»Es wird immer schwerer, die besten Talente im Osten zu halten«
Eine gescheiterte Regionalligareform und die ungerechte Aufstiegsregelung zur dritten Liga beschäftigen Fußballfans, Medien und Funktionäre. Ein Gespräch mit Hermann Winkler.
Ich habe als Siebenjähriger bei der BSG Aufbau Püchau mit dem Fußball begonnen und kam mit zehn Jahren in die Kreisauswahl Wurzen sowie ein Jahr später in die Auswahl des Bezirks Leipzigs. Wie haben Sie den Zugang zum runden Leder gefunden?
Ich war als Fußballer weniger leistungssportlich orientiert, sondern eigentlich schon als Kind ein echter Vereinsmensch. Das gemeinschaftliche Sporttreiben liegt mir seit jeher sehr am Herzen. So engagierte ich mich schon frühzeitig ehrenamtlich bei meinem Heimatverein BSG Motor Grimma im Tennisverein und übernahm eine Vorstandsposition. Auch später in meiner Laufbahn als Politiker waren der Sport – und dabei insbesondere der Vereinssport – Schwerpunkt und wesentliche Antriebsfeder meiner Tätigkeit. Es ging und geht mir stets darum, etwas für den Sport in meiner Region zu bewegen. So habe ich schon während meiner politischen Karriere das Ehrenamt des Präsidenten des Landessportbundes Sachsen übernommen und von 1998 bis 2004 bekleidet.
Mittlerweile sind Sie Präsident des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV), des Sächsischen Fußballverbandes (SFV) und Vizepräsident des Deutschen Fußballbundes (DFB). Wie kam es dazu?
2016 übernahm ich die Präsidentschaft des SFV von Klaus Reichenbach, der nach 25jähriger Tätigkeit nicht wieder kandidierte. Nach dem Tod von Erwin Bugar wurde ich im Januar 2021 zunächst kommissarisch mit seiner Nachfolge als NOFV-Präsident betraut und einige Tage später offiziell gewählt. Damit avancierte ich auch zum DFB‑Vizepräsidenten. Das sind also drei Ehrenämter neben meiner selbständigen Tätigkeit.
Sie sind oft bei kleineren Vereinen zu Besuch und wirken nahbar. Worin sehen Sie Missionen und Visionen Ihrer Tätigkeit?
Ich bin der Überzeugung, dass ein DFB-Vize auch kleine Vereine kennen sollte, um den Kontakt zu bewahren und über die täglichen Aufgaben und Probleme der Basis Bescheid zu wissen. Ich lerne bei meinen Besuchen auch abgelegene Gegenden kennen und freue mich, wenn dort ein Sportverein für ein pulsierendes Miteinander sorgt. Damit werden Integration und Inklusion im besten Sinne gelebt. Der Austausch macht Spaß. Zum einen geht es mir darum, unsere Positionen und Ideen zu vermitteln, auf der anderen Seite erfahre ich auch von den alltäglichen Schwierigkeiten, das Vereinsleben am Laufen zu halten. Im NOFV und SFV ist mir die harmonische Zusammenarbeit zwischen Hauptamt und Ehrenamt wichtig. So wird u. a. die Ausbildung qualifizierter Übungsleiter und Schiedsrichter über unseren Verband koordiniert. Im DFB bin ich u. a. zuständig für die neue Spielform »drei gegen drei« im Kinderfußball. Diese folgt einer neuen Trainingsphilosophie, die auf viele Ballkontakte fokussiert und von Hannes Wolf, dem ehemaligen Trainer des VfB Stuttgart, betreut wird.
Der NOFV ist der flächenmäßig größte Regionalverband des DFB. Er vereint alle früheren DDR-Bezirke sowie zusätzlich seit 1990 auch Westberlin. Damit ist der administrative Geltungsbereich des NOFV sogar größer als der des Deutschen Fußballverbandes (DFV) der DDR. Welche besonderen Herausforderungen leiten Sie daraus ab?
Als spezielle Herausforderung sehe ich die wirtschaftliche Strukturschwäche des Ostens. Mir wird beim DFB oft entgegengehalten, dass es auch in den alten Bundesländern strukturschwache Regionen gibt. Doch hier existieren diese strukturellen Probleme von Rostock bis Eisenach und von Magdeburg bis Frankfurt an der Oder. Die Wirtschaft ist in erster Linie durch mittelständische Betriebe und Handwerksunternehmen charakterisiert, was sich so auch in den Sponsorenpools der ostdeutschen Klubs abbildet. Diese Unternehmen unterstützen die Vereine in ihren Regionen engagiert, doch die Politik arbeitet förmlich gegen sie, indem sie nichts gegen die gestiegenen Energiekosten und die überbordende Bürokratie unternimmt. Zudem ist die Anzahl der Stiftungen im Osten verschwindend gering. Ein ähnliches Engagement wie das der Dietmar-Hopp-Stiftung, welche zur Förderung des Breitensports mit der »Alla hopp!«-Initiative allein in der Region Rhein-Neckar 45 Millionen Euro investiert und 19 Anlagen mit Bolzplätzen für den Breitensport errichtet hat, gibt es hier nicht.
