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Fußball

Ränkespiele

Die Fußballregionalligareform ist vorerst gescheitert. Ein Drama in sieben Akten

Foto: Picture Point/imago
So einfach sollte es sein: Fans von Lok Leipzig und ihre Forderung an den DFB (Leipzig, 28.5.2026)

1. Die Ausgangslage

Die Erhöhung der Anzahl der Regionalligastaffeln von drei auf fünf in der Saison 2012/2013 führte zur Einführung der Aufstiegsspiele zur dritten Liga. In diesen ermitteln sechs Mannschaften in drei Duellen mit Hin- und Rückspielen drei Aufsteiger. Zu den fünf Regionalligachampions kam als sechstes Team der Vizemeister der Regionalliga Südwest, wofür die abstruse Begründung angeführt wurde, dass diese Region die meisten Mitglieder im DFB stelle. Unter diesen Bedingungen setzten sich die ostdeutschen Traditionsklubs 1. FC Magdeburg (gegen Kickers Offenbach), FSV Zwickau (gegen SV Elversberg), FC Carl Zeiss Jena (gegen Viktoria Köln) und FC Energie Cottbus (gegen SC Weiche Flensburg) von 2015 bis 2018 stets durch. Zuvor hatte auch Rasenballsport Leipzig 2013 (gegen die Sportfreunde Lotte) mühevoll nach Verlängerung die dritte Liga erreicht. Als einziger Nordostmeister scheiterte die TSG Neustrelitz 2014 am FSV Mainz II.

2. Teufels Beitrag

Im September 2019 wurde auf dem DFB-Bundestag eine bis heute geltende Neuregelung mit vier Aufsteigern beschlossen, die eine enorme Ungerechtigkeit enthält: Die Regionalligen Südwest und West stellen einen permanenten Direktaufsteiger, wohingegen der ­dritte Direktaufsteiger zwischen den Regionalligen Nord, Nordost und Bayern alterniert und der vierte Aufsteiger in zwei Ausscheidungsspielen zwischen den Meistern der beiden jeweils übrigen Verbände ermittelt werden muss. Zur Rechtfertigung für die Begünstigung der Regionalligen Südwest und West wurden erneut deren hohe Bevölkerungs- bzw. Mitgliederzahlen angeführt. Hinzu kam auch die abwegige Gleichstellung des Landesverbandes Bayern mit dem aus allen sechs ostdeutschen Landesverbänden Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern bestehenden Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV). Die Verantwortung für dieses geradezu diabolisch anmutende Werk trägt der frühere DFB-Vizepräsident, Präsident des Süddeutschen Fußballverbandes und des Bayerischen Fußballverbandes Rainer Koch.

3. Wende im Coronajahr

Eine Übergangsregelung galt in der Saison 2019/2020, die wegen der Coronapandemie vorzeitig abgebrochen werden musste. Türkgücü München, VfB Lübeck und 1. FC Saarbrücken stiegen direkt auf, während sich der 1. FC Lokomotive Leipzig im Sommer 2020 mit dem SC Verl, Vizequotientenmeister West (Meister SV Rödinghausen beantragte keine Drittligalizenz), um den letzten verbliebenen Platz duellieren musste. Lok dominierte in beiden Begegnungen und geriet nie in Rückstand. Doch ein nicht gegebenes reguläres Tor und ein Patzer von Tormann Fabian Guderitz sorgten im Hinspiel in Leipzig für ein unglückliches 2:2. Auch auswärts gingen die Messestädter in Führung, mussten jedoch den 1:1-Ausgleich hinnehmen, so dass Verl von der damals noch geltenden Auswärtstorregel profitierte. 2022 scheiterte auch der BFC Dynamo unglücklich am VfB Oldenburg, und 2023 zog Energie Cottbus gegen die Spielvereinigung Unterhaching ebenfalls den Kürzeren. Nachdem Energie 2024 erneut den Titel errungen hatte und direkt aufsteigen durfte, unterlag der 1. FC Lokomotive Leipzig sowohl 2025 als auch 2026. Insbesondere der Vergleich zwischen dem FC Energie Cottbus und der Spielvereinigung Unterhaching zeigt, dass die Ausgänge der Aufstiegsspiele wenig mit der tatsächlichen Stärke der Mannschaften und Ligen zu tun haben, sondern vielmehr durch situative Faktoren, wie z. B. die Hypotheken zahlreicher verletzter Schlüsselspieler nach einem Abnutzungskampf um den Meistertitel oder eines – im Falle des 1. FC Lok 2025 – nur vier Tage vorher über 120 Minuten bis zum Elfmeterschießen ausgefochtenen Landespokalfinales, entschieden werden. Derartige Einflüsse können die Früchte einer erfolgreichen Saison rauben, wie der 1. FC Lok dreimal leidvoll erfahren musste. Vergleicht man Cottbus und Unterhaching drei Jahre später: Energie – 2023 Verlierer des Duells – ist gerade in die zweite Bundesliga aufgestiegen, während Unterhaching längst wieder in Liga vier kickt und 2026 auf die möglichen Aufstiegsspiele verzichtete.

