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Aus: Ausgabe vom 21.06.2024, Seite 3 / Schwerpunkt
Euro 24

UEFA macht Kasse

EM: Europäischer Fußballverband streicht Milliardenbetrag ein – dank Knebelverträgen und Steuergeschenken
Von Oliver Rast
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EM-Kreativabteilung am Werk – oder das nächste Merchandise-Verbrechen namens Albärt, dieses Bärähnliche aus Plüsch

Das Prinzip ist simpel: Profite privatisieren, Kosten sozialisieren. Darin ist die UEFA, die Union of European Football Associations, meisterhaft. Fest steht: Der 1954 im Schweizer Basel gegründete europäische Fußballverband wird nach der Europameisterschaft (EM) der Männer in Deutschland seine eidgenössischen (Nummern-)Konten kräftig auffüllen können, mit neuerlichem Milliardenbetrag. Wie das? Mittels Steuergeschenken durch den Bund und Knebelverträgen für die Ausrichterstädte der »Euro 2024«, die sogenannten Host Cities.

UEFA-Turnierchef Martin Kallen hatte vor dem EM-Start beim Sportkongress »Spobis« in Hamburg posaunt: Mit der EM in deutschen Landen will der Verband einen Umsatz von rund 2,4 Milliarden Euro machen, eine Rekordsumme. »Und das werden wir erreichen.« Bisher lag die Businessbestmarke bei 1,9 Milliarden Euro. Erzielt bei der EM 2016 in Frankreich. Mit rund 35 Millionen Euro weniger mussten sich die UEFA-Funktionäre fünf Jahre später begnügen. Ein Grund: weniger Einnahmen aus Ticketverkäufen. Auch weil das Turnier in zehn europäischen Städten und der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku coronabedingt um ein Jahr verschoben worden war.

Verbandsbosse busy

Aber nicht nur die Umsatzerlöse schießen in die Höhe, gleichfalls der Reingewinn. Die UEFA prognostiziert für diese EM mehr als 1,7 Milliarden Euro. Eine satte Ausbeute aus dem Verkauf von Medienrechten, dem Sponsoring samt Markenrechten an Sammelbildchen etwa, dem Verticken von Eintrittskarten und VIP-Paketen. Da klingelt die Kasse, Kommerzrausch pur. Und das freut besonders Aleksander Čeferin. Der Jurist und Expräsident des Slowenischen Fußballverbands (NZS) ist seit 2016 UEFA-Boss. Er setzt die Mission seiner Vorgänger emsig fort: EM ist Big Business, Rasenkicks Beiwerk, Stadionpublikum Staffage. Offizielle des Deutschen Fußballbunds (DFB) stört das nicht. Im Gegenteil: »Dass die UEFA damit Geld verdient, ist in Ordnung«, hatte DFB-Präsident Bernd Neuendorf auf ZDF-Nachfrage gesagt.

War das immer so, in dieser Dimension? Nein. Beispiel: EM 1992 in Schweden. Damals hatte die UEFA einen Umsatz von umgerechnet 41 Millionen Euro bilanziert. Vergleichsweise Peanuts. Das Turnier ging über zwei Wochen. Acht qualifizierte Teams absolvierten 15 Spiele in vier Arenen vor insgesamt 430.000 Besuchern. Und heute? Zehn Stadien, 24 Mannschaften, 51 Spiele. 2,7 Millionen EM-Tickets für die EM-Partien. Ein aufgeblasener Wettbewerb. Übrigens ist es nach der Weltmeisterschaft (WM) 1974, der EM 1988 und der WM 2006 das vierte Fußballgroßevent hierzulande.

Zurück zum Geschäftsmodell der UEFA. Kosten und Risiken tragen zuvorderst die »Host Cities«. Dank zahlreicher, vertraglich fixierter Auflagen, sogenannten Turnieranforderungen. Alles fein säuberlich aufgelistet auf 223 Seiten, war im Mai einem ZDF-Bericht zu entnehmen. Dazu zählen Garantie- und Verpflichtungserklärungen samt Zusatzvereinbarungen aus dem Bewerbungsprozess seit 2017, berichtete ergänzend jüngst die Rechercheplattform Correctiv. Unter dem Strich, was müssen Bund, Länder und Kommunen nun an Extraausgaben berappen? Aktuellen Schätzungen nach rund 650 Millionen Euro. Auch für großflächige EM-Reklame an »prominenten Plätzen«, vor allem aber für weiträumige Fanzonen und Fanmeilen inklusive Securitypersonal.