Von der avisierten Schließung des VW-Werkes in Zwickau könnte ein Dominoeffekt ausgehen, weil davon viele Zulieferunternehmen betroffen sein werden, die Fußballer beschäftigen und Fußballklubs fördern.
Generell ist es problematisch, dass im Osten kaum Hauptstandorte von großen Konzernen angesiedelt wurden, sondern viele »verlängerte Werkbänke«. So blieb das Werk in Zwickau immer von den strategischen Entscheidungen der VW-Zentrale in Wolfsburg abhängig. Es wäre folgenschwer, wenn diese verlängerten Werkbänke auch noch wegbrächen. In den Betrieben arbeiten viele Menschen, die sich ehrenamtlich im Sport engagieren. Wenn diese ihre Jobs in der Region verlören und von Montag bis Freitag in die alten Bundesländer pendeln müssten, würden die mitteldeutschen Vereine sehr darunter leiden. Wir haben die drohenden Konsequenzen für den Vereinssport in den Jahren nach 1990 gesehen: Ein Familienvater, der die gesamte Arbeitswoche von Frau und Kindern getrennt ist, sieht sich nicht imstande, am Wochenende noch ein Vereinsamt auszufüllen, sondern muss seine ehrenamtliche Tätigkeit meist aufgeben.
Sie haben zuletzt die Bewilligung von 60 Millionen Euro für die Erweiterung der Leipziger Arena und den Neubau einer Ballsporthalle zugunsten des Profisports in Leipzig kritisiert und statt dessen diese Gelder für die Erhaltung und den Bau von Sportstätten im Breitensport gefordert. Welche gesellschaftliche Bedeutung hat der Fußball Ihrer Auffassung nach?
Fußball erhält oft das Etikett der »schönsten Nebensache der Welt«. Allerdings führt diese Sichtweise dazu, dass der Fußball oft auch als Nebensache behandelt und seine integrative und inklusive Bedeutung unterschätzt wird. Vereine sind der soziale Kitt in der Gesellschaft. Es ist viel Lobbyarbeit für den Vereinsfußball erforderlich, um steuerliche Begünstigungen und die Befreiung von bürokratischen Belastungen zu erreichen. Eine Umfrage bei unseren Mitgliedsvereinen hat ergeben, dass kurzfristig Investitionen im Umfang von 900 Millionen Euro erforderlich wären, um die fußballsportliche Infrastruktur zu erhalten und auszubauen. In den Ballungsräumen um Berlin, Leipzig, Dresden und Magdeburg mussten einige Vereine Aufnahmestopps für neue Mitglieder wegen fehlender Platz- und Hallenkapazitäten verhängen. In Dresden fehlen gegenwärtig mindestens 100 Spielflächen. Wenn man die Ausgaben für die Rüstungsindustrie und die Investitionsvolumina für die Sportinfrastruktur vergleicht, so stimmen die Relationen nicht. Die in den Sport fließenden finanziellen Mittel reichen bei weitem nicht aus und werden den Leistungen der Vereine nicht gerecht. Damit ist auch der Fortbestand der Pyramide mit dem Vereinssport als breiter Basis gefährdet, worunter wiederum der gesellschaftliche Zusammenhalt leidet.
Gemessen an der Fläche und den sechs Landesverbänden, die der NOFV in sich vereint, gibt es nur sehr wenige Profiklubs im Osten.
Richtig, und genau daraus erwächst auch ein Hauptproblem: Es wird immer schwerer, die besten Talente im Osten zu halten und dadurch langfristig konkurrenzfähig zu bleiben. Obwohl wir sehr gute Nachwuchsleistungszentren mit toller Ausbildungsqualität haben, können wir leider mit den finanziellen Möglichkeiten in den Ballungszentren im Ruhrgebiet oder Bayern nicht mithalten, so dass viele starke Nachwuchsspieler schon in sehr jungen Jahren abwandern, weil sie dort bessere Chancen sehen, den Sprung in den Profifußball zu schaffen. Diese Talente gehen damit den Ostklubs für immer verloren.
