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Auf nach Aspern
Die Kolonistenprozesse des Jahres 1929 setzten die Siedler in der Wiener Lobau zunehmend unter Druck. Mitten im proletarischen Besiedlungsgebiet etablierte Peter Waller eine völkisch-esoterische Ämterwelt. Binnenkolonisierung in Österreich (Teil 2 und Schluss)
Im Herbst 1929 stand den Kolonisten, die das Augebiet zwischen Steinspornweg und Biberhaufen gut zwei Jahre zuvor zu besiedeln begonnen hatten, der dritte Winter bevor. An Härte hatte das Leben in der Kolonie nichts verloren. Ein Reporter der Arbeiter-Zeitung, dem Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie, ließ das Gerücht vom »Hundebraten« zum Gegenstand eines Prozesses am Floridsdorfer Bezirksgericht werden.¹ Bei dem »Kolonistenhasen«, der zu Neujahr in der Lobau verspeist worden sein soll, habe es sich in Wirklichkeit um einen gekochten Wachhund gehandelt, zubereitet von falschen Siedlern, die als »echte Lumpenproleten um Geld zu jeder Schurkerei zu haben sind«², wie der »Reichsbund der unabhängigen Kolonisten Österreichs« über eine Zuschrift an die oppositionelle Zeitschrift Freiheit! richtigstellen ließ. Die Trennung in solche, die produktiv arbeiten, und jene, die das angeblich nicht tun, schien vollzogen.
Die wechselseitigen Beschuldigungen und Ausschlüsse waren Effekte eines Verdrängungswettbewerbs, den die Kolonisatorin der Kolonie gezielt forcierte: die Gemeinde Wien. Diese hatte den Pachtvertrag an einen Wirtschaftsplan geknüpft. Selbst das eigenmächtig gerodete Holz stand jenen, die es erarbeiteten, nicht ohne weiteres zu. Erst nach Entrichtung eines sogenannten »Stockzinses« sollte es in das Eigentum der Siedler übergehen. Die Freiheit! berichtete davon, dass Holzarbeiter der Gemeinde rund 3.500 Raummeter Holz abgeführt hatten, noch ehe der Zins bezahlt werden konnte. Damit raubte sie den Kolonisten eine ihrer wenigen verwertbaren Ressourcen. Das dritte Jahr sollte für die Siedler zur entscheidenden Wegmarke werden: Zusätzlich zur Pacht verlangte die Gemeinde Wien 200 Kilogramm Korn pro Joch als naturale Abgabe; diesen Ertrag galt es unter Bedingungen faktischer Aushungerung zu erwirtschaften.
Mit Beginn der Kolonistenprozesse im Juli 1929 hatte sich die Lage nochmals zugespitzt.³ Die Vertreibung der Siedlerinnen und Siedler sollte nunmehr über den Rechtsweg vorangetrieben werden. Die Kolonisten stellten die Eigentumsfrage, wetterten offensiv gegen Großgrundbesitzer und waren dem roten Rathaus deshalb früh ein Dorn im Auge: »Aber die Rathausbonzen waren im Geheimen immer Feinde der Innenkolonisation. Sie wollen von Proleten, die ein Stückchen Grund und Boden und ein eigenes kleines Häuschen besitzen, nichts wissen, weil ihnen ganz genau bekannt ist, daß der besitzende Arbeiter unabhängiger und nackensteifer ist, als der besitzlose Proletarier, der nichts anderes als seine Arbeitskraft zu verkaufen hat. Dieser ist ihnen, da die Oberbonzen ja die Betriebe beherrschen, schrankenlos ausgeliefert.«⁴
In der Lobau-Kolonie stand das sozialdemokratische Programm der Emanzipation durch Arbeit schier auf dem Kopf: Die Siedlerinnen und Siedler sollten sich dafür qualifizieren, indem sie ohne Lohn mehr arbeiteten. Trotz der scheinbar ausweglosen Lage erkannte Leo Einöhrls Freiheit!, die als einzige Zeitschrift bis zuletzt solidarisch über das Binnenkolonisierungsprojekt berichtete, in den Kolonisten das Potenzial einer »von unten, den wirklichen Proleten« kommenden Bewegung, die im Bruch mit dem sozialdemokratischen Reformismus zu ihrer ursprünglichen Radikalität zurückfinden würde. Dazu sollte es nicht mehr kommen: Der völkisch-esoterische Wanderprediger Peter Waller, der unter den Erwerbslosen Heils- und Auswanderungspläne verbreitete, hatte seine Zelte in der Lobau aufgeschlagen.