Aus Steuermitteln bezahlt

Apropos Sicherheit. Der finanzielle Aufwand dürfte gleichfalls kräftig ins Kontor schlagen. »Die Gewährleistung der Sicherheit ist eine elementare Aufgabe des Staates«, teilte das Bundesinnenministerium unlängst auf Anfrage von Sportschau.de mit. Das gelte auch für die EM, für die »alle erforderlichen Maßnahmen« ergriffen würden. Bloß, was kostet das Turnier als »Polizeifestspiel«? Unklar, weil: »Diese Kosten sind von den übrigen Aufgaben der Sicherheitsbehörden nicht zu trennen und werden daher nicht gesondert aufgeschlüsselt.«

Der lukrativste Coup der UEFA ist aber der: Steuergeschenke vom deutschen Fiskus. Denn das Gros der Einnahmen – TV-Gelder, Werbemittel, Ticketabsatz – ist nicht steuerpflichtig. Die schweizerische »gemeinnützige Organisation« UEFA ist hierzulande von der 15prozentigen Körperschaftssteuer befreit. Bei einem erwarteten Gewinn von 1,7 Milliarden sind das ungefähr 250 Millionen Euro. Lediglich das Gemeinschaftsunternehmen von UEFA und DFB, die Euro GmbH mit Sitz in Frankfurt am Main, zahlt Steuern. Wie viel? Wohl nicht sonderlich viel. Mehr ist nicht bekannt.

Wieso ist das alles so? Ganz einfach, kein Steuerdumping für die UEFA bedeutet kein EM-Turnier. Aufschlussreich ist die Antwort der damaligen großen Regierungskoalition auf eine kleine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion aus dem Mai 2018. »Gemäß den Anforderungen der UEFA hat der DFB die Bundesregierung um die Abgabe von Regierungsgarantien gebeten. Die Bewerbung des DFB wird seitens der Bundesregierung unterstützt. Deshalb hat die Bundesregierung unter anderem auch steuerliche Garantien gegenüber der UEFA abgegeben.« Konkreter wird es nicht, auch heute nicht. Das Bundesfinanzministerium hüllt sich in Schweigen, verweist auf das Steuergeheimnis. Kurzum, so einfach ist das alles.

Moralisch ist der verbandsmäßigen Geschäftemacherei jedenfalls nicht beizukommen. Zwecklos, hilflos. Beleg: »Denken Sie, das ist fair?«, wollte ZDF-»Heute« am Freitag voriger Woche von UEFA-Boss Čeferin wissen: »Ich verstehe die Kritik an der UEFA überhaupt nicht.« Gewinne einstreichen, Ausgaben vergesellschaften, ein prima Prinzip.

Hintergrund: Versprechen der Funktionäre

Es klingt wie ein Reklamespruch, ein großes Versprechen: Das Turnier in Deutschland sei die »nachhaltigste Fußball-EM aller Zeiten«, behaupten UEFA und DFB im Gleichklang. Auch sozialpolitisch. Ist das so? Wohl kaum.

Zunächst: Im Businessplan der zehn Ausrichterstädte dürften allerlei Unbekannte stecken, Extrakosten für die Allgemeinheit also. Die tatsächliche Bilanz erwarten kritische Beobachter nach dem Abpfiff, nach der Pokalübergabe. Dann, wenn Bund, Länder und Kommunen Kassensturz machen. Und die Fehlbeträge »sozialisieren«.

Davon unabhängig. Die EM ist nicht zuletzt ein Event für Gutsituierte. Fanmeile, Merchandise-Artikel, Eintrittskarten, all das müssen sich Fußballbegeisterte leisten können. Viele können das nicht. Wie auch? Gerade einmal 0,37 Prozent der EM-Tickets stellten UEFA und Bund für finanziell deklassierte Kinder und Jugendliche bereit, monierte kürzlich André Hahn, sportpolitischer Sprecher von Die Linke im Bundestag. Ferner erfülle keine der zehn EM-Arenen gesetzliche Mindeststandards an Rollstuhlplätzen und barrierefreien Toiletten.

Obwohl es hierzulande eine sogenannte Musterversammlungsstättenverordnung gibt. 13 von 16 Bundesländern haben diese eins zu eins übernommen. Demzufolge müssten Stadionbetreiber 0,5 Prozent der Plätze für Rollifahrer bereithalten. Beispiel Dortmund, EM-Stätte Westfalenstadion. Dort sollten dem Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, Jürgen Dusel, zufolge 425 Plätze vorhanden sein. Es sind aber nur 72. Für die EM wurde die Kapazität verdoppelt, aufgestockt auf 144. Das Problem: Diese Zusatzplätze für Gehandicapte befinden sich auf der größten Stehplatztribüne Europas, der Südtribüne, der »gelben Wand« – und werden nach dem Turnier wieder »zurückgebaut«. Ein sozialpolitischer Offenbarungseid. Dusel gegenüber Sportschau.de: Wenn das passiere, »ist das gaga, fast zynisch«. (or)

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