4. Eine Initiative

Am 12. Februar 2025 wurde in Chemnitz die Initiative »Aufstiegsreform 2025« angestoßen, die sofort große mediale Aufmerksamkeit erhielt. Sie fordert die Gleichberechtigung aller Fußballregionen und damit die Beendigung der Benachteiligung der Regionalliga Nordost. Bislang beteiligen sich an ihr 77 Vereine aus den Ligen eins bis fünf. »Fakt ist: Im Nordosten befindet sich die attraktivste Regionalliga in unserem Land«, erklärte der Sprecher der Initiative, Tommy Haeder (Chemnitzer FC), und bezog sich dabei auf die Dichte an Traditionsvereinen, die hohe sportliche Qualität und die hohen Zuschauerzahlen. In der Saison 2026/2027 werden in der Regionalliga Nordost neun frühere Europapokalteilnehmer kicken: FC Erzgebirge Aue, 1. FC Lokomotive Leipzig, FC Carl Zeiss Jena, FSV Zwickau, Hallescher FC, FC Rot-Weiß Erfurt, Chemnitzer FC, BFC Dynamo und BSG Chemie Leipzig. Zehn sind es, wenn man den 1. FC Magdeburg U23 hinzuaddiert. Die Klubs sind Zuschauermagneten: Allein sieben Vereine zählten 2025/2026 zu den Top ten aller Regionalligen, wobei Jena (7.645), Halle (7.267), Erfurt (7.165) und Lok (6.352) die Ränge zwei bis fünf belegten. Kuriosum: Das am 15. Februar 2026 ausgetragene Spiel Chemnitzer FC gegen 1. FC Lokomotive Leipzig sahen 10.249 Zuschauer – und damit mehr als die acht an diesem Spieltag ausgetragenen Begegnungen der Regionalliga West zusammen, welche insgesamt lediglich 9.301 Besucher verzeichneten.

5. Die Modelle

  • Das von einer Arbeitsgruppe des Deutschen Fußballbundes (DFB) vorgeschlagene »Kompassmodell« sah vor, aus den bisherigen fünf Regionalligastaffeln vier Ligen mit je 20 Mannschaften zu bilden. Die Zusammensetzung sollte vor jeder Saison anhand der Entfernungen zwischen den beteiligten Klubs rechnerisch neu ermittelt werden. Dieses Modell hätte gewährleistet, dass die Regionalliga Nordost nahezu unverändert bestehengeblieben und durch neu hinzustoßende Traditionsvereine wie Hessen Kassel und die Spielvereinigung Bayreuth sogar noch an Qualität und Anziehungskraft gewonnen hätte.
  • Das »Regionenmodell« beinhaltete die Beibehaltung der Regionalligastaffeln West und Südwest sowie eine Neustrukturierung der Regionalligen Nord, Nordost und Bayern. Dieser Ansatz hätte die Aufteilung der Klubs aus dem Nordosten auf die Regionen Nord und Bayern und damit die Zerschlagung der Regionalliga Nordost zur Folge gehabt.
  • Der Landesverband Bayern votierte für die Ausarbeitung neuer Modelle, was als Störfeuer des Präsidenten des Bayerischen Fußballverbandes Christoph Kern angesehen werden darf.