Abgesetzte Anführer
Gemeinsam hatten die Kolonisten in der Lobau gerodet, gemeinsam gebaut, gemeinsam gehofft – und doch konnten nur die wenigsten unter ihnen damit rechnen, dass ihr Aufenthalt von Dauer sein würde. Auf die Frage, ob es Streit geben werde, antwortete einer der Siedler der Anfangstage: »Nein, nein, wir Armen streiten nicht.«⁵ Die Friktionen, die im Zuge der Transformation einer industriellen Reservearmee in eine landwirtschaftliche auftreten, konnte diese Abmachung nicht verhindern. Unter Bedingungen verstärkten ökonomischen Drucks wuchsen Konkurrenz und Misstrauen in der solidarisch organisierten Gemeinschaft.
In der Vereinszeitschrift Der Kolonist werden die Besiedler durchweg als »kopfscheu und untereinander verhetzt«⁶ beschrieben. Die Ursache hatte einen Namen: »Weil in der Lobau ER der Unternehmer und die Kolonisten die Arbeitskompagnie sind.« Dieser »Unternehmer« namens Josef Wagner beutete die Arbeitslosen für sich und die Reputation seines Projekts gnadenlos aus. Unter seiner Führung durfte sich nur zu Wort melden, wer sein Tagewerk tat; wer abseits davon diskutierte, vermittelte oder den strategischen Kurs in Frage stellte, geriet bereits in Verdacht, sich vor dem täglichen Pensum zu drücken. Die Arbeit sollte zum Instrument der Befreiung von der Arbeitslosigkeit werden. Es hätte ausgereicht, sie als gesellschaftliche Notdurft zu verstehen – und damit als notwendiges Übel, das maximal zu vermindern und halbwegs gerecht zu organisieren ist.
Der sozialdemokratische Lobau-Verwalter Josef Wagner sicherte über die Arbeitsorganisation seinen Vormachtanspruch. Die Perversion des Lohnsystems brachte neue Formen des »Heroismus« hervor: Weiß-Bácsi, 78 Jahre alt und gelernter Maurer, war der Dienstälteste der Kolonisten – und ein »Held der Arbeit«, wie er im Buche steht: Siebzehn Kinder, dreizehn dem Krieg überlassen, zehn davon verloren, arbeitslos geworden und in die Kolonie gekommen, wo ihm die Arbeitskompanie Axt und Spaten aushändigte. Von früh bis spät fällte er Bäume und verrichtete die schwersten Erdarbeiten; und weil er darüber nicht zusammenbrach, verkündete er stolz: »Ihr glaubt’s doch net, daß i scho alt bin? Weg’n 78 Jahr, da kann ma schon no arbeit’n.«⁷ Der greise Onkel mit dem ungarischen Kosenamen führte vor, welche fragwürdige Freiheit die Arbeit in Armut gewährt: sich sein Grab selbst zu schaufeln.
Im Jahr 1930 gab es insgesamt drei Kolonien, die im Kampf um Ressourcen in Widerstreit zueinander gerieten. Die erste Spaltung des Vereins »Kolonien in der Heimat« erfolgte nach der illegalisierten Besetzung der Oberau bei Orth an der Donau im September 1926. Eine starke Gruppe innerhalb des Verbandes hatte Josef Wagners Rücktritt gefordert, da er mit der Oberauer Aktion den Interessen der Arbeitslosen schweren Schaden zugefügt habe. Die oppositionelle Gruppe um Müllner und Meister trennte sich von Wagner und gründete den Verein »Österreichische Landwirtschaftskolonien«. Während Wagners Restverband bei der Vergabe staatlichen Siedlungslandes zunächst leer ausgegangen war, hatte das Landwirtschaftsministerium unter Ägide des christlichsozialen Ministers Andreas Thaler letzteren unterstützt.⁸ Die Kolonisten in der Lobau waren weitgehend auf sich selbst gestellt; bereits zwei Monate nach Siedlungsbeginn hatten sie laut eigenen Angaben 5.000 Schilling Schulden.