Die Regionalliga Nordost boomt und ist das Premiumprodukt des NOFV. Sieben Ostklubs gehören hinsichtlich des Zuschauerzuspruchs zu den Top ten aller fünf Regionalligen. Wie zufrieden sind Sie mit der medialen Präsentation?
Der Zuspruch ist ungebrochen hoch. Sie haben ja in Ihrem Artikel (siehe jW vom 10. Juli 2026) zur vorerst gescheiterten Regionalligareform darauf hingewiesen, dass die Begegnung Chemnitzer FC gegen den 1. FC Lokomotive Leipzig am 15. Februar 2026 mit 10.249 Zuschauern mehr Besucher anzog als alle acht an diesem Tag ausgetragenen Spiele der Regionalliga West insgesamt und dass in der neuen Saison neun ehemalige Europapokalteilnehmer in der Liga spielen. Addiert man die U23-Vertretungen des 1. FC Magdeburg und von Hertha BSC dazu, sind es sogar elf. Das spricht Bände in puncto Attraktivität. Ich bin sehr froh, dass wir nach dem unerwarteten Ausstieg des MDR mit Ostsport TV im März 2021 einen neuen Medienpartner gewinnen konnten, durch den die Berichterstattung eine völlig neue Qualität erreicht hat. Keine der anderen vier Regionalligen verfügt über eine solch hochwertige Partnerschaft. Ganz im Gegenteil – dort müssen die Klubs zum Teil dafür bezahlen, dass Spiele übertragen werden. Aktuell erhält jeder unserer Regionalligaklubs ein TV-Geld von 12.000 Euro pro Saison. Damit sind einige Spitzenvereine unzufrieden, weil die Differenz zur dritten Liga groß ist. Doch man sollte sich vergegenwärtigen, dass eben alle 18 Vereine diese Summe bekommen – nicht nur die Zuschauermagneten FC Carl Zeiss Jena, FC Rot-Weiß Erfurt, Hallescher FC und 1. FC Lokomotive Leipzig, sondern auch die VSG Altglienicke, Tasmania Berlin und der FSV Luckenwalde. Das sind insgesamt 216.000 Euro. Die müssen von dem Medienunternehmen erst einmal erwirtschaftet werden.
Wie bewerten Sie den MDR-Ausstieg und dessen Fokussierung auf Direktübertragungen einzelner Spitzenspiele?
Der MDR-Ausstieg quasi über Nacht war aus meiner Sicht nicht gut. Der Ostfußball bedarf jeder Form der Unterstützung, die ich von einem Regionalsender auch erwartet hätte.
Premiumprodukt heißt nicht zwangsläufig Premiummarke. Die Bezeichnung »Regionalliga Nordost« wirkt sperrig und wenig sexy. In England heißt die vierte Liga »Sky Bet Football League Two«. Wäre ein Namenssponsoring auch für die Regionalliga Nordost möglich? Welche weiteren Vermarktungschancen sehen Sie?
Die Namens- und Markenrechte der Regionalliga Nordost liegen tatsächlich beim NOFV. Mittlerweile ist Sponsoring laut Spielordnung auch auf dem rechten Ärmel der Trikots erlaubt. Ein Namenssponsoring wäre wünschenswert und juristisch möglich, doch ergibt es erst in einer Größenordnung ab einer Million Euro aufwärts jährlich überhaupt Sinn. 250.000 Euro wirken zwar zunächst erklecklich, doch teilt man diesen Betrag durch 19, so würden alle 18 Vereine und der NOFV je 13.157,89 Euro erhalten. Die großen Ostklubs können für das Ärmelsponsoring aber individuell deutlich höhere Erlöse erzielen. Der NOFV sucht immer den Schulterschluss mit den Vereinen. Ein Fortschritt ist die erreichte Ballpartnerschaft für die Saison 2026/2027, so dass nunmehr in allen Stadien der gleiche Spielball verwendet wird.
Die Initiative zur Regionalligareform hat inzwischen eine bundesweite Dimension erreicht. Wie lautet Ihre Position dazu?
Grundsätzlich gilt: Wir wollen Veränderungen! Meister müssen aufsteigen. Es ist eine Tatsache, dass es vor jeder Saison bei uns mindestens sechs bis acht Titelanwärter gibt, während in den Regionalligen Nord und Bayern lediglich zwei bis drei Mannschaften überhaupt den Aufstieg in Betracht ziehen. So ist die Leistungsdichte in unserer Regionalliga erheblich höher, und der Titelkampf ist viel intensiver. Er hat sich in den beiden letzten Saisons immer erst am letzten Spieltag zugunsten des 1. FC Lokomotive Leipzig entschieden. Demgegenüber standen 2025 der TSV Havelse und 2026 die Würzburger Kickers schon viele Wochen vorab als Teilnehmer an den Aufstiegsspielen fest. Das ist ungerecht. Doch in der Verbandspolitik geht es darum, vor der Stellung eines Änderungsantrages Mehrheiten zu beschaffen. Wir dürfen uns nicht verzetteln und untereinander zerstreiten.
