen ist: vier geschwungene Figuren in Königsblau auf weißem Hintergrund. Die »Blaue Gruppe« erinnert stark an Matisse’ »Der Tanz« von 1909. Der 85jährige Maler blickt zufrieden auf sein Œuvre, das viel über die Freizeit in der DDR erzählt: Fischerboote auf der Ostsee; eine Familie auf einem Tretboot; eine nackte Frau sitzt am Strand, umgeben von Müll. Die schnittigen Formen und verwaschenen Farben erinnern an Meister der europäischen Avantgarde, von Fernand Léger über Oskar Schlemmer bis zu El Lissitzky.
Ticha, der in Berlin-Weißensee Malerei studierte und sich von der Kulturpolitik des Sozialistischen Realismus beengt fühlte, zog seine Inspiration auch aus den Messebesuchen in Leipzig, wo Kunstverlage aus dem Westen an Gemeinschaftsständen vertreten waren und ihre Bücher auslagen. »Es wurde ungeheuer viel geklaut. Man kam ja sonst nicht an das Zeug ran«, gesteht der Künstler. So entwickelt er seinen schrillen Stil, mit dem er in der DDR aneckt: Die gemalten Menschen erinnern an hölzerne Spielfiguren, wie man sie aus dem Spiel »Mensch ärgere dich nicht« kennt. Die Linien sind klar und präzise, die Farben knallbunt. Auch seine Motive provozieren zunehmend: Der lasziv grinsende »Eishockeyspieler« hält das blau-gelbe Tuch zwischen den Fingern vor seinen Schritt, mimt Masturbation.
Um nicht mehr aufzufallen, verschwindet Ticha Ende der 70er Jahre in die Nische der Buchverlage, illustriert unter anderem »Die unerhörten Möglichkeiten – ausgewählte Gedichte von Bertolt Brecht« und Kinderbücher wie »Hurra, Hurra, die Feuerwehr ist da«. In seinem Atelier in Prenzlauer Berg hortet er Zeitungsausschnitte und Bilder: von Parteitagen, großen Veranstaltungen, Reden. »Hätte man mich erwischt, hätte es großen Ärger gegeben. Denn Zeitungen und Ausschnitte sammeln stand unter Strafe, und es war ja klar, dass jemand Düsteres im Sinne hat, wenn er Ausschnitte sammelt.« Der alte Mann grinst: »Isso.«
In dieser Zeit entstehen Tichas berühmte Politbilder: vom Händeschütteln, die Hochrufer. »Der Klatscher« ist eine gesichtslose Spielefigur mit kleinem Kopf und sehr großen Händen, die aufeinanderschlagen. Dasselbe Motiv hat er dreimal, neunmal gemalt – und überschreitet werkintern im Stile der Avantgarde die Grenzen: Beim Betrachten ist es, als hörte man den hallenden, nicht enden wollenden Sound des Klatschens. Ticha: »Insgesamt ging diese Form der Parteitage nicht mehr. Diese endlosen Fadenübergaben, Ordensauszeichnungen, die in Massen stattgefunden haben. Darauf konnte ich nur noch mit Ironie antworten.« Die Politbilder lagert er mit dem Gesicht zur Wand, dazwischen steckt er Papierstreifen. »Um zu sehen, ob jemand in meiner Bude war.« Und? Ticha nickt, dann schüttelt er den Kopf. »Es ist dreimal im Arbeitsraum eingebrochen worden, ohne dass je was geklaut worden ist, nicht einmal die Reiseschreibmaschine. So was hätten vernünftige Menschen nicht stehenlassen. Also, es waren Leute drin. Aber Bilder umstapeln, das frisst viel Zeit, nehme ich an.«
Ticha passiert nichts. Nach dem Mauerfall sind es genau diese Kunstwerke, die in die Museen der BRD wandern. Dass Ticha zu den wenigen Künstlern der DDR gehörte, die nach 1989 ungestört weitermalen konnten, überrascht ihn wenig. »Jedes Bild, auf dem eine rote Flagge zu sehen war, wurde ja gleich als parteilich abgestempelt.« Auch er zieht in den Westen. Wie gewaltig die Bilderwelt ist, die auf ihn eindrischt, ist auch in der Kunsthalle Rostock zu sehen: Brüste, Kredite, Reisen, Eigenheim. Im Stile der Pop Art reagiert Ticha: mit Assemblagen und Wimmelbildern, die die Dichte der Konsumwelt mit Elementen der Politwelt montiert. Antje Schunke, Kuratorin der sehenswerten Retrospektive, nennt ihn daher auch den Andy Warhol der DDR: »Ich sehe durchaus auch Elemente der Pop Art, diese Konsumkritik, die Malweise, die sehr leichte Zugänglichkeit, aber dann eben doch das Unterschwellige, was dann noch an Kritik mitschwingt.«
Und Ticha? »Na ja«, wieder lächelt er sanft. »Die Leute brauchen eine Schublade, und dann sollen sie eben die Pop-Art-Schublade aufmachen.« Er selbst versteht sich eher als Chronist – bis heute: Eines seiner letzten Bilder heißt »Vox Populi«: Eine Figur reißt die linke Faust in die Höhe. In der rechten Hand hält sie ein Megaphon. Durch den Trichter bahnt sich ebenfalls: eine Faust.
Retrospektive Hans Ticha, Kunsthalle Rostock, bis 15. März 2026
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (21. Januar 2026 um 10:50 Uhr)Hans Tichas Karikaturen mochte ich. Immer regten sie zum Nachdenken an. Dass er ab und zu Inhalt und Form in einen Topf warf, das galt es als Preis für die damit erzielte Nachdenklichkeit zu akzeptieren. Dass er aber allen Ernstes verkündet, in der DDR hätte das Sammeln von Zeitungen und Ausschnitten daraus unter Strafe gestanden, lässt mich dann doch ein wenig an seinem Erinnerungsvermögen zweifeln.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Carsten G. aus Leipzig (21. Januar 2026 um 18:36 Uhr)Ähnliches dachte ich auch! Hans Ticha hat es sicher nicht nötig, jetzt noch die Stasischiene zu bedienen – wenn schon »jemand« in seinem Atelier die Papierstreifen zwischen seinen umgedrehten Bildern verrutschen lässt, dann hätte dieser »jemand« auch die Gelegenheit genutzt, nach angeblich »verbotenen Zeitungsausschnitten« zu suchen. Wenn es die Reporterin schon versäumt, den Künstler auf diese Logiklücke hinzuweisen, wäre es zumindest ihre Aufgabe gewesen, diese »Erinnerungen« nicht noch in die Zeitung zu schreiben. Tichas Werk wird trotzdem darüber stehen.
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