Wer den potentesten politischen Gönner hatte, konnte sich als »Musterbetrieb« profilieren; wo keiner war, wurde die Verwaltung des Mangels zur Bewährungsprobe. Die von Josef Wagner geleitete »Arbeitskompagnie« ließ sich dies im Juli 1927 nicht länger bieten, setzte ihn ab und schloss ihn aus dem Verein aus. Franz Newerkla, Gründer des »Selbsthilfeverbandes der Arbeitslosen Österreichs«, wurde Obmann des Vereins »Kolonien in der Heimat«. Nach einer späteren Au-Besetzung im Oktober 1931 im Bereich des Biberhaufenweges⁹ und einem mit zahllosen Verhaftungen einhergehenden Hungerstreik wurde auch er als »Schwindler« enttarnt und von den Arbeitslosen verprügelt.¹⁰
Im Dezember 1933 wurde Franz Newerkla wegen Betrugs zu vier Monaten Kerker verurteilt.¹¹ Das Blatt, in dem er vor allem seine eigenen Aktionen annoncierte, bestand aus zusammengeklebten Nachrichten vom Vortag. Es war als Neue Extraausgabe, Wiener Extraausgabe, Arbeiter-Expreß-Ausgabe und Arbeiter-Extraausgabe gleichermaßen vertrieben worden, was vor Gericht offenbar für mehr Aufsehen sorgte als das Presseerzeugnis selbst.¹² Der Scherenredakteur hatte es von Arbeitslosen, angeblich »im Eilschritt und auf marktschreierische Art« verbreiten lassen. Dem richterlichen Urteil gegenüber zeigte er sich indifferent: »Ich sehe nicht ein, daß ich etwas Unrechtes begangen habe. Diese Zeitungen werden trotz dem Staatsanwalt weiter erscheinen.«
Falsche Propheten
Weder Josef Wagner noch Franz Newerkla konnten sich in der Lobau-Kolonie dauerhaft als Mandatare behaupten. Sie hatten für sich in Anspruch genommen, für die Arbeitslosen zu sprechen, doch die auf diese Weise Besprochenen hatten sich jedes Mal aufs Neue ihrer falschen Führer entledigt – in Erwägung, keine Knechte mehr sein zu wollen.
Während Newerkla seine missionarischen Medien von Arbeitslosen kolportieren ließ, zirkulierten im offiziösen Blätterwald andere Bilder. Die Wiener Neustädter Gleichheit lobte Wagner und polemisierte gegen Newerkla, der dem sozialdemokratischen Blatt als Spaltpilz einer linken Front gegen den christlichsozialen Bundeskanzler Ignaz Seipel galt. Seine Leute seien »Lumpen«, die seit Jahren »in der Gosse nach Unrat fischen«, um sozialdemokratische Funktionäre zu beschmutzen. Die Herren Newerkla und Grügner wollten »Kolonisatoren spielen, ohne arbeiten zu müssen«¹³; ihre Anhänger hätten Beiträge entrichtet, aber keine Kolonien gesehen.