6. Politische Ränkespiele

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Bei einem Treffen von jeweils zwei Vertretern der Regionalverbände am 2. Juni 2026 wurde das Kompassmodell dahingehend verändert, dass jede der vier neuen Staffeln nur noch aus 18 statt 20 Mannschaften bestehen sollte. Skandalös daran ist, dass diese tiefgreifende Änderung nicht offen kommuniziert wurde, sondern die Vereine davon erst mit der Übersendung der Wahlunterlagen vier Tage vor der Abstimmung am 29. Juni erfuhren. Dies legt den Verdacht nahe, dass ein Keil zwischen die vielen Klubs getrieben werden sollte, welche vorher das Kompassmodell favorisiert hatten. Dieses mutmaßliche Vorhaben gelang: Die BSG Chemie Leipzig und die Spielvereinigung Bayreuth protestierten mit öffentlichen Verlautbarungen scharf, die SG Dynamo Dresden und der FC Hansa Rostock entschieden sich ebenfalls für einen Boykott der Abstimmung. Der Präsident des Nordostdeutschen Fußballverbandes Hermann Winkler begründete die Verringerung auf 18 Klubs mit dem Ansinnen, die Anzahl englischer Wochen für semiprofessionelle Klubs reduzieren und auf den Umstand reagieren zu wollen, dass aufgrund unterschiedlicher Zulassungskriterien mehrere Vereine über keine Flutlichtanlagen verfügen, die etwa im Nordosten Pflicht sind.

Die Realisierung der Regionalligareform zur Saison 2028/2029 wurde an die Bedingung der Einstimmigkeit geknüpft. Es war also eine mehrheitliche Entscheidung der Klubs aller fünf Regionalverbände für eines der zur Abstimmung gestellten Modelle erforderlich. Eine Stimmenenthaltung wurde nicht gestattet, was etwa die Spielvereinigung Bayreuth monierte.

7. Die Katastrophe

Bei der Abstimmung am 29. Juni 2026 – dem Tag des Ausscheidens der DFB-Auswahl im Sechzehntelfinale der Weltmeisterschaft gegen Paraguay – votierten die Vereine im Südwesten mit 93,1 Prozent deutlich für das Regionenmodell. Das Kompassmodell wurde im Nordosten (76,3 Prozent), im Norden (61,5 Prozent) und im Westen (60,9 Prozent) präferiert. In Bayern fand sich eine knappe Mehrheit von 52,4 Prozent für die Ausarbeitung neuer Modelle. Damit wurde die Einstimmigkeit nicht erreicht, so dass die Regionalligareform vorerst als gescheitert angesehen werden muss – katastrophal angesichts der intensiven Bemühungen der Initiative »Aufstiegsreform 2025«.

Nachspiel: Wie weiter?

DFB-Präsident Bernd Neuendorf zeigte sich am Tag darauf wenig begeistert: »Wir respektieren das Vereinsvotum im Hinblick auf die beiden von der AG ausgearbeiteten Modelle. Der Abstimmungsprozess lag entsprechend ihrer Zuständigkeit bei den Regional­ligaträgern.« Doch schob er nach: »Das Ziel, ein Aufstiegsrecht für die Meister zu realisieren, bleibt unabhängig vom gestrigen Votum allerdings richtig. Vor diesem Hintergrund wird sich der DFB nunmehr aktiv in diesen Prozess einbringen und mit allen Beteiligten das Gespräch suchen. Der DFB-Bundestag hat bereits vor acht Jahren beschlossen, dass eine Regelung gefunden werden muss, die es allen Meistern der Regionalligen ermöglicht, aufzusteigen. Dieses Ziel bleibt auch nach dem jetzt vorliegenden Votum der Klubs auf der Tagesordnung, denn nahezu alle haben hinterlegt, dass eine Beibehaltung des Status quo keine Option ist.« Tatsächlich zeigten sich lediglich sieben von 159 Klubs (4,4 Prozent) mit dem aktuellen System zufrieden.

NOFV-Präsident Hermann Winkler brachte am 30. Juni gegenüber der Leipziger Volkszeitung erneut die Aufstockung der dritten Liga von 20 auf 22 Mannschaften mit dann fünf Absteigern ins Gespräch. Dadurch könnten alle fünf Regionalligachampions direkt aufsteigen. Ein zusätzlicher Effekt: Die bisherigen Regionalverbände blieben erhalten und alle Präsidenten an der Macht. Die Anzahl der englischen Wochen in Liga drei würde sich allerdings erhöhen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 10.07.2026, Seite 9, Schwerpunkt

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