Gegenwärtig werden mit der Aufstockung der dritten Liga auf 22 Mannschaften mit dann fünf Ab- und Aufsteigern, mit dem vom DFB entwickelten Kompassmodell und mit dem Regionenmodell drei Konzeptionen diskutiert, um eine Änderung der Aufstiegsregelung herbeizuführen. Wie bewerten Sie die einzelnen Optionen?
Das Regionenmodell ist meines Erachtens völlig indiskutabel und ungerecht. Man kann in einem ohnehin politisch gespaltenen Land nicht auch noch ein Modell einführen, mit dem der Nordosten mit seiner sehr attraktiven Liga aufgelöst und auf andere Ligen aufgeteilt wird. Die Aufstockung der dritten Liga auf 22 Mannschaften wäre aus meiner Sicht die pragmatischste Lösung und nahezu unmittelbar realisierbar, wenn sich alle Seiten nur ein klein wenig bewegen würden. Zwei Heimspiele mehr pro Saison wären lukrativ für die Klubs. Es kämen attraktive Partien hinzu. Die höhere Belastung der Spieler sehe ich als Scheinargument an. 42 statt 38 Saisonspiele sind für Profifußballer weitgehend unproblematisch. Ich habe mit einigen Spielern gesprochen, und faktisch alle ziehen einige englische Wochen dem Training während der Woche vor. Fußballprofis wollen spielen. Diese Lösung würde den DFB ein wenig Geld kosten. Aktuell erhält jeder Drittligaverein pro Saison rund 1,4 Millionen Euro. Damit dieser Betrag nicht geringer wird, wenn zwei Klubs dazukommen, müsste der Verband Geld zuschießen. Zudem sollte die Anzahl der direkten Qualifikationsplätze der dritten Liga für den DFB-Pokal erhöht werden. Im Moment erhalten die vier bestplazierten Vereine der vorherigen Drittligasaison einen garantierten Startplatz. Diese Anzahl ließe sich meiner Meinung nach ohne weiteres auf sechs aufstocken. Dann könnten wir sofort loslegen! Ein weiteres wichtiges Argument sollte nicht außer Acht gelassen werden: Mit der Beibehaltung der gegenwärtigen Regionalverbandsstrukturen würden wir auch die Oberligen als bedeutsame fünfte Spielklasse behalten, und die gesamte Spielklassenstruktur bliebe intakt. Das Kompassmodell wäre eine machbare und faire Lösung. Ich bin bereit, es umzusetzen. Wir sollten uns allerdings im klaren darüber sein, dass damit quasi die Einführung einer vierten Profiliga verbunden wäre. Es birgt somit gewisse Risiken für den Unterbau ab Liga fünf, weil die Kluft zur vierten Liga – und damit zwischen Profi- und ambitioniertem Amateurfußball – erheblich größer würde.
Die Proteste der Fans gegen die aktuelle Aufstiegsregelung haben zu Saisonbeginn starke mediale Aufmerksamkeit erreicht. Wie ist Ihre Auffassung dazu?
Friedliche Proteste sind völlig legitim, um Veränderungen zu erreichen. Ich denke, dass Fans, Vereine und Verband im Prinzip das gleiche Ziel haben: Es muss sich etwas bewegen. Meine dringende Bitte ist, dass wir möglichst schnell zusammenfinden.
Welche Meinung haben Sie zur häufig eingesetzten Pyrotechnik und zur Ahndung durch Kollektivstrafen?
Pyrotechnik ist ein – im wahrsten Sinne des Wortes – heißes Thema. Es stellt sich dabei schnell die Frage: Was ist Fankultur? Für mich persönlich gehört Pyrotechnik nicht zur Fankultur dazu. Ich weiß, dass es dazu andere Auffassungen gibt. Ich möchte allerdings, dass Fußball ein Familienerlebnis bleibt, bei dem Eltern mit ihren Kindern sicher sind. Jedoch ist mir auch bewusst, dass Vereins- bzw. Kollektivstrafen nicht wirklich etwas bringen. Es ist auch nicht die Lösung, Strafgelder in einer Höhe zu verhängen, welche die Vereine nicht zahlen können. Wir versuchen, Augenmaß walten zu lassen, und wir nehmen das Geld ja nicht ein, um es zu »verfrühstücken«, sondern setzen es sinnvoll für Projekte im Rahmen unserer Verbandstätigkeit ein.
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