Das KPÖ-Organ Die Rote Fahne traute weder Newerkla noch Wagner. In der Ausgabe vom 2. September 1931 heißt es: »Die Methoden, die Newerkla empfiehlt, sind Bittschreiben an Regierung, Bürgermeister und Kapitalisten. Darum tritt auch dieser ›Selbsthilfeverband‹ so kräftig für die ›Gewaltlosigkeit‹ ein. Nur keine Waffen, keine Gewehre – die überläßt er den Faschisten und den Organen der bürgerlichen Staatsmacht. Dafür Gurkenanbau in Schrebergärten, wozu der Grund und Boden von der Gnade der Vertreter jenes ›Herrschaftsprinzips‹ des kapitalistischen Staates erbettelt wird, der ansonsten so heftig – in Worten – bekämpft wird.«¹⁴
Mit der von ihr nur unzureichend unterstützten Kolonialisierung des »inneren Auslands« hatte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP, Vorläuferin der heutigen SPÖ) eine historische Chance verspielt – der entscheidende Impetus wäre aus den eigenen Reihen gekommen: Es war der sozialdemokratische Gemeinderat Laurenz Genner, der davon träumte, durch eine Bodenreform eine politische Bewegung zu entfesseln und damit dem »Heimwehrspuk draußen in den Dörfern«¹⁵ ein Ende zu machen. Und doch tauchte am Ende einer auf, der den Kolonisten ganz andere Hoffnungen machte: Zwischen Heilbadanstalt und Andachtspredigt hatte der völkisch-fanatische Esoterikquacksalber Peter Waller seine Zelte aufgeschlagen. Seine Mission: kolonisieren – auch ohne Geld.¹⁶
In den Zeltlagern der Lobau wehten mehrere Fahnen. Eine davon war mit landwirtschaftlichen Symbolen bestickt: Rechen und Sense, überkreuzt vor einem Rad, umgeben von einem Ährenkranz vor dunkelgrünem Grund. Die klassischen Motive aus der Siedler- und Arbeitsikonographie kontrastierten mit den roten Fahnen der Kommunisten, Marxisten und Freidenker. Über dem Hauptzelt der Anhänger Peter Wallers, die sich selbst »Wardanieri« oder »Warden« nannten, wehte die Fahne des »Parketum Hewo« – eines Fantasiereiches, das Waller als »deutsches Morgenland«, kurz »Mora«, bezeichnete.¹⁷ Der schwarze Schild mit rotem Kreuz war Hoheitszeichen eines Privatstaats, der allein im Kopf seines Erfinders existierte. Waller bezeichnete sich selbst als »Großwodosch« und staffierte seine Parallelwelt mit Elementen der mittelalterlichen Militärphantastik aus, in der er als »Parke« über »Brates« und »Detschas« gebot. Seine Anhänger hießen auch »Bogos« und fanden sich in sogenannten »Brateschaften« zusammen. Aus den arbeitslosen Exsoldaten, die sich in Wallers »Wien-Znaim-Iglauer Landsturm-Wardanieri-39er-Brateschaft« organisierten, sollten Missionare eines Gottesreichs auf Erden werden.¹⁸
Ziel: Abessinien
An Bescheidenheit litt Wallers Unternehmung nicht. Der ehemalige k. u. k. Oberleutnant aus Budapest, zwischenzeitlich Angehöriger der Roten Garde, erbitterter Freikorpskämpfer zuerst gegen die Münchner, dann die Budapester Räterepublik, plante eine »Welteidgenossenschaft«.¹⁹ Seine Anhänger wollte er nach Abessinien führen. Der Exodus von rund zweihundert Arbeitslosen begann am Vormittag des 3. Mai 1928, doch kamen sie nur bis zur italienischen Grenze. Ihr Anführer fehlte, weil er zu diesem Zeitpunkt »zur Beobachtung seines Geisteszustandes« in psychiatrischer Verwahrung saß. Der Auszug nach Abessinien endete in Wien-Aspern.²⁰
Wallers Aufzeichnungen stehen den Denkwürdigkeiten eines Daniel Paul Schreber um nichts nach. Während die Psychiatrie des 19. Jahrhunderts letzteren als Nervenkranken rubrizierte, deutet Wallers Seelenzustand auf eine »Jesus-Pychose« hin. Sein von Echolalien durchsetzter Jargon, das Wardanisch, brach in großem Stil mit der konventionellen Signifikantenordnung. Das klerikal-völkische Unbewusste schwappte so ins Symbolische über. Was wie ein kindliches Ritterspiel wirkte, bediente sich auf drastische Weise der Symboliken der zeitgenössischen Rechten. Den Arbeitslosen in der Lobau hätte eine Hütte und ein Stück Boden genügt; Waller hingegen lieferte Uniform, Rangordnung, Kunstsprache und Erlösungslehre. Innerhalb seines Weltbildes wurde die Lobau zu einem »Wardan«, der »jedem Deutschen« zustehe.²¹
Die gold-schwarze Kreuzfahne wurde zum Emblem von Wallers völkisch grundierter Allmachtsidee. Im Umfeld seines Zeltes wähnte er vor allem »aschkenasische Rothziegel-Kommunisten« und »freidenkerisch-sozialdemokratische Aschkenasen«²² als politische Kontrahenten. In einer »Stadt ohne Juden« – so der Titel von Hugo Bettauers 1922 veröffentlichter antisemitismuskritischer Satire, die wenig später politische Realität werden sollte – gleicht dies einer pathischen Projektion. Der Antisemitismus, der zu ihrer Vertreibung führte, gedeiht dort bekanntermaßen besonders gut, wo seinen Projektionen jedes empirische Objekt abhandengekommen ist. Gegen Ende von Wallers Aufzeichnungen taucht ein Stoßtrupp nackter Frauen auf, angeblich gekommen, um Tumult in seine mit Leibesertüchtigungen verbundene Sonntagsandacht zu bringen.
(K)ein Reich der Arbeit
Die politische Farbenlehre der Lobau war keine eindimensionale. Zu Rot und Grün kam mit Wallers Wardenverband Gold-Schwarz hinzu. Ein selbsternannter Prophet mit Baskenmütze und fingierter Privatarmee hatte sich zu den arbeitslosen Kolonisten gesellt. Ein Ort der bürgerlichen Sommerfrische ist das Stück Auwald, das sie bewohnten, nie gewesen. Das ehemalige k. u. k. Jagdrevier war Ausflugsziel für proletarische Familien, Wohnort für Arbeiter und Arbeitslose in den heißen Sommermonaten und ebenso Sammelstelle der Jungkommunisten, die erstmals im August 1932 auf der »Sowjetwiese« zur antifaschistischen Massenmobilisierung aufriefen.²³
Pfaffen und Polizisten, auch berittene, versuchten immer wieder, durch Predigten und Patrouillen Macht über den wilden Landstrich im Nordosten Wiens zu erringen. Die Losung der Proletarier hingegen lautete: »Die Lobau ist rot und bleibt rot!«²⁴ Und doch blieb das Besiedlungsgebiet der Kolonisten nicht ohne braune Flecken. Das Neuigkeits-Welt-Blatt, bis 1938 »Tageszeitung für den Mittelstand«, danach »älteste arische Tageszeitung Wiens«, wollte im Mai 1930 vor Ort ein »Musterdorf« entdeckt haben. Im August 1930 hatte Leopold Havranek dort die Nachfolge von Peter Waller angetreten – angeblich ohne politischen Anspruch: »Heute aber gibt es da unten in der Kolonie in der Lobau keine Politik mehr, sondern nur fleißiges, hartes Arbeiten um das tägliche Brot.«²⁵ Fünfzehn Jahre später berief sich Havranek erneut auf dieses »Arbeiten«: In einem Schreiben vom 13. September 1945 an das Bundesministerium für Inneres führte er es zu seiner Rechtfertigung für die eigene nationalsozialistische Vergangenheit ins Feld.²⁶ Von seinem Reich der Arbeit war der Weg ins Dritte nicht weit.
Anmerkungen
1 »Hundebraten«, Arbeiter-Zeitung, 5.8.1928, S. 14
2 »Die Hundefresser in der Lobau, ein Wahlversprechen und die Gemeinde. Die Hintergründe eines ›lustigen‹ Prozesses«, Freiheit!, 10.8.1928, S. 4
3 Vgl. »Der Kolonistenprozeß gegen die Gemeinde«, Freiheit!, 6.11.1929, S. 3. Dazu exemplarisch auch der erste Teil dieses Textes in der jungen Welt vom 19. August.
4 Freiheit!, 10.9.1928, S. 6
5 Zit. nach Robert Hoffmann: Kolonien in der Heimat. Die Ansiedlung Arbeitsloser 1927. In: Fritz Keller (Hg.): Lobau – Die Nackerten von Wien. Wien 1985, S. 51
6 »Helfet, wir halten aus!«, Der Kolonist. Zentralblatt des Reichsverbandes »Kolonien in der Heimat«, Nr. 6, Juli 1927, S. 2
7 »Brasilien in der Umgebung Wiens«, Der Abend, 7.12.1927, S. 3
8 Dazu exemplarisch Robert Hoffmann: »Nimm Hack’ und Spaten …« Siedlung und Siedlerbewegung in Österreich 1918–1938. Wien 1987, S. 119–126
9 »Bodenbesetzung durch eine Gruppe Arbeitslose in der Lobau! Der Arbeitslosenführer Newerkla verhaftet!«, Arbeiter-Ausgabe. Unabhängiges Organ der Werktätigen und Arbeitslosen Österreichs, Nr. 14, 24.10.1931, S. 1
10 Die Verprügelung erfolgte aufgrund fehlender Buchhaltungsunterlagen und verdecktem Profit aus dem Zeitschriftenprojekt Arbeiter-Ausgabe. Vgl. »Der Bankrott eines Schwindlers. Newerkla von den Arbeitslosen verprügelt«, Die Rote Fahne, 6.1.1932, S. 7
11 »Ein Herr Newerkla«, Gleichheit, 8.12.1933, S. 5
12 Der strafrechtliche Kern der Anklage war nicht der politische Inhalt von Newerklas Druckwerk, sondern die behauptete Täuschung der Käufer: Die marktschreierische Kolportage hätte eine besondere Aktualität und Bedeutung vorgetäuscht und die Käufer dadurch zum Kauf veranlasst. Vgl. »Extraausgabeee...!«, Der Abend, 23.11.1933, S. 3
13 »Arbeiter, Arbeitslose!«, Gleichheit, 22.4.1927, S. 2
14 »Newerkla entlarvt sich selbst«, Die Rote Fahne, 2.9.1931, S. 5
15 Laurenz Genner war sozialdemokratischer Gemeinderat in Japons im Waldviertel und Mitverfasser des Agrarprogramms der SDAP. Zitiert wird er nach »Der Kolonistenprozeß gegen die Gemeinde«, Freiheit!, 6.11.1929, S. 3.
16 Früh erkannten die Redakteure der Roten Fahne den Verblendungszusammenhang hinter derartig unmaterialistischen Esoterik-Unternehmungen: »Der Peter Waller, der Wodosch der Warden, treibt jetzt sein Unwesen in der Lobau und stellt in der Presse die verlogene Behauptung aus, daß man auch ›ohne Geld kolonisieren könne‹, was er sich den Kolonisten gegenüber sicherlich nicht zu behaupten getraut.« (»Wie die Gemeinde Wien den Kolonisten in der Lobau hilft« (Arbeiterkorrespondenz), Die Rote Fahne, 12.9.1930, S. 8)
17 Die Ursprungsetymologie des fiktiven »Warden-Volkes« leitete Waller von deutschen Siedlern in Südungarn ab. Als Hüter der Reichsgrenze sollen sie zugleich Bauern und Soldaten gewesen sein. Österreich war für Waller Teil jener »Ostmark«, deren Mission in der Kolonisierung des Balkans bestünde. Vgl. »Die Warden und ihr Reich ›Mora‹«, Illustrierte Kronen-Zeitung, 27.7.1930, S. 4–5
18 Vgl. Keller (Hg.): Lobau – Die Nackerten von Wien, S. 123
19 Zu Wallers konterrevolutionären Eskapaden in München exemplarisch Wolfgang Kudrnofsky: Der Messias von der Lobau. Peter Waller und die Arbeitslosen der Zwischenkriegszeit. Eine Roman-Biographie. Wien 1983, S. 96f.
20 Vgl. Georg Fingerlos: »Mein und deren Wardenmarsch. Auf den Spuren eines Roadtrips von 1928«. In: Eva Schörkhuber/Andreas Pavlic (Hg.): Vagabondage. Historische und zeitgenössische Facetten des Vagabundierens in Wien. Wien 2022, S. 218–229
21 Diese Forderung findet sich unter anderem auf einer Karte Wallers, die im Heimatmuseum »Medaria« in Matrei in Osttirol aufbewahrt wird.
22 Peter Waller: »Im Wardanieri-Zeltlager«. In: Fritz Keller (Hg.): Lobau – Die Nackerten von Wien. Wien 1985, S. 125f.
23 »Appell der Wiener Jungkommunisten. Trotz Polizeiterror – Für die Antifaschistische Aktion«, Die Rote Fahne, 31.8.1932, S. 3
24 »Wie sich die Pfaffen den Arbeitern aufzudrängen versuchen. Fliegende Messe unter den Bodenlosen in der Lobau«, Die Rote Fahne, 16.6.1930, S. 3
25 »Das Dorf der Arbeitslosen. Ein Besuch in der ersten Wardenkolonie in der Lobau«, Neuigkeits-Welt-Blatt, 25.5. 1930, S. 6
26 Zum Original: Privatsammlung Robert Eichert. Die Autorin dankt dem Archivar und Autor.
→ Der erste Teil dieser Serie erschien in der gestrigen Ausgabe der jungen Welt vom 19. August 2026.
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